Pawlows schwarze Schwäne – Gaito Gasdanow choreographiert ein unausweichliches Ende

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DSuF_Cover_2013.6_400bApril is the cruellest month, so apodiktisch beginnt das Krisengedicht The Waste Land. Aber T.S. Eliot irrt, denn der November ist der übelste Monat: da legt sich eine dunkle Trostlosigkeit in die Straßen und in die Gemüter und der Regen spült die Fidelitas in die Gullys hinab, an deren Gittern sich noch einige langsam dahinweltende (Franz Hodjak) Blätter sammeln. Um die Zumutungen des Novembers weiß auch die Literaturzeitschrift Sinn und Form, die mit der letzten Ausgabe des Jahres ein beredtes Zeugnis von den Qualen ablegt, die in den Zeiten des abnehmenden Lichts aus den Tiefen der Seelen aufsteigen: Von Selbstmördern (Gaito Gasdanow) und ihren Städten (Dariusz Sośnicki) berichtet der Band und er versammelt Denker und Dichter, die über die Wüsten der Melancholie (Jean Starobinski) und gegen das Wüten des Todes (Elias Canetti) (an)schreiben.

Schwarze Schwäne heißt die Kurzgeschichte des russischen Exil-Schriftstellers Gaito Gasdanow, die gleich den letalen Auftakt dieser Ausgabe bildet. Gasdanow führte ein Leben, in das sich das 20. Jahrhundert mit deutlicher Handschrift hineingeschrieben hat: 1903 in St. Petersburg geboren, Weißgardist im russischen Bürgerkrieg, die Emigration nach Paris im Jahre 1923, ein Leben im Kreise anderer Emigranten, als Lastenträger, Lokomotivenwäscher, Mechaniker, Journalist und Schriftsteller. Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich der Résistance an. Nach dem Krieg arbeitete er für Radio Liberty, erst in Paris, dann in München, wo er im Jahre 1971 starb. Mit der deutschen Erstausgabe seines Romans Das Phantom des Alexander Wolf, die der Hanser Verlag letztes Jahr vorlegte, entdeckte das Feuilleton jubilierend einen hierzulande noch weitgehend unbekannten Autor, der sogleich, urplötzlich aus dem Dunkel vergangener Jahrzehnte herausgetreten, in ebenbürtiger Nähe mit Nabokov gesehen wurde.

Man mag Gasdanow also einige Expertise zusprechen, was das Milieu der Emigranten in Paris angeht. Pawlow, der Protagonist der Kurzgeschichte Schwarze Schwäne, ist ein ebensolcher, nämlich ein russischer Emigrant in Paris, der tagsüber in der Fabrik arbeitet und in den Nächten studiert, weil er es kann. Überhaupt kann Pawlow so einiges, denn er ist kräftig und stark und so unverwüstlich wie undurchdringlich. Sein Lächeln ist kränkend und kalt. Die Menschen meiden ihn, der im Umgang mit ihnen keinerlei Wert darauf legt, zu gefallen oder zu schonen und folglich von eher eigenwilligem Charme ist. Dabei ist er nicht ohne Mitleid: von einem merkwürdigen logischen Mitleid freilich, das im Rahmen seiner ganz eigenen Maßstäbe funktioniert. Pawlow sagt den Frauen, die ihm ihre Zuneigung antragen: Ich kann Sie nicht brauchen. Er ist von fürchterlicher Seelenstärke und physischer Kraft, und doch – deswegen? – ist es ihm unmöglich, dem öden Einerlei seiner Existenz einen Sinn abzuringen. Also entscheidet sich Pawlow für den Suizid, der 25. August soll es sein, wie er seinem Freund aus Jugendtagen freimütig mitteilt. Seine Pläne gestatten ohnehin keine Einrede. Es ist ein ganz und gar unwahrscheinlicher Mensch, dieser Pawlow, seltsam unangefochten von dem, was die Menschen in seiner Umgebung so umtreibt, nämlich häufig von niederen und selten höheren Gefühlen und von ihrer so schäbigen wie kuriosen Sehnsucht nach Zerstreuung und Zwischenmenschlichkeit.

Pawlow bringt sich um – es ist eine unaufhaltsame und ungeheuerliche Choreographie, die Gasdanow mit ihrem Ende beginnen lässt. Pawlow, der sagen würde: Ich denke, daß es gar nichts Ungeheuerliches gibt, kann alles aushalten, nur nicht dieses Leben und so ist der erste Satz der Erzählung zugleich ein letzter Satz: Am sechsundzwanzigsten August vorigen Jahres schlug ich morgens die Zeitung auf und las, im Bois de Boulogne, unweit des großen Sees, habe man eine Leiche gefunden, den Russen Pawlow.

Der Ich-Erzähler, der sich, ausgehend von der Todesmeldung in der Zeitung, an Pawlow erinnert, kennt ihn schon lange und aus anderen Ländern und er kennt ihn besser als sonst jemand; doch Pawlow war im Leben zu fern und zu kalt und das bleibt er auch in seinem Tod. So muss jeder Versuch der Anteilnahme an der Undurchdringlichkeit von Pawlow zerschellen, der in den Gedanken des Ich-Erzählers treibt wie ein vergängliches, geheimnisvolles Phänomen, ohne dass er sich auf irgendeine Weise fassen ließe.

Der Unbeugsamkeit von Pawlow beugt sich auch das Erzählen, das erst mit dem Tod des Protagonisten einsetzt und die Erinnerung an Pawlow in gleichsam ratlosen Händen wiegt, denn Pawlow war schwer und kompliziert. Kein Wort, kein Argument kann hier den Tod suspendieren, kein noch so mächtiges Sprachbild – und mächtig sind sie, die kühnen Bilder von Pawlows Sehnsucht nach den schwarzen Schwänen in Australien, die zu zehntausenden auftauchen und den Himmel hinter ihren Schwingen zum Verschwinden bringen. Mit den Schwänen fliegt auch ein trauriger Schwanengesang für den Freund auf, der von der Unausweichlichkeit dieses Todes klagt, auch von seiner Einsamkeit und Unabhängigkeit, die zu durchdringen eine Unmöglichkeit war.

Man ahnt es: Konstruktion & Kitsch? Aber ja. Und es funktioniert so schmerzlich gut.

von Janika Rüter

Gasdanow, Gaito: „Schwarze Schwäne“. In:  Sinn und Form (Heft 6/2013), S. 773-787.

In der gleichen Ausgabe:
Dariusz Sośnicki:  Stadt der Selbstmörder. Gedichte
Jean Starobinski: „In deinem Nichts hoff‘ ich das All zu finden.“ Über Melancholie
Elias Canetti: Notizen gegen den Tod
Franz Hodjak: Die Adern der Blätter. Gedichte

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