Schreiben in ruhigen oder stürmischen Gewässern?

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Bereits zum neunten Mal fand im Literaturhaus Zürich Anfang Februar der Kritikerworkshop statt. Zwei Tage lang sprachen Literaturkritikerinnen und –kritiker aus der Schweiz, Kroatien, Ungarn, der Ukraine und Russland über Bücher aus Südosteuropa und der Schweiz. Ein Bericht über zwei kalte Februartage voller angeregter Diskussionen.

LiteraturhausZH-KWS Runde

Schon bei der Begrüssung im Vorraum des Literaturhauses Zürich wird klar – es wird ein intimer Anlass, man kennt sich. Fast alle begrüssen sich mit „Du“ und drücken sich vertraulich die Hände. Draussen bläst eine kalte Bise über die Limmat hinweg, und nachdem sich alle aus ihren Mänteln geschält haben, Mützen und Handschuhe verstaut sind, füllt sich langsam der Vorraum. Hier drinnen ist es angenehm warm.

Etwa 17 Köpfe haben sich versammelt, um zwei Tage lang in einem dicht gedrängten  Programm acht Bücher aus Südosteuropa und der Schweiz zu besprechen. Kritikerworkshop heisst das Gefäss, das schon zum neunten Mal im ‚Salon’ des Literaturhauses Zürich stattfindet. Die Idee, dass „renommierte Fachleute aus Mittel- und Osteuropa“ gemeinsam mit „hiesigen Kolleginnen und Kollegen“ über Neuerscheinungen aus ihren Ländern diskutieren, kommt von der Pro Helvetia. Von ihr kommt auch das Geld. Es geht um einen Austausch, ein gegenseitiges Kennenlernen der Literatur und Literaturbetriebe. Und auch darum, gegenseitig die Literatur der anderen Länder bekannt zu machen, allenfalls Übersetzungen zu bewirken.

Wer aus dem ‚Osten’ angereist und wer ‚hiesig’ ist, ist nicht sofort zu merken, alle sprechen einwandfrei Deutsch. Auf Deutsch werden auch alle Bücher gelesen. Die Bücher von ‚dort’ sind „Der Symmetrielehrer“ von Andrej Bitow, Zoran Ferićs Roman „Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr“, Zsófia Báns „Abendschule“ (eine Fibel für Erwachsene) und die beiden Lyrikbände „Unsichtbare Hand“ von Adam Zagajewski und Eugeniusz Tkaczyszyn-Dyckis „Geschichte polnischer Familien“. Die Bücher von ‚hier’ sind Ursula Frickers „Ausser sich“, Ralph Dutlis Kulturgeschichte der Biene „Lied vom Honig“ und das Jugendbuch „Pampa Blues“ von Rolf Lappert.

Obwohl eine Tür direkt in den Saal führt, benutzen die nun im Vorraum Versammelten eine Seitentür, durch die man über Umwege auf Zehenspitzen und flüsternd durch die Bibliothek des Literaturhauses in den ‚Salon’ gelangt. Als sich alle an die zu einem Quadrat geformten Tischreihen gesetzt haben, Gläser und Namensschilder verteilt sind, ein paar Köpfe sich zugenickt oder zugezwinkert haben, scheint die Aufmerksamkeit im Raum bereits so konzentriert, als sei man mitten in der Diskussion. Obwohl noch niemand spricht. Wie schon die letzten Jahre moderiert Ilma Rakusa den Kritikerworkshop – eine ideale Besetzung. Die Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin, Kritikerin und Übersetzerin aus dem Russischen, Serbokroatischen und Ungarischen, kennt den südosteuropäischen Literaturbetrieb wie niemand sonst. Sie pendelt ständig zwischen ‚Ost’ und ‚West’,  beim Übersetzen, Reisen, Lesen und Schreiben. Wenig Erbauliches lese man über das stürmische Osteuropa in den Zeitungen, eröffnet sie den Workshop, dafür umso mehr aufregende Literatur aus dem Osten. So viel Gutes, dass die Wahl der zu besprechenden Bücher sehr schwer gefallen sei. Es versprechen zwei aufregende Tage zu werden.

Bitows Echoroman

Der Workshop beginnt mit dem schwierigsten Buch: „Der Symmetrielehrer“ vom russischen Schriftsteller Andrej Bitow. Vorgestellt und eingeleitet wird das Buch von Svjatoslav Gorodeckij, einem jungen Literaturwissenschaftler und Übersetzer aus Moskau. Es scheint, dass Gorodeckij im Verlaufe seines Vortrags gleichsam selber zum Symmetrielehrer wird. Schritt für Schritt seziert er die Kapitel und spürt mit detektivischem Blick und akribischer Genauigkeit in Bitows „Echoroman“ (so der Untertitel) Spuren auf. Er zitiert einen Intertext nach dem anderen, rollt vor den Ohren der ZuhörerInnen die russische Literaturgeschichte auf, von Puškin und Lermontov bis

Nabokov, dem eigentlichen Symmetrielehrer. Gorodeckij unterlegt den Roman mit einem ganzen Gerüst an Texten, sodass der Roman bald nur noch eine entfernte Spiegelung seines Fundaments zu sein scheint. Es fragt sich, ob nach dieser in sich geschlossenen Analyse eine Diskussion aufkommen kann. Wird der Roman wieder zu einem synthetischen Ganzen oder zerfällt er weiter in seine Bruchstücke, aus denen er zusammengesetzt zu sein scheint? Erste Voten sind etwas ratlos, bedanken sich für die Entschlüsselung, jetzt verstünden sie mehr, aber irgendwie auch nicht. Ein paar verhaltene Fragen werden an den Experten gestellt. Ein Gefühl der Kapitulation habe man beim Lesen verspürt, sagt jemand, weil man alle Anspielungen, Zitate, Bezüge nicht verstehe und ihnen nicht allen nachgehen könne und möchte.

Aber dreht sich die Runde in der Fixierung auf einen hinter dem Text liegenden ‚Originaltext’ im Kreis? Ist Bitows Spiel mit Intertextualität und Autorschaft in seinem Roman nicht vielschichtiger und raffinierter? Die KritikerInnen beginnen über die Anlage des Romans als ‚Übersetzung’ zu sprechen. Bitow gibt an, der eigentliche Autor des Romans sei ein gewisser A. Tired-Boffin und der Originaltext „The Teacher of Symmetry“ sei vor vielen Jahren auf Englisch erschienenen, jedoch spurlos verschwunden. So kann „Der Symmetrielehrer“ nur aus dem Gedächtnis des ‚Übersetzers’ rekonstruiert werden. Durch diesen Kniff ersetzt die Übersetzung den Ursprungstext und tritt an seine Stelle. Das Spiegelbild existiert zeitlich und räumlich gänzlich losgelöst von dem Bild, welches es spiegelt.

Es scheint, dass sich die Kritikerinnen und Kritiker erst von ihrer Rolle als „Symmetrieschüler“ emanzipieren, als sie sich von der Suche nach den ‚Ursprungstexten’ lösen. Die Konsternation weicht bald Fragen, die nicht unbedingt eine Antwort des Lehrer-Experten erwarten: Ist das Buch ein ganzes Buch oder ist es nur das mathematische Gerüst, das es zusammen hält? Kann man das Buch lesen und darüber sprechen ohne Kenntnis der Intertexte, die sich darin spiegeln? Kann ein Leser mit nicht-russischer Leseerfahrung einen solchen durch und durch von intertextuellen Bezügen durchwirkten Text ‚verstehen’? Lässt sich dieses Buch in eine andere Sprache und in einen anderen Sprachraum übersetzen, also gleichsam als Übersetzung der Übersetzung? Gerade solche Grundfragen der Übersetzbarkeit von Texten drängen sich in dieser Konstellation besonders auf.

Nach bald zwei Stunden Diskussion ist kein Nachlassen der Spannung im Raum spürbar. Vielleicht ist es der eiförmige Saal, der das Gefühl der Konzentration nach Innen verstärkt. Obwohl zwei Ausgänge nach draussen führen, verlässt kaum jemand den Raum. Und wenn, dann nur auf Zehenspitzen und komischerweise durch die Hintertür, die wieder auf Umwegen durch die Bibliothek in den Vorraum führt. Dieses Ein- und Austreten durch die Hintertür, gleichsam über den Geheimgang durch die Bibliothek, unterstützt den Eindruck einer verschworenen Gemeinschaft. Vielleicht passt der Gang durch die Bibliothek aber auch zum Austritt aus der Buchwelt. Vor den Fenstern hat es angefangen zu schneien.

Der grosse Roman aus Kroatien?

Das nächste zu besprechende Buch, Zoran Ferićs Roman „Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr“, ist ganz anders als Bitow. Wenig Echo im Buch, ein klar nachvollziehbarer Plot, ein solide gebautes Spannungsgerüst. Alida Bremer, geboren in Kroatien, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin spricht nicht gleich über Ferićs Roman, sie beginnt die aufregende Geschichte des Literaturbetriebs in Kroatien, Serbien, Bosnien seit dem Zerfall Jugoslawiens zu erzählen. Sie spricht von den Subkulturen und Literaturfestivals, über die Bloggerbewegung und die Kolumnen, mit denen sich die Schriftsteller über Wasser halten. Und darüber, dass seit der Zäsur fast keine grossen Romane mehr geschrieben werden, Genres wie Kurzgeschichten, Essays, Kommentare und Kolumnen im Literaturbetrieb vorherrschen. Und wie sehr das Thema des Krieges über viele Jahre omnipräsent war und nun auch langsam verbraucht sei. Gerade Ferićs neustes Buch sei in den kroatischen Rezensionen gelobt worden, weil sich das Thema des Krieges nur am Rande, subtil eingebaut, findet.

Interessant wird die Diskussion in der Runde gerade an diesem Punkt. Es wird diskutiert, welche Erwartungen ein ‚hiesiger’ Leser an die Literatur aus Osteuropa und hier speziell aus Kroatien hat. Muss ein Roman, dessen Erzählung sich über das letzte halbe Jahrhundert erstreckt, die Kriegsjahre des Jugoslawienkriegs miteinbeziehen? Soll der Krieg thematisiert sein? Darf er nicht vorkommen? In der Diskussionsrunde artikuliert sich eine Meinung, die Alida Bremer den deutschsprachigen Verlagen attestiert: Das Interesse an Büchern aus Südosteuropa sei vor allem dann da, wenn sich die Wirklichkeit des Krieges oder einer zerrütteten Gegenwart Jugoslawiens beschrieben finde. ‚Hier’ wolle man etwas ganz bestimmtes über das ‚dort’ lesen. Damit ist man mitten in der spannenden Diskussion von ‚hier’ und ‚dort’, welche der Workshop anregen möchte, die aber oft eher nebensächlich ist. Die gegenseitigen konstruierten Vorstellungen über den Raum, aus welchem ein Buch kommt oder welchen es beschreibt, werden reflektiert und auch in Frage gestellt. Dem ‚hiesigen’ Leser wird bewusst, wie sehr solche konstruierten Vorstellungen und die Auswahl der übersetzten Bücher sich gegenseitig beeinflussen. Und wie dadurch eben doch unterschiedliche Leserperspektiven entstehen.

Über den Roman „Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr“ sind die Meinungen gespalten. Vom blanken Verriss bis zur Lobesrede gehen die Voten, und die Besprechung gestaltet sich dementsprechend lebendig. Wieder sind es nicht das Gerüst, die Konstruktion und der ganze Bogen, die überzeugen, sondern Bilder, Momente und Szenen, die niemanden kalt lassen konnten. Also doch die Kurzgeschichte und nicht der grosse Roman aus Kroatien.

Fragen lernen in der Abendschule

Der zweite Tag beginnt mit Regen und der Besprechung der Schweizer Bücher, jeweils mit Referaten von Bettina Spoerri, Isabelle Vonlanthen und Christine Lötscher. Fazit der Diskussion: Die ausgewählten Schweizer Bücher verblassen neben denjenigen aus Osteuropa. Am Nachmittag dann Föhnsturm und Lyrik aus Polen, vorgestellt von Arkadiusz Żychliński, Literaturwissenschaftler, Essayist und Übersetzer aus Poznań und Zsófia Báns „Abendschule“ aus Ungarn, vorgestellt von Eva Karadi, Philosophin, Literaturwissenschaftlerin, Dozentin und Herausgeberin der „Lettre Internationale“ in Ungarn. Mit Zsófia Báns „Abendschule“ schliesst sich auch der Kreis der im Kritikerworkshop besprochenen Bücher. War es eine bewusste Wahl, dass der Workshop mit dem Symmetrielehrer beginnt und mit der Abendschule aufhört?

Wie bereits im ersten Referat Gorodeckij schlüpft Eva Karadi in die ihr vertraute Rolle der Lehrerin. Sie gestaltet ihr Referat als einen gelenkten Dialog mit den ‚Kritiker-Schülern’. So spinnt sich der Lehrer-Schüler-Dialog, der sich als roter Faden durch Szofia Bans Buch zieht, auf der Ebene der Diskussion fort. Gerade die Diskussion zeigt, was die „Abendschule“ so wunderbar subversiv entlarvt: Wie starr die Rollenzuteilungen in der Schule zwischen wissensvermittelndem Sprecher und Zuhörer sind, wie wichtig und nahezu rebellisch ihr Aufbrechen durch Fragen und das In-Frage-stellen sein kann. Am Ende des intensiven zweitägigen Workshops hat die Konzentration etwas nachgelassen. Eva Karadi lässt die ungarische Ausgabe der „Abendschule“ durch die Reihe wandern, damit die Teilnehmenden das Cover auseinanderschneiden und die einzelnen Bilder ins Buch kleben. Plötzlich ist es nicht mehr die transzendente Buchwelt, sondern die ganz immanente Materialität des Buches, der sich die Kritikerinnen und Kritiker in der Bastelrunde genüsslich zuwenden.

In der Schlussrunde wird noch einmal die Frage aufgenommen, warum die Schweizer Bücher neben den südosteuropäischen etwas blass erschienen. Einerseits liegt es wohl an der Anforderung der Pro Helvetia, dass Bücher gewählt werden, die im Ausland ein Publikum finden könnten und die eine Chance haben, übersetzt zu werden. Eine pragmatische Wahl also. Deswegen kamen auch ein Sachbuch und ein Jugendbuch in die Auswahl. Oder sind vielleicht die hiesigen ruhigen Gewässer nicht die beste Voraussetzung für literarisches Schaffen? fragt Ilma Rakusa.

Als jemand nach Ende des Workshops das Fenster öffnet, reisst es mit voller Wucht auf und lässt sich kaum wieder schliessen. Als würde sich das ‚hiesige’ Wetter gegen die Zuschreibung eines ‚ruhigen Gewässers’ wehren. Und als sei im Raum drinnen durch die Konzentration während der zwei Tage ein Vakuum entstanden.

Foto: Literaturhaus Zürich

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