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Oppositionelle Winterimpressionen

Dezember 10, 2012

Der Film Zima uchodi! dokumentiert die Proteste gegen Vladimir Putin anlässlich der Präsidentschaftswahlen in Russland im Februar 2012. Das kollaborative Werk von zehn RegieabsolventInnen zeigt vor allem eins: Eindrücke, Bilder, Sequenzen.

Die RegisseurInnen Elena Choreva, Denis Klebleev, Askol‘d Kurov, Dmitrij Kubasov, Nadežda Leont‘eva, Anna Moiseenko, Madina Mustafina, Sosja Rodkevič, Anton Seregin und Aleksej Žirjakov sind allesamt AbgängerInnen der Marina Razbežkina-Filmschule (Škola dokumental‘nogo kino i dokumental‘nogo teatra Mariny Razbežkinoj i Michaila Ugarova). Die Leiterin der Schule, Marina Razbežkina, erhielt eine Anfrage der Zeitung Novaja oppozicija, die Proteste mit ihren Studenten zu begleiten. Razbežkina entschied sich jedoch aufgrund der Spontaneität des Projekts, dieses nicht mit Studierenden durchzuführen, sondern Ehemalige zu mobilisieren. Über 1000 Stunden Filmmaterial entstanden auf diese Weise, und der daraus zusammengeschnittene Film ermöglicht einen einzigartigen Einblick in die Proteste auf den Straßen Moskaus und St. Peterburgs und öffnet die Türen von Büros, Wohnungen und Versammlungen.

Wer mit der Hoffnung an diesen Film gelangt, eine Übersicht über die Geschehnisse im letzten Winter in Russland zu erhalten, wird jedoch enttäuscht. Einzig mit eingeblendeten Namen, Daten und Orten greifen die Filmemacher erklärend in das Filmmaterial ein, und wer sich nicht bereits im Vorfeld mit diesen Fakten auseinandergesetzt hat, wird daraus wenig Hilfreiches ableiten können. Der Film liefert vielmehr ein sequenzenhaftes Eintauchen in emotionsgeladene Situationen, in die Unruhe und Anspannung vor einer geplanten Protestaktion, in unendliche Diskussionen, die zu keinem Ziel führen. Genau dies wird an etlichen Beispielen illustriert: Indem sich etwa zwei Menschen im Gespräch in jedem Punkt widersprechen, obwohl sie beide denselben Präsidentschaftskandidaten unterstützen. In einer anderen Szene wird die Ansicht, dass alle Oppositionsführer von den „Feinden“ gekauft sind, stur wiederholt und ebenso stur mit der Frage nach Beweisen konfrontiert. Die Möglichkeit eines konstruktiven Dialogs scheint ausgeschlossen. Gezeigt wird aber auch die Machtlosigkeit der Wahlbeobachter angesichts eines mitsamt der Wahldokumentation verschwundenen Beamten oder die fast schon zwanghafte Eskalation von Gewalt zwischen Protestierenden und der Staatsmacht beziehungsweise deren Anhängern. Man kann und will sich nicht verstehen, und jegliche verbale Auseinandersetzungen führen ins Nichts.

Den Filmemachern ist es gelungen, einige Szenen aufzunehmen, die an Zynismus kaum mehr zu überbieten sind. So wird in einer Sequenz ein Mann gezeigt, der auf der Straße einem Fernsehteam  seine Meinung darlegt. Er kritisiert die oppositionellen Proteste in ihrer Vorgehensweise und plädiert für den friedlichen Dialog mit regierungstreuen Kreisen. Kaum hat er seine Aussage beendet, verschwindet er aus dem Bild – die Polizei hat ihn von der Kamera weggerissen und verhaftet. Treffender könnte das herrschende Ungleichgewicht kaum mehr illustriert werden.

Auch der Film selbst tritt nur spärlich in den Dialog mit der ‚anderen‘ Seite. Geschuldet sei dies, so Regisseur Anton Seregin, vor allem der mangelnden Bereitschaft von Putins AnhängerInnen, sich den Filmemachern gegenüber zu äußern. Der Versuch eines ausgewogen Bericht erstattenden Dokumentarfilms scheint somit am Misstrauen gegenüber einem solchen Projekt zu scheitern – und doch merkt man dem Material auch an, wo die Sympathien der FilmemacherInnen liegen.

Eine interessante Einsicht liefert nichtsdestotrotz eine der wenigen PutinanhängerInnen, die im Film zu Wort kommen. Die junge Frau verdeutlicht, wovor sich viele Russen fürchten: Auch wenn Putin nicht unbedingt als der Heilsbringer angesehen wird, lässt sich mit ihm doch die Zukunft mehr oder weniger kalkulieren. Seine Politik ist bekannt, und wer sich bisher über Wasser halten konnte, hofft mit seiner Wiederwahl den status quo erhalten zu können. Ein Machtwechsel schreckt durch die drohende Unberechenbarkeit ab, denn wer garantiert, dass sich die Situation nicht noch verschlimmern würde? Das Wenige, das den Leuten bleibt, wollen sie nicht auch noch verlieren.

zima uchodi

Trotz seiner ernsten Thematik und den bedrückenden Bildern wohnt dem Film eine gewisse Leichtigkeit inne. Gerade die typisch liebenswerte Komik von Alltagssituationen zeigt auch den Menschen hinter dem Politaktivisten und führt russische Spezifika vor Augen. Andere Szenen zeugen von einem Gespür für die ästhetische Komposition und überraschen durch bestechende Schönheit.

Schließlich legt der Film auch Zeugnis über die mitunter grotesken Wahlkampfstrategien ab. Da ist zum Beispiel eine durch leichtbekleidete Popmusikerinnen optisch und akustisch bereicherte Wahlkampfveranstaltung. Oder der Wahlslogan „Wer schon genug Geld hat, wird die Leute nicht berauben“. Andere Szenen wiederum erscheinen allzu bekannt, wenn sich etwa ein Präsidentschaftskandidat im Kuhstall fotografieren lässt, um seine Bodenständigkeit zu demonstrieren. Und genau in diese Richtung ist der Film auch ausgelegt: Inszeniert werden Personen und Aktionen, doch von Inhalt spricht kaum einer. Es sei schließlich einerlei, wer Putin ersetzt, Hauptsache es geschieht – danach kann man immer noch den neu gewählten Präsidenten bekämpfen. Eine Inszenierung ist auch der Urnengang selbst: keiner der Opposition zweifelt an Wahlfälschungen, und doch sind sie dem offiziellen Skript ausgeliefert, das keine Variationen zulässt.

Zima uchodi!,  Elena Choreva, Denis Klebleev, Askol‘d Kurov, Dmitrij Kubasov, Nadežda Leont‘eva, Anna Moiseenko, Madina Mustafina, Sosja Rodkevič, Anton Seregin und Aleksej Žirjakov, RF 2012.

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