Eindrücke von der 3. Biennale für junge Kunst in Moskau

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Wenn das Label „junge Kunst“ auf einem Werk oder einer Veranstaltung klebt, ist klar, dass dieses Format eine Menge Selbstreferentialität mitliefert und hohe Diskussionsbereitschaft von allen Beteiligten voraussetzt. Wir betrachten nicht nur ein Werk, sondern befinden uns gleichzeitig in einer Art Prüfungs- oder Castingsituation (wobei wir nicht nur als Prüfende fungieren, sondern unsere Reaktionen auf die ausgestellten Werke ebenfalls kritisch beobachtet werden – ein gegenseitiges Belauern). Funktioniert das Ding? Kommt das rüber, was ich intendiert hatte?

Wir hingegen versuchen zu raten, an welcher Stelle im Prozess des künstlerischen Werdegangs dieses Ding steht? Welchen allgemeinen Tendenzen entspricht es (denn es ist schwer, aus dem historisierenden Denken rauszukommen und außerdem bietet dieses Veranstaltungsformat immer auch die narzisstische Befriedigung „Ich war dabei!“…)? Hat ein Werk Schwachstellen, Mängel, bei denen wir es ertappen können, und ist Unreife ein Makel? Naivität? Würde sich unsere Wahrnehmung auf diese Art von Fragen konzentrieren, wenn wir nicht wüssten, dass es sich offenbar um Werke von Künstlern am Anfang ihrer Laufbahn handelt? (Wobei angenehm ist, dass hier in Moskau schon etablierte Namen neben wirklichen Neuentdeckungen stehen und – ja, auch wenn oder gerade weil die Altersbegrenzung bei 35 Jahren liegt, gibt es eine Menge Namen im Portfolio, die tatsächlich nur über die Kategorie „Geburtsjahr“ als „Junge Künstler“ einzustufen sind.)

Anlass also auch zur Selbstbeobachtung. Ich übe. Über Ausstellungen und ästhetische Empfindungen zu sprechen und zu schreiben, ohne viel zu recherchieren und zu theoretisieren. Ich versuche, ohne viel Feldforschungskontext und angelesenes Netzwissen meine eigenen, unmittelbaren Eindrücke zu verbalisieren. Junge Kunstkritik eben. Und – Subjektivismus liegt im Trend: die Kuratorinnen der Hauptprojekte „Unter der Lamettasonne“ (Kathrin Becker) und des „Strategischen Projektes“ (Elina Selina) gaben als ihre Auswahlkriterien die möglichst repräsentative Breite der Themen und künstlerischen Verfahren, sowie ihre persönlichen Vorstellungen von „guter Kunst“ und perspektivreichen Ansätzen an.

Andererseits misstraue ich der wachsenden Institutionalisierung und Zentralisierung gerade auch im Bereich der „jungen Kunst“, wie sie wieder einmal anhand der diesjährigen „3. Moskauer Biennale für junge Kunst“ anschaulich geworden ist – in den vorangegangenen Jahren war das Format doch weit weniger formalisiert und festgezurrt. Wieviel Punk muss sein, wieviel Glamour darf? Wo bleiben die freien Formate? Haben junge Künstler keine andere Chance, von sich reden zu machen, als auf einer solchen Leistungsschau aufzufallen? Ich vertrage keinen Dilettantismus, freue mich über professionell kuratierte Ausstellungen und handwerklich und intellektuell anspruchsvolle Kunst. Wenn mir dort aber der Versuch einer Quadratur des Kreises anstelle eines kuratorischen Statements begegnet, befriedigt mich das ebenso wenig. Ich ärgere mich über Pfusch und Kitsch, einfache Lösungen, naive Ansätze oder Werke, bei denen mir als erstes ein pädagogischer Impetus ins Auge springt. Ich erwarte aber auch Risiko, Innovation, neue Wege und vor allem – Kritik!

Bei der 3. Moskauer Biennale gibt es das Eine wie das Andere. Gemeinsam ist ihnen aber der affirmative Gestus.

Zu den einzelnen Projekten, die ich bis jetzt gesehen habe:

Das Hauptprojekt der diesjährigen Biennale junger Kunst läuft unter dem Titel „Pod solncem iz mišury“ („Unter der Lamettasonne“, Kuratorin: Kathrin Becker). Das spritzigste und kreativste an der Show ist der Titel. Ist das Ironie? Oder gar Selbstironie? Abgeklärtheit oder Kampagnenkritik? Was ich gesehen habe, ist professionelle Uninspiriertheit und der Versuch, regional und stilistisch-thematisch möglichst breit zu streuen. Einige Namen sind trotzdem hängen geblieben. Vielleicht muss das genau so.

Eva Kotátková. Educational Model. 2009. Installation.

Eva Kotátková. Educational Model. 2009. Installation.

Judith Fegerl. Galatean Heritage. 2007. Installation.

Judith Fegerl. Galatean Heritage. 2007. Installation.

„Mnogo Bukov“ („Viele Buchstaben“) – so der Titel einer Installation des Projekts „Laboratorija poetičeskogo akcionizma“ („Laboratorium für poetischen Aktionismus“) von Pavel Arsen’ev, Dina Gatina und Roman Osminkin. Über einer Allee im Gorkijpark hängt in großen, weißen Styroporlettern ein Gedicht von Vsevolod Nekrasov. Prädikat: Genial in Szene gesetzt. Eine absolut gelungene Synthese aus Visueller Poesie, Public Art und politischem Statement. Dazu noch interaktiv. Like!

Laboratorija poeticeskogo akcionizma. Mnogo bukov. 2010. Installation

Laboratorija poeticeskogo akcionizma. Mnogo bukov. 2010. Installation

Rahmen- und Parallelprogramm:

„ARTikuljacija“ („ARTikulation“. Kuratorinnen: Anna Beljaeva, Anna Bujvid): Durchkomponiert und interaktiv im besten Sinne. Interaktiv nicht nur die Werke, interaktiv auch das Format der Ausstellung, in das der Zuschauer via Umfrage eingreifen kann. Einige sehr überzeugende Einzelprojekte – ich mag diesen Effekt: „Sowas habe ich ja noch nie gesehen!“ oder „Cool, da muss man erstmal drauf kommen!“. Mein persönlicher Favorit in diesem kleinen Reigen sehr unterschiedlicher Ausstellungsprojekte. Künstler und Kuratorinnen scheinen eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Hier ist die Suche nach dem persönlichen Ausdruck keine Koketterie und Jugendlichkeit keine Ausrede. Anspruchsvoll und unterhaltsam.

Stain (Aleksandra Gavrilova, Sergej Titov) und ::vtol:: (Dmitrij Morozov). Intersections. 2011. Audiovisuelle Installation

Stain (Aleksandra Gavrilova, Sergej Titov) und ::vtol:: (Dmitrij Morozov). Intersections. 2011. Audiovisuelle Installation

Aleksej Micheev. Classic. 2012. Objekte

Aleksej Micheev. Classic. 2012. Objekte

„Bestiarium“ (Kuratorin: Anastasija Dorožkina): In dem Gemeinschaftsprojekt von nur einer Handvoll Künstlern geht es wohl um Mythen, Zeitphilosophie und historisches Bewusstsein. Es geht auch um die Frage – wozu brauchen wir Theorie, wir haben doch die Empirie. Zweiköpfige Biber, goldene Käfige und andere Sagengestalten bevölkern die kleine Halle in der Projekt.Fabrika. Leider bleibt das Niveau der Ausstellung hinter dem des philosophischen Kontexts zurück und hinterlässt den Betrachter etwas ratlos. Auch ist das Setting in der ehemaligen Papierfabrik noch sehr provisorisch und lässt die Ausstellung in der markanten Industrieästhetik des Raums förmlich verschwinden. Überbewertet.

Bestiarium

Bestiarium

„Muzej proletarskoj kul’tury. Industrializacija bogemy“ („Museum für proletarische Kunst. Industrialisierung einer Boheme“. Kuratoren: Kirill Svetljakov und Elena Voronovič): Arsenij Žiljaev ist einer der „etablierten“ dieser jungen Biennale und mit einer eigenen Ausstellung vertreten. Er zeigt genau das, was man von ihm erwartet: die Museifizierung des intellektuellen linken Diskurses. Seine Schau ist in drei thematische Bereiche gegliedert: zunächst in kurzen Stichworten eine Zusammenfassung dessen, was er unter „proletarischer Kultur“ versteht, dann eine Hommage an die russische Occupy-Bewegung und die von ihr erst in den letzten Monaten erarbeiteten Manifeste und ihre basisdemokratische Struktur, und dann im dritten Teil sozrealistische Ölschinken mit Szenen aus dem Klubleben der Arbeiter als Beispiele der proletarischen Kultur der 1930er Jahre. Kann man machen…

Arsenij Ziljaev. Muzej proletarskoj kul'tury.

Arsenij Žiljaev. Muzej proletarskoj kul’tury.

Arsenij Žiljaev. Muzej proletarskoj kul'tury.

Arsenij Žiljaev. Muzej proletarskoj kul’tury.

„Go West“ (Kurator: Andrej Paršikov): Nun ja…. Ich habe die Ausstellung etwas suchen müssen. Zu sehr passt sie sich in die Landschaft des sich gerade umdefinierenden Parks der Künste „Muzeon“ ein. Eigentlich sollten hier junge Künstlerbiographien zwischen Ost und West das Thema sein. Migrantinnenschicksale. Aber auch diese Ausstellung wurde vom Raum, in den sie eingebettet ist, förmlich aufgefressen. Ein paar Audioinstallationen mit Stadt- und Vogelgeräuschen, die komplett in der kleinen, innenstädtischen Parklandschaft verschwinden. Ein großer Kompass mit den Buchstaben W-E-S-T an den Richtungspfeilen, der genauso gut Objekt der Gartenkunst sein könnte. Der Müllhaufen aus Styropor, Glas und Holzteilen, eigentlich konzipiert als Rest einer Bühne der Selbstinszenierung, die mit Sprachmischmasch bemalte Wand, die mit zerbrochenem Glas gefüllte Hängematte daneben. All diese Gesten der Ästhetisierung von zerbrochenen Schicksalen sind nicht weit genug vom Alltagsvandalismus entfernt, um als Kunst wirklich wahrgenommen werden zu können. Schade!

Go West!

Go West!

Dar'ja Irinceeva. Ėto slučitsja sejčas... vot sejčas...sejčas...sejčas. 2012. Installation. Hängematte, Glas Stein.

Dar’ja Irinceeva. Ėto slučitsja sejčas… vot sejčas…sejčas…sejčas. 2012. Installation. Hängematte, Glas Stein.

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Eine Antwort to “Eindrücke von der 3. Biennale für junge Kunst in Moskau”

  1. Eindrücke von der 3. Biennale für junge Kunst in Moskau » Julia Fertig Says:

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