Archive for März 2012

Leipziger Buchmesse: „tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“

März 9, 2012

Leipziger Buchmesse vom 15.-18. März 2012

Schwerpunkt: Mittel-, Ost- und Südosteuropa.

Programmschwerpunkt „tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus

Hier gibt es einen Flyer zum Programmschwerpunkt mit detaillierten Informationen zu den Autoren, weiteren Beteiligten, Veranstaltungsorten und -zeiten

 

Pioniere, Stumme und Elvis Presley – eine Filmrezension zu »Šapito-Show«

März 1, 2012

Fast wäre »Šapito-Show« für den Oscar nominiert worden. Nachdem der Film von Sergej Loban und Marina Potapova letzten Sommer auf mehreren Festivals Furore gemacht hatte und bereits Kultstatus erlangte, bevor er überhaupt im Kino zu sehen war, sollte er als russischer Beitrag zu den Oscarverleihungen geschickt werden. Aber, so erklärt Potapova, Nikita Michalkov, sozusagen die graue Eminenz des russischen Kinos, habe das nicht zugelassen, habe die Abstimmung gekauft und so seinen eigenen Film »Zitadelle« nach Hollywood bugsiert. Danach habe Nikita, so Potapova, den Regisseur Sergej Loban angerufen, sich bei ihm entschuldigt, sie hätten sich getroffen und nach gegenseitigen rührseligen Respektbezeugungen wären sie als enge Freunde auseinander gegangen.
Ob das nun stimmt oder nicht, auf jeden Fall ist »Šapito-Show« einer der besten Filme, der in den letzten Jahre auf der russischen Leinwand zu sehen war. Er kommt aus dem Umfeld der Künstlergruppe »SVOI 2000«, einer Vereinigung von selbsternannten „Kunst-Hooligans“, die nicht nur Kino machen, das trotz seines Art-House Charakters sehr nah an die russische Wirklichkeit heranreicht (der eine oder andere kann sich vielleicht an den Low-Budget-Film »Pyl’« erinnern), sondern auch politisch aktiv sind und z.B. gegen den berüchtigten russischen Armeedienst mobil machen. Außerdem wollen die SVOI über die Internetplattform »Naparapet.ru« die Finanzierung von künstlerischen Projekten durch öffentliche, d.h. nicht staatliche Spenden realisieren.

 

Der großartige Film »Šapito-Show« ist ein neueres Projekt von »SVOI 2000«. In vier eng miteinander verwobenen Episoden werden Geschichten von Liebe und Respekt, verlorener Freundschaft, einer schwierigen Vater-Sohn Beziehung und dem so genannten Showbusiness erzählt, die alle auf der mysteriösen Zirkusbühne des »Šapito« ein furioses Finale erleben.
Die Handlung entfaltet sich auf der Krim, die schon seit etwa zwei Jahrhunderten als Bühne für Theater, Ausschweifung und Exotik herhalten muss, und deren Rolle als russisches Touristenparadies (Karaoke, Schaschlik und Krimwein) im Film auch gehörig ironisiert wird.
Getragen wird die »Šapito-Show« vor allem von den ungewöhnlichen Charakteren: da hangelt sich der misanthropische Außenseiter und Internetfreak Aleksej (online als »Kiberstrannik« bekannt) mit Einhornleiberl und dicker Brille mehr schlecht als recht durchs »reale« Leben, der Schauspielerschüler Senja marschiert mit seiner Pioniertruppe unter dem Motto »Nikogda ne spiš, ničego ne eš’« (Schlaf nie, iss niemals) auf Ecstasy durch die Krim, und ein stummer homophober Bäcker, der gar nicht so schlecht singen kann, gibt für gerührte Mütter Schlager zum Besten. Fantastisch auch Petr Mamonov, der versucht, die Beziehung zu seinem Sohn zu kitten und, wie viele meinen, hauptsächlich sich selbst spielt. Als Schauspieler aus Filmen wie »Igla«, »Taxi-Blues« oder »Ostrov« bekannt, ist Mamonov, der sich schon vor Jahren aus der Stadt in eine abgelegene Waldhütte zurückgezogen hat vor allem auch Kultfigur des russischen, absurden Postpunk und Underground.

Und dann ist da noch Roma Legenda, der aussieht wie Viktor Zoj und im Film wie im Leben beschlossen hat, zum größten und besten Zoj-Imitator aller Zeiten zu werden. Denn, so Roma, wozu sich bemühen, etwas Neues zu schaffen, wenn das, was bereits da war, ohnehin nicht mehr zu übertreffen sei.
All diese Charaktere verbindet die »Šapito-Show«, eine große Revue, in der neben dem Ersatz-Zoj auch eine Ersatz-Marilyn, ein Ersatz-Elvis und jede Menge anderer skurriler Gestalten auftreten, und die so geheimnisvoll, absurd und surreal scheint, dass sie genauso gut einem David Lynch Film entsprungen sein könnte.

 

Apropos Lynch. Der Film ist in eine Reihe kultureller Zitate eingebettet, von denen manche relativ offensichtlich sind, andere weniger. Neben dem schon erwähnten David Lynch kommen auch Verweise auf Marshall McLuhan, Stanley Kubrick oder Kurt Cobain vor, Borges, Shakespeare und Goethe sind ebenso vertreten wie die Freimaurer und Samantha Smith, die als zehnjähriges Mädchen einen Brief an Generalsekretär Andropov schrieb, in dem sie ihre Besorgnis um einen möglichen Atomangriff der UdSSR ausdrückte und so zu weltweiter Berühmtheit gelangte.
In diesem Filmlabyrinth, in dem sich die verschiedenen Handlungsstränge geschickt kreuzen und einander gegenseitig zitieren, kommt auch die Musik nicht zu kurz: in dem von den Karamazow-Twins komponierten Soundtrack tragen die Hauptcharaktere jeweils ihre eigenen musikalischen Nummern vor, die mittlerweile auf den alternativen Radiostationen des Landes auf und ab gespielt werden.
Das Besondere an dem Film sind aber nicht nur die geschickt eingefädelte Handlung, seine Komik, Ästhetik und das gelungene Oszillieren zwischen Realität und Illusion. Dieses vierstündige Epos (das im Kino übrigens in zwei Teilen gezeigt wird) ist kein bemühter Versuch, amerikanische oder europäische Filmkunst zu imitieren, sondern einfach großes, russisches Kino mit allem was dazugehört: Momente des Surrealen und Absurden, des Leicht- und Tiefsinnigen, Liebe, Verrat, Musik und Magie. »Wir sind wie eine Bande«, erzählen Loban und Potapova in einem Interview dem Journal »Snob«, »und mit unseren Filmen senden wir Signale. Damit die da draußen von uns erfahren und Mut fassen.«

Trailer

Fotos: Press Release