Archive for Dezember 2011

„die Imitation von Wahlfreiheit“

Dezember 16, 2011

Jurij Al’bert erhält den Kandinskypreis 2011

 Am 14. Dezember 2011 wurde in Moskau bekanntgegeben, dass der zum 5. Mal vergebene Kandinskypreis, ein international renommierter russischer Kunstpreis, in der Hauptkategorie „Projekt des Jahres“ an den Künstler Jurij Al’bert vergeben wurde.

Das ausgezeichnete Werk „Moskovskij vybor / Moscow Poll“ (2009) thematisiert die Auswahl des Betrachters, die dieser in puncto Funktion und Wirkung zeitgenössischer Kunstwerke zu treffen hätte und konkretisiert diese Metapher, indem jeder Tafel zwei Plastikboxen zur Stimmabgabe beifügt wurden. Die Eindringlichkeit dieser Arbeit wird durch die aktuelle politische Situation noch dramatisiert, in die die Juryentscheidung über das „Projekt des Jahres“ unmittelbar fiel (und mit der sie sicher auch ursächlich verbunden ist): Vor dem Eindruck der breiten gesellschaftlichen Proteste gegen die Fälschungen der Dumawahlen vom 4. Dezember 2011 ist diese Entscheidung als politisches Statement zu lesen. Al’bert selbst bezieht sich in seiner Dankesrede nach der Preiverleihung auf die Dumawahlen, dankt allen Demonstrierenden und bezeichnet eine demokratische Kultur als unabdingbar auch für eine freie Entwicklung der zeitgenössischen Kunst. Mit seiner Kritik an den Wahlen und der offenen Unterstützung der Protestierenden begibt er sich in die Gesellschaft einer Reihe von Künstlern, die auch auf der politischen Bühne öffentlich Stellung beziehen und die aktuellen Proteste aktiv mitgestalten.

Die Serie „Moskovskij vybor / Moscow Poll“ ist, und das verleiht ihr und dem Künstler unter den gegebenen politischen Rahmenbedingungen große Glaubwürdigkeit und Intensität, ein „typischer Al’bert“. Seit den frühen 1980ern tritt der Konzeptualist Al’bert in seinem grafischen und fotografischen Werk in direkten Dialog mit dem Betrachter über Sinn und Unsinn, Bedingtheit und Unbedingtheit eines Kunstwerkes, er radikalisiert diesen Ansatz, stellt die philosophische Betrachtung über das Werk in den Mittelpunkt seines Schaffens (ganz im Sinne Kosuths, den er auch ins Russische übersetzt hat) und macht die ästhetische Erfahrung ostentativ zu einer Begleiterscheinung der sprachlichen Reflexion über sich selbst.

Links:

Dankesrede Al’berts mit Abbildungen von der Preisverleihung und der Serie „Moskovskij vybor / Moscow Poll“

Premija Kandinskogo (Kandinskypreis):

Frühere Werke Jurij Al’berts, darunter die Serie „Tekstovye raboty“ (textuelle Arbeiten), in deren Tradition die Serie „Moskovskij vybor / Moscow Poll“ steht

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Uneiniges Russland: Moskau, 10. Dezember 2011

Dezember 12, 2011

Angefangen hat alles im Herbst. „Wundert euch, wenn man euch demütigt, hört auf, euch zu fürchten, steht für eure Werte ein, fordert faire Wahlen, schickt sie beide in den Ruhestand“. So stand es in dicken Lettern am Cover des Journals „Bolshoj Gorod“ und die Schlagwörter des dazugehörigen Leitartikels sind Zivilgesellschaft, gewaltloser Widerstand und die Möglichkeit eines neuen Russlands. Irgendwie dachte man ja, dass das die letzte Ausgabe des Magazins sein müsste, das wöchentlich erscheint und in vielen Lokalen, Kinos und Theatern kostenlos ausliegt.

Aber es ging weiter, und weiter, und weiter. Nach Putins Erklärung, im März 2012 ein weiteres Mal bei den Präsidentschaftswahlen zu kandidieren, ging eine Welle der Empörung durch das Land. Bei einem Boxkampf wird er ausgebuht (der „Pervyj Kanal“ sendete Putins Auftritt daraufhin ohne Tonspur), in den sozialen Netzwerken machen hunderte Karikaturen, Photoshopmontagen und bissige Kommentare zum Medvedev-Putin-Tandem die Runde. Bereits Wochen vor den Duma-Wahlen kursieren Aufrufe, seine Stimme erst abends, kurz vor Schließung der Wahllokale, abzugeben: bereits die letzten Wahlen hatten gezeigt, dass so mancher Bürger dann vor die überraschende Tatsache gestellt wurde, laut Aufzeichnungen bereits gewählt zu haben.
Und nach den Wahlen, da ging es erst richtig los. Hunderte neutrale Beobachter stellen Videos, Fotos und detaillierte Berichte ins Netz, die das Ausmaß des Wahlbetrugs deutlich machen. Mehr als 10.000 Menschen gehen auf die Straße, bei einer zweiten, nicht angemeldeten Demonstration übersteigt die Zahl der Polizei und der kremlnahen „Naši“ fast die Zahl der Demonstranten. Insgesamt werden über 500 Aktivisten festgenommen, manche für wenige Stunden, einige für bis zu zwei Wochen.

 

Danach weiß irgendwie niemand so genau, wie das ging, aber auf einmal interessieren sich alle nur mehr für Politik. Während die Proteste im Staatsfernsehen ignoriert werden, melden sich online Zehntausende für die dritte geplante Demonstration an. Gerüchte machen die Runde: man fürchtet speziell für die Demo angeheuerte Provokateure (Stundenlohn 200 Rubel), angeblich sei auch eine tschetschenische Spezialeinheit bereits auf dem Weg nach Moskau. Ein Astrologe rät, am Wochenende „große Menschenaufläufe“ zu vermeiden, der Fernsehdoktor ebenso (die Grippegefahr sei nicht zu unterschätzen), auf manchen Unis wird Studenten geraten, am Samstag besser zu Hause zu bleiben, um den Studienplatz zu behalten und Schüler werden am Tag des Meetings zur Sicherheit kurzfristig zu einer Kontrollarbeit in die Bildungseinrichtungen beordert. Die Kultur-Plattform OpenSpace richtet Hotlines ein, wo man im Notfall Ärzte, Juristen und NGOs erreichen kann. „Bolšoj Gorod“ erklärt, was man zu einer Demo mitnehmen soll, wie man sich im Falle einer Verhaftung zu verhalten hat, was vermutlich auf der Polizeistation mit einem passiert, und was zu tun ist, wenn man geschlagen wird (laut schreien und Kopf schützen). Viele Journale, darunter Snob, richten einen eigenen Blog ein, auf dem das Meeting in Echtzeit kommentiert wird, zu Hause Gebliebene können das Ereignis auf mehreren Livestreams verfolgen.

Und dann die Demo selbst. Aus allen Richtungen strömen Leute herbei. Viele sind den Aufrufen der Organisatoren gefolgt, tragen weiße Bänder oder haben Blumen mitgebracht, als Zeichen dafür, dass das Treffen friedlicher Natur ist. Wie viele Demonstranten es insgesamt sind, ist schwer zu sagen, vielleicht sechzig, siebzig, achtzigtausend. Die Masse ist ständig in Bewegung, Leute kommen und gehen, auf den Brücken die zum Platz führen, kommt man kaum mehr voran. Nicht zu übersehen auch das riesige Polizeiaufgebot, die so genannten OMONs (über 50.000 sind es angeblich), die sich, und das ist wohl die größte Überraschung dieser Veranstaltung, auffällig korrekt verhalten und lediglich die Menschenströme in die richtige Richtung lenken.

Auch die russischen Kulturschaffenden sind vertreten, Boris Akunin hat, glaubt man den Berichten, extra für die Demonstration seinen neuen Fandorin links liegen gelassen und spricht zum Publikum, auch Dmitry Bykov ist hier und fordert als Bürger und Poet sein Recht auf freie Wahlen und ein demokratisches, europäisches Russland. Eigentlich hätte die Schriftstellerin Ljudmila Ulickaja die Veranstaltung eröffnen sollen, aus (mir) unbekannten Gründen hält sie dann aber doch keine Rede.
Ihre Zuhörer sind Menschen aller Altersklassen und Gesellschaftsschichten, die auf Plakaten Neuwahlen, Pressefreiheit oder die Auslieferung des faulen Zauberers Čurovs (Vorsitzender der Wahlkommission) nach Azkaban fordern. Neben mir steht eine Gruppe Kommunisten, vor mir filmen ein paar Hipster das Geschehen mit ihren I-Pads und Smartphones, eine Frau im Pelzmantel lehnt an einem Baum, Studenten, Senioren und vereinzelt ein paar maskierte Nationalisten stehen da, hören zu oder machen Fotos.

Nach etwas mehr als 5 Stunden friedlichen Demonstrierens endet das Meeting mit, natürlich, Viktor Cojs „Peremen“.

Und jetzt? Revolution war es keine, aber Revolution war auch keine geplant. Auf jeden Fall war es ein gewaltiges Lebenszeichen eines anderen, neuen Russlands, das endlich aus seiner Politikverdrossenheit erwacht und eine intelligente, aktive Opposition zu bilden beginnt. Der Dichter Lev Rubinštejn hat es nach der Demonstration so ausgedrückt: „Eigentlich fängt gerade erst alles an. Ich verstehe die Skeptiker, ich bin ja selbst einer. Aber das, was heute passiert ist, wäre vor einem Jahr, sogar vor einer Woche noch unvorstellbar gewesen. Wir, oder sehr viele von uns haben uns plötzlich daran erinnert, dass unsere persönliche Würde es Wert ist, dass man für sie kämpft und für sie eintritt. Jetzt müssen wir sehr viel nachdenken. Das ist übrigens generell nicht schlecht. Aber jetzt ganz besonders. Machen wir weiter?“

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Fotos von Natasha Kabaeva