Marina Abramović in Moskau – The Artist is (not) present

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Marina Abramović ist Kult. Sie gehört zu den bekanntesten Künstlern der Welt, ihre Performances sind eindringlich, radikal, beeindruckend, gehen bis an die Grenzen des körperlich Möglichen und manchmal auch darüber hinaus.Genauso ist Marina Abramović Pop. Weil sich Stars wie Lady Gaga für sie begeistern (“She is so incredible. She is a limitless human being, she is boundless”), weil sie mit ihren Performances in Serien wie “Sex and the City” oder “House” auftaucht.

Unter dem Titel “The Artist is present – V prisutstvii chudožnika” wird in Moskau nun eine Retrospektive der Künstlerin gezeigt, die 40 Jahre ihres Schaffens dokumentiert. Das Interessante an der ursprünglich für das MOMA New York konzipierte Ausstellung ist, dass nicht nur Videos und Fotografien von Performances gezeigt werden, sondern auch einige der bekanntesten Arbeiten Abramovićs erneut “live” dargestellt werden.
Die jungen Leute, die diese Reinszenierungen ausführen (manche sind Tänzer oder Schauspieler, einige sind einfach über die Facebook-Ausschreibung gekommen) wurden mehrere Wochen lang von Abramović selbst trainiert, um sie auf die sowohl physisch als auch psychisch anstrengende Arbeit vorzubereiten.
Und einfach ist es sicher nicht für die Akteure, das wird dem Besucher bereits beim Betreten der Ausstellung klar: Zutritt zum ersten Saal bekommt nur, wer sich durch zwei nackte Körper zwängt, die einander so eng gegenüber stehen, dass nur ein seitliches Durchgehen möglich ist. “Imponderabilia” nennt sich dieses Werk aus den 1970er Jahren, das bei seiner Erstaufführung durch einen Polizeieinsatz vorzeitig beendet werden musste.
In Moskau greift die Polizei zwar nicht ein (was tatsächlich verwundert, wurden doch schon viel weniger provokative Ausstellungen boykottiert), vielen Besuchern ist aber anzusehen, dass sie es bevorzugt hätten, die Ausstellung anders zu betreten. Die meisten wenden sich dem nackten Mädchen zu und huschen gesenkten Blicks weiter.

Der gesamte erste Saal zeigt Reproduktionen von bekannten Performances, an der Wand hängt auf einer unglaublich unbequem aussehenden Konstruktion ein blondes Mädchen, dessen Muskeln zittern und das mit gequältem Blick ins Leere starrt (“Luminosity”/1997), in der Mitte des Raumes die Installation “Nude with Skeleton” (2002/2005), Frau mit Skelett. Die Atmung der Frau bringt das aus ihr liegende Skelett in Bewegung, es hebt und senkt sich und wird langsam Teil ihres Körpers. Angelehnt an ein tibetanisches Totenritual thematisiert die Arbeit die Angst, die Konfrontation mit dem eigenen Tod. Ebenfalls nachgestellt wird die Performance “Point of Contact” (1980), bei der sich zwei Menschen so nahe gegenüberstehen, dass sie sich fast berühren, aber in dem Spannungsfeld vor der eigentlichen Berührung stundenlang verharren.

Die Idee, eine eigentlich einmalig stattfindende Perfromance erneut zu inszenieren, scheint durchaus ihre Berechtigung zu haben. Abramović selbst hatte einst Performances von Beuys, Valie Export oder Bruce Nauman wieder aufgeführt, und auch ihre eigenen Projekte manchmal ein zweites Mal gezeigt. Die Reinszenierung, so Abramović, halte die Arbeiten am Leben, auch wenn eine Wiederholung weder in Form noch Wirkung jemals mit der ursprünglichen Performance identisch sein könne.

Obwohl die Reinszenierungen durch ihre Direktheit und ihren Mut beeindrucken, wird die in den Originaldarstellungen erreichte Intensität nicht erreicht. Kaum einer der Besucher verweilt länger als ein, zwei Minuten vor den Arbeiten, ein wenig entsteht der Eindruck, dass durch das Nebeneinanderstellen von mehreren Performances auf so engem Raum diese zu statischen Kunstwerken im Stile von Gemälden oder Fotografien werden, an denen man nach kurzem Betrachten vorübergeht, vielleicht auch, um den unangenehmen Gefühlen, die diese auslösen können, zu entfliehen. Ein wichtiges Element der Performance, nämlich jenes der Dauer und des Betrachtens, geht somit verloren.
Außerdem können die jungen Schauspieler nicht an die Präsenz und Energie heranreichen, die von Abramovićs Performances ausgeht (sogar ein Vergleich mit einer einfachen Videoaufzeichnung der Original-Aufführungen macht das deutlich).
Anders gesagt ist es fast so, als würde man ein Foto von einem bekannten Gemälde sehen. Auch schön, natürlich, aber doch mit dem Original nicht zu vergleichen.

In chronologischer Abfolge werden in den weiteren Räumen Arbeiten Abramovićs gezeigt, die oft den Körper als Instrument und Material in den Mittelpunkt stellen: in “Rhythm 0” (1974) lieferte sich die junge Künstlerin völlig dem Publikum aus, welches aus einer Reihe von vorhandenen Gegenständen (darunter Farben, Seife, Blumen, ein Messer, eine Pistole, eine Kamera, Honig) auswählen konnte, um über den Körper Abramovićs zu verfügen. Das riskante Experiment eskalierte nach wenigen Stunden und wurde von geschockten Zuschauern abgebrochen.
Die Ausstellung dokumentiert im Weiteren u.a. die Arbeiten “The Lips of Thomas” (1975/2005), eine stark autobiographisch gefärbte Performance, in der Abramović Kommunismus und Orthodoxie, zwei zentrale Momente ihrer Jugend in Jugoslawien thematisiert (auch diese Performance wurde in New York durch die Intervention von Zuschauern beendet), sowie “Role exchange” (1974/2004), in der sie für wenige Stunden mit einer Amsterdamer Prostituierten die Rollen tauschte.
Ein weiterer Abschnitt der Retrospektive ist den gemeinsamen Arbeiten von Abramović und dem deutschen Künstler Ulay gewidmet, mit dem sie von 1976 bis 1989 zusammenarbeitete. Das Paar untersucht in seinen Performances die Grenzen des Körperlichen und strebt nach totaler künstlerischer Einheit des männlichen und weiblichen Körpers. Sie atmen bis zur Bewusstlosigkeit durch den Mund des jeweils anderen aus und ein, schreien einander an bis die Stimmen versagen, rennen mit nackten Körpern frontal aufeinander zu, um durch den Zusammenprall männliche und weibliche Energie zu vereinen.
“The Great Wall Walk” (1988) ist die letzte gemeinsame Performance der beiden. Etwa drei Monate lang gehen sie entlang der Chinesischen Mauer einander entgegen. Nachdem jeder etwa zweieinhalbtausend Kilometer zurückgelegt hatte, treffen sie aufeinander, um von nun an in Kunst und Leben getrennte Wege zu gehen.
Von den Werken “Balkan Baroque” (1997) und “The House with the Ocean View” (2002) gibt es nur die Kulissen zu sehen. Für “Balkan Baroque” reinigte Abramović in Erinnerung an die Balkankriege auf der Biennale in Venedig etwa eineinhalb Tonnen Rinderknochen von Fleischresten. In Moskau läuft nur die aufgezeichnete Tonspur, die fahlen Knochen liegen auf einem großen Haufen in der Ecke. Der von ihnen verbreitete unangenehme Geruch zwingt die meisten Besucher, den Raum schnell wieder zu verlassen.

Für “The House with the Ocean View” lebte die Künstlerin zwölf Tage lang in einer New Yorker Gallerie und ließ sich von den Besuchern bei ihren asketischen, alltäglichen Ritualen beobachten. Während in früheren Performances vor allem der Körper, oft auch Schmerz oder Angst im Mittelpunkt standen, geht es in neueren Arbeiten Abramovićs vor allem um Spiritualität und Energie. Zelebriert wird die Langsamkeit des Kunstwerks sowie die Präsenz von Künstler und Betrachter.
Deutlich wird das vor allem in der letzten ausgestellten Performance, die Abramović für die MOMA-Retrospektive konzipierte: dort hatten Besucher die Möglichkeit, der Künstlerin mehr als 600 Stunden lang an einem Tisch mit zwei einfachen Holzstühlen so lange wie gewünscht gegenüber zu sitzen und mit ihr Blicke zu tauschen.

In Moskau sind leider nur die Requisiten der Performance zu sehen, über die Wände flimmern Videoaufnahmen von Abramović und ihren Gegenübern. Durch ein einfaches Schild werden die Zuseher aufgefordert, “so lange wie gewollt” auf einem der Stühle Platz zu nehmen. Der Blick ins Leere kann allerdings einem wahren Zusammentreffen mit der Künstlerin nicht das Wasser reichen.
Bei der Betrachtung der Kulissen der verschiedenen Performances wird dem Besucher einerseits eindringlich ihre Radikalität bewusst: diese Kunstwerke sind so intensiv, so fordernd, dass sie lediglich einmal aufgeführt werden können. Andererseits ist aber gerade die Nicht-Anwesenheit der Künstlerin und das oft ein wenig enttäuschende Betrachten der reinen Form wohl das größte Defizit der Ausstellung, da das Unmittelbare, Langwierige, Intensive verlorengeht.

Marina Abramović – The Artist is Present. Center for contemporary culture “Garaž”, 8. Oktober – 4. Dezember 2011;

Марина Абрамович – В присутствии художника. Центр современной культуры “Гараж”, 8 октября – 4 декабря 2011.

http://www.garageccc.ru/exhibitions/18505.phtml

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4 Antworten to “Marina Abramović in Moskau – The Artist is (not) present”

  1. Julia Fertig Says:

    der problematik des reenactments, der relikte und archivhaftigkeit von performancekunst ist gerade im projekt „archiv performativ“ (http://archivperformativ.wordpress.com/) nachgegangen worden. hier und auch im text von angelika molk wird immer wieder sie sehnsucht nach dem „original“ deutlich, nach authentizität und präsenz, und immer wieder müssen sich dokumentationen und relikte mit dem maß der performance messen lassen, womit sie notwendigerweise verblassen…
    … obwohl ihr potential eventuell ganz woanders liegt? für die ausstellung wurde viel werbung gemacht, ich bin derzeit leider nicht in moskau, habe sie nicht gesehen. aber ich habe das bedürfnis, die kritik zu relativieren, denn von einer ausstellung ist sicher kein so intensiver effekt wie bei abramovics originalperformances zu erwarten, ohne dass damit das projekt schon disqualifiziert wäre, oder? welche erkenntnisse über das archiv, über zeitlichkeit und medialität können denn gewonnen werden? was fügt das reenactment dem „original“ hinzu?

  2. Angelika Molk Says:

    liebe julia, danke für den kommentar…ich wollte die gesamte ausstellung durch die kritik an den reenactments keineswegs „disqualifizieren“, im gegenteil war ich sehr beeindruckt von dem ganzen. ich finde eigentlich, dass gerade die kritik an den reenactments die arbeit von abramovic selbst nicht abwertet, sondern im gegenteil erst ihre leistung bewusst macht, und zwar eben genau dadurch, dass man durch die entstehende differenz bzw. das oft gar nicht mehr mögliche „wiederinszenieren“ der performances daran erinnert wird, welche kraft/energie und vielleicht auch verrücktheit in ihnen liegt (es kommt ja nicht von ungefähr, dass die bekanntesten performances gar nicht nachgestellt werden können, weil sich wohl einfach niemand findet, der bereit ist, sich 12 tage lang ohne nahrung in einen schaukasten zu stellen etc etc)
    trotzdem bleibt es natürlich schon ein klarer bedeutungsverlust, wenn es in einem raum statt einer einzigen performance auf einmal sechs oder sieben zu sehen gibt, und das war auch klar an der publikumsresonanz zu erkennen (es blieb wirklich niemand länger als zwei,drei minuten stehen), und das finde ich natürlich schon schade….
    aber, wie gesagt, falls mein beitrag den eindruck erweckt, dass ich somit gleich die ganze ausstellung verdamme, dann tut mir das leid. die ausstellung vermittelt ein umfassendes bild vom schaffen abramovics und ist durchaus beeindruckend. einige der objekte konnte ich auch einfach nicht besprechen, da der blog sonst viel zu lang gewesen wäre, aber es gibt neben den reinszenierungen ja auch noch einiges anderes zu sehen, viele fotografien, videoarbeiten, auch persönliche gegenstände und notizen etc.
    vielleicht hätte ich das noch erwähnen sollen, um ein besseres bild zu zeichnen.

  3. Julia Fertig Says:

    Hallo Angelika, nein, eine „Verdammnis“ habe ich in deinen Text auch nicht hineingelesen, da war schon eine deutlich differenziertere Haltung spürbar ;). Mein Plädoyer zielte eigentlich darauf ab, eben in Relikten, Reenactments oder Dokumentationen von Performancekunst eben keinen Bedeutungsverlust (im Vergleich zu einer „Originalperformance“) zu sehen, sondern diese als ein höchst eigenständiges Phänomen zu behandeln. Sie haben ihren eigenen medialen, zeitlichen und semantischen Rahmen, ihre eigenen Rezeptionsbedingungen. Der Link zur Originalperformance ist für viele überhaupt nur ein vermittelter, denn die Zahl der Leute, die, um beim Beispiel zu bleiben, Abramovics Performances live gesehen haben, ist ungleich geringer als die Anzahl der Leute, die sich mit deren Dokumentationen/medialen Vermittlungen konfrontiert sehen. Und trotzdem wird eine (andere) ästhetische Erfahrung gemacht, die ihre Berechtigung hat gegenüber und neben der live experience (Rezeptionsseite). Produktionsseite: Performances sind, wie alle anderen Kunstwerke, auch Rohmaterial für die ästhetische Weiterentwicklung und -diskursivierung, ihre Singularität und die Überbetonung des live events verhindert oft genug ein Weiterleben in einer kreativen Aneignung. Aber dafür bedarf es eben auch der Dokumentation und der Arbeit an selbiger. Würdest du mir bis hierhin folgen?
    Daher schien mir deine Kritik an der Ausstellungskonzeption selbst, die ihrerseits anscheinend etwas überfrachtet war und die Konzentration auf ein Geschehen nicht ermöglichte etwas vermischt mit der Sehnsucht nach dem Original, da du es mit der Intensität von Abramovic-Performances selbst vergleichst. Und hier muss man schärfer trennen, wie mir scheint.

    Spannend!
    Jule

  4. Julia Fertig Says:

    кстати: http://marinafilm.com/

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