Ein Altar für Smolensk

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The Abnormals Gallery (Berlin/Poznań) zeigt seit Oktober in der Berliner Dependance die Arbeit eines jungen Absolventen der Warschauer Akademie der Bildenden Künste (ASP), die dort für einige Aufregung gesorgt hat. Es handelt sich um ein Triptychon, das ein kanonisches Motiv der christlichen Malerei zitiert – den Kindermord in Bethlehem. Michał Rutz (*1988) hat als Vorlage das berühmte um 1305 entstandene Fresko von Giotto benutzt, um in die aktuelle politische und kulturelle Debatte in Polen nach der Katastrophe von Smoleńsk mit den Mitteln des Bildes einzugreifen. Das Werk spielt mit der Sakralisierung des Ereignisses, der öffentlichen Trauer und mit den phantasmatischen Bildern, die reaktiviert werden und neue Konstellationen erfahren. Der Künstler nutzt bewusst die seit dem Mittelalter bekannte Form des Flügelaltars, also eines Altaraufsatzes, der sich im perspektivischen Zentrum eines Kirchenschiffs befindet. Es besteht gewöhnlich aus dem Hauptbild, zwei Flügeln und einer Predella.

Das Triptychon, das den Namen „Smolensk-Altar“ trägt, stellt Fragmente des bekannten Kindermord-Motivs und gleichzeitig auch drei mögliche Blickrichtungen der Bildbetrachtung dar. Die einzelnen Bilder sind bewusst in ihrem unvollendeten Stadium belassen. In der „Predella“ sind getötete Kinderleiber zu sehen. Im linken Flügel ein rotgewandeter Mann in herrischer Pose. Sein ausgestreckter Arm zeigt durch die leere Mitte hindurch auf das rechte Altarflügel, zu den klagenden Frauen und der mater dolorosa, die ein durchbohrtes Kind auf dem Schoß hält. Das Kind trägt – und dies ist vielleicht die größte Provokation – die Gesichtszüge des verunglückten Präsidenten Lech Kaczyński …

Doch der wichtigste Teil, der Mittelteil des „Altars“, fehlt. In Giottos Werk bildet die Darstellung der Durchbohrung des unschuldigen Opfers (eines Kindes) das Zentrum. Das „Altarbild“ von Michał Rutz zeigt dem Betrachter eine Leerstelle für etwas Undarstellbares, einen (Bild)Raum, der gerade im Entstehen begriffen ist.

In Warschau hat das Werk von Michał Rutz einen Skandal hervorgerufen. Die Studentenschaft der Akademie hat, so der Künstler, gegen eine Ausstellung des „Altars“ protestiert und diese auch verhindert. Erneut steht in Mittelosteuropa Kunst vor Gericht. Doch die „Richter“ sind diesmal angehende Künstler selbst.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von: http://abnormalsgallery.com/

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