Poesiealbum. Mit Abziehbildchen aus Sarajevo.

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Die Sarajevski Dani Poezije (11.-18.5.2011) in Bruchstücken. Völlig sinnfreie Aufzählung einzelner Eindrücke, freches Einflechten von ungenauen Zitaten ohne Fußnoten, und das nur zwei Wochen zu spät.

Mittwoch. Zemaljski Muzej. Rein, durch, raus, rein in den botanischen Garten, Sonne mit gelegentlichen Schauern, Klappstühle.

Feierlich wird eröffnet, was es zu eröffnen gilt, Worte werden geschwungen, beschwingt höre ich zu. Ein Mikro mit Echo, das ist wie bei einer serbischen Hochzeit, zischt S rüber. Hört, hört: Die Barbarei ist heutzutage die grundlegende Farbe unserer Realität. Gut, dass wir als Mittel dagegen die Poesie haben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in den nächsten Tagen zumindest die Illusionen genießen… Jemand liest sein Gedicht so vor, dass ich wegrennen möchte, eine andere liest mit großartiger Stimme, die raucht bestimmt täglich mindestens eine Schachtel, sagt M. Das alles in verschiedene Sprachen, nicht verkehrt. Mit erfüllter Seele gehen wir anschließend Kaffee trinken, auch das soll gut sein gegen die Barbarei, obwohl die grundlegende Farbe gemahlenen Kaffees braun ist.

Montag. Filozofski Fakultet. Treppe hoch, dann rechts, durch die Tür, rechts, durch die Tür, zu spät, in die Ecke, dezentes Aufklappen des Klappstuhls.

Poezija – tradicija, tranzicija. Uh. Es gibt viele Theorien, drum wollen wir festhalten: Der Kern der Poesie befindet sich in der Poesie selbst. Oha. Ein Kind spielt mit einer bunten Plastikknarre, die Düddelü macht. Einzig totalitäre Systeme geben der Poesie so viel Bedeutung, wie sie verdient. Auf jeden Fall eine inspirierendere These als jene über den Kern. Ihr Verfechter braucht dringend eine Zigarette, und da er nebenbei auch Moderator ist, wird die Veranstaltung beendet. Eine gute Gelegenheit für einen großen Dichter, sich der aufgeschlossenen Jugend, die u.a. ich zu repräsentieren das Vergnügen habe, im privaten Rahmen zu nähern, um sie vor falschen Freund_innen zu warnen: Die zeitgenössische Poesie ist nichts wert, aber auch gar nichts! Was iiich hingegen schon an großen Werken vollbracht habe… Das nenne ich kernig.

Dienstag. Elektrotehnička škola. Klopfen, warten, klopfen, rein, Treppe hoch, rein, die Schüler_innen müssen für die anderen Besucher_innen die Sitzplätze räumen, hinsetzen, ätsch, liebe Schüler_innen, ich bin fünf Jahre älter als ihr und gehöre schon zum ernst zu nehmenden Publikum.

Hier zu sein lohnt sich hauptsächlich wegen jemandem, der umwerfend vorliest, das macht Gänsehaut, sagt M. Skandal des Tages: Der von der Moderatorin vergessenen Dichterin gelingt es, sich über das Vergessenwerden in so unsympathischer Weise aufzuregen, dass ich keinerlei Mitleid mit ihr haben kann. Daher innerlicher Applaus für den Umwerfer ob eines schönen Beispiels direkter Intervention: Willste jetzt lesen oder nicht?, faucht er sie an. Pikiert klappt Madame also doch noch ihr Buch auf, ein Gedicht für uns Frauen, das hatte mir gerade noch gefehlt. Dann durch den Regen nach Hause, im Kopf ein Gedicht, nicht das für uns Frauen, nein. Samo Sana teče prema vama.

Mittwoch. Dom Mladih. Rein, ein Raum, den ich bei einer Technoparty kennen gelernt habe, es fällt mir immer noch schwer, mich von dieser Assoziation zu lösen, früh da, freie Platzwahl, Leinwand.

War an den anderen Tagen auch so eine gerontologische Atmosphäre, fragt B. Eine Poetin schläft auf der Bühne ein; als sie dran ist, sagt sie, hier zu sein, sei eine Ehre. Ein Poet gibt sich für einen anderen aus, weil sie die zweisprachige Ansage mit Kurzbiographie scheinbar beide nicht mitbekommen haben. Dann eine Schlussrede, in der über die kommunistische Eiszeit schwadroniert wird, eieiei; es sei Zeit, sich dem modernen Europa anzunähern fuj. Falls ich mal so werden sollte wie einer von denen, sagt B, der selber schreibt und daher erst recht Gefahr läuft, so zu werden wie einer von denen, sei so frei und greif‘ zur Knarre… Dann ist aus die Maus und wir gehen raus. Das waren sie also, die Sarajevski Dani Poezije, in ihrem 50. Jubiläumsjahr. Zu diesem Festival wurde wohl auch schon mal Radovan Karadžić eingeladen, was angenehmerweise auch jetzt nicht vertuscht wird… Später beim Bierchen reden wir über ein unangenehmes Thema, lasst uns über was anderes reden, schlage ich daher konstruktiv vor – ja, zum Beispiel über einen Dichter, das wäre doch schön, meint I, und das ohne Ironie, vielmehr leuchtenden Auges!

Die Tage danach. Überall und nirgends. Weiterlesen in der Virtualität.

Website des Festivals: www.sadapoezije.ba (Lust auf Ratespiel? Ordne die in diesem Beitrag erwähnten Personen den Namen im Programm zu!).  Schleichwerbung mit dem Zaunpfahl: http://gregorfehmi.blog.hr/ (Texte von B, der nicht so werden will wie einer von denen…).

Jetze. Hier. Poesie. Denn das letzte Wort gehört den Worten. Ungefragt beigetragen von Erich Fried.

Darf ein Gedicht / in einer Welt / die an ihrer Zerrissenheit / vielleicht untergeht / immer noch einfach sein? // Darf ein Gedicht / in einer Welt / die vielleicht untergeht / an ihrer Zerrissenheit / anders als einfach sein? // Darf eine Welt / die vielleicht an ihrer / Zerrissenheit untergeht / einem Gedicht / Vorschriften machen?

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2 Antworten to “Poesiealbum. Mit Abziehbildchen aus Sarajevo.”

  1. Anne-Christin Grunwald Says:

    Darum Bruchstücke: Weil ich erst kürzlich die Wörter krhotina und ulomak gelernt habe. Mich zu keinerlei Vollständigkeit imstande fühle. So dreist war, manche Teile dieses Poesiefestivals zu schwänzen, mir erlaube, die Existenz mancher Personen mittels Nicht-Erwähnung zu negieren, was teilweise, aber keinesfalls zwangsläufig von mangelnder Wertschätzung zeugt. Und vor allem, weil ich die Postmoderne grüßen möchte und außerdem alle, die mich kennen!

  2. Anne-Christin Grunwald Says:

    Darum dieser Beitrag: Schnöde Unterhaltung, sonst nichts. Es tut mir also Leid für jene Leser_innen, die etwas anderes erwartet haben und nun entleert am Ende angekommen sind. Dem kann ich leider keine Abhilfe schaffen, außer milder Trostworte: a) Der Kern dieses Beitrags ist der Beitrag selbst. b) Und die Poesie – ja, die…

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