Tatort Osteuropa

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Friedrich Wilhelm Murnau lässt 1922 den deutschen Jonathan-Harker-Verschnitt Hutter in seinem legendären Stummfilm Nosferatu zu Graf Orlok ins „Land der Gespenster“ und Diebe reisen. Im Zentrum dieser Umschreibung liegt das bereits bei Stoker zum Osteuropa-Konzentrat gerinnende Transsylvanien, das der blutsaugende Orlok in kolonisatorischer Absicht dann auch per Schiff vom bulgarischen Varna auf der anderen Seite der Karpaten aus in Richtung Deutschland verlässt. Stokers Witwe gelang es wegen Verletzung des Copyrights, den bösen Osteuropäer aus den europäischen Kinos der 1920er wieder zu verbannen. Alle Kopien von Nosferatu wurden, zum Leidwesen seiner späteren Restauratoren, aus dem Verkehr gezogen.

Leider wird eine juristisch so saubere Elimination des letzten Münsteraner Tatorts auf Basis politischer Korrektheiten kaum zu bewerkstelligen sein. Verdient hätte er es! Die Rekordzuschauerquote (die höchste der letzten 15 Jahre!) wurde diesen Fernseh-Sonntag noch getoppt von ebenso rekordverdächtiger Osteuropaverachtung, die im Tatort „Herrenabend“  – gänzlich ironiefrei – zelebriert wurde.

Der Geld in fingierte Osteuropageschäfte verschiebende Kartoffelmagnat skandiert vor knapp 12 Millionen Fernseh-Zuschauern, dass uns doch allen – mal ehrlich –  Bulgarien scheißegal sei, während Vater Thiel – mit dem Auto in Trans-Schengen unterwegs  – per Webcam unfassbare Osteuropa-Kulissen auf den Monitor des Sohnes (Kommissar in Münster) sendet und um Überweisung von Bestechungsgeldern bittet. Die ersten bakšiš-Forderer sind (der Phantasie des Provinz-Drehbuchautors Vattrodt entsprungene) Zollbeamte des EU- und OECD-Mitgliedstaates Slowenien, bevor Thiel senior (wohl in Ermangelung eines Navigationsgerätes, denn seine Route zeugt von geographischer Osteuropa-Unkenntnis) über Moldawien (selbstverständlich nicht ohne Gängelung durch einen ebenfalls korrupten Zoll) zuletzt in Bulgarien ankommt. Hier findet er statt der Firma, in die deutsche Investitionen angeblich fließen, einen leeren Acker dekoriert mit obligatorisch-osteuropäischem „Alter-Mann-auf-Pferdewagen“.

Dieser, entweder mitsamt fahrbarem Untersatz vom ARD-Team nach Bulgarien eingeflogen oder gleich in Baden-Württenberg auf dem Feld rekrutiert, zeugt neben vielen anderen Details von den erzählerischen Defiziten und der exzessiven Stereotypausbeute des Karlsruher Drehbuchschreibers. So deklassieren etwa die an ausstatterische Debilität grenzende Klischeehaftigkeit des Teenagerzimmers, die gänzlich naive Überschätzung pathologischer Kompetenzen  (Schädelrekonstruktionen gehören nicht gerade zu spontan ausbaubaren Bastelbegabungen auch habilitierter Rechtsmediziner!) oder die schwachsinnige Konzeption und Rolle der Figur der Steuerprüferin den ARD Tatort  als Institution irreparabel (Wo war eigentlich der Regisseur???).

Im Kopfkino des Magnus Vattrodt, der geflissentlich vermeintliche Publikumserwartungen bedient, hat Murnaus Land der blutsaugenden und pestbringenden Gespenster (alias Geisterunternehmen in Osteuropa) als Negativfolie deutscher Rechtschaffenheit offenbar längst nicht ausgedient. Eine Entschuldigung an die slowenische Botschaft und die ARD-Zuschauer für diese „Symphonie des Grauens“ steht meines Wissens aus.

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Eine Antwort to “Tatort Osteuropa”

  1. Bernice Emons Says:

    Appreciate the recommendation. Will try it out.|

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