Archive for Mai 2011

Vse o prošlom (Alles über Früher)

Mai 27, 2011

Ausgehend von dem Ausstellungsprojekt der Moskauer Rodchenko Art School unter dem Titel Performativnyj archiv (Das performative Archiv) ein paar Gedanken zum Genre des „performativen Archivs“ in der zeitgenössischen russischen Kunst.

Vom 11.-18. April 2011 war das Ausstellungsprojekt Performativnyj archiv von Studierenden der Moskovskaja Škola fotografii i mul’timedia imeni А. Rodčenko (Rodchenko Art School) zu Gast in der Galerie E.K. Art Bureau von Elena Kuprina-Ljachovič in Moskau. Die Ausstellung bzw. das Projekt fand in zwei Etappen und an unterschiedlichen Orten statt: zunächst in einem Moskauer Hinterhof – der Ort wurde von Andrej Monastyrskij höchstpersönlich ins Gespräch gebracht – erst danach im „weißen Würfel“ der Galerie.

Monastyrskij konstatiert in seinem Kommentar zum Projekt etwas verwundert: „Vse о prošlom“. Auch wenn es die gestellte Aufgabe zu suggerieren scheint – das Archiv als Thema stand am Anfang und das Material sammelte sich im Laufe des Projektes an, ist es doch nicht selbstverständlich, dass sich NACH einer Beschäftigung mit dem Moskauer Konzeptualismus und einigen kulturologischen Archivtheorien (Foster, Foucault, Derrida) im Rahmen der vorangegangenen Seminare (unter der Leitung von David Riff und Ekaterina Degot) ein überaus konservativer Archivbegriff bei den Teilnehmern des Projektes durchsetzt. Befragt nach den Wirksamkeit des Archivbegriffs für das eigene Werk im Rahmen des Projektes nennen die Teilnehmer die Stichworte „nostalgische Phantasmen“, „wundersame Welt der Erinnerungen“, „Fetischisierung der Kindheit“. Aber auch das Nachdenken über das Archiv als Regulativ und Kontrollinstanz (sicher durch die Lektüre von Derrida und Foucault getriggert), Identitätsfragen und Identitätskrise spielten eine Rolle. Nirgends aber ein Hinweis auf das Verständnis eines performativen Archivs, die Komponente der „Performativität“! (http://aroundart.ru/1339257/-)

Unter „Performativierung des Archivs“ wird hier die Produktivierung und Re-aktivierung/ -animierung von Archivmaterial für den Zweck der Ausstellung verstanden, so dass die Ausstellung als Ganzes dem Genre des „Performing Archive“ zuzurechnen wäre. Dem eigenen, privaten (Haus-)archiv wird in diesen Rahmen der Status von ästhetisch verwertbarem Material zugesprochen. Die einzelnen Ausstellungsobjekte der TeilnehmerInnen testen den Raum, den die Kippfigur zwischen dem Spiel mit dem ästhetischen Wert eines obsessiven Exhibitionismus, der sich aus dem Kindheitsarchiv speist – mehrmals gesehen die Geste des Ausbreitens des eigenen (Foto-)Archivs – und der Anerkennung der ästhetischen und performativen Qualitäten eines „ätherischen“, d.h. allgegenwärtigen Archivs: „… i sreda v kotoroj ja živu i est‘ moj glavnyj archiv“ („die Umgebung, in der ich wohne ist mein hauptsächliches Archiv“; E. Lazareva, Arthive) aufspannt.

Die Performativität des Archivs wird aber eigentlich nicht nur in den einzelnen Werken der beteiligten Künstler untersucht, sondern schon durch die Form des Projektes aufgerufen: ein performanceartiges Intro im urbanen Raum und ein klassisches Ausstellungsformat im Anschluss, bei dem aber zusätzlich zu den eigentlichen, im Laufe des Projektes entstandenen Ausstellungsobjekten die Dokumentation des ersten Teils des Projektes gezeigt wird. Dieses Verfahren ist orientiert an der Aktionspraxis der Gruppe KD (Kollektivnye Dejstvija, hier vertreten durch Andrej Monastyrskij), in der sich Prozesse der Dokumentation und Aktion vermischt und geschichtet haben, so dass ein mehrdimensionales Archiv zwischen Präsenz und Repräsentation, zwischen Prozess und Produkt, zwischen Aufrufen und Aufführen resultierte.

Die eigene performative Archivität dieser geschichteten Form ist in dem Ausstellungsprojekt der Rodchenko-Studierenden aber nur unzureichend reflektiert worden. So blieb der erste, von Monastyrskij initiierte Teil des Projekts in seinem Archivcharakter anscheinend unerkannt. „snačаlа v odnom konkretnom dvorike (čem on primečatelen my ne znali, i daže kogda proveli tam akciju do konca ne ponjali, čtо Andrej imel v vidu)“ („erst auf einem konkreten Hinterhof (wodurch er sich auszeichnete, wussten wir nicht, und selbst als wir dort die Aktion durchführten wurde nicht abschließend klar, was Andrej meinte)“) schreibt „Calamari_union“ (E. Lazareva) im Blog Arthive .

Das Archiv als Grundlage, als Ausgangsmaterial ästhetischer Weiterentwicklung und Performativierung wird hier kaum thematisiert, sondern eine, vielleicht nicht ausschließlich, so doch überwiegend retrospektiven Perspektive produktiviert. Das Archiv ist in diesem Verständnis immer noch etwas, „worauf man zurückgreift“, und nicht etwa etwas, was sich prozesshaft im Entstehen befindet und gleichzeitig schon wirkungsmächtig ist. Es dominiert der Rückgriff auf Themen und Bildmaterial aus den 90ern, auf Kindheitserinnerungen und historische Persönlichkeiten. Auch „formal“ dominiert eine Anlehnung an konzeptualistische Praxis aus den 80ern, deren archivische Progressivität und Radikalität nicht erreicht, ja nicht einmal verstanden wurde.

Auch wenn der Begriff des „Archivs“ aus künstlerischer Praxis und deren theoretischer Reflexion nicht mehr wegzudenken ist, so ist doch dessen Weiterentwicklung in Richtung des „performativen Archivs“ noch nicht theoretisch fundiert nachvollzogen worden (und das war erklärtes Ziel des Projektes Performativnyj archiv).

Bildquelle: http://arthive.livejournal.com/6720.html

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Jugopracht. Eine Denkmalreihe (3/10)

Mai 22, 2011

"Spomenik revoluciji u Moslavini" (Denkmal für die Revolution in Moslavina), Dušan Džamonja, 1957

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Jugopracht. Eine Denkmalreihe (2/10)

Mai 18, 2011

"Spomenik Kosmajskom NOP odredu" (Denkmal zu Ehren der Partisanen-Brigade auf dem Kosmaj), Vojin Stojić/Gradimir Medaković, 1982?

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Jugopracht. Eine Denkmalreihe (1/10)

Mai 11, 2011

"Spomenik hrabrima" (Denkmal für die Mutigen), Miodrag Živković, 1967-69

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Viel Lärm um ein Spiegelei – Aktionisten in Aufruhr

Mai 6, 2011

Die Aktion Ispoved‘ u vecnogo ognja (Beichte am Ewigen Feuer, in anderen Quellen auch вічна яєчня на вічному вогні) der ukrainischen Aktivistin Anna Sin’kova aktiviert verloren geglaubte Reflexe und erschüttert allgemeine Gewissheiten

Die Aktion: Spiegelei und Bratwurst – auf dem Ewigen Feuer am Grab des Unbekannten Soldaten in Kiew gegrillt (http://lisichka-ua.livejournal.com/231963.html).

Die Aktivistin: als orthodox-nationalistische Aktivistin in der Ukraine bekannt, gehört der Organisation „Bratstvo“ an (www.bratstvo.info). Ihre Aktionen führt sie als Mitglied der Gruppe Bratstvo Svjatogo Luki (Brüderschaft des Heiligen Lukas) durch. Einerseits werden sie auf der Internetseite von „Bratstvo“ als Aktionen im Rahmen der ausgerufenen „orthodoxen Revolution“ gelistet. Sin’kova selbst gibt aber unterschiedliche Erklärungen für ihre Aktion ab: es werde Geld und Gas für sowjetische Propaganda verschwendet, heißt es im Artikel zur Aktion, der auf der Internetseite von „Bratstvo“ zu lesen ist, sie zeige den Einwohnern Kiews und der Ukraine den richtigen Umgang mit den Feuern. In einem Exklusivinterview mit A. Plucer-Sarno (Vojna) weist sie dagegen eine politische Aussage der Aktion von sich und bezieht sich auf den ästhetischen Ansatz der „Desakralisierung“ eines propagandistisch-totalitären Ortes sowjetischen Ursprungs.

Seit dem 29. März sitzt sie dafür in Untersuchungshaft und wird dort wohl auch bis zum Prozessbeginn bleiben. Die Haftbedingungen dort sind für die 20jährige alles andere als menschenwürdig und auch die drohende Strafe von bis zu fünf Jahren scheint wenig angemessen.

Am 24. April wurde bekannt, dass die Petersburger Gruppe Vojna einen Teil (1000$) ihres gerade gewonnenen Kunstpreises „Innovacija“ an Sin’kova gespendet hat, damit sie sich, wie es hieß, im Gefängnis mit Lebensmitteln versorgen kann: „Gruppa Vojna na obščem sobranii bol’šinstvom golosov prinjala rešenie peredat‘ v dar chudožnice-politzaključennoj Аnnе Sin’kоvоj, nachodjaščеjsja v kievskom SIZO, $1000 iz deneg premii Innovacija, polučennoj za akciju «Chuj v PLENu u FSB», na produktovye peredači v tjur’mu. “ („Die Gruppe Vojna hat auf ihrer Vollversammlung beschlossen, 1000$ vom Preisgeld des Preises Innovation, den sie für die Aktion „Chuj v PLENu u FSB“ erhalten hat, der Künstlerin und politischen Gefangenen Anna Sin’kova, die sich Kiew in Untersuchungshaft befindet, für ihre Lebensmittelversorgung im Gefängnis zu spenden. [alle Übers. J.F.]) (http://plucer.livejournal.com/411992.html).
Der Musiker und Konzeptualist Sergej „das Saxophon“ Letov fühlte sich daraufhin dazu veranlasst, sich entschieden öffentlich von Vojna loszusagen: „Net, ja protiv licemerov. Posle nagrady v 1000$ оskvernitel’nice Večnogo Ognja, ja „Vojne“ bol’šе ne verju. Ne choču s takim „iskusstvom“ i takimi ljud’mi imet‘ ničego obščego.“ („Ich bin gegen Heuchler. Nach der Ehrung der Schänderin des Ewigen Feuers glaube ich nicht mehr an Vojna. Ich will mit dieser Kunst und mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben.“) (http://plucer.livejournal.com/411992.html?thread=13555288#t13555288). Nach seiner Einschätzung ist Sin’kova Nationalistin und antirussische Aktivistin und die Aktion am Ewigen Feuer sei als nationalistisch, antirussisch, ja sogar faschistisch zu werten, das Andenken an die Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges werde beleidigt. Das Ewige Feuer dürfe nicht als sowjetische Propagandamaßnahme missverstanden werden, es sei ein international verwendetes Symbol beim Gedenken an den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, den Großen Vaterländischen Krieg und den Sieg der Alliierten gegen Hitlerdeutschland. Durch den Mahnmalcharakter des Ortes und die reale Anwesenheit von Soldatengräbern verböten sich solcherart Aktionen prinzipiell.
Vojna hätte, so argumentiert Letov, in der Wiederholung der „kulinarischen“ Thematik (nach dem Spiegelei die Geldübergabe mit dem Zweck, es für Lebensmittel einzusetzen) die Aktion Sin’kovas quasi fortgeführt und so nicht nur die Solidarität mit der inhaftierten Aktivistin, sondern auch ihr Einverständnis mit den politischen Aussagen der Aktion ausgedrückt. Genau das ist der zentrale Punkt von Letovs Kritik an Vojna und für ihn nicht tragbar. Noch einmal die Position Letovs im Zitat aus seinem Facebook-Account: „Reč‘ о tom, čto vydeljat‘ den’gi s formulirovkoj „NA PRODUKTY PITANIJA“ avtoru takoj kulinarnoj akcii – značit otkryto ee podderžat‘ i vyrazit‘ s nej solidarnost‘. V čem sostoit ėta …akcija na Mogile Neizvestnogo Soldata, kak ne v oskvernenii pamjatnika? […] Reč‘ о tom, kak otnositsja k „Vojne“ posle ėtogo. Ėtot postupok – оčеn‘ simvоličеn!“ – „Es geht darum, dass eine Geldübergabe mit der Formulierung „FÜR LEBENSMITTEL“ an die Autorin dieser kulinarischen Aktion bedeutet, sie offen zu unterstützen und Solidarität zu zeigen. Worin besteht aber diese Aktion am Grabmahl des Unbekannten Soldaten, wenn nicht in der Schändung dieses Mahnmals? Es geht also darum, wie man sich nach diesem äußerst symbolischen Vorfall gegenüber Vojna positioniert.“ (Hervorhebungen im Original)

Aleksej Plucer-Sarno, das „Sprachrohr“ von Vojna, nahm den Fehdehandschuh auf und lieferte sich mit Letov und weiteren Mitdiskutierenden ein lebhaftes Wortgefecht im „ЖЖ“ (Livejournal). Dass er dabei mit Beleidigungen und Flüchen nicht spart ist nicht weiter überraschend und kann als Berufskrankheit des Philologen gelten, der ein hervorragendes Wörterbuch der russischen Fluchsprache herausgebracht hat (http://www.plutser.ru/); es entspricht ebenso seiner neueren Rolle als Chefideologe von Vojna. Die Position Plucer-Sarnos / der Gruppe Vojna ist jedoch denkbar eindimensional: „Gruppa Vojna sčitaet akciju „Ispoved‘ u Vеčnogo ognja“ chudožеstvenno slaboj, nо nе imejuščej nikakich priznakov ugolovnogo nakazuemogo dejanija. Net somnenij v tom, čto chudožnica soderžitsja v tjur’me pо ideologičeskim приčinam i javljaetsja politzėkom.“ („Die Gruppe Vojna hält die Aktion „Beichte am Ewigen Feuer“ für künstlerisch schwach, sie gibt allerdings keinerlei Anlass, sie als strafrechtlich relevant einzustufen. Es gibt keinen Zweifel, dass sich die Künstlerin aus ideologischen Gründen im Gefängnis befindet und daher als politische Gefangene einzustufen ist.“) (http://plucer.livejournal.com/411992.html)

So recht Letov in der Sache hat, so überraschend für mich ist der Appell des Künstlers an die Justiz und sein Glauben an die ordnungsschaffende Macht der Institutionen, mit dem die Forderung einer gerichtlichen Klärung des Falls Sin’kova einhergeht. Die Beispiele juristischer Prozesse gegen Künstler und Kuratoren aus den letzten Jahren (gerade auch aus Russland) sind nicht gerade ermutigend, nicht gerade dazu geeignet, Vertrauen in das Wohlwollen und Gerechtigkeitsempfinden der Behörden zu schaffen, geben keinen Anlass, auf eine fundierte Abwägung zwischen den Werten der Künstlerischen Freiheit und Persönlichkeitsrechten hoffen zu können. Ob diese Prozesse in der Ukraine wesentlich anders ablaufen, ob die Stellung der zeitgenössischen Kunst gefestigter ist und die Grenzen zwischen Vandalismus und künstlerischer Intervention eindeutiger sind, ist ebenfalls zu bezweifeln. Dass die Justiz de Aufgabe hat, sich diesen Fragen zu stellen, steht außer Frage. Dass aber auch der Aktionismus die Aufgabe hat, mit seinen Mitteln Salz in die gesellschaftlichen Wunden zu streuen und unbequeme Fragen zu stellen, steht ebenso außer Frage. Bleibt abzuwarten, ob Sin’kova diejenige ist, an der jetzt das Exempel statuiert wird.

Was hier zur Sprache kommt, sind die ganz großen Fragen – die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine unter den Bedingungen des „Postkolonialismus“ und des Energiekonflikts, der Umgang mit der Geschichte von Faschismus und Sowjetmacht, brandaktuelle Abgrenzungsprobleme zwischen politischem und künstlerischem Aktivismus, mit denen sich gleichzeitig Künstler, Kritiker und Gerichte auseinandersetzen müssen, die von Boris Groys so wunderbar polemisch auf einen Nenner gebrachten Instanzen Kunst und Terror als Phänomene eines Marktes (Groys: Terror als Beruf. In: Hegemann, Carl (Hg.) Ausbruch der Kunst (Politik und Verbrechen, II). Berlin 2003, S. 125-148), die Fragen, was „linke“ und „rechte“ Kunst sei oder was überhaupt als Kunst zu werten ist? Die Argumente wiederholen sich, Grundsatzfragen wie die nach der liberalen Tradition eines dissidentischen Selbstverständnisses in der zeitgenössischen Aktionskunst kommen wieder aufs Tapet.
Auch ein Generationenkonflikt zwischen den „alten“ und „neuen“ Aktionisten lässt sich unschwer aus der Diskussion ablesen, wie z.B. in einem weiteren Diskussionsstrang zu diesem Thema zwischen Anton Nikolaev und Avdej Ter-Ogan’jan (Anton Nikolaev ist nach Paragraf 282 des russischen Strafgesetzbuches angeklagt. Als (Mit)-Kurator des Ausstellungsprojekts „Infrastruktura“ im Jahr 2010 in Moskau wird er für das Zeigen eines Bildes der jungen Künstlerin Rita Sajapina verantwortlich gemacht, das im Ikone im Manga-Stil darstellt, darauf eine eine Madonna, die statt des Christuskindes ein Ferkel im Arm hält (http://www.flickr.com/photos/alkotin/4721107576/); der Künstler Avdej Ter-Ogan’jan befindet sich im Prager Exil, nachdem er 1998 orthodoxe Ikonen im Rahmen seiner Aktion Junyj Bezbožnik (Der junge Gottlose) zerstört und beschmiert hat) offensichtlich wird:
Position Nikolaevs: „U menja pozicija takaja, čtо nužno zaščiščat‘ vsech, kto okazalsja v tjur’me nespravedlivo vne zavisimosti ot ich bėkgraunda. V postupke ėtoj Аni ne bylo ničegoо, za čto možno sažаt‘ čеloveka v SIZO.“ („Ich vertrete die Position, dass man alle unterstützen muss, die sich ungerechtfertigterweise im Gefängnis wiederfinden, unabhängig von ihrem Background. Im Verhalten dieser Anna ist nichts, was eine Untersuchungshaft rechtfertigt.“) (Facebook) Das ist die exakt die Argumentation Aleksej Plucer-Sarnos.

Die Position Avej Ter-Ogan’jans dagegen: „Mne ne nravitsja, čtо gruppa Vojna pozicionirujuščaja sebja, kak levaja, podderživaet nacistov! Da, akcija ėtoj devicy iskusstvo, političеskое iskusstvo, imejuščij političeskij smysl. I smysl ėtot jasen. Ėto antisovetskoe iskusstvo ukrainskich nacionalistov. Ja takoe iskusstvo ne ljublju, vne zavisimosti ot togo talantlivo ono ili net. […] Iskusstvo imeet smysl, i v zavisomosti ot ėtogo smysla proischodjat ego ocenki. Fašistam mesto v tjur’me.“ – „Mir gefällt nicht, dass Vojna, die sich als Linke positionieren, Nazis unterstützt. Die Aktion dieses Mädchens ist Kunst, politische Kunst, es gibt einen politischen Sinn, und der ist eindeutig. Es handelt sich um antisowjetische Kunst von ukrainischen Nationalisten. Ich mag diese Kunst nicht, ob sie nun talentiert sein mag oder nicht. […] Kunst hat einen Sinn, und abhängig von diesem Sinn wird sie bewertet. Und Faschisten gehören ins Gefängnis.“ (http://teroganian.livejournal.com/378386.html)

An anderer Stelle schreibt er in Bezug auf Vojna: „Ich političeskoe bezrazličie, a točnee licemerie vynuždaet menja zanjat‘ kritičeskuju poziciju pо оtnоšenii k Vojne. Dumaju, čto v našem analize sovremennogo iskusstva utračena političeskaja sostavljajuščaja. Utračena davno, kogda vse sovremennoe iskusstvo bylo sinonimom progressivnogo. […] Dovol’no trudno kritikovat‘ Vojnu ser’ezno. No ėto nužno delat‘. Ich vybor ne оšibkа, ėto simptom.“ – „Ihre politische Gleichgültigkeit, oder eher Heuchelei zwingt mich, eine kritische Position gegenüber Vojna einzunehmen. Ich denke, dass bei der Analyse der zeitgenössischen Kunst die politische Determinante verloren gegangen ist. Schon lange verloren gegangen ist, als die zeitgenössische Kunst zum Synonym des Progressiven wurde. […] Es ist schwer, Vojna ernsthaft zu kritisieren, aber es ist notwendig. Ihre Position ist kein Fehler, sondern ein Symptom.“ (http://sergey-letov.livejournal.com/94507.html)

Nach Ter-Ogan’jan steht die „političeskoe bezrazličie“ von Vojna also nicht in der Tradition des russischen Aktionismus der 1990er Jahre, der sich als politisch „links“ verstanden hätte. Abgesehen davon, dass es im postsowjetischen Raum schwierig ist, das politische Spektrum linear auf einer Achse von links nach rechts anzuordnen, handelt es sich hier um ein grundsätzliches Missverständnis: bei Vojna handelt es sich nicht um (linken) politischen Interventionismus, sondern um ein cleveres antiautoritäres Kunstprojekt. Dass der Staat, vor allem die Institution Polizei mit ihrer autoritären Symbol- und Signalwirkung, mit ihrer starken öffentlichen Präsenz, ihrer sichtbaren und zeigbaren Uniformierung, mit ihren an Choreographien erinnernden Einsätzen und der Voraussagbarkeit ihrer Reaktionen ein dankbares Objekt ästhetischer Inventionen darstellt, ist das Instrumentarium, auf dem Vojna spielt, und hat mit einer politischen Ausrichtung zunächst wenig zu tun.

Und nicht zuletzt: „Art-Majkerstvo“ (art-making) und „samopiar“ (PR, Selbstvermarktung) sind die Fragen, die der ebenfalls angeklagte Künstler Oleg Mavromati in diesem Zusammenhang aufwirft (Oleg Mavromati selbst entzog sich der juristischen Verfolgung nach §282 infolge seiner Aktion „Ne ver‘ glazam“ (2000) durch seine Ausreise nach Bulgarien und die USA.). Er versuchte, die Diskussion auf ein anderes Niveau zu heben und ließ in seinem Livestream-Kanal „282“ Anton Nikolaev und Avdej Ter-Ogan’jan miteinander diskutieren (die Zahl „282“ steht für den Artikel 282 des Russischen Strafgesetzbuches, der das „Schüren nationalen und religiösen Hasses“ unter Strafe stellt, inhaltlich vergleichbar mit dem deutschen „Volksverhetzungsparagraphen“ §130 StGB. In den letzten Jahren sind immer wieder Künstler und Kuratoren nach § 282 angeklagt und verurteilt worden), (http://article282.livejournal.com/50711.html).

Mavromati vermutet eine auch von Letov konstatierte Krise der zeitgenössischen (institutionellen) Kunst, die ihre gesellschaftliche Funktion und Wirkung eingebüßt hätte und deren Nische nun neu besetzt werden müsse. Die Kunst werde ersetzt durch aktionistische Derivate und Postulate, die ihre Autorisierung durch „Art-Majkerstvo“ erfahren und deren integraler Bestandteil die mediale Selbstvermarktung („samopiar“) ist. In dieser Logik (und das ist Oleg Mavromatis These) ist die Aktion Sin’kovas ein Akt der „Art-Majkerstvo“ mit und durch Vojna, die damit ihrerseits ihre Samopiar als anarchistische Aktionisten pflegen.

Avdej Ter-Ogan’jan und Oleg Mavromati wird in diesem Diskurs allerdings keine große Autorität gewährt, da sie sich beide den Prozessen entzogen haben, während sich Vojna aktiv mit Polizei und Behörden auseinander setzt und Anna Sin’kova derzeit in U-haft sitzt. So wird eine weitere Kategorie aufgemacht: Heldentum und persönliche Opferbereitschaft heißt – Verantwortung für seine „Taten“ (künstlerische Aktionen) übernehmen, während die Nichtbereitschaft, für juristische Konsequenzen einzustehen (wie gerechtfertigt sie auch immer seien oder wie sehr man an die Rechtsstaatlichkeit der Organe glauben mag) als Feigheit dargestellt wird.

Tatort Osteuropa

Mai 4, 2011

Friedrich Wilhelm Murnau lässt 1922 den deutschen Jonathan-Harker-Verschnitt Hutter in seinem legendären Stummfilm Nosferatu zu Graf Orlok ins „Land der Gespenster“ und Diebe reisen. Im Zentrum dieser Umschreibung liegt das bereits bei Stoker zum Osteuropa-Konzentrat gerinnende Transsylvanien, das der blutsaugende Orlok in kolonisatorischer Absicht dann auch per Schiff vom bulgarischen Varna auf der anderen Seite der Karpaten aus in Richtung Deutschland verlässt. Stokers Witwe gelang es wegen Verletzung des Copyrights, den bösen Osteuropäer aus den europäischen Kinos der 1920er wieder zu verbannen. Alle Kopien von Nosferatu wurden, zum Leidwesen seiner späteren Restauratoren, aus dem Verkehr gezogen.

Leider wird eine juristisch so saubere Elimination des letzten Münsteraner Tatorts auf Basis politischer Korrektheiten kaum zu bewerkstelligen sein. Verdient hätte er es! Die Rekordzuschauerquote (die höchste der letzten 15 Jahre!) wurde diesen Fernseh-Sonntag noch getoppt von ebenso rekordverdächtiger Osteuropaverachtung, die im Tatort „Herrenabend“  – gänzlich ironiefrei – zelebriert wurde.

Der Geld in fingierte Osteuropageschäfte verschiebende Kartoffelmagnat skandiert vor knapp 12 Millionen Fernseh-Zuschauern, dass uns doch allen – mal ehrlich –  Bulgarien scheißegal sei, während Vater Thiel – mit dem Auto in Trans-Schengen unterwegs  – per Webcam unfassbare Osteuropa-Kulissen auf den Monitor des Sohnes (Kommissar in Münster) sendet und um Überweisung von Bestechungsgeldern bittet. Die ersten bakšiš-Forderer sind (der Phantasie des Provinz-Drehbuchautors Vattrodt entsprungene) Zollbeamte des EU- und OECD-Mitgliedstaates Slowenien, bevor Thiel senior (wohl in Ermangelung eines Navigationsgerätes, denn seine Route zeugt von geographischer Osteuropa-Unkenntnis) über Moldawien (selbstverständlich nicht ohne Gängelung durch einen ebenfalls korrupten Zoll) zuletzt in Bulgarien ankommt. Hier findet er statt der Firma, in die deutsche Investitionen angeblich fließen, einen leeren Acker dekoriert mit obligatorisch-osteuropäischem „Alter-Mann-auf-Pferdewagen“.

Dieser, entweder mitsamt fahrbarem Untersatz vom ARD-Team nach Bulgarien eingeflogen oder gleich in Baden-Württenberg auf dem Feld rekrutiert, zeugt neben vielen anderen Details von den erzählerischen Defiziten und der exzessiven Stereotypausbeute des Karlsruher Drehbuchschreibers. So deklassieren etwa die an ausstatterische Debilität grenzende Klischeehaftigkeit des Teenagerzimmers, die gänzlich naive Überschätzung pathologischer Kompetenzen  (Schädelrekonstruktionen gehören nicht gerade zu spontan ausbaubaren Bastelbegabungen auch habilitierter Rechtsmediziner!) oder die schwachsinnige Konzeption und Rolle der Figur der Steuerprüferin den ARD Tatort  als Institution irreparabel (Wo war eigentlich der Regisseur???).

Im Kopfkino des Magnus Vattrodt, der geflissentlich vermeintliche Publikumserwartungen bedient, hat Murnaus Land der blutsaugenden und pestbringenden Gespenster (alias Geisterunternehmen in Osteuropa) als Negativfolie deutscher Rechtschaffenheit offenbar längst nicht ausgedient. Eine Entschuldigung an die slowenische Botschaft und die ARD-Zuschauer für diese „Symphonie des Grauens“ steht meines Wissens aus.

Die Literaturzeitschrift RADAR: drei Sprachen, drei Literaturen – und noch viel mehr

Mai 2, 2011

Deutsch, Polnisch und Ukrainisch sind die Sprachen, in denen das Literaturmagazin „Radar“ erscheint. Hier veröffentlichen Autorinnen und Autoren dieser drei Literaturen ihre Texte, und hier werden ihre Texte in die jeweiligen anderen beiden Sprachen übersetzt.

Auf dem Streifzug durch Radar gibt es viel zu entdecken. So erfährt man etwa, wie ein Gedicht der „eigenen“ Sprache in der „anderen“ Sprache klingt, oder man begegnet dem Gedicht eines Dichters der „anderen“ Literatur, das man in der „eigenen“ Sprache lesen kann, z.B. ein Fragment aus „Unsere kleine, allgegenwärtige, softe“ von Cezary K. Kęder:

6%
kein Vergleich denn es gibt nur sie
ausgeschnitten aus der Menge und aus der Sicht
hinter Sommer Straßenbahn nächste Station
Rädergeratter Kreischen Kurven Handgriffe
klebrig von Schweiß, aus ihrer grauen Hölle
in der sie kaum Luft kriegt kurz vor dem Gewitter

und ich bin hier schaue

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das ist real ein Album voll Bilder

[Übersetzung: Bernhard Hartmann]

Nasza mała, wszechobecna, miękka

6%
nie ma porównań bo jest tylko ona
wycięta z tłumu z jej planu dalszego
niż lato tramwaj kolejny przystanek
stukot kół szarpnięcia zakręty poręcze
lepkie od potu, z jej szarego piekła
w którym się dusi na chwilę przed burzą

a ja jestem tu patrzę

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to jest real album pełem fotek

Наша мала, мяка, всюдисуща

6%
немає порiвнянь є тiльки вона
вирiзана з натовпу з її дальших планiв
нiж лiто трамвай чергова зупинка
стукiт колic повороти шарпанина липкi
вiд поту поруччя, з її сiрого пекла
в якому задихається на мить перед бурею

 а я тут, дивлюся

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це real album повний фоток

[Übersetzung: Chrystyna Stel’mach]

Ermöglicht werden diese Entdeckungen durch die Übersetzerinnen und Übersetzer, und sie sind es denn auch, die hier besonders geschätzt werden, denn sie ermöglichen es, die Grenzen zwischen den Nationalliteraturen zu öffnen und zu zeigen, dass der Text in der Übersetzung nicht verliert, sondern vielmehr neue Aspekte dazu gewinnt und sich neue Perspektiven auf den Text eröffnen.

Geöffnet werden auch die Grenzen zwischen den Gattungen: Auf dem Internetportal von Radar gibt es alles, was im weit gefassten Sinn mit Literatur zu tun hat: Grafik- und Fotoserien, Kurzfilme, Ausschnitte aus Hörspielen – und natürlich Texte: Lyrik, Prosa, Drama, Rezensionen, Essays, Gespräche und Literaturkritik; in der Print-Ausgabe wird eine Auswahl dieser Texte vorgestellt.

Bisher sind zwei RADAR-Hefte erschienen: In der ersten Ausgabe werden die Gemeinsamkeiten der drei Literaturen betont; in der zweiten geht es gerade um das Gegenteil, nämlich um die Verschiedenartigkeit der zeitgenössischen deutschen, polnischen und ukrainischen Literatur.

Durch die drei Sprachen zu schlendern und zu sehen, dass das, was oft als „unmöglich“ betrachtet wird – das Übersetzen von einer Sprache in eine andere – nicht nur möglich ist, sondern die Texte dadurch vielschichtiger und vielseitiger werden, ist lustvoll – und schön!

Das nächste Heft erscheint im August und wird einen Schwerpunkt zur Deutschschweizer Literatur haben.

http://www.e-radar.pl

Antrittsvorlesung von Tatjana Tolstaja

Mai 2, 2011

Tatjana Tolstaja ist neue „Siegfried-Unseld-Gastprofessorin“ (im Sommersemester 2011 am Institut für Slawistik, HU-Berlin)

Nach Dževad Karahasan und Laszlo Marton wird die in Kooperation der Humboldt-Universität mit dem Suhrkamp Verlag und dem DAAD am Institut für Slawistik der Humboldt-Universität zu Berlin eingerichtete Siegfried-Unseld-Professur im Sommersemester 2011 mit der bekannten russischen Autorin und Medienpersönlichkeit Tatjana Tolstaja besetzt. Tatjana Tolstaja, die nach mehrjährigen Lehraufenthalten in den USA viel praktische Lehrerfahrung mitbringt, wird zwei Seminare zu den Themen „Meister-Werke“ und „Autobiographische Schreibweisen“ für die Studiengänge „Slawische Literaturen“, „Kulturen Mittel- und Osteuropas“ und „Europäische Literaturen“ anbieten. Die zweite, praxisorientierte Veranstaltung zum Kompetenzbereich des „Creative Writing“ ist auch für das Praxismodul der BA-Studiengänge geöffnet. Die Veranstaltungen finden in englischer und auf Wunsch auch in russischer Sprache statt.

Am 10. Mai um 18 Uhr wird Tatjana Tolstaja ihre Antrittsvorlesung im Vortragssaal des Collegium Hungaricum Berlin halten. Sie wird zum Thema: „Essen in der russischen Literatur“ sprechen.

Filmreihe „Störfall Vampir“ am Institut für Slawistik

Mai 2, 2011

Begleitveranstaltung zum gleichnamigen Seminar von Miranda Jakiša und Miriam Finkelstein

 Begleitend zum Seminar „Störfall Vampir“ werden am Institut Klassautiker des Vampirfilms und slawische Vampirfilme gezeigt. Den Auftakt macht am 2. Mai Murnaus „Nosferatu“ (1922). Weitere Filme der Reihe: Polanskis „The fearless vampire killers“ (1966), Kadijevićs „Leptirica“ (1973), „Bram Stokers Dracula“ (1992), Bekmambetovs „Ночной дозор“ (2004) sowie Juraj Herz‘ „Upír z Feratu“ (1981).

 

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei!

Ort: Institut für Slawistik DOR 65, Raum 5.42, jeweils 18 Uhr