Die Lust am Text wird mir keiner verderben!

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Am 4. April 2011 sprach Prof. Dr. Dean Duda (Zagreb) in der serbischen Nationalbibliothek in Belgrad über Roland Barthes (siehe die Ankündigung des Vortrags  „Roland Barthes, Populärkultur und Literaturtheorie“ auf der Homepage der Narodna Biblioteka Srbije). Duda nutzte diesen Vortrag als Anlass – soweit ich seiner Argumentation folgen konnte –, um eine gründliche Kritik an der zeitgenössischen Literaturtheorie zu üben. Diese Theorie, so Duda, sei selbstgefällig, den erkenntnistheoretischen Debatten und Entwürfen der 1960er Jahre verhaftet und habe durch den seitdem anhaltenden Methodenpluralismus an Aussagekraft und Präzision verloren. Die zentrale These des Abends lautete, dass dieser Zustand hauptsächlich Roland Barthes verschuldet sei.

Aus Roland Barthes machte Duda so etwas wie einen ‚begnadeten Werbetexter‘ und erhob ihn zur Frontfigur einer Generation von Theoretiker_innen, deren Schriften vor allem durch Sloganhaftigkeit und Plakativität gekennzeichnet sind. In einem polemisch anmutenden Tonfall verurteilte er Texte wie S/Z oder La chambre claire zu bloßen attraktiven Objekten voller Aphorismen und fragte nach dem Wert der Barthes’schen Erkenntnisse für die heutige Wissenschaft, ja stellte ihre Relevanz gar in Frage.

Die distanzierte, fast zynische Position, die Duda einnimmt – wenn er bspw. verbatim sagt: „U zadnjih 20 godina uživamo u hibridnim, da ne kažem u  b a s t a r d n i m  tekstovima“ –, mag das Auslösen einer leidenschaftlichen Diskussion zum Zweck haben. Ich erlaube mir an dieser Stelle trotz alledem auf ihr fehlendes Differenzierungsvermögen hinzuweisen. Barthes auf seine sog. aphoristische Schreibweise zu reduzieren sowie zu betonen, dass Viktor Šklovskij sich schon vor ihm und pointierter den persönlich angehauchten essayistischen Stil zu Eigen gemacht hatte, verfehlt das Wesentliche. Der Vergleich mit Šklovskij ist dennoch gar nicht schlecht und in vieler Hinsicht treffend: Die Texte beider Theoretiker gilt es, meiner Ansicht nach, in Verbindung mit ihrem jeweiligen Entstehungskontext zu betrachten; in beiden Fällen handelt es sich um sehr radikale, wenn auch theoretisch und inhaltlich recht heterogene Textkorpora und Denkapparate, die viel Reibefläche bieten und nicht frei von Widersprüchen sind. Aber es ist genau die Radikalität und der Einfallsreichtum ihrer Thesen, die als Reaktion auf oder als Widerstand gegen einen gegebenen, stark normativen soziohistorischen Kontext überhaupt erst entstanden sind und sie zu inspirierenden Denkanstößen und fruchtbaren Instrumenten für eine weitere Auseinandersetzung machen.

Wird im heutigen Verständnis die Ausrufung des Tods des Autors etwa durch etwas Anderes ersetzt (L’auteur est mort! Vive l’auteur!), so wurde dieses neue Denken über Autorschaft überhaupt erst durch die intellektuelle Kompromisslosigkeit – unter anderem – eines Barthes ermöglicht.

Nehme ich Duda zu Ernst? Tippe ich in genau dieselbe Falle? War sein Paper samt plakativer These als produktiver Denkanstoß zur angeregten und anregenden Diskussion angedacht und nicht als bloßes destruktives Bashing? Gewiss. Somit schreibt sich mein Text in einen reaktionären Gestus ein – als ein etwas humorloses Pamphlet à la „Dude, don’t touch my buddy!“  Doch schrie mein Leserinnenherz und wollte gehört werden: Texte wie Mythologies oder S/Z sind – und es mag einerseits an der Schreibweise liegen, andererseits aber sicherlich auch an der immensen kreativen Denkleistung, von der sie sich speisen – ein besonderer Lesegenuss; und das heute noch!

Am Montag, 4. April 2011 sprach Prof. Dr. Dean Duda (Zagreb) in der serbischen Nationalbibliothek in Belgrad über Roland Barthes (siehe die Ankündigung des Vortrags  „Roland Barthes, Populärkultur und Literaturtheorie“ auf der Homepage der Narodna Biblioteka Srbije). Duda nutzte diesen Vortrag als Anlass – soweit ich seiner Argumentation folgen konnte –, um eine gründliche Kritik an der zeitgenössischen (Literatur-) Theorie zu üben. Diese Theorie, so Duda, sei selbstgefällig, den erkenntnistheoretischen der 1960er Jahre verhaftet und habe durch den seitdem anhaltenden Methodenpluralismus an Aussagekraft und Präzision verloren.Aus Roland Barthes machte Duda hierbei fast so etwas wie einen ‚begnadeten Werbetexter‘ und erhob ihn zur Frontfigur einer Generation von Theoretiker_innen, deren Schriften sich vor allem durch Sloganhaftigkeit und Plakativität kennzeichnen. In einem polemisch anmutenden Tonfall verurteilte er Texte wie z.B. S/Z
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Am Montag, 4. April 2011 sprach Prof. Dr. Dean Duda (Zagreb) in der serbischen Nationalbibliothek in Belgrad über Roland Barthes (siehe die Ankündigung des Vortrags  „Roland Barthes, Populärkultur und Literaturtheorie“ auf der Homepage der Narodna Biblioteka Srbije). Duda nutzte diesen Vortrag als Anlass – soweit ich seiner Argumentation folgen konnte –, um eine gründliche Kritik an der zeitgenössischen (Literatur-) Theorie zu üben. Diese Theorie, so Duda, sei selbstgefällig, den erkenntnistheoretischen der 1960er Jahre verhaftet und habe durch den seitdem anhaltenden Methodenpluralismus an Aussagekraft und Präzision verloren.

Aus Roland Barthes machte Duda hierbei fast so etwas wie einen ‚begnadeten Werbetexter‘ und erhob ihn zur Frontfigur einer Generation von Theoretiker_innen, deren Schriften sich vor allem durch Sloganhaftigkeit und Plakativität kennzeichnen. In einem polemisch anmutenden Tonfall verurteilte er Texte wie z.B. S/Z oder La chambre claire zu bloßen attraktiven Objekten voller Aphorismen und fragte nach dem Wert der Barthes’schen Erkenntnisse, ja stellte ihre Relevanz für heutige wissenschaftliche Auseinandersetzung gar in Frage.

Die distanzierte, fast zynische Position, die Duda einnimmt – wenn er bspw. verbatim sagt: „U zadnjih 20 godina uživamo u hibridnim, da ne kažem  b a s t a r d n i m  tekstovima“ – mag das Auslösen einer leidenschaftlichen Diskussion zum Zweck haben. Ich erlaube mir an dieser Stelle trotz alledem auf ihr fehlendes Differenzierungsvermögen hinzuweisen. Barthes auf seine sog. aphoristische Schreibweise zu reduzieren und zu betonen, dass Viktor Šklovskij sich schon vor ihm den persönlich angehauchten essayistischen Stil zu Eigen gemacht hatte, verfehlt das Wesentliche. Dabei ist der Vergleich mit Šklovskij gar nicht schlecht und in vieler Hinsicht treffend: Die Texte der beiden Theoretiker gilt es, meiner Ansicht nach, in Verbindung mit dem soziohistorischen Kontext der Entstehung zu betrachten.

oder La chambre claire zu bloßen attraktiven Objekten voller Aphorismen und fragte nach dem Wert der Barthes’schen Erkenntnisse, ja stellte ihre Relevanz für heutige wissenschaftliche Auseinandersetzung gar in Frage.

Die distanzierte, fast zynische Position, die Duda einnimmt – wenn er bspw. verbatim sagt: „U zadnjih 20 godina uživamo u hibridnim, da ne kažem  b a s t a r d n i m  tekstovima“ – mag das Auslösen einer leidenschaftlichen Diskussion zum Zweck haben. Ich erlaube mir an dieser Stelle trotz alledem auf ihr fehlendes Differenzierungsvermögen hinzuweisen. Barthes auf seine sog. aphoristische Schreibweise zu reduzieren und zu betonen, dass Viktor Šklovskij sich schon vor ihm den persönlich angehauchten essayistischen Stil zu Eigen gemacht hatte, verfehlt das Wesentliche. Dabei ist der Vergleich mit Šklovskij gar nicht schlecht und in vieler Hinsicht treffend: Die Texte der beiden Theoretiker gilt es, meiner Ansicht nach, in Verbindung mit dem soziohistorischen Kontext der Entstehung zu betrachten.

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2 Antworten to “Die Lust am Text wird mir keiner verderben!”

  1. Ljosha Says:

    Gegen Roland Barthes zu sein ist ungefähr genauso als würde man gegen das Farbfernsehen polemisieren. Barthes ist doch selbst historisch. Zudem zieht sich ja auch eine theoretische Wendung nach der anderen durch sein Gesamtwerk, so dass man es vielleicht am ehesten als eine Art sukzessive Abkehr von der Struktur und kaum homogen begreifen könnte.
    Aber es ist schwierig, das konkreter zu kommentieren, wenn man die Kritik an ihm nur in Auszügen mitbekommt. Nicht ganz unrichtig ist in meinen Augen allerdings der Verweis auf die Gefahr der Verwässerung und „Irrelevantwerdung“ der Kultur-/ Geistes-/ Literaturwissenschaft im Zuge eines immer vager werdenden Gegenstandsbereiches (wenn ich das richtig verstehe). Die endlose Fragmentierung, die ja letztlich auch in der Theorienvielfalt, einer mitunter sinnbefreiten Interdisziplinarität und dem spielerischen Essaysismus ihren Ausgang nimmt, produziert sowohl im Endeffekt die Unmöglichkeit des Dialogs als auch die die Gefahr der Verunmöglichung der Qualitätskontrolle der Wissenschaften. Hierbei ginge es gar nicht um einen Purismus der Hochkultur (der ja in der Kritik mitzuschwingen scheint), sondern eher darum, dass sich die Relevanz von nicht wenigen Forschungsanstrengungen oft kaum mehr erschließt. Das allerdings ist nun weiß Gott nicht mehr dem armen Roland Barthes anzulasten, sondern scheint mir eher ein institutionelles Problem zu sein.

  2. Alek Says:

    Sich über Barthes zu mokieren ist doch wirklich schon ein alter Hut! Ich schließe mich der Verteidigungsfront an – mehr Lust am Text, mehr Mütter im Text!

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