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Za żelazną bramą (Hinter dem eisernen Tor)

Dezember 15, 2010

Im Zentrum Warschaus, auf den Ruinen des ehemaligen Ghettos, entstanden zwischen 1965 und 1972 19 Blocks à 15 Stockwerke. In winzigen Dreizimmerwohnungen waren 11m2 pro Person vorgesehen, soviel wie es das Gesetz damals vorschrieb. Platz gibt es hier für insgesamt 25’000 Personen – eine Kleinstadt.
Heidrun Holzfeind portraitiert in ihrem Film Bewohner/innen, die von ihrem Alltag in der Wohnsiedlung Za żelazną bramą (Hinter dem eisernen Tor) erzählen. Da ist beispielsweise der jugendliche Rapper, der die Umgebung so beschreibt: „Dort drüben ist ein Fünfstern-Hotel, dieses Hotel hier hat vier Sterne, dieses dort drei.“ In der Tat wurden in den letzten Jahren Luxushotels sowie neue, noch höhere Hochhäuser und Bürotürme um und zwischen diese seelenlosen Blocks gebaut, die von vielen Warschauer/innen als ungeliebtes Erbe der kommunistischen Ära empfunden werden. Andere Jugendliche schildern die Wohngegend halb gelangweilt, halb ironisch so: „Dort ist der Schulhof, hier ein Spielplatz, dort noch ein Spielplatz, hier sind Blocks.“ Sie wollen nur weg von hier, an einen „wilderen Ort“, aber wissen genau, dass das nicht realistisch ist, denn in zehn, zwanzig Jahren wird es auch in den neuen, schicken Wohnhäusern nicht besser sein als in diesen Blocks.
Die „Alteingesessenen“ hingegen scheinen an dem Ort zu hängen, denn wenn man lange am gleichen Ort lebt, fängt man an, Wurzeln zu schlagen. Eine ältere Dame meint, sie werde garantiert nicht sterben, nur weil zur richtigen Zeit kein Arzt in der Nähe sei: „Alles ist nur ein Steinwurf von hier entfernt.“ Sie fühle sich sicher hier.
Nicht zuletzt wegen ihrer zentralen Lage galten die von viel Grün umgebenen Wohnungen in den 1970er Jahren als luxuriös. Vertreter/innen der polnischen Intelligenzija wohnten hier: Za żelazną bramą war ein Vorzeigeviertel der kommunistischen Bauplanung.
Aber auch heute gibt es Bewohner/innen, die sich hier ganz gut eingerichtet haben: So hat sich etwa ein Paar die ganze Wohnung umbauen und von einer Interior Designerin gestalten lassen. Dank den elegant-schlichten Möbeln in Pastellfarben und den größeren Räumen, die durch das Herausreissen der Wände entstanden sind, wirkt die Wohnung schon fast wie ein modernes Appartement. Oder die Wohnung eines ehemaligen Soldaten der Heimatarmee, der sich am Warschauer Aufstand beteiligt hat: An den Wänden hängen antike Waffen und Portraits polnischer Staatsmänner; sogar eine Rüstung steht in einer Ecke. Die Wohnung dieses Napoleon-Verehrers, dessen Familie schon seit Generationen für Polen gekämpft hat, gleicht einem Kriegsmuseum. Er habe sich hier, sagt er, ein Zuhause mit „polnischer Atmosphäre“ geschaffen.

Za żelazną bramą erzählt auf eindrückliche Weise von der Realisierung einer Utopie im sozrealistischen Stil, die, aus heutiger Sicht betrachtet, gewiss viel Ernüchterndes hat – aber dennoch fasziniert. Eine ganz besondere Dokumentation!

Heidrun Holzfeind: Za żelazną bramą/ Behind the Iron Gate

2009. Österreich/Polen/USA. Polnisch mit englischen Untertiteln

ISBN 978-3-03747-031-2

Trailer: http://www.moma.org/explore/multimedia/videos/90/526

Heidrun Holzfeind: http://www.heidrunholzfeind.com/ZZB.html

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