Archive for Oktober 2010

Serhij Zhadan an der Humboldt-Uni

Oktober 19, 2010

Der ukrainische Autor liest am 2.11. am Institut für Slawistik

„Ich zog meine Armeehosen an, holte unter dem Bett die schweren Armeestiefel hervor, verschlissen zwar, aber solide. Die waren heute genau richtig, dachte ich, falls es Zusammenstöße geben sollte. Ich zog mein Shirt über, griff nach meiner Uhr und ging nach draußen. In einem Schrotthaufen fand ich eine geeignete Eisenstange. Ich wog sie mit der Hand. Genau richtig für den Fall der Fälle, dachte ich und ging dem Ungewissen entgegen.“

Der ukrainische Dichter und Schriftsteller Serhij Zhadan verbringt derzeit im Rahmen eines DAAD-Stipendiums ein inspirierendes Jahr in Berlin. Bei dieser Gelegenheit schaut sich der ehemalige Dozent an der Charkiver Universität die hiesige Bildungslandschaft an. Gelangweilt von fehlenden Streiks und überrascht von fehlenden Eingangskontrollen und Passierscheinen muss der (noch?) freie Zugang zur höchsten Etage des philologischen August-Boeckh-Hauses gefeiert werden! Und zwar mit der Freiheit des schriftlichen und mündlichen Wortes: Serhij Zhadan liest aus seinem druckfrischen Roman „Vorošylovhrad“ («Ворошиловград») auf Ukrainisch und aus der russischen Übersetzung, ein Teil wird in deutscher Übersetzung vorgetragen. Um der basisdemokratischen Vielfalt willen sind BesucherInnen mit jeglichem, auch (nicht)universitären Hintergrund und Interesse, herzlich willkommen – nicht zuletzt, um sich auch für die anschließende Diskussion frei zu fühlen.

Wann: 2.11.2010, 18.30 Uhr
Wo: Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Slawistik, Dorotheenstraße 65, 5. Stock, R. 5.57
Eintritt frei

Plakatkunst 2.0

Oktober 6, 2010

a/ Wer in sowjetischer Plakatkunst versiert ist, wird hier wohl mehrere graphische und ideologische Leitmotive wiedererkennen: die plakative Ausrufung der Gleichberechtigung und Emanzipation der sowjetischen Frau, die aber unter der liebstrengen Aufsicht eines ikonischen Stalins allein friedlich erfolgen kann, etc.

b/ Wer nun aufmerksam diesen Satz gelesen hat, wundert sich: >>Stalin?? Auf diesem Bild sehe ich keinen Stalin, geschweige denn einen ikonischen Stalin… Was erzählt sie denn?<<

c/ Wer mich persönlich kennt, wird bereits meine Frisur in siebenfacher Ausführung wiedererkannt haben und vielsagend die Augen gen Himmel gerollt haben.

d/ Alle anderen Blogleser_innen müssen sich leider mit dem Bild und seiner Betrachtung begnügen — reicht es aber nicht völlig aus?!

Kaczyński lädt ein

Oktober 4, 2010

Jarosław Kaczyńskis Politik des Giftens und Vergiftens hat ein neues Ziel gefunden. In einem Interview auf „Radio Maryja“, dem katholischen Propagandasender Polens, hat der ehemalige Ministerpräsident und „Bruderwitwe“ der Bürgermeisterin von Warschau Gronkiewicz-Waltz vorgeworfen, sie habe das das tolle Lokal mit der noblen Adresse Nowy-Świat-Straße (Neue-Welt-Straße), ein ehemals berühmtes Café, an die linke Gruppierung der Krytyka polityczna (Politische Kritik) quasi verschenkt und favorisiere damit ein linkes snobistisches Kulturzentrum (Nowy WSPANIAŁY Świat – Brave New World), was sich wohl kaum mit ihrer katholischen Identität vereinbaren lasse.

Zwar hat sich der Träger des Kulturzentrums und damit der Mieter der Räumlichkeiten – der Stanisław-Brzozowski-Verein mit einer Stellungnahme gegen die Vorwürfe gewehrt, er hätte das Café zu undurchsichtigen Konditionen ‚zugeschachert‘ bekommen, gleichzeitig aber auch begriffen, dass Kaczyński unfreiwillig Werbung für das Kulturzentrum macht, und prompt ein Werbeaudio mit der Stimme des PiS-Partei-Chefs kompiliert.

Wer sich in die tollen Räumlichkeiten einladen lassen möchte… (an der Übersetzung des Werbesoundtracks wird zur Zeit gearbeitet…)

Mauerfälle

Oktober 2, 2010

von Philipp Goll

Exportweltmeister Deutschland lässt sich nicht lumpen und exportiert selbst Mauerfragmente – als Zeichen der Freiheit versteht sich. In Danzig etwa steht so ein Stückchen Freiheit, wohl platziert zwischen Solidarność-Zentrale und der ständigen Ausstellung „Droga do wolności – Weg in die Freiheit“. Und auch in Kiew vor der deutschen Botschaft. Doch nicht jeder begrüßt den Exporteifer. Schon Goran Svilanović wusste über Europas neue Grenzregime zu sagen: „Nicht alle Steine der Berliner Mauer verschwanden im Museum, einige von ihnen dienen zum Bau der neuen Schengen-Mauer“. Auch in Kiew wird das Mauerstück mit Skepsis beäugt. Für den Journalisten Vitalij Atanasov sind die Importe von Mauerfragmenten in osteuropäische Städte weniger Symbol der Freiheit. Bezüglich der erniedrigenden Prozeduren, die UkrainerInnen an westlichen Botschaften über sich ergehen lassen müssen, um an ein Visum zu gelangen, schreibt er: „Das Fragment der Berliner Mauer verweist weniger auf die Befreiungserfahrung als auf neue Mauern, die zwischen den Ländern bestehen.“ So sieht’s aus. Alles Gute zum Zwanzigsten, liebes Einheitsdeutschland!