„Museum der vergessenen Geheimnisse“ von Oksana Sabuschko – Ein Archiv der Zeitzeugnisse

by

von Oleksandra Bienert

Am 25. September wird auf dem derzeit in Berlin stattfindenden Internationalen Literaturfestival ein hervorragendes Stück zeitgenössischer ukrainischer Geschichte vorgestellt. Übersetzt ins Deutsche von Alexander Kratochvil (erschienen am 6. September 2010 im Literaturverlag Droschl, ISBN: 978-3854207726, Preis: 29,- Euro), wird das Buch von Oksana Sabuschko Museum der vergessenen Geheimnisse zum ersten Mal dem deutschen Publikum präsentiert.

Warum spreche ich über dieses Buch wie über ein „Stück der Geschichte“? Weil es Oksana Sabuschko mit ihren jahrelangen Recherchen nicht nur gelungen ist, einige Lücken in der Historiografie zu füllen, sondern auch mit diesem Buch selbst Geschichte zu schreiben. Das Buch – nach der Beschreibung der Autorin 2002 begonnen und mit einigen Unterbrechungen 2009 fertig gestellt – ist ein für die ukrainische Literatur meiner Meinung nach beispielloses Zeugnis. Dies merkt eine aufmerksame Leserin gleich, wenn sie die Dankesliste überfliegt. Unter anderem ist da auch der ehemalige Direktor des Archivs des ukrainischen Sicherheitsdienstes (SBU) Volodymyr Vjatrovych aufgeführt. Damit wird gezeigt, dass es in der Regierungszeit des Präsidenten Viktor Juschtschenko (2005-2010) in der Ukraine bessere Möglichkeiten gegeben hat, zu problematischen Themen der ukrainischen Geschichte zu forschen. Im vorliegenden Beispiel sind es Kämpfe um die ukrainische Unabhängigkeit und die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA), Kriegsereignisse auf dem ukrainischen Boden, Nachkriegsereignisse, die Geschichte der Unterdrückten in den 1960er-80er Jahren in der Sowjetunion.

Für das Buch hat die Autorin außer des durchgearbeiteten Archivmaterials viele Zeitzeugen interviewt, von denen ein Teil heute nicht mehr lebt. Somit ist ein für die ukrainische Geschichte sehr besonderes Archiv der Zeitzeugnisse entstanden, das noch geschichtswissenschaftlich erforscht werden sollte.

Die im Buch beschriebenen Ereignisse möchte ich als Teile einer Familiensaga lesen: Sie betreffen eine lange Periode (1943-2004) und mehrere Generationen. Der Leser kann langsam das Puzzle dieser dramatischen Geschichten zusammenfügen und sie so vielleicht besser verstehen. Es ist aber gleichzeitig eine Liebesgeschichte und auch die großartige Geschichte einer Freundschaft, was auch sehr wichtig ist und worüber man selten schreibt: einer Frauenfreundschaft.

Die Kapitel zu den Ereignissen der 40er Jahre sind mitunter schwer zu lesen. Teilweise spürt man auch, was Sabuschko im Nachwort gesteht: Das waren die kompliziertesten Kapitel für sie selbst im ganzen Buch. Man muss dazu sagen, das waren die Kapitel, zu denen es derzeit noch zu wenig Forschungen und kein Narrativ in der ukrainischen Gesellschaft gibt. Auch hier entsteht ein Stück Geschichte – einer komplizierten Geschichte der Nachfahren, die eine „in den vergangenen 60 Jahren zu einem Beton gepresste Konstruktion des mentalen Mülls, Falsifikation, der halben Wahrheit“ (Nachwort, Sabuschko) aufzuarbeiten versuchen.

An dieser Stelle hätte ich eine kritische Anmerkung abzugeben. Obwohl Sabuschko durchaus mutig, und – was in der ukrainischen Gesellschaft leider noch nicht vollständig etabliert ist – die ukrainische Geschichte als eine polyethnische Geschichte darstellt, gibt es da doch zu wenig kritisches Material, was die Kollaboration der Ukrainer mit den Nationalsozialisten angeht. Damit meine ich zum Beispiel die Menschen, die zur UPA aus dem Wehrmachtsbataillon Nachtigall kamen, bzw. die Verbindung, die es zwischen der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) und der SS-Galizien gegeben hat. Ja, nicht alle UPA-Mitglieder haben kollaboriert, genauso gilt es für OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten), aber leider gab es nun die Tatsache der ukrainischen Kollaboration – wie es die Tatsache der Kollaboration in fast allen okkupierten Ländern gab. Ob auf der Ebene der SS-Truppen, oder auf der Ebene der einheimischen Polizei oder der Nachbarn. Der Diskurs in der Ukraine um diese Frage ist immer noch schwarz/weiß gekennzeichnet. Diejenigen die sich nur auf den Befreiungskampf der UPA konzentrieren, „vergessen“ dabei ihre Beteiligung am Holocaust zu erwähnen. Und die, die sagen, UPA-Mitglieder waren am Holocaust beteiligt, kontextualisieren es oft nicht im geschichtlichen Gesamtbild (welches die Taten der UPA dabei selbstverständlich nicht entschuldigt). Gerade dieses Buch hätte meiner Meinung nach eine Gelegenheit dafür geboten: den Befreiungskampf und seine Wichtigkeit für die Ukrainer aufzuzeigen aber auch andere Seiten dieses Kampfes zu erläutern. Das sind doch die Schritte, die uns, Ukrainern, zu der Geschichtsaufarbeitung fehlen. Und die können genau von solchen gesellschaftskritischen Schriftstellern, wie Sabuschko, vorangetrieben werden.

Wichtig ist, dass sie mit ihrem Buch allen Generationen mit ihren Zweifeln, ihrem Mut und ihren Entscheidungen auch ein Gesicht geben hat. Unter anderem der zweiten Nachkriegsgeneration, zu der noch die letzten politischen Häftlinge der Sowjetunion gehörten. Die letzten von ihnen haben im Übrigen erst im Februar 1991 (!) ihre Haftstation verlassen. Wie wenig wissen wir noch über ihre Gefühle und Motivationen, Ängste, Entscheidungen. Auch deswegen erscheinen solche Familiensagas, wie die von Sabuschko, so bedeutsam.

Abgesehen von den zahlreichen historischen Aspekten ist das Buch, das sich „in einem Atemzug“ durchlesen lässt, sehr emotional, sehr offen geschrieben. Die Autorin zeigt auch die Gegenwartsgeneration der heutigen Zeit gut auf – vor allem, wie wichtig es ist, in der heute manchmal so verlogenen modernen Gesellschaft ein eigenes moralisches „Ich“ zu bewahren, ein Bürger zu sein und ein Mensch in dieser Zeit zu bleiben. Hier verstecken sich meiner Meinung nach auch die Zeichen auf die in der Ukraine so schwierige gegenwärtige Entwicklung der Zivilgesellschaft. Sabuschko gibt ja mit ihrer Saga eine Antwort auch auf die Frage, warum die ukrainische Gesellschaft sich so schwer und schmerzhaft zu einer Zivilgesellschaft transformiert. In der Hinsicht würde ich ihr Buch als eine moralische Tat bezeichnen.

Und zu guter Letzt wollte ich hier auch meine Bewunderung gegenüber dem Übersetzer aussprechen und auch einen herzlichen Dank an ihn, dass dieses Buch mit seinen ganzen 759 Seiten (!) nun auch auf Deutsch vorliegt. Gerade in der Zeit, wo in der Ukraine wieder Archive geschlossen werden, wo Historiker für ihre Tätigkeit verhaftet werden. Da sie zu diesen – nun für die heutige Regierung unbequem gewordenen – Themen forschen, ist es für uns mehr als wichtig, die Stimme von Sabuschko in verschiedenen Sprachen hören zu können.


bzw. die Verbindung, die es zwischen dem SS Galizien und OUN gab

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