Von Pfeifen und Lücken

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Lücken schließen

Immer wieder überraschen verlegerische Initiativen junger LiteraturwissenschaftlerInnen, die nicht davor zurückschrecken, weniger bekannte oder unbekannte Lyriker aus dem Ausland in deutscher Übersetzung herauszubringen. Der Wiesbadener Verlag luxbooks, eine relativ neue Gründung, hat es sich zum Ziel gemacht, Unbemerktes, Verkanntes, Unbeachtetes an Texten auf den deutschen Buchmarkt zu bringen und versteht sich daher als ein Lückenschließer-Verlag. Zu den wenig beachteten Texten gehört vor allem auch Lyrik.

Neben einer amerikanischen und lateinamerikanischen Lyrikreihe hat luxbooks unter dem Namen luxbooks.slavica eine Reihe für osteuropäische Lyrik begonnen. Sie wird mit dem zweisprachig edierten Band Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund von Tadeusz Dąbrowski eröffnet. Das Buch umfasst eine Auswahl von Gedichten aus den letzten zwei Lyrikbänden des Autors, der in Deutschland aber gar nicht so unbekannt ist. Im Jahr 2008 erhielt er den Hubert-Burda-Preis für osteuropäische Lyrik und seine Gedichte werden schon seit längerem im deutschsprachigen Raum in Zeitschriften publiziert. Die Übertragung der Auswahl hat André Rudolph, selbst ein Dichter und hervorragender Übersetzer, besorgt. Monika Rinck und Alexander Gumz haben an diesem Band als Übersetzer mitgearbeitet.

Tadeusz Dąbrowski: Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund. Gedichte. Aus dem Polnischen von André Rudolph, Monika Rinck und Alexander Gumz. Luxbooks, Wiesbaden 2010. 140 S., 19,80 €.

(Leseprobe)

„Ceci n’est pas une pipe.“

Dąbrowski gehört zur jüngeren Lyrikergeneration, die in den Neunzigern debütierte. Als einer der Ersten hat er die Gadgets des medialen Zeitalters in die polnische Lyrik eingeführt: e-Mails, SMS, WWW. Andererseits schreibt er die Tradition einer wertorientierten Lyrik fort, die bei aller Alltagsnähe auf den würdevollen Ton der Kontemplation oder auf ein Te Deum (so der Titel eines Lyrikbands von 2005) oder die Seele hinter dem menschlichen Auge nicht verzichten möchte.

Im Sommer haben Tadeusz Dąbrowski und sein Übersetzer das Buch Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund im Literarischen Colloquium Berlin vorgestellt. Im Umgang mit dem Publikum ist Dąbrowski sehr erfahren. Er weiß, welche rhetorische Geste nötig ist, um die Rollen des Sprechenden und der Zuhörenden so zu organisieren, dass alle sich dabei wohl und geschätzt fühlen. Das Publikum nahm mit dankbarer Zustimmung seine geistreichen Pointen auf und war zuweilen sogar entzückt darüber, dass er während der Lesung die gleiche ironische Distanz zu sich selbst behielt, die in seinen Gedichten als Distanz zu der uns allen vertrauten Welt anzutreffen ist. Eine Welt aus geistigen Strömungen, Schlagwörtern, Diskursen, Dekonstruktionen und ach so menschlichen Bedürfnissen, die sich gleich bleibend gegen alle Entwicklungen behaupten. Dąbrowskis Augenzwinkern gibt aber immer gleichzeitig zu verstehen: Hier ist das Gute, hier ist das Böse, hier steht eine Sexbar und daneben eine Kirche, sie koexistieren in meinem Gedicht friedlich nebeneinander, weil ich sie immer noch unterscheiden kann. Dafür ist auch das geschätze Publikum dankbar, denn es wird nicht überfordert.

Wir erkennen das bildungsbürgerliche Inventar, kennen ein Buch von Roland Barthes und ein Bild von Magritte, ja, ja die Bilder lügen… Das männliche Genital wird dank der deutschen Übersetzung zu einer ‚Pfeife‘ (siehe Leseprobe). Wir fühlen uns zu Hause und können darüber schmunzeln und alles ist gut. Es herrscht Ordnung, scheint es. Der Lyriker wünscht uns (schon zu Anfang der Lesung) ausdrücklich, dass wir durch seine Texte verändert nach Hause gehen. Er schmunzelt zwar über sich und ist trotzdem dabei irgendwie ‚erbaulich‘. Das haben wir auch begriffen. Alle gehen friedlich nach Hause, wir sind daheim, kennen uns aus, alles ist in Ordnung.

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