Archive for September 2010

Plakat der Woche

September 24, 2010

Zitiert wird hier ein Plakat von Viktor Koreckij (1909-1998), der in seinen künstlerischen Auftragsarbeiten für den sowjetischen Staat gern zwei visuell sehr ähnliche Bildelemente gegenüberstellte, die er mit ideologisch entgegengesetzten Bedeutungen aufzuladen pflegte.

Hier finden Sie biographische Daten zum Künstler sowie Bildmaterial.

„Museum der vergessenen Geheimnisse“ von Oksana Sabuschko – Ein Archiv der Zeitzeugnisse

September 23, 2010

von Oleksandra Bienert

Am 25. September wird auf dem derzeit in Berlin stattfindenden Internationalen Literaturfestival ein hervorragendes Stück zeitgenössischer ukrainischer Geschichte vorgestellt. Übersetzt ins Deutsche von Alexander Kratochvil (erschienen am 6. September 2010 im Literaturverlag Droschl, ISBN: 978-3854207726, Preis: 29,- Euro), wird das Buch von Oksana Sabuschko Museum der vergessenen Geheimnisse zum ersten Mal dem deutschen Publikum präsentiert.

Warum spreche ich über dieses Buch wie über ein „Stück der Geschichte“? Weil es Oksana Sabuschko mit ihren jahrelangen Recherchen nicht nur gelungen ist, einige Lücken in der Historiografie zu füllen, sondern auch mit diesem Buch selbst Geschichte zu schreiben. Das Buch – nach der Beschreibung der Autorin 2002 begonnen und mit einigen Unterbrechungen 2009 fertig gestellt – ist ein für die ukrainische Literatur meiner Meinung nach beispielloses Zeugnis. Dies merkt eine aufmerksame Leserin gleich, wenn sie die Dankesliste überfliegt. Unter anderem ist da auch der ehemalige Direktor des Archivs des ukrainischen Sicherheitsdienstes (SBU) Volodymyr Vjatrovych aufgeführt. Damit wird gezeigt, dass es in der Regierungszeit des Präsidenten Viktor Juschtschenko (2005-2010) in der Ukraine bessere Möglichkeiten gegeben hat, zu problematischen Themen der ukrainischen Geschichte zu forschen. Im vorliegenden Beispiel sind es Kämpfe um die ukrainische Unabhängigkeit und die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA), Kriegsereignisse auf dem ukrainischen Boden, Nachkriegsereignisse, die Geschichte der Unterdrückten in den 1960er-80er Jahren in der Sowjetunion.

Für das Buch hat die Autorin außer des durchgearbeiteten Archivmaterials viele Zeitzeugen interviewt, von denen ein Teil heute nicht mehr lebt. Somit ist ein für die ukrainische Geschichte sehr besonderes Archiv der Zeitzeugnisse entstanden, das noch geschichtswissenschaftlich erforscht werden sollte.

Die im Buch beschriebenen Ereignisse möchte ich als Teile einer Familiensaga lesen: Sie betreffen eine lange Periode (1943-2004) und mehrere Generationen. Der Leser kann langsam das Puzzle dieser dramatischen Geschichten zusammenfügen und sie so vielleicht besser verstehen. Es ist aber gleichzeitig eine Liebesgeschichte und auch die großartige Geschichte einer Freundschaft, was auch sehr wichtig ist und worüber man selten schreibt: einer Frauenfreundschaft.

Die Kapitel zu den Ereignissen der 40er Jahre sind mitunter schwer zu lesen. Teilweise spürt man auch, was Sabuschko im Nachwort gesteht: Das waren die kompliziertesten Kapitel für sie selbst im ganzen Buch. Man muss dazu sagen, das waren die Kapitel, zu denen es derzeit noch zu wenig Forschungen und kein Narrativ in der ukrainischen Gesellschaft gibt. Auch hier entsteht ein Stück Geschichte – einer komplizierten Geschichte der Nachfahren, die eine „in den vergangenen 60 Jahren zu einem Beton gepresste Konstruktion des mentalen Mülls, Falsifikation, der halben Wahrheit“ (Nachwort, Sabuschko) aufzuarbeiten versuchen.

An dieser Stelle hätte ich eine kritische Anmerkung abzugeben. Obwohl Sabuschko durchaus mutig, und – was in der ukrainischen Gesellschaft leider noch nicht vollständig etabliert ist – die ukrainische Geschichte als eine polyethnische Geschichte darstellt, gibt es da doch zu wenig kritisches Material, was die Kollaboration der Ukrainer mit den Nationalsozialisten angeht. Damit meine ich zum Beispiel die Menschen, die zur UPA aus dem Wehrmachtsbataillon Nachtigall kamen, bzw. die Verbindung, die es zwischen der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) und der SS-Galizien gegeben hat. Ja, nicht alle UPA-Mitglieder haben kollaboriert, genauso gilt es für OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten), aber leider gab es nun die Tatsache der ukrainischen Kollaboration – wie es die Tatsache der Kollaboration in fast allen okkupierten Ländern gab. Ob auf der Ebene der SS-Truppen, oder auf der Ebene der einheimischen Polizei oder der Nachbarn. Der Diskurs in der Ukraine um diese Frage ist immer noch schwarz/weiß gekennzeichnet. Diejenigen die sich nur auf den Befreiungskampf der UPA konzentrieren, „vergessen“ dabei ihre Beteiligung am Holocaust zu erwähnen. Und die, die sagen, UPA-Mitglieder waren am Holocaust beteiligt, kontextualisieren es oft nicht im geschichtlichen Gesamtbild (welches die Taten der UPA dabei selbstverständlich nicht entschuldigt). Gerade dieses Buch hätte meiner Meinung nach eine Gelegenheit dafür geboten: den Befreiungskampf und seine Wichtigkeit für die Ukrainer aufzuzeigen aber auch andere Seiten dieses Kampfes zu erläutern. Das sind doch die Schritte, die uns, Ukrainern, zu der Geschichtsaufarbeitung fehlen. Und die können genau von solchen gesellschaftskritischen Schriftstellern, wie Sabuschko, vorangetrieben werden.

Wichtig ist, dass sie mit ihrem Buch allen Generationen mit ihren Zweifeln, ihrem Mut und ihren Entscheidungen auch ein Gesicht geben hat. Unter anderem der zweiten Nachkriegsgeneration, zu der noch die letzten politischen Häftlinge der Sowjetunion gehörten. Die letzten von ihnen haben im Übrigen erst im Februar 1991 (!) ihre Haftstation verlassen. Wie wenig wissen wir noch über ihre Gefühle und Motivationen, Ängste, Entscheidungen. Auch deswegen erscheinen solche Familiensagas, wie die von Sabuschko, so bedeutsam.

Abgesehen von den zahlreichen historischen Aspekten ist das Buch, das sich „in einem Atemzug“ durchlesen lässt, sehr emotional, sehr offen geschrieben. Die Autorin zeigt auch die Gegenwartsgeneration der heutigen Zeit gut auf – vor allem, wie wichtig es ist, in der heute manchmal so verlogenen modernen Gesellschaft ein eigenes moralisches „Ich“ zu bewahren, ein Bürger zu sein und ein Mensch in dieser Zeit zu bleiben. Hier verstecken sich meiner Meinung nach auch die Zeichen auf die in der Ukraine so schwierige gegenwärtige Entwicklung der Zivilgesellschaft. Sabuschko gibt ja mit ihrer Saga eine Antwort auch auf die Frage, warum die ukrainische Gesellschaft sich so schwer und schmerzhaft zu einer Zivilgesellschaft transformiert. In der Hinsicht würde ich ihr Buch als eine moralische Tat bezeichnen.

Und zu guter Letzt wollte ich hier auch meine Bewunderung gegenüber dem Übersetzer aussprechen und auch einen herzlichen Dank an ihn, dass dieses Buch mit seinen ganzen 759 Seiten (!) nun auch auf Deutsch vorliegt. Gerade in der Zeit, wo in der Ukraine wieder Archive geschlossen werden, wo Historiker für ihre Tätigkeit verhaftet werden. Da sie zu diesen – nun für die heutige Regierung unbequem gewordenen – Themen forschen, ist es für uns mehr als wichtig, die Stimme von Sabuschko in verschiedenen Sprachen hören zu können.


bzw. die Verbindung, die es zwischen dem SS Galizien und OUN gab

Objekt der Woche

September 23, 2010

Das Objekt der Woche steht zur Zeit vor dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin und begrüßt die Besucher des 10. internationalen Literaturfestivals (15.9.-25.9.10). Der Fokus des Festivals liegt diesmal auf Osteuropa.

Installation Begegnung 2010 der ukrainischen Künstlerin Maryna Baranovska

Mehr zur Künstlerin und zur Installation unter:

http://www.marynabaranovska.de/

Novinki-Wettbewerb nicht vergessen!

September 21, 2010

Der novinki-Wettbewerb um das beste Autorenportrait über AutorInnen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa läuft noch bis zum 30. Oktober 2010.

Es ist also noch nicht zu spät, die Schreibfeder zu schwingen!

Der 1. Platz ist mit 400 Euro dotiert (zusätzlich gibt es einen Sonderpreis von 250 Euro!).

Einsendungen bis zum 30. Oktober 2010 an redaktion@novinki.de.

Mehr Informationen unter http://www.novinki.de/html/termine/flyer_wettbewerb_rezension.pdf

Die novinki-Redaktion beantwortet weitere Fragen auch gerne per Email.


Die novinki-Redaktion freut sich über alle Einsendungen!

Von Pfeifen und Lücken

September 17, 2010

Lücken schließen

Immer wieder überraschen verlegerische Initiativen junger LiteraturwissenschaftlerInnen, die nicht davor zurückschrecken, weniger bekannte oder unbekannte Lyriker aus dem Ausland in deutscher Übersetzung herauszubringen. Der Wiesbadener Verlag luxbooks, eine relativ neue Gründung, hat es sich zum Ziel gemacht, Unbemerktes, Verkanntes, Unbeachtetes an Texten auf den deutschen Buchmarkt zu bringen und versteht sich daher als ein Lückenschließer-Verlag. Zu den wenig beachteten Texten gehört vor allem auch Lyrik.

Neben einer amerikanischen und lateinamerikanischen Lyrikreihe hat luxbooks unter dem Namen luxbooks.slavica eine Reihe für osteuropäische Lyrik begonnen. Sie wird mit dem zweisprachig edierten Band Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund von Tadeusz Dąbrowski eröffnet. Das Buch umfasst eine Auswahl von Gedichten aus den letzten zwei Lyrikbänden des Autors, der in Deutschland aber gar nicht so unbekannt ist. Im Jahr 2008 erhielt er den Hubert-Burda-Preis für osteuropäische Lyrik und seine Gedichte werden schon seit längerem im deutschsprachigen Raum in Zeitschriften publiziert. Die Übertragung der Auswahl hat André Rudolph, selbst ein Dichter und hervorragender Übersetzer, besorgt. Monika Rinck und Alexander Gumz haben an diesem Band als Übersetzer mitgearbeitet.

Tadeusz Dąbrowski: Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund. Gedichte. Aus dem Polnischen von André Rudolph, Monika Rinck und Alexander Gumz. Luxbooks, Wiesbaden 2010. 140 S., 19,80 €.

(Leseprobe)

„Ceci n’est pas une pipe.“

Dąbrowski gehört zur jüngeren Lyrikergeneration, die in den Neunzigern debütierte. Als einer der Ersten hat er die Gadgets des medialen Zeitalters in die polnische Lyrik eingeführt: e-Mails, SMS, WWW. Andererseits schreibt er die Tradition einer wertorientierten Lyrik fort, die bei aller Alltagsnähe auf den würdevollen Ton der Kontemplation oder auf ein Te Deum (so der Titel eines Lyrikbands von 2005) oder die Seele hinter dem menschlichen Auge nicht verzichten möchte.

Im Sommer haben Tadeusz Dąbrowski und sein Übersetzer das Buch Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund im Literarischen Colloquium Berlin vorgestellt. Im Umgang mit dem Publikum ist Dąbrowski sehr erfahren. Er weiß, welche rhetorische Geste nötig ist, um die Rollen des Sprechenden und der Zuhörenden so zu organisieren, dass alle sich dabei wohl und geschätzt fühlen. Das Publikum nahm mit dankbarer Zustimmung seine geistreichen Pointen auf und war zuweilen sogar entzückt darüber, dass er während der Lesung die gleiche ironische Distanz zu sich selbst behielt, die in seinen Gedichten als Distanz zu der uns allen vertrauten Welt anzutreffen ist. Eine Welt aus geistigen Strömungen, Schlagwörtern, Diskursen, Dekonstruktionen und ach so menschlichen Bedürfnissen, die sich gleich bleibend gegen alle Entwicklungen behaupten. Dąbrowskis Augenzwinkern gibt aber immer gleichzeitig zu verstehen: Hier ist das Gute, hier ist das Böse, hier steht eine Sexbar und daneben eine Kirche, sie koexistieren in meinem Gedicht friedlich nebeneinander, weil ich sie immer noch unterscheiden kann. Dafür ist auch das geschätze Publikum dankbar, denn es wird nicht überfordert.

Wir erkennen das bildungsbürgerliche Inventar, kennen ein Buch von Roland Barthes und ein Bild von Magritte, ja, ja die Bilder lügen… Das männliche Genital wird dank der deutschen Übersetzung zu einer ‚Pfeife‘ (siehe Leseprobe). Wir fühlen uns zu Hause und können darüber schmunzeln und alles ist gut. Es herrscht Ordnung, scheint es. Der Lyriker wünscht uns (schon zu Anfang der Lesung) ausdrücklich, dass wir durch seine Texte verändert nach Hause gehen. Er schmunzelt zwar über sich und ist trotzdem dabei irgendwie ‚erbaulich‘. Das haben wir auch begriffen. Alle gehen friedlich nach Hause, wir sind daheim, kennen uns aus, alles ist in Ordnung.

Der heilige Georg

September 16, 2010


Am Institut für Slawistik der HU Berlin sind derzeit in der Ausstellung „Teatralnost. Die Wand als Bühne“ figurative Acrylbilder der Künstlerin und Südslavistin Nastasia Louveau – mit Bildern von Marina Abramović, Dževad Karahasan, Ivana Sajko und weiteren –  zu sehen.

Öffnungszeiten des Instituts Mo-Fr 8 – 22 Uhr,  Dorotheenstraße 65, 5. Etage.

In der Sache Hirst

September 10, 2010

Während im Gerichtsverfahren gegen den Kurator Andrej Erofeev und den ehemaligen Direktor des Sacharov-Zentrums Jurij Samodurov, die für ihre Ausstellung Verbotene Kunst 2006 wegen Verletzung religiöser und nationaler Gefühle angeklagt waren, noch Zeugen befragt und Schlussplädoyers gehalten wurden, fand im Moskauer Zentrum für kreative Industrie Proekt FABRIKA Ende April bereits ein weiterer Prozess gegen Kunst statt. Dieser wurde jedoch nicht von feinfühligen orthodoxen Gläubigen initiiert, sondern von zeitgenössischen Künstlern, allen voran der Moskauer Aktionskünstler Anatolij Osmolovskij, der 1990 selbst wegen einer Aktion mit der Gruppe E.T.I. (Enteignung des Territoriums der Kunst) auf dem Roten Platz als letzter Künstler in der Geschichte der Sowjetunion vor Gericht stand. Angeklagt wegen einer grob anstößigen und belästigenden Handlung mit schweren Folgen, wurde er wenige Wochen vor dem Ende der Sowjetunion freigesprochen.

Osmolovskij und die Gruppe Regierungsunabhängige Kontrollkommission hatten bereits im Februar 1999 im Institut für zeitgenössische Kunst eine performative Gerichtsverhandlung – oder eine gerichtliche Performance – in der „Sache Oleg (Kireev)“ initiiert/inszeniert. Im Stil der Schauprozesse der 1930er Jahre wurde Kireev angeklagt, durch sein Verhalten gegen die Interessen der Gruppe verstossen zu haben. Dieses Gerichtsspiel endete, als der Angeklagte den Ort des Geschehens verließ und sich so der Verhandlung und auch der Verurteilung entzog.

Im nun vor einigen Monaten abgehaltenen „Gericht über (Damien) Hirst“ stand jedoch nicht der Künstler selbst, sondern sein Werk For the Love of God vor Gericht – ein Gericht, bestehend aus dem Künstler Dmitrij Gutov als Ankläger, Osmolovskij als Verteidiger und Stas Šuripa als Richter. Geschworene sollten entscheiden, ob es sich bei dem mit Diamanten besetzten Platinschädel – der aktuell teuersten Arbeit zeitgenössischer Kunst – um hohe, mittelmässige, schlechte oder nicht um Kunst handelt. Das Ergebnis: 6 Stimmen – hohe Kunst, 1 Stimme – mittelmässige Kunst, 2 Stimmen – schlechte Kunst, 3 Stimmen – keine Kunst. Vier Kategorien der „Schuld“ sind in diesem Fall jedoch unglücklich gewählt und deutlich zu viel; schließlich ist ein Angeklagter vor Gericht auch nicht halb-schuldig. (Eine Videoaufzeichnung des „Gerichts über (Damien) Hirst“ ist hier zu sehen).

Die Idee zu dieser speziellen Form der Diskussion – einem weiteren Gerichtsspiel – entstand im Kontext eines Seminars zum Thema Was ist ein Kunstwerk heute?, organisiert vom Journal Baza (Basis), dessen Herausgeber Osmolovskij ist. Die Form einer Gerichtsverhandlung sollte der Diskussion über die Kunst zu grösserer Konzentration verhelfen und die „Gedanken disziplinieren“ – Ähnlichkeiten mit den sowjetischen Schauprozessen sind nicht zufällig. Welche Wirkung allerdings solche Prozesse der Künstler selbst gegen Kunst in Zeiten, in denen die (orthodoxe) Gesellschaft Kunst und ihre Protagonisten vermehrt vor Gericht zitiert, haben, ist mehr als fraglich. Dennoch: Eine Fortsetzung ist geplant.

Eine Auswahl aus Anna Al‘čuks Œuvre

September 8, 2010

– Anagramm, Klammer und andere Sprach-Verzweigungen

schwebe zu stand. Im Schwebezustand, im zweisprachigen, sind fast alle Texte dieses Bandes, einem kleinen Werkpanorama der Künstlerin Anna Al‘čuk. Da schieben sich Buchstaben übereinander. Auch laden Klammern und Versenden zu doppelten und dreifachen Lesarten ein wie ein manchmal buntes Durcheinander von Majuskeln und Minuskeln.  Folgt die Leserin dem Imperativ und verfolgt die schwebenden Fäden, bis sie zum Stand kommen – vor allem in den neueren Texten (seit Mitte der 1980er Jahre) zu vielfältigen Bedeutungen – dann gerät das anfängliche Vers- und stellenweise Buchstabengewirr zu poetischen Bildern.

Die Zweisprachigkeit potenziert bei diesen Gedichten, bei denen die Übersetzung nur Koautorschaft sein kann (wie Anna Al’čuk in einem von Michail Ryklin im Nachwort zitierten Manuskript schrieb) das Schweben, legen die beiden Sprachen doch wechselseitig Spuren bloß, die in der einen gar nicht unbedingt auffallen. Sehr schön, dass es immer wieder zwei, einmal auch drei Varianten zu einem russischen Gedicht gibt:

ра(дости гнуть)

испеПЕПЕЛинию

феникс (ли

кующий)

ил ЛИ БО

пьяный

———-

GLU(cksen)T

aus der asche LUGt

phönix lü

stern

o der WE der BE

trunken

———-

freuden schmiedend

aus der lineASCHE

ist das phö

nix jubel

oder LI(e) be(r) BO

trunken

———-

freud(voll führen)

ausASCHEerstehen

jubi LI

erender phönix

trunkener PO

et

Der Einfallsreichtum des Übersetzertrios, Gabriele Leupold, Henrike Schmidt und Georg Witte, beeindruckt in diesem fortwährenden Balanceakt aus Textnähe und der Loslösung vom russischen Original, derer es bedarf, um die Wort- und Bedeutungsspiele im Deutschen  nachzuempfinden. Gabriele Leupold und Henrike Schmidt beschreiben diese Suche in ihrem „Werkstattbericht“, in dem sie anhand einzelner Gedichte „die beiden wichtigsten Verfahren – Anagramm und Verklammerung, Zerlegen und Verdichten“ und ihre Nachdichtungen im Deutschen illustrieren: „Um das Wesentliche dieser Lyrik zu treffen, muss die deutsche Übersetzung die Methode der Autorin aufgreifen und versuchen, mit einem in ihrem Sinn gewählten Wortmaterial eine ähnliche Gestalt und dieselbe Verdichtung zu erzeugen wie im Original.“

Nicht alle Texte sind so filigran wie das zitierte Gedicht. Die frühen aus den 1970er Jahren, auch diese immer wieder klangvoll, auch diese mit verschiedenen Auflösungsfiguren, folgen durchaus bekannteren Versformen (wenn Al‘čuk sie auch kreativ weiterschreibt). Von ihnen aus scheinen die „rhythmischen Pausen“ eine Brücke zu bilden zu den Texten der letzten Werkphase, der das obige Zitat entstammt. Mit den „Einzellern“ (1988), gewissermaßen dem dichterischen Pendant zu Malevičs „Schwarzem Quadrat“ – „Schwarze Buchstabenquadrate“ nennt sie das Übersetzertrio – stellt der Band die verschiedenen Schaffensphasen und -weisen der Künstlerin vor.

Die beiden Nachworte erzählen von ihr, von ihrem Leben, ihrer Zeit und dem Kunstschaffen, Wer hier weiterlesen möchte, erfährt viel über Anna Al’čuks Werk, aber auch das sowjetische und postsowjetische kulturelle Leben. Mit dem Nachwort ihres Ehemanns Michail Ryklin, einem Nachruf, erhält die Auswahl einen in anderer Hinsicht persönlichen Ton und zugleich einen politischen: Anna Al’čuk und Michail Ryklin verließen Moskau 2007. Den Entschluss, so berichtet Ryklin, hat Al’čuk 2004 gefasst, als sie in einem Strafprozess in der Folge der Ausstellung „Achtung Religion!“ vor Gericht stand; auch der Freispruch vom „Schürzen nationalen und religiösen Zwistes“ änderte nichts daran. In seinem Nachwort liest man auch von dichterischen Vorbildern und Einflüssen: Marina Cvetaeva, dem Lieblingsdichter Osip Mandelstam (Widmungsgedichte und Epigraphen in der Auswahl von Gedichten künden bereits davon), Sapgir, Cvel (mit dem sie 1987 den „Klub der Geschichte der zeitgenössischen Poesie“ gründete), die japanische Lyrik, deren Einfluss sich vor allem in der späteren Lyrik zeigt. Das Nachwort und der Werkstattbericht ergänzen sich: erzählt das eine vom Leben der Künstlerin, widmet sich der andere der Gemachtheit der Gedichte. Gabriele Leupold und Henrike Schmidt lassen in den Beschreibung ihrer Übersetzerinnenarbeit die Verfahren der Dichterin anschaulich werden, ihre Anagramme, Verschiebungen, ihre „Elementarlehre, die linguistische Separationskunst und poetische Naturphilosophie zusammenführt“.

schwebe zu stand ist eine Einladung, eine hierzulande bislang kaum bekannte, vielseitige Künstlerin kennenzulernen. Und der Band lädt mit weit geöffneten Türen zu einer Bekanntschaft ein, bietet er doch sowohl in der Textauswahl als auch in den Beigaben von Werkstattbericht und Nachwort unterschiedliche Zugänge zu einem Werk, das – wie in dem Gedicht auf dem Buchrücken angekündigt – Raum und Zeit außer Kraft setzt:

matt setz ich dich

Raum

schach dir –

Zeit

Im Rahmen des 1o.internationalen literaturfestivals berlin findet am Sonntag den 19.09.2010 um 16.30 eine Buchvorstellung mit Michail Ryklin im Haus der Kulturen der Welt statt, Moderation: Katharina Raabe, Sprecherin:  Gabriele Leupold

Anna Altschuk: schwebe zu stand, Übersetzung: Gabriele Leupold/Henrike Schmidt/Geort Witte, Nachwort: Michail Ryklin, Frankfurt/Main 2010, [978-3-518-12610-3, edition suhrkamp 2610], 12.- Euro.