Den Krieg wiederaufführen

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25. Jahrestag der Einführung des Kriegsrechts in Polen, Rekonstruktion, 13.XII.2006 "Młodzi pamietają" - Warszawa, Rotunda, Bild: Hubert Śmietanka

Ich werde schon wieder ein Loblied auf Dorota Masłowska singen. Ich kann nicht anders. Denn sie hat 2002 mit dem Titel ihres ersten Buchs – „Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną” (dt. Polenweiß und Russenrot) – oder vielmehr mit dem Wort ‚Krieg‘ im Titel treffsicher ein polnisches Trauma benannt. Der Übersetzer hat 2004 aus guten Gründen dieses Wort aus dem Titel genommen (wörtlich lautet er: Polnisch-Russischer Krieg unter weiß-rotem Banner), aber darum geht es: um den permanenten Kriegszustand, der in Polen offenbar hervorgerufen werden muss, damit etwas wie eine Realität entsteht. Also nicht nur Martyrium, Mythen vom heldenhaften Sterben, sondern auch Krieg muss irgendwie präsent sein, damit das weiß-rote Banner wehen kann. Der Originaltitel von Masłowskas Buch ist für mich kein bloßer Vorwand für eine Notiz. Das im Titel exponierte Wort ‚Krieg‘ ist deshalb an der absolut richtigen Stelle, weil Krieg, so meine Wahrnehmung, in der polnischen (öffentlichen) Sprache allgegenwärtig ist. Der Titel, den Masłowska sicher dem großen Rauschen in ihrem Land abgelauscht hat, wirkt mittlerweile auf den öffentlichen Diskurs zurück. Unlängst hat Andrzej Wajda in einem Interview sich auf Masłowskas Buch berufen, als er die Situation in Polen charakterisieren wollte. Es herrsche ein polnisch-polnischer Krieg, sagte er.

Bei einer Lecture in Boston hat die Publizistin und Autorin Bożena Umińska-Keff mehrmals den Ausdruck ‚Krieg‘ gebraucht, um die verfahrene und vertrackte Kommunikationssituation zwischen lieberalen und konservativen Kräften in Polen zu kennzeichnen. Verschiedene Sprachsysteme, ein riesiger geschichtlicher Graben zwischen diesen Gruppen, die vielleicht miteinander reden würden, wenn sie es überhaupt könnten. Offenbar reichen die Sprachtraditionen der Konservativen bisweilen hinter die Aufklärung zurück. Es ist eine geschichtlich-mentale Sprachbariere, die eine Verständigung mit denen, die in einem ganz anderen Paradigma leben, unmöglich macht.

Neuerdings gibt es wieder den „kalten Krieg mit der Kirche“ (G. Sroczyński in: Gazeta Wyborcza, 11.08.2010). Diesen Ausdruck, den offenbar seinerzeit Jarosław Kaczyński geprägt hat, greifen jetzt konservativ-klerikale Kreise anlässlich der Kreuz-Debatte wieder auf.

Frappant sind nicht so sehr die politischen Stimmungen, sondern dass das Wort ‚Krieg‘ so präsent ist, und damit der Krieg (aber welcher?) so wirklich ist. Gerade auf diese gemeinsame Wirklichkeit können sich alle politischen Lager einigen.

Recht hatte Gustaw Herling-Grudziński, eine der Emigrationsgrößen, als er im Kommentar zu einer seiner Erzählungen sagte, der Kriegszustand 1981-1983 wird noch lange ein Trauma bleiben und verarbeitet werden müssen. In den mir bekannten Texten über den Kriegszustand ist immer von ‚Krieg‘ die Rede.

Das hieße auch aktuell, dass Polen wahrscheinlich gezwungen ist, notwendige politische Debatten im Modus der Traumaverarbeitung, im Kriegsmodus also, zu führen.

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Eine Antwort to “Den Krieg wiederaufführen”

  1. Tanja Says:

    wo ist der „like“-button und ein extra-like-button für die „lieberalen“ kräfte?

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