Eine historische Erkundung der Ukraine – nicht nur orange

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Kerstin S. Jobsts Geschichte der Ukraine ist äußerlich ein unscheinbares Reclam-Heft (Reihe Sachbuch). Der Titel – und das ist das Bewunderswerte und Großartige an diesem pinkfarben-orangenen Buch von gerade einmal 259 Seiten – ist keine Übertreibung: es ist die Geschichte der „ukrainischen Länder“, wie die Autorin die Ukraine angesichts ihrer historischen und geographischen Vielfalt bezeichnet, von „der  frühesten Zeit“ und der „Entstehung der Kiever Rus’“ bis in die Gegenwart. Dem chronologischen Gang durch die Zeiten vorangestellt ist ein Kapitel über die aktuelle Situation seit der orangenen Revolution. Dieser Aufbau des Buches erweist sich als Programm: Aktuelle Ereignisse, Fragestellungen und Probleme bilden den Rahmen, der so in seiner geschichtlichen Entstehung und seinen historischen Gründen erkundet wird. Ganz in die Gegenwart greift auch das letzte Kapitel über „ethnische Sondergruppen“, ein Kapitel, das mit einem Bericht über die Krimtataren, ihre Deportation 1944 nach Zentralasien unter Stalin und schließlich dem beginnenden Rückzug auf die Krim in den 1960er Jahren und dessen erstem Höhepunkt in den 1990er Jahren, aber auch mit der Diskussion um die „Russinen“ aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert.

Eingebettet in diesen Rahmen ist eine chronologische Darstellung der Geschichte der ukrainischen Länder. Doch auch in diesen Kapiteln schlägt Kerstin Jobst immer wieder den Bogen in die Gegenwart, wirft einen kurzen Blick auf die neueste Literatur, namhafte Boxmeister oder Rockstars und ihre Stellung in der Gesellschaft bzw. ihre politischen Selbstpositionierungen. Deutlich wird so, wie beispielsweise die Kosaken, die Gemeinschaft „freier Krieger“, die ursprünglich gerade nicht national bestimmt war, zu einem der zentralen Mythen in der ukrainischen Gesellschaft werden konnten. Indem die Autorin immer wieder aus weit zurückliegenden Ereignissen und Entwicklungen auf die Gegenwart verweist, zeigt sie, wie sich das Vergangene in der Gegenwart niederschlägt, wie es verwandelt und v.a. auch anverwandelt wird. So entsteht neben einem Bild der Geschichte der Ukraine (das in der Kürze natürlich das eine oder andere nur streifen kann) ein Verständnis für das Land in seiner heutigen Ausprägung.

Kerstin Jobst erzählt nicht eine Geschichte. Vielmehr zeigt sie die Perspektiven, verschiedene Interpretationen desselben Ereignisses und seiner Kontextualisierung bzw. seines Stellenwertes in den unterschiedlichen regionalen kollektiven Geschichtsbildern auf. Bei all dem besteht dennoch ein chronologischer Faden, so dass es doch eine Geschichte ist, eben eine mit mehreren Lesarten. So entsteht ein vielseitiges Bild, in dem die divergenten Prägungen verschiedener Regionen der heutigen Ukraine unter polnischer sowie russischen Herrschaft und unter der Herrschaft des Habsburger Reiches hervortreten, in dem sich der Kosakenmythos und die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik in eine Abfolge reihen, die letztlich zu diesem heterogenen Staat „Ukraine“ in seiner heutigen Form führten, der im August 1991 seine Unabhängigkeit erklärte. Dabei lässt die Autorin immer wieder anschaulich werden, wie schwierig sich der Prozess des Nation building für einen Staat mit einer so heterogenen Vergangenheit darstellt.

Am Ende steht eine Sympathie für diesen ukrainischen Staat, den Kerstin S. Jobst als einen der Transformationsstaaten beschreibt, der deutlich demokratische Züge trägt. Abgerundet wird der Band übrigens durch eine kurze Liste weiterführender Literatur mit Überblicksdarstellungen zur ukrainischen Geschichte. Das Kapitel zur ukrainischen Literatur, das der Verlag leider nicht mit aufnehmen wollte, wird in Bälde online verfügbar sein.

Kerstin S. Jobst: Geschichte der Ukraine, Stuttgart 2010, (isbn: 978-3-15-018279-6; 7.- Euro).

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