Archive for August 2010

Urban Cultures

August 31, 2010

Europäische Ethnologen, und zwar nicht nur jene am Hallenser Institut, beschäftigen sich doch mit Osteuropa, zumindest mit den russischen Großstädten. Cordula Gdaniec hat ein bemerkenswertes Buch herausgegeben: „Cultural Diversity in Russian Cities. The Urban Landscape in the Post-Soviet Era“, erschienen dieses Jahr bei Berghahn books.

Aus der Perspektive der qualitativen ethnographischen Forschung diskutieren die Beiträge verschiedene Facetten ‚urbaner Kulturen‘. Ethnizität, Lebensstil, Gender und ökonomische Praktiken sind die leitenden Kategorien. „These essays give some insight into the spatial practices of groups of people beyond the Russian cultural mainstream – where and how they become visible“ (3). Das betrifft zum Beispiel die nicht angestammten Moskauer, die stigmatisierten Parallelexistenzen der ‚zweiten Wahl‘ ohne offizielle Aufenthaltserlaubnis, oftmals aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Vorderasiens und jene, die unter dem virulent gewordenen russischen Wort „gastarbajtery“ zusammengefasst werden. Auch lesbische und afrikanische Gemeinschaften in Moskau sowie chinesische und weibliche Migrantinnen in Petersburg sind Gegenstände des Bandes. In zentralen Städten zu leben, kann auch heißen, noch weiter an die Peripherie der Macht zu rücken.

Die Themen und Fragen, der engagierte Tonfall vieler Artikel und die Kritik an den Machtmechanismen der Großstädte sind nicht nur politisch sehr korrekt, sondern lassen ein wenig aufhorchen: Was ist mit Groys‘ These, in Russland fände die Aneignung alternativer Ideen des Westens, ihre Radikalisierung und Entgegenstellung statt? Haben wir es gerade mit einem Aneignungsprozess zu tun oder bereits mit der Phase der Radikalisierung oder sind es nicht eher Globalisierungsprozesse, die ohne russischen Sonderweg reproduziert werden? Oder doch die Angst davor, dass Russland sich abschafft?

Ukranenland Nr.2

August 19, 2010

Das Ukranenland im Nordosten Deutschlands ist nicht nur eine Imagination zu Ehren des 1. Aprils gewesen, sondern ein (auch mangels Alternativen) beliebter Ausflugsort im Sommer.

Die Mitarbeiter können nach eigener Auskunft leider kein „Slawisch“. Sie tragen angeblich historische Kleidung und verbringen die Tage in dieser kommunenartigen Einrichtung mit Bogen schießen, Messer schmieden, Filzarbeiten und dem Musizieren auf einem dudelsackähnlichen Instrument aus einem ehemaligen Schaf.

So geschichtsträchtig die Aufmachung, so indifferent scheinen die Teilnehmer der Erlebnisindustrie zu sein: Niemand kann mit Sicherheit sagen, was für eine Grenze mit dem Am-Rand-Volk und den Randow- und Uecker-Flüssen eigentlich gemeint sein könnte. Ist auch nicht so wichtig, denn statt Grenzen wiederzukäuen gibt’s FUSION. Das alljährliche Post-Woodstock-Festival auf dem ehemaligen, auch von der sowjetischen Armee genutzten, Militärflugplatz in Lärz verbindet die Region mit Berlin und (nicht nur) Technofreaks europaweit. Auch zu erkennen am stylischen Armband in kyrillischen Buchstaben.

Reenactment

August 12, 2010

Gazeta Wyborcza veröffentlicht ein dramatisches Foto, auf dem eine ‚Kreuzverteidigerin‘ zu sehen ist – eine Frau in weißer Bluse und dunklem Rock und einer weiß-roten Armbinde, die gerade hinter die Absperrungen auf dem Platz vor dem Präsidentenpalast geführt wird. Das Foto wirkt wie ein Stück Dokumentation über ein Reenactment. Es verweist als Bild auf die Bilder des Krieges. Vielleicht erinnert diese Szene am meisten an Bilder des Warschauer Aufstands – obwohl ich gerade ein solches Motiv nicht kenne.
Eine damit zusammenhängende Problematik der Kriegs-Bilder beschäftigt Zbigniew Libera und Darek Foks in ihrem Ikonotext-Buch „Was macht die Meldegängerin“ von 2005. Nur geht es im Fall des heute veröffentlichten Fotos sicher nicht um Krieg und Eros.

Die Pressestimmen, die Reaktionen vor Ort zeigen, dass der Inszenierungscharakter des Geschehens sich nicht übersehen lässt, dass er allen sehr bewusst ist, außer vielleicht den Schauspielern selbst.

Zum Foto

Den Krieg wiederaufführen

August 11, 2010

25. Jahrestag der Einführung des Kriegsrechts in Polen, Rekonstruktion, 13.XII.2006 "Młodzi pamietają" - Warszawa, Rotunda, Bild: Hubert Śmietanka

Ich werde schon wieder ein Loblied auf Dorota Masłowska singen. Ich kann nicht anders. Denn sie hat 2002 mit dem Titel ihres ersten Buchs – „Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną” (dt. Polenweiß und Russenrot) – oder vielmehr mit dem Wort ‚Krieg‘ im Titel treffsicher ein polnisches Trauma benannt. Der Übersetzer hat 2004 aus guten Gründen dieses Wort aus dem Titel genommen (wörtlich lautet er: Polnisch-Russischer Krieg unter weiß-rotem Banner), aber darum geht es: um den permanenten Kriegszustand, der in Polen offenbar hervorgerufen werden muss, damit etwas wie eine Realität entsteht. Also nicht nur Martyrium, Mythen vom heldenhaften Sterben, sondern auch Krieg muss irgendwie präsent sein, damit das weiß-rote Banner wehen kann. Der Originaltitel von Masłowskas Buch ist für mich kein bloßer Vorwand für eine Notiz. Das im Titel exponierte Wort ‚Krieg‘ ist deshalb an der absolut richtigen Stelle, weil Krieg, so meine Wahrnehmung, in der polnischen (öffentlichen) Sprache allgegenwärtig ist. Der Titel, den Masłowska sicher dem großen Rauschen in ihrem Land abgelauscht hat, wirkt mittlerweile auf den öffentlichen Diskurs zurück. Unlängst hat Andrzej Wajda in einem Interview sich auf Masłowskas Buch berufen, als er die Situation in Polen charakterisieren wollte. Es herrsche ein polnisch-polnischer Krieg, sagte er.

Bei einer Lecture in Boston hat die Publizistin und Autorin Bożena Umińska-Keff mehrmals den Ausdruck ‚Krieg‘ gebraucht, um die verfahrene und vertrackte Kommunikationssituation zwischen lieberalen und konservativen Kräften in Polen zu kennzeichnen. Verschiedene Sprachsysteme, ein riesiger geschichtlicher Graben zwischen diesen Gruppen, die vielleicht miteinander reden würden, wenn sie es überhaupt könnten. Offenbar reichen die Sprachtraditionen der Konservativen bisweilen hinter die Aufklärung zurück. Es ist eine geschichtlich-mentale Sprachbariere, die eine Verständigung mit denen, die in einem ganz anderen Paradigma leben, unmöglich macht.

Neuerdings gibt es wieder den „kalten Krieg mit der Kirche“ (G. Sroczyński in: Gazeta Wyborcza, 11.08.2010). Diesen Ausdruck, den offenbar seinerzeit Jarosław Kaczyński geprägt hat, greifen jetzt konservativ-klerikale Kreise anlässlich der Kreuz-Debatte wieder auf.

Frappant sind nicht so sehr die politischen Stimmungen, sondern dass das Wort ‚Krieg‘ so präsent ist, und damit der Krieg (aber welcher?) so wirklich ist. Gerade auf diese gemeinsame Wirklichkeit können sich alle politischen Lager einigen.

Recht hatte Gustaw Herling-Grudziński, eine der Emigrationsgrößen, als er im Kommentar zu einer seiner Erzählungen sagte, der Kriegszustand 1981-1983 wird noch lange ein Trauma bleiben und verarbeitet werden müssen. In den mir bekannten Texten über den Kriegszustand ist immer von ‚Krieg‘ die Rede.

Das hieße auch aktuell, dass Polen wahrscheinlich gezwungen ist, notwendige politische Debatten im Modus der Traumaverarbeitung, im Kriegsmodus also, zu führen.

Eine historische Erkundung der Ukraine – nicht nur orange

August 5, 2010

Kerstin S. Jobsts Geschichte der Ukraine ist äußerlich ein unscheinbares Reclam-Heft (Reihe Sachbuch). Der Titel – und das ist das Bewunderswerte und Großartige an diesem pinkfarben-orangenen Buch von gerade einmal 259 Seiten – ist keine Übertreibung: es ist die Geschichte der „ukrainischen Länder“, wie die Autorin die Ukraine angesichts ihrer historischen und geographischen Vielfalt bezeichnet, von „der  frühesten Zeit“ und der „Entstehung der Kiever Rus’“ bis in die Gegenwart. Dem chronologischen Gang durch die Zeiten vorangestellt ist ein Kapitel über die aktuelle Situation seit der orangenen Revolution. Dieser Aufbau des Buches erweist sich als Programm: Aktuelle Ereignisse, Fragestellungen und Probleme bilden den Rahmen, der so in seiner geschichtlichen Entstehung und seinen historischen Gründen erkundet wird. Ganz in die Gegenwart greift auch das letzte Kapitel über „ethnische Sondergruppen“, ein Kapitel, das mit einem Bericht über die Krimtataren, ihre Deportation 1944 nach Zentralasien unter Stalin und schließlich dem beginnenden Rückzug auf die Krim in den 1960er Jahren und dessen erstem Höhepunkt in den 1990er Jahren, aber auch mit der Diskussion um die „Russinen“ aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert.

Eingebettet in diesen Rahmen ist eine chronologische Darstellung der Geschichte der ukrainischen Länder. Doch auch in diesen Kapiteln schlägt Kerstin Jobst immer wieder den Bogen in die Gegenwart, wirft einen kurzen Blick auf die neueste Literatur, namhafte Boxmeister oder Rockstars und ihre Stellung in der Gesellschaft bzw. ihre politischen Selbstpositionierungen. Deutlich wird so, wie beispielsweise die Kosaken, die Gemeinschaft „freier Krieger“, die ursprünglich gerade nicht national bestimmt war, zu einem der zentralen Mythen in der ukrainischen Gesellschaft werden konnten. Indem die Autorin immer wieder aus weit zurückliegenden Ereignissen und Entwicklungen auf die Gegenwart verweist, zeigt sie, wie sich das Vergangene in der Gegenwart niederschlägt, wie es verwandelt und v.a. auch anverwandelt wird. So entsteht neben einem Bild der Geschichte der Ukraine (das in der Kürze natürlich das eine oder andere nur streifen kann) ein Verständnis für das Land in seiner heutigen Ausprägung.

Kerstin Jobst erzählt nicht eine Geschichte. Vielmehr zeigt sie die Perspektiven, verschiedene Interpretationen desselben Ereignisses und seiner Kontextualisierung bzw. seines Stellenwertes in den unterschiedlichen regionalen kollektiven Geschichtsbildern auf. Bei all dem besteht dennoch ein chronologischer Faden, so dass es doch eine Geschichte ist, eben eine mit mehreren Lesarten. So entsteht ein vielseitiges Bild, in dem die divergenten Prägungen verschiedener Regionen der heutigen Ukraine unter polnischer sowie russischen Herrschaft und unter der Herrschaft des Habsburger Reiches hervortreten, in dem sich der Kosakenmythos und die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik in eine Abfolge reihen, die letztlich zu diesem heterogenen Staat „Ukraine“ in seiner heutigen Form führten, der im August 1991 seine Unabhängigkeit erklärte. Dabei lässt die Autorin immer wieder anschaulich werden, wie schwierig sich der Prozess des Nation building für einen Staat mit einer so heterogenen Vergangenheit darstellt.

Am Ende steht eine Sympathie für diesen ukrainischen Staat, den Kerstin S. Jobst als einen der Transformationsstaaten beschreibt, der deutlich demokratische Züge trägt. Abgerundet wird der Band übrigens durch eine kurze Liste weiterführender Literatur mit Überblicksdarstellungen zur ukrainischen Geschichte. Das Kapitel zur ukrainischen Literatur, das der Verlag leider nicht mit aufnehmen wollte, wird in Bälde online verfügbar sein.

Kerstin S. Jobst: Geschichte der Ukraine, Stuttgart 2010, (isbn: 978-3-15-018279-6; 7.- Euro).