Chilled Tomato Soup mit Gin

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– eine (versuchte Kurz-)Intervention zu Kokoschkins Reise von Hans Joachim Schädlich

Ich kann mir nicht helfen, aber ab der dritten Seite fängt das Buch an, mich tödlich zu langweilen. Und das hat mitnichten mit seinem Thema zu tun – ein Thema, das man von einem deutschen Autor nicht zuallererst erwartet: die russische Emigration nach 1917 infolge der Verfolgung breiter Gesellschaftskreise durch die Bolschewiki. Hans Joachim Schädlich ist der große Lakoniker unter den deutschen Gegenwartsautoren – wirbt der Rohwolt Verlag, die ZEIT zitierend, auf dem Buchrücken. Lakonie ist Verkürzung, Zuspitzung – das, was man nicht braucht, wird weggelassen. Leider nicht so in diesem Buch. Der ohnehin nicht sehr dicke Roman, dessen Sätze allesamt kaum über zwei Zeilen hinausgehen und dessen formaler Sprachstil sich in der Tat lakonisch gibt, ist vollgestopft mit Informationen, die seine Erzählung nicht braucht, die aber sein Autor offensichtlich mitzuteilen hat.

Worum geht es? Ein 95-jähriger, in den Vereinigten Staaten lebender russischer Emigrant – Kokoschkin – kehrt vier Jahre nach dem großen Weltwunder des 11. Septembers und 88 Jahre nach dem Weltereignis der Oktoberrevolution zu einer Kurzvisite nach Europa, genauer nach St. Petersburg, Berlin und Bad Saarow zurück. Dort verweilt er jeweils nur kurz, begleitet von einem tschechischen Bekannten. Alles sind es bedeutende Orte seiner Kindheit und Jugend. Die Kurzreise selbst wird wie aus der Erinnerung erzählt, und in diese Erzählung ist als eigentliche Erzählung des Romans die erinnerte Kindheit und Jugend des Kokoschkin eingebettet. Eingebettet ist sie als seine mündliche Rede, gewandt an den tschechischen Reisebegleiter. Anlass und Vorwand sind jeweils der aufgesuchte Ort. Kokoschkins Schicksal und Biografie sind auch das eigentliche Thema und zugleich auch der vom Autor verkannte Stoff des Romans: Kokoschkin ist Sohn eines von den Bolschewiki verhafteten und mit ihrer Duldung und Zustimmung von baltischen Matrosen ermordeten bürgerlichen Demokraten. Er muss mit seiner Mutter emigrieren und erleidet oder erfährt eben ein typisches Emigranten-Schicksal, wobei zudem einige weltbekannte Exilrussen (Ivan Bunin, Nina Berberova und ihr Mann, der Dichter Wladislaw Chodassewitsch) als schillernde aber doch recht blass bleibende Schatten am Rande dieses Schicksalsweges stehen.

Nur leider widmet Schädlich dieser Erzählung, was den Roman angeht, meiner Ansicht nach zu wenig Aufmerksamkeit und konzentriert sich auf alles, was neben dem, was Kokoschkin selbst von seinem Schicksal berichtet, diesen Roman ausmachen soll. Und leider auch ausmacht, denn die Jetzt-Zeit des Romans ist eine Atlantiküberquerung auf der Queen Marie II, die Rückreise Kokoschkins. Und diese füllt neben der Schilderung der Reise Kokoschkins zu den Orten seiner Jugend einen beträchtlichen Teil des Romans aus. Hier wird minutiös noch das unwichtigste Detail mitgeteilt, einschließlich der Notfallübungen, der banalst möglichen Gespräche bei Tisch und der genauesten Angabe der verzehrten Speisen und Getränke. Bei der Charakterisierung der Schiffs-Personagen, die allesamt zu diesem Zwecke mit einer Ausnahme ausschließlich selbst sprechen (die Ausnahme bildet eine Dame, die auf eine bis ins Alberne gehende Weise Kokoschkins Interessiertheit weckt), werden die plattesten Klischees bemüht. Dieser Teil des Romans – und er ist nicht klein im Verhältnis zum Rest – ist die langweiligste und überflüssigste professionell produzierte Literatur, die ich mir seit Jahren angetan habe. Ich sehe dort keinen Kokoschkin, ich höre dort nur die Autorenstimme: einen in die Jahre gekommenen Herrn, der, selbstzufrieden und mit sich selbst im Reinen, jeden noch so kleinen mitgeteilten Pups durch seinen Stil geadelt und gerechtfertigt sieht. „Das ist alles fein beobachtet.“ – möchte man zuweilen Loriot zitieren, um sich Erleichterung zu verschaffen. Was dieser Stil soll, von dem der Klappentext behauptet, dass er von einem Autor stammt, der auf der Einfachheit des Vollkommenen beharrt, mag sich von selbst nicht erschließen.

Überhaupt macht sich Schädlich im ganzen Roman kaum die Mühe einer auch lakonisch möglichen literarischen Charakterisierung bzw. Konkretisierung, das gilt ebenso für Kokoschkin und seinen tschechischen Begleiter wie für alle Orte und historischen Ereignisse und Personen, die der Autor allesamt gleichsam nur mit ihren Eigennamen aufruft, damit sie vor das informierte Publikum treten und für sich selbst sprechen mögen. Kaum ein Ort, kaum eine Figur hinterlässt einen selbstständigen plastischen Eindruck, nichts, was von Bedeutung ist, kommt ohne eine außertextliche Referenz und damit in den meisten Fällen auch nicht ohne die fürchterlichsten Klischees aus, alles Explizite in diesem Roman dagegen langweilt zu Tode. Das ist der Preis eines Stils, für den die Bezeichnung lakonisch ein echter Euphemismus ist. Dürftig wäre dafür der ehrlichere Ausdruck.

In diesem Zusammenhang muss man auch die dem ganzen Roman eingeschriebene geradezu klassisch antikommunistische Tendenz sehen. Der Roman transzendiert im Ganzen auf eine schon von vornherein feststehende Wahrheit und appelliert implizit an ein Publikum, das die Haltung des sprechenden Haupthelden von vornherein (und mangels besseren Wissens, möchte man hinzu fügen) ohne Einschränkung teilt. Dazu wird das Ganze noch „geschickt“ mit dem tschechoslowakischen Schicksal von 1968 verwoben – ein weiterer, ebenso pseudo-lakonisch pedantisch berichtender Erzählstrang, der von Kokoschkins Begegnung mit seinem später engagierten tschechischen Reisebegleiter im Jahre 1968 kurz vor der Invasion der Armeen des Warschauer Vertrags erzählt – sozusagen der „zweite Tod“ in dieser Oper. Einer Oper, in der das Böse und das Gute ganz klar verteilte Rollen haben.

Dass Kokoschkin und sein tschechischer Begleiter die Sowjets nicht mögen, ist nachvollziehbar, aber dass der Autor daneben steht und dazu lieber schweigt, um dafür umso ausführlicher die Speisekarte des Bordrestaurants zu zitieren, ist eine mir persönlich ferne Form von Understatement. Ein recht überhebliches Understatement dazu, das – und da mag ich mich vielleicht auch irren – etwas typisch ostdeutsches hat. Aber mir ist Schädlichs Herkunft eigentlich ziemlich egal, ich mag einfach lieber das offene Engagement, auch von bekennenden Antikommunisten, egal woher sie kommen. Dass Schädlich kein Kommunistenfreund ist und nicht zuletzt auch bedingt durch seinen ganz eigenen Stil hier ein tendenziöses Buch geschrieben hat – voller Klischees und literarisch eher abstoßend –, ist im Übrigen nicht mein Problem, das hat  das die Kommunisten (und alles ihm nicht Verständliche) fürchtende bürgerliche Publikum, wenn es dies überhaupt als ein Problem erkennt, mit sich selbst. Es ist ja jedem und jeder unbenommen, den beschränkten Erkenntnis- und Wahrheitsraum des freiheitlichdemokratischen Denkens zu verlassen und sich differenzierter mit der russischen Geschichte und der Geschichte der „weißen“ russischen Emigranten auseinandersetzen. Und es kann einen ja auch keiner zwingen, Schädlichs Roman zu lesen.

Aus diesem Grunde habe ich ihm – Schädlich – mein ästhetisches Missbehagen bereits verziehen, er möge mir nun auch meine Offenheit vergeben und sich in Ruhe eine Juan Clemente anzünden.

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