Archive for Juli 2010

Chilled Tomato Soup mit Gin

Juli 29, 2010

– eine (versuchte Kurz-)Intervention zu Kokoschkins Reise von Hans Joachim Schädlich

Ich kann mir nicht helfen, aber ab der dritten Seite fängt das Buch an, mich tödlich zu langweilen. Und das hat mitnichten mit seinem Thema zu tun – ein Thema, das man von einem deutschen Autor nicht zuallererst erwartet: die russische Emigration nach 1917 infolge der Verfolgung breiter Gesellschaftskreise durch die Bolschewiki. Hans Joachim Schädlich ist der große Lakoniker unter den deutschen Gegenwartsautoren – wirbt der Rohwolt Verlag, die ZEIT zitierend, auf dem Buchrücken. Lakonie ist Verkürzung, Zuspitzung – das, was man nicht braucht, wird weggelassen. Leider nicht so in diesem Buch. Der ohnehin nicht sehr dicke Roman, dessen Sätze allesamt kaum über zwei Zeilen hinausgehen und dessen formaler Sprachstil sich in der Tat lakonisch gibt, ist vollgestopft mit Informationen, die seine Erzählung nicht braucht, die aber sein Autor offensichtlich mitzuteilen hat.

Worum geht es? Ein 95-jähriger, in den Vereinigten Staaten lebender russischer Emigrant – Kokoschkin – kehrt vier Jahre nach dem großen Weltwunder des 11. Septembers und 88 Jahre nach dem Weltereignis der Oktoberrevolution zu einer Kurzvisite nach Europa, genauer nach St. Petersburg, Berlin und Bad Saarow zurück. Dort verweilt er jeweils nur kurz, begleitet von einem tschechischen Bekannten. Alles sind es bedeutende Orte seiner Kindheit und Jugend. Die Kurzreise selbst wird wie aus der Erinnerung erzählt, und in diese Erzählung ist als eigentliche Erzählung des Romans die erinnerte Kindheit und Jugend des Kokoschkin eingebettet. Eingebettet ist sie als seine mündliche Rede, gewandt an den tschechischen Reisebegleiter. Anlass und Vorwand sind jeweils der aufgesuchte Ort. Kokoschkins Schicksal und Biografie sind auch das eigentliche Thema und zugleich auch der vom Autor verkannte Stoff des Romans: Kokoschkin ist Sohn eines von den Bolschewiki verhafteten und mit ihrer Duldung und Zustimmung von baltischen Matrosen ermordeten bürgerlichen Demokraten. Er muss mit seiner Mutter emigrieren und erleidet oder erfährt eben ein typisches Emigranten-Schicksal, wobei zudem einige weltbekannte Exilrussen (Ivan Bunin, Nina Berberova und ihr Mann, der Dichter Wladislaw Chodassewitsch) als schillernde aber doch recht blass bleibende Schatten am Rande dieses Schicksalsweges stehen.

Nur leider widmet Schädlich dieser Erzählung, was den Roman angeht, meiner Ansicht nach zu wenig Aufmerksamkeit und konzentriert sich auf alles, was neben dem, was Kokoschkin selbst von seinem Schicksal berichtet, diesen Roman ausmachen soll. Und leider auch ausmacht, denn die Jetzt-Zeit des Romans ist eine Atlantiküberquerung auf der Queen Marie II, die Rückreise Kokoschkins. Und diese füllt neben der Schilderung der Reise Kokoschkins zu den Orten seiner Jugend einen beträchtlichen Teil des Romans aus. Hier wird minutiös noch das unwichtigste Detail mitgeteilt, einschließlich der Notfallübungen, der banalst möglichen Gespräche bei Tisch und der genauesten Angabe der verzehrten Speisen und Getränke. Bei der Charakterisierung der Schiffs-Personagen, die allesamt zu diesem Zwecke mit einer Ausnahme ausschließlich selbst sprechen (die Ausnahme bildet eine Dame, die auf eine bis ins Alberne gehende Weise Kokoschkins Interessiertheit weckt), werden die plattesten Klischees bemüht. Dieser Teil des Romans – und er ist nicht klein im Verhältnis zum Rest – ist die langweiligste und überflüssigste professionell produzierte Literatur, die ich mir seit Jahren angetan habe. Ich sehe dort keinen Kokoschkin, ich höre dort nur die Autorenstimme: einen in die Jahre gekommenen Herrn, der, selbstzufrieden und mit sich selbst im Reinen, jeden noch so kleinen mitgeteilten Pups durch seinen Stil geadelt und gerechtfertigt sieht. „Das ist alles fein beobachtet.“ – möchte man zuweilen Loriot zitieren, um sich Erleichterung zu verschaffen. Was dieser Stil soll, von dem der Klappentext behauptet, dass er von einem Autor stammt, der auf der Einfachheit des Vollkommenen beharrt, mag sich von selbst nicht erschließen.

Überhaupt macht sich Schädlich im ganzen Roman kaum die Mühe einer auch lakonisch möglichen literarischen Charakterisierung bzw. Konkretisierung, das gilt ebenso für Kokoschkin und seinen tschechischen Begleiter wie für alle Orte und historischen Ereignisse und Personen, die der Autor allesamt gleichsam nur mit ihren Eigennamen aufruft, damit sie vor das informierte Publikum treten und für sich selbst sprechen mögen. Kaum ein Ort, kaum eine Figur hinterlässt einen selbstständigen plastischen Eindruck, nichts, was von Bedeutung ist, kommt ohne eine außertextliche Referenz und damit in den meisten Fällen auch nicht ohne die fürchterlichsten Klischees aus, alles Explizite in diesem Roman dagegen langweilt zu Tode. Das ist der Preis eines Stils, für den die Bezeichnung lakonisch ein echter Euphemismus ist. Dürftig wäre dafür der ehrlichere Ausdruck.

In diesem Zusammenhang muss man auch die dem ganzen Roman eingeschriebene geradezu klassisch antikommunistische Tendenz sehen. Der Roman transzendiert im Ganzen auf eine schon von vornherein feststehende Wahrheit und appelliert implizit an ein Publikum, das die Haltung des sprechenden Haupthelden von vornherein (und mangels besseren Wissens, möchte man hinzu fügen) ohne Einschränkung teilt. Dazu wird das Ganze noch „geschickt“ mit dem tschechoslowakischen Schicksal von 1968 verwoben – ein weiterer, ebenso pseudo-lakonisch pedantisch berichtender Erzählstrang, der von Kokoschkins Begegnung mit seinem später engagierten tschechischen Reisebegleiter im Jahre 1968 kurz vor der Invasion der Armeen des Warschauer Vertrags erzählt – sozusagen der „zweite Tod“ in dieser Oper. Einer Oper, in der das Böse und das Gute ganz klar verteilte Rollen haben.

Dass Kokoschkin und sein tschechischer Begleiter die Sowjets nicht mögen, ist nachvollziehbar, aber dass der Autor daneben steht und dazu lieber schweigt, um dafür umso ausführlicher die Speisekarte des Bordrestaurants zu zitieren, ist eine mir persönlich ferne Form von Understatement. Ein recht überhebliches Understatement dazu, das – und da mag ich mich vielleicht auch irren – etwas typisch ostdeutsches hat. Aber mir ist Schädlichs Herkunft eigentlich ziemlich egal, ich mag einfach lieber das offene Engagement, auch von bekennenden Antikommunisten, egal woher sie kommen. Dass Schädlich kein Kommunistenfreund ist und nicht zuletzt auch bedingt durch seinen ganz eigenen Stil hier ein tendenziöses Buch geschrieben hat – voller Klischees und literarisch eher abstoßend –, ist im Übrigen nicht mein Problem, das hat  das die Kommunisten (und alles ihm nicht Verständliche) fürchtende bürgerliche Publikum, wenn es dies überhaupt als ein Problem erkennt, mit sich selbst. Es ist ja jedem und jeder unbenommen, den beschränkten Erkenntnis- und Wahrheitsraum des freiheitlichdemokratischen Denkens zu verlassen und sich differenzierter mit der russischen Geschichte und der Geschichte der „weißen“ russischen Emigranten auseinandersetzen. Und es kann einen ja auch keiner zwingen, Schädlichs Roman zu lesen.

Aus diesem Grunde habe ich ihm – Schädlich – mein ästhetisches Missbehagen bereits verziehen, er möge mir nun auch meine Offenheit vergeben und sich in Ruhe eine Juan Clemente anzünden.

Von einem Kunst-Event nahe Moskau

Juli 28, 2010

von Matthias Meindl

Eröffnungsperformance

Ein Art-Event, das sehr charakteristisch scheint für die derzeitige Moskauer Kunstszene, war das Festival Archstojanie 2010. Es fand am 24/25. Juli im Dörfchen Nikola-Lenivec im Kalužskaja oblast’, etwa 200 km von Moskau entfernt, statt. Von der Kirche des Dörfchens öffnet sich ein wunderschöner Blick auf das Flusstal der Ugra, in dem sich 1480 der Moskauer Staat die Unabhängigkeit vom mongolisch-tatarischen Joch erkämpft haben soll.

Ugra-Tal mit Konstruktion von Polisskij

Ugra-Tal mit Konstruktion von Polisskij

In der Idylle dieses Orts hatte der Künstler Nikolaj Polisskij schon einige Jahre zusammen mit den alteingesessenen Bauern Konstruktionen aus Stroh und Geäst gebaut, bevor 2006 das erste Festival für Landart unter Beteiligung vieler Architekten aus der Hauptstadt stattfand.

Dieses Jahr war Oleg Kulik eingeladen worden, die Archstojanie zu kuratieren. Kulik wurde im Westen vor allem durch seine spektakuläre Aktionskunst in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre bekannt, als er oft als rasender Köter Straßen und Ausstellungen unsicher machte. In Moskau kannte man ihn jedoch schon in den frühen 1990ern, als er sich in der Rolle eines Eventmanagers inszenierte, der in der Galerie Ridžina oder auch manchmal vor den Toren der Stadt ‚neue Russen’ mit ‚Kunstfesten’ bespaßte.

Ivan Kolesnikov, Sergej Denisov: Remont zemli (dt. Restaurierung der Erde)

Unter dem Titel „Die neun Schlüssel des Labyrinths: Wald-Liturgie“ („Devjat’ ključej labirinta: Lesnaja liturgija“) veränderte Kulik merklich den Charakter des Festivals. Die Landschaft am Ufer der Ugra blieb weitgehend unberührt, die Interaktion von Landschaft und Architektur/Skulptur stand nicht im Mittelpunkt des Festivals.

Der Zuschauer war eingeladen zum Spaziergang-Ritual („progulka-ritual“) in einem weitgehend neu erschlossenen Terrain nördlich des Flusstals. Viele der künstlerischen Eingriffe, erweitert um Performance-Handlungen nahmen Bezug auf mystische Praktiken.

In halbtransparenten Roben gewandete Frauen streiften tanzend über das Territorium und konnten auf diese Weise vielleicht, wie im konsum- und zivilisationskritisch gehaltenen Kuratorenmanifest versprochen, den Raum verinnerlichen und ‚mythisieren’, was dem Verfasser aufgrund seiner eher rationalistischen Geisteshaltung leider nicht gelang. Diesem stieß eher übel auf, dass er sich die Staubpiste zwischen den beiden Hauptterritorien (etwa 20 min. Fußweg) mit den notorischen Jeeps teilen musste, die zu Hunderten aus Moskau herangerollt waren, und deren Insassen wohl größtenteils gar nicht wegen ‚moderner Kunst’, sondern der Musik (Techno, Fusion), des Essens, des Badens, der ‚Magie’, kurz des integrierten Spektakels wegen gekommen waren.

Sergej de Rokambol‘, Anna Nikolaeva: Geomantika i Uranografija (dt. Geomantik und Uranographie)

Die künstlerischen Eingriffe in der Natur sollten dem Raum kein Gesicht im Sinne einer ‚Landschaft’ geben. Das Konzept des Labyrinths suggeriert eine spielerische und/oder mystische Erfahrung, und sollte die Werke der teilweise sehr bekannten Künstler (Dmitrij Gutov, Anatolij Osmolovskij, Sinye nosy) auf einen Nenner bringen. Aufgrund der Verschiedenartigkeit der Werke konnte dabei der Raum wenn nicht als Containerraum, so doch als weitgehend abstrakter Naturraum und die langen Wege als redundant empfunden werden. Zugegeben, die Ausstellung forderte heraus, sich Gedanken zu machen, über das Erbe der mythischen Raumwahrnehmung in der ästhetischen Raumwahrnehmung der Kunst. Dieses Erbschaftsverhältnis ist jedoch verworren, und ein Nachdenken darüber versetzt wohl kaum in die harmonische Stimmung einer New-Age-Meditationspraxis. Am Ende mag dies alles vielleicht nur über die Repräsentation mittels der Landkarte zusammengehalten werden (ganz anders als übrigens eine Landschaft), mit deren Hilfe sich der Zuschauer, und selbst dann auch nur unter Schwierigkeiten, orientieren konnte. Monastyrskijs, auf einem abgemähten Feld gelegener, typisch konzeptualistischer Beitrag „Odinnadcat’“ („Elf“), Nummer elf des Parcours – ein Halbkreis von 20 Metern Durchmesser aus grünem Tuch, mit einer weißen „11“ bemalt –, gab somit einiges zu Denken auf.

Andrej Monastyrskij: Odinnadcat‘ (dt. Elf)

Lucide „Lichtungen“

Juli 16, 2010

Wenn’s um das literarische Galizien geht, geht es auch um Habsburg. Hier aber geht’s um Literatur, die man in Österreich lesen kann, im heutigen (soweit es dies sein kann). Und zwar ein Österreich, dass das „Östliche“ in seinem Namen ernst zu nehmen scheint. Das tun „Lichtungen, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik“: http://www.lichtungen.at/.  Vielleicht haben wir es  mit der ersehnten Wanderung Mitteleuropas in die Ukraine zu tun. Womöglich gar eines Ostmitteleuropas, denn der vertraute Blickaustausch zwischen L’viv und Wien dehnt sich aus auf Graz-Charkiv im Heft 115/2008, das eine kleine Anthologie ukrainischer Lyrik und Auszüge aus Prosatexten beinhaltet.

Dort hat Nazar Fedorak ein „Pseudolyrisches Anti-Poem“ von Serhij Zhadan in 52 Fußnoten kommentiert, wohl mit E. Vlasov als Vorbild und vielleicht auch mit humoristischem Anspruch. Jedenfalls mit diesem Effekt. Die Fußnoten verfolgen so nüchtern die Wanderung des unlyrischen Ichs aus Charkiv in die huzulischen Kulissen, dass man diesem autobiographisch frivolen Verfolgerblick wünscht, es möge über ihn ein wenig Vodka und Marihuanadunst des „Anti-Poems“ fließen.

Außer der „Neuen Literatur aus der Ukraine“ gibt es Sonderhefte wie „Neue Literatur aus Tschechien“ (11/2008) und ein Schwerpunktheft zur Literatur aus Polen und Ungarn (119/2009). Darüber hinaus afrikanische und südamerikanische Literatur – rundum, aus der ganzen Welt. Mitteleuropa wandert ja bekanntlich. Ein Blick in die letzten Jahrgänge lohnt sich allemal – hoffentlich auch für die preußischen Bibliotheken, die die Zeitschrift noch nicht führen.

Objekt der Woche

Juli 14, 2010

Kakerlakenhölle im Gericht

Juli 12, 2010

Nicht das Theater, sondern das Gericht an der Taganka war heute am 12. Juli die große Bühne in Moskau. Hunderte von Menschen versuchten zum Prozess gegen die Kuratoren der Ausstellung „Verbotene Kunst – 2006“ zu gelangen, einige Zuschauer haben wohl nur auf der Anklagebank hinter Gittern Platz gefunden. Special guests der Aufführung waren 3000 fingergroße Kakerlaken, die die Künstlergruppe „Vojna“ (dt. Krieg) bereits am frühen Morgen im Gebäude ausgesetzt hatte, um die Sinnlosigkeit des Prozesses zu unterstreichen. Während die Richterin ihre Urteilsverkündung über Andrej Erofeev und Jurij Samodurov verlas, wurde sie von religiösen Eiferern und Gegnern der „Verbotenen Kunst“ bekreuzigt. Ihren Worten zufolge tätigten Samodurov und Erofeev „Sachen, die auf Erregung von nationaler Feindschaft und Zwist gerichtet waren“ und somit die „Gefühle der Bevölkerung verletzten, egal ob die Werke gesehen wurden oder nicht.“ Samodurov wurde zu einer Strafe von 200.000 und Erofeev von 150.000 Rubel (ca. 5.000 und 3.600 EUR) verurteilt. Zwar ist die Anklagevertretung mit ihrer Forderung nach einem Freiheitsentzug von drei Jahren gescheitert und hat dennoch das Kuratieren der Ausstellung sanktioniert. Auf der Solidaritätsaktion für die Angeklagten am 9. Juli hat der Moskauer Galerist Marat Gelman angekündigt, die Ausstellung „Verbotene Kunst“ im Falle einer Verurteilung Eroveevs und Samodurovs in seiner Galerie zu wiederholen. Ob er damit zum Sperling wird, der die Kakerlaken aufpickt?

Welches Verbrechen? Welche Strafe?

Juli 8, 2010

Letzte Aktion bevor der Hammer fällt. Drei Tage vor der Urteilsverkündung über die Organisatoren der Ausstellung „Verbotene Kunst“ – Andrej Erofeev und Jurij Samodurov –, findet im Moskauer GZSI (Staatliches Zentrum für zeitgenössische Kunst) eine Aktion zur Unterstützung der Angeklagten statt (9. Juli 2010 um 19:00). Bekanntlich wurden die Beschuldigten nach ihrer Ausstellung im Jahr 2007 nach dem §282 des russischen Strafgesetzes wegen „Hasses- und Feindschaftserregung“ angeklagt. Die Ausstellung „Verbotene Kunst – 2006″ versammelte zeitgenössische Kunstwerke, die im Jahr 2006 wegen der „Verletzung des Nationalstolzes und religiöser Gefühle“ aus Museen und Galerien ausgesondert worden waren. Ort des Geschehens war das bereits wegen der Ausstellung „Vorsicht Religion“ ins Visier genommene Sacharov-Zentrum.

Hinter weißen Wänden wurden die Arbeiten wie in einer Vollzugsanstalt platziert, nur Gucklöcher ermöglichten dem voyeuristischen Betrachter einen Blick auf das Verbotene zu richten. Die Erregung war also Konzept der Ausstellung. Aber Hass und Feindschaft?

Den Worten des Vorsitzenden der Patriarchaten Union, des Statthalters des Sretenskogo Klosters von Moskau, Archimandrit Tichon zufolge „wurden die Exponate, die man Kunst nicht nennen kann, nur mit einem offensichtlichen Ziel hergestellt und zwar zur höchst schmerzhaften Beleidigung. […] Wie sonst lässt sich das Bildnis Christi mit einem Micky-Maus-Kopf erklären oder eine McDonalds Werbung mit dem Antlitz Christi und der Aufschrift ‚This is my body’?“ Die Leitung der staatlichen Tret’akov-Galerie, in der Erofeev die Sammlung moderner Kunst leitete, sah das wohl ähnlich und beendete das Arbeitsverhältnis. Die Ankläger fordern nun drei Jahre Haft. Also nach Möglichkeit an der morgigen Aktion teilnehmen.

novinki-Preis

Juli 5, 2010

Ihr Lieblingsautor findet zu wenig Beachtung in der deutschsprachigen Literaturszene?
Sie möchten einen Autor mal aus einer anderen Perspektive darstellen?
Oder Sie kennen einen ’neuen‘ Autor, den auch andere kennen lernen sollten?

novinki schreibt auch in diesem Jahr wieder einen Wettbewerb aus: gekürt wird das beste Autorenportrait über AutorInnen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa.

Der 1. Platz ist mit 400 Euro dotiert (zusätzlich gibt es einen Sonderpreis von 250 Euro). Einsendungen bis zum 30. Oktober 2010 an redaktion@novinki.de. Mehr Informationen im Flyer.

Zwischen oder auf zwei Stühlen

Juli 2, 2010

Von Tanja Hofmann und Michael Zgodzay

Die Diskussion „Schichtwechsel – Die Ukraine, die EU und Russland“, die am 1.7.2010 im Dokumentationszentrum der Berliner Mauer stattgefunden hat, war die dritte Veranstaltung, die von der Zeitschrift „Osteuropa“ und dem Polnischen Institut in den letzten Wochen in Berlin organisiert wurde. Sie alle fragen nach der Zukunft ukrainischer Energie-, Innen- und Außenpolitik. Gestern hat nun M. Sapper (Herausgeber der „Osteuropa“) das Gespräch mit den Worten eingeleitet: „Die orangene Hoffnung ist geplatzt“. Daraufhin lieferte Gerhard Simon eine agile Analyse der letzten sechs Monate. Seit den letzten frei erfolgten Wahlen ist der als pro-russisch geltende Janukovyč an der Spitze der Regierung.

Titelbild "Osteuropa": Schichtwechsel Politische Metamorphosen in der Ukraine. Manfred Sapper, Volker Weichsel, Rainer Lindner (Hg.) Osteuropa 2-4/2010

Es sei ein „politischer Erdrutsch“ im Gange, Janukovyč hätte eine Vertikale der Macht etabliert – Präsident, Regierung und Verfassungsgericht würden über Handlungsfähigkeit verfügen, an die unter der verstrittenen „Orangenen“ Regierung nicht zu denken gewesen ist. Der Präsident habe dabei mehr Macht, als ihm von der Verfassung her zustehe. Denn eine Verfassungsänderung lässt eine Paradoxie zu: Ein Abgeordneter kann in seiner (z. B. „orangenen“) Fraktion bleiben, aber gleichzeitig zur Regierungsmehrheit gehören. Auf diese Weise unterstützen 20 „orangene“ Politiker Janukovyč. „Noch ist die Ukraine eine Demokratie“, betonte Simon, als Sapper den Mangel an Pluralismus bemängelt hat.

Mykola Rjabčuks Diagnose, dass die innerukrainische Zerrissenheit einer Schizophrenie gleiche (vgl. seinen Essay „Die reale und die imaginierte Ukraine“, dt. 2006), scheint sich nun in der Verchovna Rada zu realisieren. Sicherlich kann man an der derzeitigen Regierung vieles kritisieren, vor allem das Einschalten des Sicherheitsapparats. Vielleicht könnte man die Zeichen als „gesund“ deuten: als eine Orientierung sowohl gen Westen als auch gen Osten. Doch ob solch pluralistische geopolitische Interessen realisierbar sind, bleibt fraglich, denn allein schon der Wirtschaftsraum schließt eine Zugehörigkeit sowohl zur EFTA als auch zur Zollunion mit der Russischen Föderation, Belarus und Kasachstan aus.

Die polnische Perspektive auf den Machtwechsel in der Ukraine hat Paweł Wołowski, Leiter der Abteilung Ukraine, Belarus und Baltische Staaten am Ostinstitut Warschau dargelegt. Die Einschätzung der Lage ist äußerst zurückhaltend. Dies ist dem – zumindest offiziell bekräftigten (muss man sich als Zuhörer sagen) – langfrisstigen Zielvorhaben der polnischen Außenpolitik geschuldet, Ukraine unter allen Umständen in die Strukturen der EU einzubinden, vor allem durch die Beteiligung an der Modernisierung des Landes. Die Monopolisierung der Macht durch eine politische Fraktion sei zwar erwartet worden, nicht aber die Manipulation an der Verfassung. Die Tendenz zur Entwicklung eines monozentristischen Staates sei zwar zu befürchten, doch müsse man den politischen Pragmatismus der jetztigen Regierung berücksichtigen, die sich nach Russland orientiert, ohne sich vom Westen jedoch abkapseln zu wollen. Diese Doppelstrategie betrachtet Gerhard Simon eher skeptisch. Die Ukraine könnte buchstäblich zwischen den Stühlen sitzen bleiben. Sicher keine vorteilhafte Lage.