Zar und Gottes Mann (Teil III/IV)

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– eine etwas ausführliche Filmrezension zu Car‘Der Zar (Russland 2009, Regie: Pavel Lungin)

III — der historische Hintergrund

… Aber das eigentliche Grundproblem des Filmes ist, dass er aus seinen Figuren, die ja historische sein sollen, überhaupt nichts herausholt.

Der historische Filip, der als Asket angesehene Abt des Soloveckij-Klosters und zeitweilig Metropolit unter Ivan IV., war bestimmt selbst auch keine ganz widerspruchsfreie Person. Aber allein schon der Fakt, dass ein als Asket bekannter und verehrter Mönch und Abt, der eher für eine innerliche, weltabgewandte Religiosität steht, Metropolit wird und das unter Ivan IV. – zudem in einer Zeit, in der sich das Schicksal des Verhältnisses von staatlicher Macht und Kirche entschied – das ist schon ein Stoff, den zu übersehen man schon ein gerüttelt Maß Ignoranz haben muss.

Man darf nicht vergessen: die russisch-orthodoxe Kirche war im 15. und 16. Jahrhundert nicht das monolithische Gebilde, als das sie sich heute so gerne, auch bis in ihre Ursprünge, sehen will. Während auf der einen Seite, der machtkirchlichen, die Idee von Moskau als dem Dritten Rom entwickelt wird – ihr wichtigster Vertreter und Begründer ist Josif von Volokolamsk (um 1440-1515), dem eine Civitas Dei, die Vereinigung von Staat und Kirche vorschwebte, wobei natürlich die Kirche nicht die zweite Geige spielen sollte, denn ihr sollte es obliegen, zu entscheiden, ob der Zar – als Stellvertreter Gottes auf Erden – fromm genug war, diese Rolle auch entsprechend dem Primat der Kirche und ihrer Ordnung auszufüllen – bestehen auf der anderen Seite sowohl auch andere Vorstellungen vom religiösen Leben (im Kloster vor allem) als auch grundlegend divergierende Auffassungen zur Überlieferung und zur Göttlichen Wahrheit.

Die wichtigste Häresie ist dabei die sogenannte Novgoroder Häresie, die als ein Einbruch westlich-humanistischen Denkens in die russische Geisteswelt zu verstehen ist. Ihre Vertreter sind gebildet, haben Zugang zu bisher nicht rezipierten Schriften und provozieren mit einer ersten vollständigen kirchenslavischen Bibelübersetzung. Sie kritisieren vor allen Dingen auch den überreichen kirchlichen Grundbesitz, in dem sie eine Hauptursache für die Verweltlichung der Kirche und auch die Hauptquelle der materiellen kirchlichen Macht sehen, der sie jede Berechtigung absprechen. Josif von Volokolamsk, der sein Reformwerk wesentlich über die Reform des Klosterlebens verwirklichen wollte, indem er dort eine strenge hierarchische Ordnung ansetzte, die den einzelnen Mönch zu Besitzlosigkeit und unbedingtem Gehorsam verpflichtete und im Gegenzug dem Abt eine geradezu monarchische Verfügungsgewalt übertrug (vorbildlich umgesetzt in dem von ihm 1479 selbst gegründeten Kloster bei Volokolamsk), war natürlich ihr erbitterster Gegner. Ihm gegenüber stand aber noch ein anderer Kirchenreformer, der zwar in der Frage des Kircheneigentums mit den Novgoroder Häretikern übereinstimmte, aber keine so radikale Abkehr von den Dogmen vertrat: Nil Sorskij (1433 – 1509). Er war in seiner Jugend auf dem Berg Athos gewesen und hatte nach seiner Heimkehr unweit des Flüsschens Sora einen Skit, eine Einsiedelei gegründet. Während das an sich noch kein ungewöhnlicher Vorgang war, in der Regel entstanden so die Klöster mit Grundbesitz und umliegenden Bauerndörfern, so unterschied sich das Leben im Skit doch erheblich von dem bis dato üblichen geschäftigen Treiben der Klosterwirtschaftsgemeinschaft. Kontemplation und die Reduzierung der sozialen Kontakte auf ein Mindestmaß, vor allem auf die Gottesdienste, prägten das Leben innerhalb der kleinen Gemeinschaft der im Skit asketisch und fast wie Eremiten lebenden Mönche.

Dieses Modell machte Schule, vor allem in Nordrussland, und wurde zu einer Dauererscheinung in Gestalt der sogenannten „Uneigennützigen“ („nestjažateli“) in Russland. So gesehen gab es in jener Zeit also von mindestens drei Seiten innerhalb der Russischen Kirche tiefgreifende Reformbestrebungen, wobei sich die machtkirchliche Seite durchsetzten sollte. Während die Häresie von Novgorod buchstäblich mit ihren Vertretern ausgerottet wurde, war die kontemplativ-innerliche Richtung ein dauerhaftes und ernstzunehmendes Phänomen innerhalb des Mönchswesens, also auch der Kirche, und hatte auch nach Nil Sorskij einige aktive Vertreter, die sich speziell in der Frage des Kirchengrundbesitzes kirchenrechtliche und moralische Dispute mit den so genannten Josifljanern der Machtkirche lieferten. Die Frage des kirchlichen Grundbesitzes, an dem ja auch die Großfürsten großes Interesse hatten, war schließlich die entscheidende. Auf einer Synode im Jahre 1503 wurde sie zugunsten der Machtkirche entschieden und der Großfürst von Moskau Ivan III. lieh der Kirche seinen starken Arm zur blutigen Verfolgung der Häretiker. Das Reformwerk der Josifljanen schien sich nun zu vollenden, der Staat unterstand einem gottesfürchtigen und kirchenhörigen Monarchen. Dem Moskauer Großfürsten sollte nun auch die Kaiserkrone nicht verwehrt werden. Dennoch sollte erst Ivans III. Sohn, Ivan IV. der Schreckliche, zum Zar gekrönt werden. Die entsprechende Theorie – nämlich die von Dritten Rom – lieferte aber bereits zu Ivan III. Zeiten ein Mönch namens Filofej aus Pskov.

Entsprechende Legenden, die neben der Rechtsnachfolge durch die behauptete Übersendung kaiserlicher Insignien aus Byzanz sogar eine Abstammung aus den Linien der Kaiser des Ersten Roms behaupteten, flankierten das Ganze. Daneben wurde auch in der Folge der kirchenschriftliche Kanon systematisch im Sinne der Legitimierung und Umsetzung der Theorie vom Dritten Rom ausgebaut. Verantwortlich dafür zeichnete der josifljanische Metropolit Makarij (von 1542 bis 1563), unter dessen Anleitung der junge Ivan IV., der in diese Situation hineingeboren wird, in machtkirchlichem Sinne erzogen wurde. Das mit Makarijs Tod entstandende Vakuum werden seine Nachfolger nicht mehr füllen können, zu stark wird dann Ivan IV., Selbstherrscher und selbsternannter oberster Diener Gottes, sein.

Das ist also der kirchengeschichtliche und historische Hintergrund, vor dem sich die Begegnung von Ivan IV. und Filip, der wohl eher der Richtung des Nil Sorskij zuzurechnen ist, abspielt und die ja die Haupterzählung des Filmes ist. Die Handlung spielt zudem in Ivans „böser“ Zeit, nach den Reformen, also nach der Errichtung der absolutistischen Macht, und nach der Einrichtung der Opričnina. Was hätte das für ein Stoff sein können, wenn dieser Filip als Figur etwas von diesen innerkirchlichen Auseinandersetzungen im Hintergrund gehabt hätte, wenn beide nicht nur der Gute und der Böse, sondern Protagonisten grundverschiedener Glaubens- und Macht- und Gesellschaftsverständnisse, kurz gegensätzlicher ideologischer Systeme wären und Filip selbst auch den nötigen Spagat zwischen seinem Machtanspruch und seiner religiösen Innerlichkeit hätte zeigen dürfen!

Aber nichts dergleichen in diesem Film, nur die zeitlose und immergleiche Begegnung von Gut und Böse, jenseits aller wirklichen Historie. Alle Geschichtlichkeit wird ausgeblendet, sie darf sich auf das Setting, die Ausstattung zurückziehen und verkommt zum pseudohistorischen Rahmen, der mittels der Authentizität von Gold, Schmutz und Folklore historiografische Glaubwürdigkeit darstellen soll. Es bleibt damit ein typischer Historienfilm wie man ihn auch aus dem Fernsehen kennt, mit dem einzigen Unterschied, dass man für die Produktion mehr Geld hatte.

Es folgt Teil IV, hier finden sich Teil I und Teil II)

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3 Antworten to “Zar und Gottes Mann (Teil III/IV)”

  1. Zar und Gottes Mann (Teil I/IV) « novinki-Blog Says:

    […] folgt, hier finden sich Teil II, Teil III und Teil […]

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