Zar und Gottes Mann (Teil II/IV)

by

– eine etwas ausführliche Filmrezension zu  Car‘Der Zar (Russland 2009, Regie: Pavel Lungin)

II Ostrov und Car‘

Natürlich habe ich mir sofort nach Car‘ auch Ostrov besorgt und angeschaut.

Ostrov gefällt mir, bei aller fragwürdigen Ideologie, die er transportiert – Volksfrömmigkeit und die Heiligkeit der russischen Orthodoxie sind im Grunde auch die Hauptmotive dieses Films – in handwerklicher Hinsicht weitaus besser als Car‘, auch ist der ideologisch-propagandistische Gehalt dort subtiler und damit auch weitaus wirksamer verpackt. Mit der Figur des gefallenen Sünders, der als Mönch in ewiger Buße und selbst gewählter Armut und Einfalt dem „Sinn des Lebens“ näher ist, als alle seine Zeitgenossen, die sich eher den schnöden Dingen der Diesseitigkeit hingeben, und zu denen sowohl seine Mitmönche als auch der Abt des Klosters zählen, und denen er allesamt seine Lektionen in Demut erteilt – mit diesem exemplarischen Vertreter einer ehrlich gesagt – bei aller Intensität – doch ziemlich einfältigen Volksfrömmigkeit konnten sich viele, auch recht intelligente, Russen sehr leicht und mit Freude identifizieren.

Ostrov ist letztendlich ein filmisch-religiöser Traktat über Schuld und Vergebung (respektive Gottes Gnade, der man sich natürlich bis zuletzt nicht sicher sein kann, das wäre ja Blasphemie!). Das verlogen utopische Element von Ostrov ist eine ganz spezielle Form von Sozialromantik, die auf so etwas wie einen „gesunden Menschenverstand“ des einfachen russischen Menschen abhebt, der auf Gott, sprich auf die russisch-orthodoxe Tradition und Religion, vertraut. Dieser Sozialromantik geben sich, so muss man fürchten, heutzutage in Russland leider auch viele Intellektuelle hin. Das tragende künstlerische Mittel des Filmes und damit auch seiner Botschaft ist ein klebriger Mystizismus, der sich wunderbar elegischer Naturbilder und der kreatürlichen Intensität des Hauptdarstellers – hier eben auch Pyotr Mamonov – bedient, und der den Zuschauer am Ende mit einem wohligen Hauch von Ahnung in seine jeweils gar nicht so elegische Welt zurückschickt.

Das Konzept von Ostrov geht –  das muss man anerkennen – auf; er kommt an, eben auch bei Zeitgenossen, die man für kritischer hielt.

Dagegen wirkt Car‘ in vielerlei Hinsicht erheblich unausgegorener. Mal abgesehen von einigen wirklich groben handwerklichen Schnitzern – vor allem im Bereich der Kameraführung und der Schnittfolge –, weiß der Film vor allem mit seinem im Titel angekündigten und mit Pyotr Mamonov kongenial besetzten Protagonisten überhaupt nichts anzufangen.

Anstatt sich auf die künstlerisch äußerst spannende Figur des Ivan Grosnyj zu konzentrieren, dessen Zar- und Menschsein, dessen Konflikte, Vielschichtigkeit und seine Rolle in der russischen Geschichte (des Landes wohlgemerkt, und nicht nur der Religionsgemeinschaft), und so vielleicht eben das in Russland immer noch aktuelle Thema der „Selbstherrschaft“ der Mächtigen nicht in fantastisch-verfremdeter Form wie Sorokin in seinem Tag des Opritschniks, sondern nun – etwas volksnaher – in Form des Historiendramas zu behandeln, erzählt Lungin ein ziemlich plattes Gut- und Bösespiel.

Für dieses Schwarz-Weiß-Spiel wird der Zar im Grunde nur als die Verkörperung des an und für sich Bösen gebraucht, als Antichrist im Kreml. Die ganze hervorragende darstellerische Leistung Mamonovs – Ivan ist hier ein von seinen Dämonen Getriebener, hin- und hergerissen zwischen Schuld und Buße und Selbstvergebung, einer, der sich hingebungsvoll in seiner boden- und haltlosen Selbstliebe und Selbstidolatrierung aufreibt – all das ist wirklich für die Katz, auch wenn es aufwendig und manchmal auch sehr gelungen ins Bild gesetzt wird. Denn die eigentliche Hauptfigur dieses Filmes, der eben in Wirklichkeit eine Heiligen-Chronik sein will, dem es aber aus verschiedenen, hauptsächlich handwerklichen Gründen aber auch nicht ganz gelingt, eine solche zu sein, ist Filip, jener Pope und Abt des Soloveckij-Kloster, dem das kleine Mädchen, das ich am Anfang erwähnte, justament in die Arme lief und der dann auch gleich seine schützende Hand über sie hält, als er auf seinem Weg nach Moskau den nach getanem üblen Handwerk zum Kreml zurückreitenden Opritschniki begegnet und diese die Herausgabe des Mädchens verlangen. Das Problem mit dieser Figur ist, dass sie als die Verkörperung des an und für sich Guten natürlich herzzerreißend langweilig und uninteressant ist. Aber das eigentliche Grundproblem des Filmes ist, dass er aus seinen Figuren, die ja historische sein sollen, überhaupt nichts herausholt.

(Es folgen Teil III und Teil IV, hier findet sich Teil I)

Advertisements

Schlagwörter: , , , ,

3 Antworten to “Zar und Gottes Mann (Teil II/IV)”

  1. Zar und Gottes Mann (Teil III/IV) « novinki-Blog Says:

    […] novinki-Blog « Zar und Gottes Mann (Teil II/IV) […]

  2. Zar und Gottes Mann (Teil I/IV) « novinki-Blog Says:

    […] folgt, hier finden sich Teil II, Teil III und Teil […]

  3. Zar und Gottes Mann (Teil IV) « novinki-Blog Says:

    […] finden sich Teil I, Teil II und Teil […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: