Toxische Geschichte

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Was passiert in der neueren polnischen Literatur, wenn Dorota Masłowska gerade nicht schreibt? Es passiert eine ganze Menge, aber es ist sprachlich und narratologisch nicht immer überzeugend. Unter den jüngeren Autoren ist außer Masłowska kaum jemand in der Lage, über die Modellierung des gegenwärtigen Zustands der Sprache zu kollektiven Ängsten und Hoffnungen der polnischen Gesellschaft vorzudringen.

Ich habe mir die Buchtitel der Reihe Archipelagi (Archipele) des Warschauer Verlags W.A.B aus den letzten Jahren angeschaut. Da finden sich einige Autoren, auf die man auch in Deutschland aufmerksam wurde und die ziemlich rasch ins Deutsche übertragen wurden. Jacek Dehnel, Wojciech Kuczok (gerade in Berlin zu Gast, schreibt einen eigenen Blog über den Berlinaufenthalt), Magdalena Tulli, Henryk Grynberg. Unter den Vieren ist Grynberg der einzige Autor, für dessen Schreiben ich Begeisterung und anhaltendes Interesse entwickeln kann. Das liegt sicher auch am prominenten Thema seiner Bücher: dem Zeugnis der Shoah-Überlebenden (z.B. Drohobycz, Drohobycz, Wien 2000). Für die anderen scheint mir zu gelten, dass sie entweder in ihrer Schreibtherapie stecken geblieben sind (Dehnel) oder sich im Kampf mit den grausamen Gesetzen des Erzählens und der Konstruktion von Fiktion so gründlich verausgaben, dass am Ende nicht viel außer Verwirrung bleibt (Tulli). Oder sie bleiben beim Realismus (Kuczok, Dreckskerl, FFM 2007). Und der diktiert scheinbar den jungen Autoren Erzählstrategien, die noch an die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erinnern.

Die Reihe Archipele des W.A.B Verlags hat jetzt einen neuen Autor, der sich auch einem bestimmten Realismus verschrieben hat, mit dem er aber offensichtlich nicht zurecht kommt (oder mit dem ich nicht zurecht komme) – Daniel Odija, der von Andrzej Stasiuk entdeckt wurde und dessen Buch Tartak (2003) in Zürich 2006 unter dem Titel Das Sägewerk erschienen ist.

Sechs Jahre lang soll er an seinem neuen, Anfang 2010 erschienenen Buch Kronika umarłych (Die Totenchronik) gearbeitet haben. Die Geschichte spielt in einer fiktiven Provinzstadt mit dem Namen Kostyń, der klanglich an die Grenzstadt Küstrin/Kostrzyn erinnert, aber auch an ‚Knochen‘, an den ‚Knochenmann‘. Denn es geht um Tote, die in Alpträumen wiederkommen und um Lebende, deren Leben zerfällt, die dem Untergang und dem Tod entgegengehen. Als Vorbild für die fiktive Stadt Kostyń diente Słupsk, eine Stadt an der Ostseeküste auf dem halben Weg nach Danzig. Daniel Odija lebt in Słupsk, aber sein Kostyń hat nur das morbide, kühl-rauhe Klima einer Küstenstadt mitbekommen. Ich kann es als Ostseetourist nicht beurteilen, ob Słupsk, ob irgend eine andere Küstenstadt klimatisch wirklich so schlimm ist. Nach bestimmten Topographien sucht man in Odijas Buch vergebens. Ihn interessieren vor allem die von Krankheit und Lebensmüdigkeit heimgesuchten Existenzen, die unweigerlich  zugrundegehen, weil sie mit „dem Brand in ihrem Inneren nicht fertig werden“. Wie schon in Sägewerk setzt sich Odija implizit mit den Begleitumständen des Transformationsprozesses in Polen auseinander. Und wo, wenn nicht in der Provinz lässt sich besser das Scheitern derer zeigen, die mit der großen Depression im Kapitalismus nicht fertig werden. Eine Provinzstadt lässt sich eben so zeichnen: Ein von Krankheit und Wahnsinn heimgesuchter Ort, in dem Elend auf Elend, Unglück auf Unglück gehäuft werden. Mateusz, ein gescheiterter Musiker, kommt zurück in seine Heimatstadt, weil seine Beziehung zerbrochen ist, weil er keine Arbeit findet, weil er nicht markttauglich ist, so einfach ist das. Und man ahnt schon, das kann nicht gut gehen. Wenn man in Zeiten des Kapitalismus aus Warschau in die Provinz zurückkommt, dann doch nur, um sich aufzuhängen oder in eine geschlossene Anstalt zu kommen. Alle anderen Schicksale, die sich episodisch wie in einer Telenovela um die Mateusz-Geschichte gruppieren, sind ebenfalls nicht zu retten. Mateusz sucht nach etwas, was sein Leben zusammenhielte. Wenn schon nicht Beziehung, dann doch wenigstens Musik – er komponiert im Kopf ein Stück mit dem Titel Komedia (ein Verweis auf Dantes Divina Kommedia – also den Höllentrip durch Kostyń – und auf die Jazzlegende Krzysztof Komeda), aber eine Synthese, einen Zusammenklang der Fragmente erreicht er nur im alles zunichte machenden Wahnsinn. Diese Anhäufung von Elend, die Notizen aus einer Totenstadt wirken ein wenig hilflos. Das psychische Elend der Figuren scheint Selbstzweck zu sein. Der Autor gibt sich alle Mühe, dem Schrecken und der Angst, die die Bewohner von Kostyn plagen, einen Namen zu geben. Surreale Phantasmagorien, von Stadtmaniacs konstruierte Mythen, im Dunkeln agierende Ungehuer, die an Ratten erinnern sollen. Wenn ein Autor Angst hat, das zu reflektieren, worauf er mit dem Text reagiert (nämlich offensichtlich auf die große Depression im Kapitalismus), dann greift er  zu verkürzenden Psychologismen und zu Mythen und muss naiv wirken. Da wird sogar die deutsche Vergangenheit der fiktiven Stadt Kostyń (analog zur deutschen Vergangenheit von Słupsk) schrecklich stereotyp bemüht, um dem ‚Bösen‘, der Depression von Heute eine mythische Erklärung zu geben. Auf alten Zelluloidbändern, die den Krieg überdauert haben, finden die heutigen polnischen Bewohner von Kostyń die filmische Chronik einer deutschen Familie, die den Führer toll fand aber bald schon nach und nach von Krieg hinweggerafft wurde. Die Söhne an der Front, die Eltern zu Hause. Und jetzt kommen die toten Deutschen als Alpträume und Psychosen über die neuen Bewohner des Hauses . Der Fluch kommt also doch wieder von den Deutschen. Ihre Geschichte vergiftet das Klima der Küstenstadt, und damit macht es sich Daniel Odija besonders einfach: „Die Opfer des Krieges, ähnlich wie die Opfer der Zeit, sind immer und überall gleich. Im Moment der Geburt werden wir mit ihrem Leiden vergiftet.“ Ja, dann hätte der Autor einen richtigen Thriller schreiben sollen.

Als selbstenttäuschter Lyriker (er hat früher Lyrik geschrieben) traut Daniel Odija der Sprache nicht mehr und versucht einfach und kolloquial zu schreiben, aber damit ist man nicht gleich auf der sicheren Seite.

Als Abgesang schlage ich das Wiegenlied von Komeda (aus Rosemary’s Baby) vor. Vielleicht nimmt es den Fluch von Daniel Odijas Schreiben weg. Weil ich sicher bin, dass er besser schreiben kann.

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