„Es war nicht in böser Absicht“

by

Oder von der Notwendigkeit, Fragen in Frage zu stellen

Stimmen zum Podiumsgespräch mit Ivana Sajko und Dorota Masłowska am 6. Mai im LCB


Stimme 1 (erleuchtet):

Nun, was hier kürzlich über die Eröffnungsveranstaltung des Symposiums „Dramaqueen“ am LCB gebloggt wurde, ist wirklich bösartig und übertrieben. Geradezu ein Verriss um des Verrisses willen! Ich jedenfalls fand das von Sabine Adler moderierte Gespräch mit den Dramatikerinnen Ivana Sajko und Dorota Masłowska äußerst inspirierend! Zielstrebig und konsequent führte die Moderatorin das Interview. Gekonnt wusste sie mit dem emanzipatorischen Getue der Gäste umzugehen und forderte sie heraus, ihr wahres Gesicht hinter der aufgesetzten Maske zu zeigen. Denn was verbirgt sich hinter der schieren Obszönität, der geballten Gewalt, der plakativen Sexualität ihrer Werke? Folgen die Frauen damit nicht einfach einem äußerst lukrativen Trend, der ihnen schnellen Ruhm und Publicity verspricht? Wut und Vulgarität haben in der schönen Literatur nichts zu suchen! Gerade jetzt, da in Kroatien der Krieg vorbei ist, wäre es doch auch wirklich an der Zeit – wie Frau Adler richtigerweise und in der für sie so charakteristischen präzisen Wortwahl empfiehlt – mal „Schwamm drüber“ zu sagen. Dank ihrer langjährigen journalistischen Erfahrung zeigte die Moderatorin – in einer beeindruckend unerschrockenen, investigativen Herangehensweise – dennoch edelmütig Bereitschaft, sich mit den schwerwiegenden Problemen der osteuropäischen Gesellschaften auseinanderzusetzen, insbesondere mit Drogen und Gewalt. Großzügig lobend hob sie in diesem Kontext auch hervor, dass Sajko endlich einmal auf die tragische Rolle der Frau als handlungsunfähiges Opfer im Krieg aufmerksam gemacht habe, forderte aber gleichzeitig zurecht eine verstärkte Reflexion des in den Texten beider Autorinnen so intensiv postulierten Männerhasses.

Die in ihren Werken doch so großmaulige Masłowska wusste bald nicht mehr, was sie auf Frau Adlers pointierte Fragen antworten sollte und vertuschte es mit punkig-adoleszentem Schweigen, während sich Sajko in ihrer üblichen sprachlichen Laxheit über „the shit of the world“ ausließ. Frau Adler verfolgte jedoch trotz Ablenkungsmanövern und versuchter Gesprächsverweigerung weiterhin eine klare Linie bei der Interviewführung. Dadurch gelang es ihr, zentrale Aspekte des literarischen Schaffens Masłowskas und Sajkos kritisch zu hinterfragen und wichtige Impulse für eine gesellschaftliche wie auch künstlerische Weiterentwicklung zu geben – jenseits von Gewalt, sprachlicher Grobheit, aufgesetzten Draufgängerinnentums und unnötiger sexueller Anspielungen.

Stimme 2 (vergebend):

Rückständiges Osteuropa, böse Sexualität, zu viel Aggression?

Dass sich die platten Fragen der Moderatorin als „provokante Fragen“ verkleiden, kann ihre Plattheit zwar nicht verbergen, aber „Provokation“ ist trotzdem ein sympathischer Begriff. Dass die zentrale Provokation Sajkos und Masłowskas im Gebrauch von Geschlechtsorgane bezeichnenden Wörtern besteht, ist mir zwar neu, aber dass die Moderatorin selbiges offenbar tatsächlich als beschämend und Aufsehen erregend empfindet, ist ja im Grunde irgendwie niedlich. Dass sie Männerhass sieht, wo keiner ist – nun ja, das haben vor ihr ja auch schon andere getan, ganz im Sinne des Antifeminismus. Und dass sie, trotz Widerspruchs von Sajko und Masłowska, versucht, gesellschaftliche Probleme auf Polen und Kroatien abzuschieben – das sind doch diese Länder im fernen, fernen Osten mit ganz viel Gewalt und so, oder? – Schwamm drüber!

Außerdem ist es den beiden Befragten ja glücklicherweise trotz allem irgendwie gelungen, nicht nur brav Antworten auf jede noch so „provokante“ Frage zu geben, sondern sogar – den schlechten Vorlagen zum Trotz – einige tatsächlich bereichernde Dinge zu sagen, für die es sich also doch gelohnt hat, zum LCB zu fahren…

Stimme 3 (zynisch):

Der Unmut auf dem Podium, der angesichts der zahlreichen unangenehm-suggestiven Fragen insbesondere Masłowska zunehmend anzumerken ist, scheint irgendwann sogar von Frau Adler feinfühlig wahrgenommen zu werden. Nur leider, leider kann sie an dieser unerträglichen Situation ja nichts ändern: „Ich muss Sie weiterquälen. Sie sind ja selber schuld, weil Sie so erfolgreich sind!“ Interessantes Selbstverständnis als Moderatorin. Und wo wir’s schon vom Quälen haben: Vielleicht hätte eine bessere Vorbereitung auf den Abend auch zu der Erkenntnis beigetragen, dass Sajko keinesfalls von armen passiven Opfern schreibt? Egal, eigentlich interessiert Literatur und ihr subversives Potential hier ja scheinbar sowieso niemanden, nein, wir sind schließlich hier, um endlich einmal zu erfahren, wie denn nun die Situation in diesen weit entfernten Ländern im anrüchigen Osten ist!

Stimme 4 (zusammenfassend):

Ein passendes Schlusswort? Das hat zum Glück Frau Adler selbst geboten: „Es war nicht in böser Absicht.“ Welch’ erfreuliche Nachricht, und was könnte dieses Nicht-Gespräch besser zusammenfassen? Das in diesem Blogbeitrag gefällte vernichtende Urteil über die Moderation des Nicht-Gespräches ist hingegen sehr wohl ein Resultat böser Absicht: Der geneigten Leserin wird sicher nicht entgangen sein, dass sich Stimme 1 und 2 lediglich, ganz nach dem Vorbild der platten Fragen, verkleidet haben und in Wirklichkeit auch zynisch sind… Wir wollen der Person, die da mit scheinbar unterschiedlichen und in Wahrheit bloß zynischen Stimmen spricht, ihre bösen Absichten jedoch verzeihen: Sie ist schließlich noch jung und darf also noch wütend sein (das erlaubt sogar Frau Adler), sie darf also auch nach Lust und Laune über unangemessene Fragen herziehen, und sie darf abschließend, in Anlehnung an Sajkos Schlusswort (als einen der wenigen tatsächlich erleuchtenden Momente des Abends) auf eine wichtige Aufgabe von Literatur verweisen: das Aufwerfen komplexer, spannender, offener Fragen. Dass es solche überhaupt gibt, wäre an diesem Abend im LCB leider fast in Vergessenheit geraten.

Text: Anne Grunwald & Nastasia Louveau

Illustration: Nastasia Louveau

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: