Dramaqueens am LCB Berlin

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Zugegeben ist Dramaqueen schon ein selten blöder Titel für ein Symposium mit jungen Dramatikerinnen aus Osteuropa! „Dramaqueen“ passt nach wie vor eher auf die pink-farbenen T-shirts ungezogener kleiner Mädchen und ins lexikalische Repertoire ihrer nicht minder fehl-gebildeten Eltern als in Konferenztitel.

Nachsichtig haben wir uns dennoch zur Auftaktveranstaltung am LCB gemacht, um die schön ausgedachte Kombi Dorota Masłowska und Ivana Sajko in Lesung und Gespräch zu erleben. Die beiden wohl bekanntesten und erfolgreichsten Vertreterinnen dramatischer Texte in ihren jeweiligen Heimatländern Polen und Kroatien verbindet über den Erfolg hinaus der revolutionäre und widerständige Charakter ihrer Werke. „Generation der Revolte“ haben die Organisatorinnen sie entsprechend gelabelt. Nicht zu unrecht – wie wir finden.

Vorgetragen von Meike Schlüter & Aline Staskowiak hörten wir Auszüge aus Europa – Monolog für Mutter Europa und ihre Kinder von Sajko und Zwei polnisch sprechende Rumänen von Masłowska. Als polonistische und südslavistische Literaturwissenschaftler kannten wir die Texte zwar bereits, genossen aber den hervorragenden Vortrag in Vorfreude auf das Gespräch mit den Autorinnen. Allerdings hatten wir die Rechnung ohne die Moderatorin Sabine Adler vom Deutschland Radio Berlin gemacht, die uns nicht nur als „sehr spezielles Publikum“ beschimpfte, sondern auch in der Klischeemottenkiste so tief unten zu Werke war, dass die mit uns nach Wannsee gepilgerten Studierenden der Slawistik ungläubig große Augen machten. Und mit uns litten wie die Hunde!

Man muss nicht viel von Literatur verstehen, um Expertengespräche führen zu dürfen, daran sind wir gewöhnt. Auch gegen den allgegenwärtigen Osteuropa-Rassismus sind wir als Slawisten abgehärtet (wenn etwa Frau Adler Zagreb, das bekanntlich westlicher als Wien liegt, nicht zu Europa zählt oder Masłowska fragt, ob sie Selbstbewusstsein aus Polens EU-Zugehörigkeit zöge). All das kann uns längst nicht mehr schocken. Dass sich die Autorinnen jedoch die Frage gefallen lassen müssen, ob sie denn nicht mit Sex ihre Texte verkauften – das zeugt schon von generationaler wie auch marktstrategischer Unbedarftheit der Moderatorin. Diese geht offenbar davon aus, dass sich mit „ficken“-Sagen irgendjemand hinterm Ofen hervor und in die Buchhandlung locken lässt. Dann setzt sie nach und fragt Dorota Masłowska, der die Genervtheit – verständlich! – ins Gesicht geschrieben steht, was denn ihre kleine Tochter dazu sage, dass sie Schimpfworte benutze. Masłowskas Tochter – wir haben sie am LCB kurz gesehen – dürfte ca. 3 Jahre alt sein und wird allein deshalb kaum die Werke ihrer Mutter studieren. Vermutlich wollte Sabine Adler ihrer Einschätzung Ausdruck verleihen, dass Masłowska spricht wie sie schreibt. Und umgekehrt! Denn auch die recht peinliche Frage nach der „Umgangssprachlichkeit“ der dramatischen Texte beider Autorinnen fiel.

Dann das Thema: „Bedrohung“. Ob Dorota Masłowska die Gewalt in ihrem Land sehe, die uns von allen Seiten in den Städten bedrohe: Dealer, Drogenabhängige, der Rand der Gesellschaft? In ihren Texten komme soviel Gewalt vor… Ein Missverständnis jagt das andere. Die junge Autorin muss die Moderatorin über die „Realitätsferne“ (O-Ton Masłowska) ihrer Fragen erstmal aufklären. Sie könne nicht ein bodenloses Fass des Leids und der Wut sein, in das alles hineinkommt, dazu sei die Literatur nicht da. Wut über „the shit of the world“, wie Sajko es ausdrückte, diene zunächst dazu, dem Schreiben einen Schub zu geben, das sich aber selbst nicht darin erschöpfen kann. Masłowska muss in ihren Antworten immer wieder bei Adam und Eva ansetzen. Man sieht, wie wichtig es ihr ist, die Dinge klarzustellen. Weder sie noch Ivana Sajko lassen sich auf junge Unzufriedene reduzieren, die ihre Wut mit Sex, Gewalt und Vulgarität zur Ware machen.

Kurz gesagt, wir erlebten das langweiligste, einfallsloseste, ja platteste Autorengespräch, das man sich vorstellen kann. Das LCB scheint nachhaltig auf die Vertreibung des Publikums unter 45 zu setzen! Schade. Der ‚Generation der Revolte‘ war das Gespräch nachvollziehbarerweise nicht des Widerstandes wert – Sajko antwortete nach einem kurzen Durchatmen jeweils diszipliniert, Masłowska, der wir dafür nachträglichen Applaus schenken, gelangweilt. Beide brausten unmittelbar nach der Veranstaltung mit dem Taxi davon, vermutlich froh, den scharfsinnigen Blicken der Adler-Augen entronnen zu sein.

Miranda Jakiša und Michael Zgodzay

Fotos: Nastasia Louveau

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Eine Antwort to “Dramaqueens am LCB Berlin”

  1. Drama Queen Says:

    Sehr gut und äußerst kritisch geschrieben! Artikel hat mir gefallen

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