Polnisch-Russischer Frühling

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Nach der Katastrophe von Smolensk wird auch im offiziellen Kulturbetrieb viel von Versöhnung zwischen Polen und Russland gesprochen. Am 4. Mai fand im Moskauer Čechov-Kunsttheater (MchAT) eine „symphonische Performance“ statt, die an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 65 Jahren erinnern sollte.

http://www.mxat.ru/english/performance/requiem/

Vier Teile der traditionellen Totenmesse haben die Veranstalter ausgewählt, um Musik und Text zusammen zum Totengedenken erklingen zu lassen. Alles ziemlich erhaben. Es gab aber auch einen ‚Teil‘ des Requiems, der gar nicht im traditionellen musikalischen Requiem vorkommt: Confiteor – Ich bekenne. An diesem Teil waren sechs prominente Redner beteiligt, die sich wahrscheinlich zu etwas oder etwas bekennen sollten.  Eine interessante Gruppe kam da zusammen: u.a. Hanna Schygulla (Deutschland), Oleg Tabakov (Russland), Daniel Olbrychski (Polen). Wie die polnische Gazeta Wyborcza berichtet, wurde der polnische Teilnehmer, der Schauspieler Daniel Olbrychski, der mit Vladimir Vysockij befreundet war, mit sehr viel Sympathie empfangen. Der Liedermacher Vysockij war auch, um es etwas respektlos auszudrücken, Olbrychskis Aufhänger. Denn mit ihm, mit der Erinnerung an seine rauhe und melancholische Stimme, lässt sich alles Tabuisierte und Schmerzhafte schnell neutralisieren. Der Schauspieler zitierte in seiner Geschichts-Erinnerungsrede, die von der Gazeta Wyborcza abgedruckt wurde, ein Gedicht von Vysockij über das ‚Ausbluten‘ Warschaus 1944, als die sowjetischen Panzer vor der Stadt gestoppt wurden. Danach konnte dann auch unter der Vysockij-Betäubung auch noch Katyn und NKDW in einem Zug genannt werden. Vielleicht geht es nicht anders. Es war keine lange Rede, das hätte, zusammen mit den anderen Rednern, den Rahmen des Confiteor sicher gesprengt. Daher kam der wirklich kleinste gemeinsame Nenner zwischen Polen und Russland zur Sprache: „Ihr Russen und wir Polen liebten beide Vysockijs Lieder. Denn in ihnen war Wut gegen unsere gemeinsame Realität nach dem Zweiten Weltkrieg“. Ich fürchte, da kann auch Hanna Schygulla mit einstimmen. Wie in dem Lied „Koni“ von 1979, dessen polnische Übersetzung in den 1980ern sehr beliebt war.

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