Archive for Mai 2010

Zu Treuen Händen

Mai 27, 2010

Vor wenigen Tagen ist ein neuer Band mit den gesammelten Gedichten von Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki erschienen, der nach dem Nike-Preis für das Buch des Jahres 2009 zu einem poeta laureatus wurde. Der Verlag Biuro Literackie in Wrocław hat die bisherige Gesamtausgabe (Poesie als ein Ort auf Erden) um das preisgekrönte Buch Piosenka o zależnościach i uzależnieniach (Ein Lied über Abhängigkeiten und Süchte) und sonstige verstreute Texte des Dichters ergänzt und eine Multimedia-CD mit Video- und Tonmaterial beigelegt. Das Ergebnis heißt: Oddam wiersze w dobre ręce (Gedichte zu treuen Händen abzugeben). Das Buchcover zeigt ein Schattenprofil des Dichters in einer Pose, die zu seinem Erkennungszeichen geworden ist: Der Kapuzenmann mit Mikro wie ein Greis über einem Buch gebeugt, über den Gedichten, die er in einem beschwörenden Singsang vorträgt. Nicht jedem liegt seine Performance, manche finden sie abgefahren, andere sind hypnotisiert. Für Unterhaltung sorgt der Kapuzenmann allemal, wie etwa bei der Premiere des Buches.

Um den Liedcharakter seiner Gedichte zu unterstreichen, fügt Dycki häufig ein wiederkehrendes und magisches „la-la, la-la“ ein. Diesmal gibt es eine genauso starke Inkantation, ein noch mehr manisch-schamanisches „heja-hej“. Der Kapuzenmann (auf dem Video leider ohne Kapuze) ist wirklich unglaublich. Bleibt zu hoffen, dass er sich weiter entwickelt. Wer weiß, welche Töne noch möglich sind.

Dichterporträt auf novinki.de

Etwas nüchterner gibt sich der Dichter in einer Aufnahme für lyrikline.org, die er anlässlich des Lyrikfestivals 2009 in Berlin gemacht hat.

Objekt der Woche

Mai 24, 2010

Elif Batuman: The Possessed. Adventures with Russian Books and the People Who Read Them. New York 2010.

Weißrussische Kunst im Tacheles

Mai 23, 2010

Der gegenwärtigen weißrussischen Kunst und Literatur wird im Ausland nicht gerade viel Aufmerksamkeit geschenkt. Anders derzeit im Tacheles: Seit Mitte Mai bis 15. Juni wird hier im Rahmen des „Festival DACH-10“ aktuelle zeitgenössische Kunst aus Weißrussland vorgestellt. Im Fokus stehen über 40 Künstler unterschiedlichster Couleur, die eine breite Vielfalt der aktuellen und sehr lebendigen alternativen Kunstszene Weißrusslands repräsentierten: Von Malerei und Fotografie, über Performance- und Videokunst bis hin zu Autorenlesungen und Konzerten ist alles dabei – die Konzerte bekannter Avantgarde-Musiker stellen einen Höhepunkt des Festivals dar (unter ihnen der Elektromusiker Vladislav Buben und der legendäre Gitarrist Andrei Ivanou (‚The Zartipo’).

Dass das Festival im Tacheles stattfindet, ist kein Zufall. Denn einige der beteiligten Künstler sind dem Kunsthaus seit langem im Rahmen eines Kulturaustauschprojektes zwischen Berlin und Minsk eng verbunden. So zum Beispiel der Maler und Mitkurator des Festivals, Alexandr Rodin, der hier erklärtermaßen seit Jahren eine inspirierende Wirkungsstätte und jenen künstlerischen Freiraum gefunden hat, der ihm in seiner Heimat versagt bleibt. Seine riesigen, neoromantischen Tafelgemälde sind neben den Werken weiterer acht Künstler derzeit in einer Sonderausstellung zu sehen.

Auch Zmicer Višnëŭ, einer der bekanntesten weißrussischen Gegenwartsautoren – außerdem Lyriker, bildender Künstler, Performancekünstler, Herausgeber, Verleger und Mitbegründer der radikalen Künstlergruppen Bum-Bam-Lit und Schmerzwerk, kurz einer der aktivsten Köpfe der aktuellen weißrussischen Literaturszene – hat eine spezielle Verbindung zum Tacheles: Er war selbst vor einigen Jahren Gast des Hauses und machte es kurzerhand zum Schauplatz seines kürzlich erschienenen Romans Замак пабудаваны з крапівы / Das Brennnesselhaus (2010), das in deutscher Übersetzung bisher leider nur als unveröffentlichtes Manuskript vorliegt.

Noch über drei Wochen Zeit, sich selbst ein Bild zu machen!

Auf novinki.de findet sich übrigens ein sehr aufschlussreicher Artikel von Zmicer Višnëŭ zur aktuellen weißrussischen Literaturszene: Literaturlandschaft Belarus: Eine Begehung

Die Kunst der Erinnerung

Mai 21, 2010

Ab dem 21. Mai ist im Freien Museum Berlin in der Potsdamerstr. 91 „Memo_Raising. Ein interaktives Ausstellungsprojekt der 3. Generation“ eröffnet. Bereits auf der Homepage kann man einen ersten Eindruck von dem Projekt gewinnen: http://www.memoraising.com/.

Bemerkenswert, dass die Agenda von einer bewussten Lage zwischen Rekonstruktion und Fiktion von Geschichte spricht. Wie sonst an das Projekt herangehen, das Kunst von Kindeskindern der Holocaustüberlebenden zum Thema und Anlass genommen hat, ost- und westeuropäische Künstler, biographische und ästhetische Konfrontationen von Geschichte(n) dem Berliner Publikum zu präsentieren. Bemerkenswert auch, dass das Publikum als Teil des Konzepts mitgedacht und aktiv einbezogen wird.

Acht junge Künstler aus Israel, Polen, Frankreich, Litauen, Ukraine und Deutschland setzen sich mittels Installationen, Videos, Fotographien und Malerei mit Zeit, Erinnerung, Gedächtnis, Holocaust, Identität, Lebenslinien und Textilien auseinander. Lässt sich nicht wirklich gut beschreiben. Aber sehen und erleben.

Memo-bild

Sogar die Papageien überleben uns

Mai 20, 2010

Jeder Dichter, jede Dichterin tut es. Oder zumindest fast jede(r). Sie schreiben – früher oder später – Prosa. Oft kommen dabei Romane heraus und zwar durchaus beeindruckende. Und da ist die russische Lyrikerin Ol’ga Martynova keine Ausnahme. Martynova, Jahrgang 1962, die seit 1990 in Frankfurt am Main lebt, war dem deutschsprachigen Leser bislang als Dichterin, Übersetzerin und Literaturkritikerin bekannt. Zusammen mit der Übersetzerin Elke Erb machte sie die Romane ihres Mannes, Oleg Jurev, dem Leser hierzulande zugänglich und wirkte an der Übertragung ihrer eigenen Gedichte ins Deutsche mit, die sie – logischer- und vernünftigerweise – ausschließlich auf Russisch schreibt. Ihre zahlreichen Buchbesprechungen, die sie regelmäßig in der NZZ und der TAZ veröffentlicht, schrieb sie jedoch immer schon auf Deutsch (Die „Best of“-Texte sind nachzulesen im 2001 in dem beim Rimbaud Verlag erschienenen Band Wer schenkt was wem). Anfang dieses Jahres erschien nun im Droschl Verlag ihr erster, auf Deutsch geschriebener Roman Sogar die Papageien überleben uns, den sie am 09. April 2010 im vollen Saal des Berliner Literaturhauses vorstellte.

Die Fragen des Moderators bewegten sich erwartungsgemäß rund um das Thema Migration.  Die Haltung Martynovas: unpathetisch, uneitel und – unnachgiebig. Allseits bekannte Ausführungen zu den Problemen russischer Migranten, russischer Schriftsteller in Deutschland – Fehlanzeige. Kulturschock nach der Übersiedelung nach Deutschland? Nein, warum denn. Unterschiede zwischen Russland und Deutschland, der Mentalität (seufz), den Menschen? Nicht wirklich. Hätte sie ein besonderes Sprachtalent, wo sie so phantastisch Deutsch kann? Nein, Deutsch hätte sie so gut gelernt nicht etwa, weil sie so sprachbegabt wäre, so die fließend Deutsch sprechende Autorin, sondern weil sie neugierig war, sie wollte die deutsche Literatur, die nicht in russischen Übersetzungen verfügbar war, eben lesen. So lauteten ihre Antworten auf die hoffnungsvollen Fragen des Moderators, den sie konsequent ins Leere laufen ließ. Es lässt einen ja wirklich staunen (wenn es nicht gerade depressiv stimmt), dass sich deutsche Kulturjournalisten noch immer auf abgedroschenen Allgemeinplätzen bewegen (wie erst kürzlich auch die hier besprochene, geradezu peinlich moderierte Veranstaltung am LCB mit Dorota Masłowska und Ivana Sajko bewies). Man fragt sich – für welches Publikum sind solche Fragen interessant und relevant? Oder ist das Interesse des Publikums letztlich sowieso egal? Und wovon zeugt es denn, wenn sich jener Moderator, des Russischen nicht mächtig, es nicht für nötig hält, sich nach der korrekten Aussprache der zahlreichen im Roman vorkommenden Namen, geschweige denn deren Betonung, vor der Lesung zu erkundigen? So ist es vielleicht ganz bezaubernd, wenn aus Daniil Charms, ein der Slawistik bislang unbekannter englischer Autor namens Čarms wird, in der Sache ist es jedoch nur traurig. Die Gründe dafür seien dahingestellt, darüber sollte man besser nicht spekulieren, doch etwas mehr Respekt, nicht zuletzt vor der Autorin selbst, ihrem Text und den Gästen, wäre gewiss angemessen gewesen. Tröstlich nur, dass sich Martynova auf eine solche Diskussionsart nicht einlässt. Ihr überaus entspannter und humorvoller Umgang mit dem Thema Migration wirkt erfrischend neu und fast schon herausfordernd. Fast zufällig, wie nebenbei zu provozieren, das ist Martynovas Art, wie nicht zuletzt der neuerliche Wirbel um ihre These von der Rückkehr des sowjetischen Geschmacks in der russischen Gegenwartsliteratur bezeugt – zunächst in einem Artikel bei der NZZ  (Der späte Sieg des Sozialismus) und anschließend auf Russisch veröffentlicht und heftig diskutiert auf OpenSpace.ru.

Fazit – liebe Frau Martynova, bitte provozieren Sie weiter!

Porträt der Autorin auf novinki.de

Lyrik, Musik und Multimedia

Mai 16, 2010

Der Verlag für Lyrik Biuro Literackie in Breslau feierte von 23.-24. April im Rahmen des traditionellen Lyrikfestivals sein 15-jähriges Bestehen. Es ist wirklich ein Grund zum Feiern. Denn seit der Gründung 1996 hat sich der Verlag dank unermüdlicher Arbeit von Artur Burszta zu einer richtigen, was man so nennt, Institution entwickelt. Die meisten zeitgenössischen Lyriker, sofern sie nicht schon Nobelpreisträger sind, kommen um diese Adresse kaum noch herum. Wirksame Medienpolitik und Produktmanagement, mehrere Buchreihen – etwa 40 Titel pro Jahr – sind eine Seite des Erfolgs. Wichtig ist jedoch auch die Festivaltätigkeit, nicht nur weil ein Lyrikfestival viele junge Leser anlockt  (hat man in einer deutschen Großstadt je schon in der U- oder Straßenbahn Studenten oder Gymnasiasten über Lyrik sprechen hören? In Warschau z.B. schon!), sondern auch, weil hier ständig neue Formen der Präsentation und Inszenierung von Lyrik ausprobiert werden können. Und was hat das Biuro Literackie nicht schon alles ausprobiert! Livemusik, Liveperformance, Tanz, Multimedia, Raumwechsel, die tollsten Bühnenausstattungen, Kulinaria, Workshops – eine riesige Lyrikvermittlungsmaschine, die häufig nicht nur als Ergänzungsprogramm dient, sondern direkt mit dem vorgetragenen Text, mit den Dichterinnen und Dichtern konfrontiert. Nicht nur auf dem Festival ist das überbordende Multimediaspektakel sehr präsent, auch sonst fällt auf, dass Texte immer häufiger – meistens in live erzeugtem Sound – ‚verpackt‘ werden. So als gäbe es nur die Alternative: sakral-salbungsvolle Lyrikabende zum Einschlafen oder cool konsumierte Poesie – zum Schnitzel, Bier und einer Punkband + der Zigarette danach, versteht sich.

Aber vielleicht geht es gar nicht um Entweder-Oder. Vielleicht ist es nur eine Ratlosigkeit gegenüber lyrischen Texten insgesamt, eine Unsicherheit und ein Traditionsbruch in der Rezeption. Jedenfalls fallen solche Experimente mit Musik, Geräusch und Text manchmal auch zum Nachteil des Textes aus, wie im folgenden Arrangement während einer Lesung in Mikołów mit dem Dichter Andrzej Sosnowski, der mir eher Leid tut. Aber der Dichter gibt in der Begrüßung selbst bekannt, dass er und seine Texte nur den Hintergrund bilden. D.h. dass der lyrische Text zu einer Geräuschkulisse, zu einem unter vielen Geräuschen wird. Das ist auch eine Art der Lyrikrezeption, wenn auch eine für mich überraschende.

Gerade in der Jubiläumsausgabe des Festivals Port Wrocław 2010 verzichteten die Organisatoren gänzlich auf Musik und Multimediafirlefanz. In der Begründung hieß es, das Wort sei wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Eine Ausnahme bildeten die Texte von Eugeniusz-Tkaczyszyn-Dycki. Zu einigen von ihnen hat die Band The Poise Rite Musik komponiert und sie in einem eigenen Konzert dem Festivalpublikum präsentiert.

Festivalfotos

„Es war nicht in böser Absicht“

Mai 13, 2010

Oder von der Notwendigkeit, Fragen in Frage zu stellen

Stimmen zum Podiumsgespräch mit Ivana Sajko und Dorota Masłowska am 6. Mai im LCB


Stimme 1 (erleuchtet):

Nun, was hier kürzlich über die Eröffnungsveranstaltung des Symposiums „Dramaqueen“ am LCB gebloggt wurde, ist wirklich bösartig und übertrieben. Geradezu ein Verriss um des Verrisses willen! Ich jedenfalls fand das von Sabine Adler moderierte Gespräch mit den Dramatikerinnen Ivana Sajko und Dorota Masłowska äußerst inspirierend! Zielstrebig und konsequent führte die Moderatorin das Interview. Gekonnt wusste sie mit dem emanzipatorischen Getue der Gäste umzugehen und forderte sie heraus, ihr wahres Gesicht hinter der aufgesetzten Maske zu zeigen. Denn was verbirgt sich hinter der schieren Obszönität, der geballten Gewalt, der plakativen Sexualität ihrer Werke? Folgen die Frauen damit nicht einfach einem äußerst lukrativen Trend, der ihnen schnellen Ruhm und Publicity verspricht? Wut und Vulgarität haben in der schönen Literatur nichts zu suchen! Gerade jetzt, da in Kroatien der Krieg vorbei ist, wäre es doch auch wirklich an der Zeit – wie Frau Adler richtigerweise und in der für sie so charakteristischen präzisen Wortwahl empfiehlt – mal „Schwamm drüber“ zu sagen. Dank ihrer langjährigen journalistischen Erfahrung zeigte die Moderatorin – in einer beeindruckend unerschrockenen, investigativen Herangehensweise – dennoch edelmütig Bereitschaft, sich mit den schwerwiegenden Problemen der osteuropäischen Gesellschaften auseinanderzusetzen, insbesondere mit Drogen und Gewalt. Großzügig lobend hob sie in diesem Kontext auch hervor, dass Sajko endlich einmal auf die tragische Rolle der Frau als handlungsunfähiges Opfer im Krieg aufmerksam gemacht habe, forderte aber gleichzeitig zurecht eine verstärkte Reflexion des in den Texten beider Autorinnen so intensiv postulierten Männerhasses.

Die in ihren Werken doch so großmaulige Masłowska wusste bald nicht mehr, was sie auf Frau Adlers pointierte Fragen antworten sollte und vertuschte es mit punkig-adoleszentem Schweigen, während sich Sajko in ihrer üblichen sprachlichen Laxheit über „the shit of the world“ ausließ. Frau Adler verfolgte jedoch trotz Ablenkungsmanövern und versuchter Gesprächsverweigerung weiterhin eine klare Linie bei der Interviewführung. Dadurch gelang es ihr, zentrale Aspekte des literarischen Schaffens Masłowskas und Sajkos kritisch zu hinterfragen und wichtige Impulse für eine gesellschaftliche wie auch künstlerische Weiterentwicklung zu geben – jenseits von Gewalt, sprachlicher Grobheit, aufgesetzten Draufgängerinnentums und unnötiger sexueller Anspielungen.

Stimme 2 (vergebend):

Rückständiges Osteuropa, böse Sexualität, zu viel Aggression?

Dass sich die platten Fragen der Moderatorin als „provokante Fragen“ verkleiden, kann ihre Plattheit zwar nicht verbergen, aber „Provokation“ ist trotzdem ein sympathischer Begriff. Dass die zentrale Provokation Sajkos und Masłowskas im Gebrauch von Geschlechtsorgane bezeichnenden Wörtern besteht, ist mir zwar neu, aber dass die Moderatorin selbiges offenbar tatsächlich als beschämend und Aufsehen erregend empfindet, ist ja im Grunde irgendwie niedlich. Dass sie Männerhass sieht, wo keiner ist – nun ja, das haben vor ihr ja auch schon andere getan, ganz im Sinne des Antifeminismus. Und dass sie, trotz Widerspruchs von Sajko und Masłowska, versucht, gesellschaftliche Probleme auf Polen und Kroatien abzuschieben – das sind doch diese Länder im fernen, fernen Osten mit ganz viel Gewalt und so, oder? – Schwamm drüber!

Außerdem ist es den beiden Befragten ja glücklicherweise trotz allem irgendwie gelungen, nicht nur brav Antworten auf jede noch so „provokante“ Frage zu geben, sondern sogar – den schlechten Vorlagen zum Trotz – einige tatsächlich bereichernde Dinge zu sagen, für die es sich also doch gelohnt hat, zum LCB zu fahren…

Stimme 3 (zynisch):

Der Unmut auf dem Podium, der angesichts der zahlreichen unangenehm-suggestiven Fragen insbesondere Masłowska zunehmend anzumerken ist, scheint irgendwann sogar von Frau Adler feinfühlig wahrgenommen zu werden. Nur leider, leider kann sie an dieser unerträglichen Situation ja nichts ändern: „Ich muss Sie weiterquälen. Sie sind ja selber schuld, weil Sie so erfolgreich sind!“ Interessantes Selbstverständnis als Moderatorin. Und wo wir’s schon vom Quälen haben: Vielleicht hätte eine bessere Vorbereitung auf den Abend auch zu der Erkenntnis beigetragen, dass Sajko keinesfalls von armen passiven Opfern schreibt? Egal, eigentlich interessiert Literatur und ihr subversives Potential hier ja scheinbar sowieso niemanden, nein, wir sind schließlich hier, um endlich einmal zu erfahren, wie denn nun die Situation in diesen weit entfernten Ländern im anrüchigen Osten ist!

Stimme 4 (zusammenfassend):

Ein passendes Schlusswort? Das hat zum Glück Frau Adler selbst geboten: „Es war nicht in böser Absicht.“ Welch’ erfreuliche Nachricht, und was könnte dieses Nicht-Gespräch besser zusammenfassen? Das in diesem Blogbeitrag gefällte vernichtende Urteil über die Moderation des Nicht-Gespräches ist hingegen sehr wohl ein Resultat böser Absicht: Der geneigten Leserin wird sicher nicht entgangen sein, dass sich Stimme 1 und 2 lediglich, ganz nach dem Vorbild der platten Fragen, verkleidet haben und in Wirklichkeit auch zynisch sind… Wir wollen der Person, die da mit scheinbar unterschiedlichen und in Wahrheit bloß zynischen Stimmen spricht, ihre bösen Absichten jedoch verzeihen: Sie ist schließlich noch jung und darf also noch wütend sein (das erlaubt sogar Frau Adler), sie darf also auch nach Lust und Laune über unangemessene Fragen herziehen, und sie darf abschließend, in Anlehnung an Sajkos Schlusswort (als einen der wenigen tatsächlich erleuchtenden Momente des Abends) auf eine wichtige Aufgabe von Literatur verweisen: das Aufwerfen komplexer, spannender, offener Fragen. Dass es solche überhaupt gibt, wäre an diesem Abend im LCB leider fast in Vergessenheit geraten.

Text: Anne Grunwald & Nastasia Louveau

Illustration: Nastasia Louveau

Dramaqueens am LCB Berlin

Mai 10, 2010

Zugegeben ist Dramaqueen schon ein selten blöder Titel für ein Symposium mit jungen Dramatikerinnen aus Osteuropa! „Dramaqueen“ passt nach wie vor eher auf die pink-farbenen T-shirts ungezogener kleiner Mädchen und ins lexikalische Repertoire ihrer nicht minder fehl-gebildeten Eltern als in Konferenztitel.

Nachsichtig haben wir uns dennoch zur Auftaktveranstaltung am LCB gemacht, um die schön ausgedachte Kombi Dorota Masłowska und Ivana Sajko in Lesung und Gespräch zu erleben. Die beiden wohl bekanntesten und erfolgreichsten Vertreterinnen dramatischer Texte in ihren jeweiligen Heimatländern Polen und Kroatien verbindet über den Erfolg hinaus der revolutionäre und widerständige Charakter ihrer Werke. „Generation der Revolte“ haben die Organisatorinnen sie entsprechend gelabelt. Nicht zu unrecht – wie wir finden.

Vorgetragen von Meike Schlüter & Aline Staskowiak hörten wir Auszüge aus Europa – Monolog für Mutter Europa und ihre Kinder von Sajko und Zwei polnisch sprechende Rumänen von Masłowska. Als polonistische und südslavistische Literaturwissenschaftler kannten wir die Texte zwar bereits, genossen aber den hervorragenden Vortrag in Vorfreude auf das Gespräch mit den Autorinnen. Allerdings hatten wir die Rechnung ohne die Moderatorin Sabine Adler vom Deutschland Radio Berlin gemacht, die uns nicht nur als „sehr spezielles Publikum“ beschimpfte, sondern auch in der Klischeemottenkiste so tief unten zu Werke war, dass die mit uns nach Wannsee gepilgerten Studierenden der Slawistik ungläubig große Augen machten. Und mit uns litten wie die Hunde!

Man muss nicht viel von Literatur verstehen, um Expertengespräche führen zu dürfen, daran sind wir gewöhnt. Auch gegen den allgegenwärtigen Osteuropa-Rassismus sind wir als Slawisten abgehärtet (wenn etwa Frau Adler Zagreb, das bekanntlich westlicher als Wien liegt, nicht zu Europa zählt oder Masłowska fragt, ob sie Selbstbewusstsein aus Polens EU-Zugehörigkeit zöge). All das kann uns längst nicht mehr schocken. Dass sich die Autorinnen jedoch die Frage gefallen lassen müssen, ob sie denn nicht mit Sex ihre Texte verkauften – das zeugt schon von generationaler wie auch marktstrategischer Unbedarftheit der Moderatorin. Diese geht offenbar davon aus, dass sich mit „ficken“-Sagen irgendjemand hinterm Ofen hervor und in die Buchhandlung locken lässt. Dann setzt sie nach und fragt Dorota Masłowska, der die Genervtheit – verständlich! – ins Gesicht geschrieben steht, was denn ihre kleine Tochter dazu sage, dass sie Schimpfworte benutze. Masłowskas Tochter – wir haben sie am LCB kurz gesehen – dürfte ca. 3 Jahre alt sein und wird allein deshalb kaum die Werke ihrer Mutter studieren. Vermutlich wollte Sabine Adler ihrer Einschätzung Ausdruck verleihen, dass Masłowska spricht wie sie schreibt. Und umgekehrt! Denn auch die recht peinliche Frage nach der „Umgangssprachlichkeit“ der dramatischen Texte beider Autorinnen fiel.

Dann das Thema: „Bedrohung“. Ob Dorota Masłowska die Gewalt in ihrem Land sehe, die uns von allen Seiten in den Städten bedrohe: Dealer, Drogenabhängige, der Rand der Gesellschaft? In ihren Texten komme soviel Gewalt vor… Ein Missverständnis jagt das andere. Die junge Autorin muss die Moderatorin über die „Realitätsferne“ (O-Ton Masłowska) ihrer Fragen erstmal aufklären. Sie könne nicht ein bodenloses Fass des Leids und der Wut sein, in das alles hineinkommt, dazu sei die Literatur nicht da. Wut über „the shit of the world“, wie Sajko es ausdrückte, diene zunächst dazu, dem Schreiben einen Schub zu geben, das sich aber selbst nicht darin erschöpfen kann. Masłowska muss in ihren Antworten immer wieder bei Adam und Eva ansetzen. Man sieht, wie wichtig es ihr ist, die Dinge klarzustellen. Weder sie noch Ivana Sajko lassen sich auf junge Unzufriedene reduzieren, die ihre Wut mit Sex, Gewalt und Vulgarität zur Ware machen.

Kurz gesagt, wir erlebten das langweiligste, einfallsloseste, ja platteste Autorengespräch, das man sich vorstellen kann. Das LCB scheint nachhaltig auf die Vertreibung des Publikums unter 45 zu setzen! Schade. Der ‚Generation der Revolte‘ war das Gespräch nachvollziehbarerweise nicht des Widerstandes wert – Sajko antwortete nach einem kurzen Durchatmen jeweils diszipliniert, Masłowska, der wir dafür nachträglichen Applaus schenken, gelangweilt. Beide brausten unmittelbar nach der Veranstaltung mit dem Taxi davon, vermutlich froh, den scharfsinnigen Blicken der Adler-Augen entronnen zu sein.

Miranda Jakiša und Michael Zgodzay

Fotos: Nastasia Louveau

Objekt der Woche

Mai 9, 2010

Der Euro wackelt? Novinkiblog empfiehlt die polnische Version von Monopoly aus den 1980ern. Zocken Sie los.

Polnisch-Russischer Frühling

Mai 6, 2010

Nach der Katastrophe von Smolensk wird auch im offiziellen Kulturbetrieb viel von Versöhnung zwischen Polen und Russland gesprochen. Am 4. Mai fand im Moskauer Čechov-Kunsttheater (MchAT) eine „symphonische Performance“ statt, die an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 65 Jahren erinnern sollte.

http://www.mxat.ru/english/performance/requiem/

Vier Teile der traditionellen Totenmesse haben die Veranstalter ausgewählt, um Musik und Text zusammen zum Totengedenken erklingen zu lassen. Alles ziemlich erhaben. Es gab aber auch einen ‚Teil‘ des Requiems, der gar nicht im traditionellen musikalischen Requiem vorkommt: Confiteor – Ich bekenne. An diesem Teil waren sechs prominente Redner beteiligt, die sich wahrscheinlich zu etwas oder etwas bekennen sollten.  Eine interessante Gruppe kam da zusammen: u.a. Hanna Schygulla (Deutschland), Oleg Tabakov (Russland), Daniel Olbrychski (Polen). Wie die polnische Gazeta Wyborcza berichtet, wurde der polnische Teilnehmer, der Schauspieler Daniel Olbrychski, der mit Vladimir Vysockij befreundet war, mit sehr viel Sympathie empfangen. Der Liedermacher Vysockij war auch, um es etwas respektlos auszudrücken, Olbrychskis Aufhänger. Denn mit ihm, mit der Erinnerung an seine rauhe und melancholische Stimme, lässt sich alles Tabuisierte und Schmerzhafte schnell neutralisieren. Der Schauspieler zitierte in seiner Geschichts-Erinnerungsrede, die von der Gazeta Wyborcza abgedruckt wurde, ein Gedicht von Vysockij über das ‚Ausbluten‘ Warschaus 1944, als die sowjetischen Panzer vor der Stadt gestoppt wurden. Danach konnte dann auch unter der Vysockij-Betäubung auch noch Katyn und NKDW in einem Zug genannt werden. Vielleicht geht es nicht anders. Es war keine lange Rede, das hätte, zusammen mit den anderen Rednern, den Rahmen des Confiteor sicher gesprengt. Daher kam der wirklich kleinste gemeinsame Nenner zwischen Polen und Russland zur Sprache: „Ihr Russen und wir Polen liebten beide Vysockijs Lieder. Denn in ihnen war Wut gegen unsere gemeinsame Realität nach dem Zweiten Weltkrieg“. Ich fürchte, da kann auch Hanna Schygulla mit einstimmen. Wie in dem Lied „Koni“ von 1979, dessen polnische Übersetzung in den 1980ern sehr beliebt war.