Schmerzliche Beziehungen

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Wie sich zeigt, ist die Gestalt einer ‚toxischen Mutter‘, d.h. einer Mutter, die ihr Kind nicht frei lassen kann und durch übertriebene Fürsorge und Schuldgefühle, die sie im Kind produziert, den Abnabelungsprozess verhindert, nicht nur in der jüngsten polnischen Literatur anzutreffen, wie z.B. in Bożena Keffs Utwór o matce i ojczyźnie, 2008 (dt.: Ein Stück über Mutter und Vaterland), sondern auch im polnischen Dokumentarfilm, der seit Kieślowski immer wieder Erstaunliches zu bieten hat. In Keffs Buch ist die Mutter als eine sehr komplexe Figur in einen schmerzhaften historischen Kontext eingeschrieben. Das Leserinteresse zielt aber häufig zuerst auf die Schilderung der ganz privaten Tragödie einer schiefen und zerstörerischen Mutter-Kind-Beziehung, wie viele Leserbriefe an die Autorin bewiesen haben. Überraschenderweise stellte sich nun der Special-Guest des diesjährigen FilmPolska-Festivals, der Kameramann und Dokumentarfilmer Marcin Koszałka, als ein Künstler heraus, der genau diesem Interesse entgegenkommt. Zwei von drei Dokumentarstreifen, die ich mir angeschaut habe, handeln von der übermächtigen Mutter-Tyrannin und einem Muster, das sich wiederholt (und auch in Keffs Buch zu finden ist): Für eine Befreiung von einer solchen Mutter reicht ein Menschenleben nicht aus. Es scheint höchstens eine zeitweilige Versöhnung möglich, doch eine Lösung der Bindung – sie käme einer Muttertötung gleich. Dieses Gespenst aber ist die stärkste Waffe der Tyrannin gegen das Kind.

In seinem Diplomfilm Takiego pięknego syna urodziłam, 1999 (dt.: Einen schönen Sohn habe ich zur Welt gebracht) entblößt der Filmemacher seine Eltern und sich selbst vor der Kamera. Man sieht ihn tatsächlich halbnackt und wie ein Opfertier auf der Fernsehcouch liegen, während die schlimmsten Hasstiraden seiner Mutter wie Messerstiche auf ihn niederprasseln. Der Vater stimmt mit ein, doch nur zaghaft, wie ein Echo der Mutter, denn auch er ist der nichtsnutzige Mann, den seine Frau (symbolisch) vernichtet. Natürlich sind die Szenen und die Wutausbrüche der Mutter provoziert, aber deshalb nicht weniger schmerzlich wahr. Ihre Beschimpfungen mit der Kamera festzuhalten, scheint für den Sohn die einzige Form des Widerstands zu sein, oder eine Art Therapieversuch. Am Ende sieht sich die Mutter das Filmmaterial an und ist betroffen, drückt Bedauern aus, aber nicht mehr. Es ist eine Koda, die die Ausweglosigkeit der Situation (zumindest dort, wo man sich ihr passiv aussetzt) ganz deutlich macht. Eine studentische Jury des Internationalen Wettbewerbs für Dokumentarfilm in Krakau hat diesen Abschlussfilm Koszałkas im Jahr 2000 für seinen „begründeten Exhibitionismus“ mit einer Auszeichnung bedacht.

Es ist verblüffend, dass Koszałka den Akt der Entblößung fünf Jahre später wiederholt, wie man im Web (www.culture.pl) nachlesen kann. In dem 2004 entstandenen Film Jakoś to będzie (dt.: Es wird schon werden) zeigt er Szenen aus seiner eigenen Ehe, endlich fern von der Mutter. Doch auch hier wirkt das toxische Verhältnis zur Mutter weiter, in das eigene Leben übertragen.

Der Film Do bólu, 2008 (dt.: Bis an die Schmerzgrenze) zeigt eine andere ‚toxische Mutter‘, die mit ihrem über fünfzigjährigen Sohn zusammenlebt. Der Vater ist vor kurzem verstorben, „er wollte nicht mehr mit uns leben“, sagt der Sohn in die Kamera. Es ist schier unglaublich – dieser erwachsene Mann ist ein praktizierender Psychoanalytiker! Und vollkommen unfähig, sich von seiner Mutter zu lösen. „Ich musste mich selbst kastrieren, um mit Dir zusammen zu sein“, sagt er zu seiner Mutter. Die Beziehung zu einer gleichaltrigen Frau soll die Mutter-Bindung beenden. Man ahnt es und sieht es: die Mutter ist außer sich und in Rage. Ein Höhepunkt des Films: die Mutter sitzt am Klavier und singt Tonleitern. Ihre Stimme signalisiert: ich bin da, nicht zu überhören, nicht zu übersehen, mich wirst du nicht los – besser kann man ihre übermächtige Präsenz nicht inszenieren. Auch hier steht am Ende des knapp halbstündigen Films eine erzwungene Versöhnung zwischen Mutter und Sohn. Und wieder ein angehängtes Schlussbild, das es in sich hat. Der Sohn schmiedet Pläne. Er wird mit seiner Freundin in ein neu gebautes Haus ziehen, und es soll groß genug sein, damit auch die Mutter dort einziehen kann …

Auf dem Festival war auch Koszałkas Istnienie (dt.: Existenz) von 2007 zu sehen. Wie www.culture.pl zu berichten weiß, ist der Film vom Wunsch des sterbenskranken Schauspielers Jerzy Nowak inspiriert, das eigene Sterben zu inszenieren. Den formalen Kern des Dokumentarfilms bildet die testamentarische Verfügung Nowaks, sein Körper solle nach seinem Tod zu medizinischen Forschungszwecken verwendet werden. Der Schauspieler glaubte, dass mit der Fertigstellung des Films sein Tod bereits eintreten werde, doch dem ist nicht so. Er lebt noch. Der Film ist – nicht nur deshalb – ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie Kunst (wie jede Ausdrucksform) beim Thema Tod und Sterben gegen eine Wand stößt. Der Zuschauer sieht Rituale (vor allem Rituale!) des Umgangs mit dem Tod, ein offensives Sich-Nähern, ein Abschiednehmen von den Verwandten, von geliebten Personen, von Freunden, von Orten und vor allem vom eigenen Körper. Der Film ist sehr sparsam und wahrt behutsam die Privatsphäre des Schauspielers. So wird Vieles nur angedeutet.

Der 80jährige lässt sich den Vorgang der Präparation von einem ebenfalls betagten Professor der Medizinischen Akademie erklären, der wegen der Deformation seines eigenen Körpers zu einer wichtigen Figur in der Diegese wird. Er zeigt dem Schauspieler den Sektionssaal, in dem die Leichen in riesigen Wannen aufbewahrt werden. Sie sehen sich die Leichen an. Jerzy Nowak zeigt sich unbeeindruckt, oder er spielt nur einen alten Mann, der unbeeindruckt ist. „Menschliche Attrappen“, sagt er, „dieses Ding, das vom Menschen kommt“. Es sind verbale Akte, die vom eigenen Körper lösen sollen. Seinen Körper schon zu Lebzeiten zum Ding zu erklären, ist die Strategie Nowaks, sich von ihm zu trennen. Und hier macht der Film, ich weiß nicht, inwieweit intendiert, etwas sichtbar, was wirklich erstaunt. Alle diese Rituale, Abschiede, Verfügungen schienen mir irgendwo zu scheitern. Was nicht bedeutet, dass sie vollkommen sinnlos sind. Aber in dem Moment, in dem die Kamera die behauptete Gleichgültigkeit des Schauspielers gegenüber seinem (in der Zukunft toten) Körper festhält („ich hab keine Beziehung zu meinem toten Körper“) und gleichzeitig einen immer noch lebendigen Körper zeigt, vermittelt sie etwas von einer menschlich-männlichen Hybris. Vielleicht ist das die großartige (wenn auch nicht neue) Entdeckung in Istnienie. Der Film zeigt den Mann (Künstler?), der seinen Körper verleugnet, abspaltet, damit er leben und sterben kann.

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