Ivana Sajkos Rose is a rose is a rose am ZKM in Zagreb

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Ivana Sajko hat im März in einem Vorstellungsmarathon am ZKM (Zagreber Jugend Theater)  ihre dramatische Partitur „Rose is a rose is a rose“ gut ein Dutzend Mal auf die Bühne gebracht, plus 4 zusätzliche Vorstellungen am Theater in Pula . Ende April folgen vier weitere Vorstellungen am ZKM , die nicht verpassen sollte, wer nach Zagreb kommt.

Gemeinsam mit den genialen Avant-Rock Musikern Nenad und Alen Sinkauz, Krešimir Pauk und Vedran Peternel hat Sajko eine ursprüngliche Auftragsarbeit für den Steirischen Herbst, das Stück Rose is a rose is a rose, das dort 2008 vom Belgischen Ensemble Wunderbaum umgesetzt wurde, nun in eigener Regiearbeit und ihre langjährigen, multimedialen Bühnenexperimente (www.autoreferentialreadings.com) verarbeitend in eine umwerfende Performance gegossen. In der Integration von Text (Stimme), Musik, Ton und Bild/Animation nimmt Sajko, die den kompletten Text selbst spricht, das Dramatische in der postdramatischen Genrebezeichnung in Anspruch. Herausgekommen bei der „dramatischen Partitur“ ist ein sensationelles, packendes und physisches Bühnenerlebnis, das wenig mit der Ruhe und Beschaulichkeit eines Rosengartens gemein hat. Auch, wenn Sajko das Bild des Rosenplanzens aufruft.

Rose ist eine Liebesgeschichte, die sich in einer Nacht ereignet, in der gleichzeitig auf den Straßen Unruhen ausbrechen. „Sie liebten sich, als würden sie sich prügeln. Danach prahlten sie noch lange mit ihren blauen Flecken und betasteten ihre Narben.“ erzählt Sajko in der Performance, in der es weder Schauspieler, noch Kostüme – bestenfalls etwas wie im entferntesten Sinne Requisiten gibt. Die Autorin performt, ja sie exerziert den wunderbar poetischen Text regelrecht und nimmt dabei die Position der Verfasserin im Augenblick des Schreibens, die der Schauspielerin, die Bühnentext spricht, und die Position einer Figur im eigenen Text zugleich ein.  Rose erzählt von der Liebesbegegnung zweier Menschen bei Discomusik (untermalt mit einer fantastischen Interpretation von Donna Sommers vielfach gecovertem und remixtem Hit I feel love), vom mehr als 200-tägigen Marathontanz Mike Ritofs und Edith Boudreauxs in Chicago 1930 (Swing unter Wechsel von E- auf Kontrabass), von Rembrandts Gemälde „Nachtwache“ (dessen Repro in der Bühnenmitte im Hintergrund steht) und von einem Aufruhr und öffentlichem Aufstand, der sich überall ereignen könnte und in dem die Stimmen des Textes sich plötzlich wiederfinden (Avantgardejazz, Noise und  Avantrock-Klänge a la Mike Patton formen die musikalische Version der Aufstand-Geschichte; am Ende der Performance folgt ein schlichter, etwas deplatziert wirkender Animationsfilm zur frka, dem Aufruhr).

Die Erläuterungen Sajkos zum Rembrandt-Gemälde und insbesondere zum Schatten der Hand von Kapitän Cocq, der nach dem Schwert des Befehlshabers van Ruytenburch auf dem Bild greift, deutet auf das hin, was im Text folgen wird: Autos brennen, Schaufensterscheiben springen, Polizei und Militär stürmen die Straßen, Molotov-Cocktails fliegen (akribisch wird beschrieben, wie ein solcher herzustellen sei), Nachrichtenmeldungen werden verlesen und mitten darin orientierungslose Menschen. Menschen in Seattle, Genua, Brüssel, Clichy-sans-Bois und Budapest (hier spielen live electronics und noises eine tragende Rolle). Die Musik, die eigens für Rose geschrieben wurde, ist dabei nicht schlicht illustrierende Begleitung, sondern sie erzählt die Emotionen der Geschichte selbst – auf ihre Weise. Musik, Geräusch und Text nehmen Leitmotive immer wieder variierend auf und treiben das Stück, sich wechselseitig verstärkend, voran.

Rose, so Ivana Sajko, ist eine autopoetische Schlussfolgerung: ein Text über Text, Sajkos Text über den Text – als solchen. Die Rose ist nicht nur ein Liebesmotiv, das von Sajko gewaltsam entsymbolisiert und entmetaphorisiert wird. Sajko, die über die Liebe schreiben will, weil diese „politisch wie künstlerisch  ein subversives Thema“ sei, entledigt sich mit Waffengewalt der romantischen Lexik und „tötet die Symbolik in sich“, um den Missverständnissen zwischen den Worten und Emotionen auf die Spur zu kommen. Sondern Sajkos Rose zehrt auch aus dem Potential der Wiederholung: “Rose is a rose is a rose”. Gertrude Steins hier zitierte und durch literaturwissenschaftliche Curricula berüchtigt gewordene Zeile aus Sacred Emily ist die Inkarnation der poetischen Wiederholung. Doch Sajko inspirierte an Stein mehr deren Konter auf die Frage: „Why don’t you write the way you speak?“ als deren literarisches Programm. Gertrude Stein soll mit der Gegenfrage: „Why don’t you read the way I write?“ geantwortet haben. Stein steht bei Sajko dafür ein, dass es unverschämte (und unverschämt gute) Gründe für die Dichtung gibt. Gute Gründe für Sajkos (post-)dramatische Dichtung gibt es allenfalls.

Wenn Ivana Sajko sich mit Rose is a rose is a rose in vielen Hinsichten exponiert und entblößt hat, so wurde damit endlich einmal ein Text-und-Bühnen-Porno geschaffen, den zu sehen sich lohnt. In den Vorbemerkungen zur beim Verlag der Autoren veröffentlichten deutschen Version der Textfassung schreibt sie: “Und das, was ich zum Ausdruck bringen möchte – das bin ich. Ich. Und meine Angst. Meine Panik. Aus der das Theater, das mich interessiert, entsteht. Und aus dessen Erfahrung heraus ich denke; viele Maschinen, viel Lärm und Pyrotechnik, ein Theater, das sich selbst bloßstellt, weil es die eigene Zerbrechlichkeit, das eigene Gefühl der Peinlichkeit und des Ausgeliefertseins zur Schau stellt. Die ganze Pornografie des Textes wie auch der Aufführung kann man auf ein grundsätzliches Bedürfnis reduzieren: sich selbst mit Hilfe der eigenen Sprache auszudrücken.“

Sajkos intensive Sprache jedenfalls ist wie ihr Aufführungsformen-Hybrid  aus Konzert, Performance, Vortrag, Publikumsgespräch (und endlos weiteren) in aller exponierten Nacktheit solchen Theaters und solchen Textes innerhalb der kroatischen Theaterlandschaft schwer zu übertreffen. Also hingehen! Und weiter hoffen, dass wir Rose bald in dieser Form auch in Berlin erleben können.

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