Archive for April 2010

Schmerzliche Beziehungen

April 24, 2010

Wie sich zeigt, ist die Gestalt einer ‚toxischen Mutter‘, d.h. einer Mutter, die ihr Kind nicht frei lassen kann und durch übertriebene Fürsorge und Schuldgefühle, die sie im Kind produziert, den Abnabelungsprozess verhindert, nicht nur in der jüngsten polnischen Literatur anzutreffen, wie z.B. in Bożena Keffs Utwór o matce i ojczyźnie, 2008 (dt.: Ein Stück über Mutter und Vaterland), sondern auch im polnischen Dokumentarfilm, der seit Kieślowski immer wieder Erstaunliches zu bieten hat. In Keffs Buch ist die Mutter als eine sehr komplexe Figur in einen schmerzhaften historischen Kontext eingeschrieben. Das Leserinteresse zielt aber häufig zuerst auf die Schilderung der ganz privaten Tragödie einer schiefen und zerstörerischen Mutter-Kind-Beziehung, wie viele Leserbriefe an die Autorin bewiesen haben. Überraschenderweise stellte sich nun der Special-Guest des diesjährigen FilmPolska-Festivals, der Kameramann und Dokumentarfilmer Marcin Koszałka, als ein Künstler heraus, der genau diesem Interesse entgegenkommt. Zwei von drei Dokumentarstreifen, die ich mir angeschaut habe, handeln von der übermächtigen Mutter-Tyrannin und einem Muster, das sich wiederholt (und auch in Keffs Buch zu finden ist): Für eine Befreiung von einer solchen Mutter reicht ein Menschenleben nicht aus. Es scheint höchstens eine zeitweilige Versöhnung möglich, doch eine Lösung der Bindung – sie käme einer Muttertötung gleich. Dieses Gespenst aber ist die stärkste Waffe der Tyrannin gegen das Kind.

In seinem Diplomfilm Takiego pięknego syna urodziłam, 1999 (dt.: Einen schönen Sohn habe ich zur Welt gebracht) entblößt der Filmemacher seine Eltern und sich selbst vor der Kamera. Man sieht ihn tatsächlich halbnackt und wie ein Opfertier auf der Fernsehcouch liegen, während die schlimmsten Hasstiraden seiner Mutter wie Messerstiche auf ihn niederprasseln. Der Vater stimmt mit ein, doch nur zaghaft, wie ein Echo der Mutter, denn auch er ist der nichtsnutzige Mann, den seine Frau (symbolisch) vernichtet. Natürlich sind die Szenen und die Wutausbrüche der Mutter provoziert, aber deshalb nicht weniger schmerzlich wahr. Ihre Beschimpfungen mit der Kamera festzuhalten, scheint für den Sohn die einzige Form des Widerstands zu sein, oder eine Art Therapieversuch. Am Ende sieht sich die Mutter das Filmmaterial an und ist betroffen, drückt Bedauern aus, aber nicht mehr. Es ist eine Koda, die die Ausweglosigkeit der Situation (zumindest dort, wo man sich ihr passiv aussetzt) ganz deutlich macht. Eine studentische Jury des Internationalen Wettbewerbs für Dokumentarfilm in Krakau hat diesen Abschlussfilm Koszałkas im Jahr 2000 für seinen „begründeten Exhibitionismus“ mit einer Auszeichnung bedacht.

Es ist verblüffend, dass Koszałka den Akt der Entblößung fünf Jahre später wiederholt, wie man im Web (www.culture.pl) nachlesen kann. In dem 2004 entstandenen Film Jakoś to będzie (dt.: Es wird schon werden) zeigt er Szenen aus seiner eigenen Ehe, endlich fern von der Mutter. Doch auch hier wirkt das toxische Verhältnis zur Mutter weiter, in das eigene Leben übertragen.

Der Film Do bólu, 2008 (dt.: Bis an die Schmerzgrenze) zeigt eine andere ‚toxische Mutter‘, die mit ihrem über fünfzigjährigen Sohn zusammenlebt. Der Vater ist vor kurzem verstorben, „er wollte nicht mehr mit uns leben“, sagt der Sohn in die Kamera. Es ist schier unglaublich – dieser erwachsene Mann ist ein praktizierender Psychoanalytiker! Und vollkommen unfähig, sich von seiner Mutter zu lösen. „Ich musste mich selbst kastrieren, um mit Dir zusammen zu sein“, sagt er zu seiner Mutter. Die Beziehung zu einer gleichaltrigen Frau soll die Mutter-Bindung beenden. Man ahnt es und sieht es: die Mutter ist außer sich und in Rage. Ein Höhepunkt des Films: die Mutter sitzt am Klavier und singt Tonleitern. Ihre Stimme signalisiert: ich bin da, nicht zu überhören, nicht zu übersehen, mich wirst du nicht los – besser kann man ihre übermächtige Präsenz nicht inszenieren. Auch hier steht am Ende des knapp halbstündigen Films eine erzwungene Versöhnung zwischen Mutter und Sohn. Und wieder ein angehängtes Schlussbild, das es in sich hat. Der Sohn schmiedet Pläne. Er wird mit seiner Freundin in ein neu gebautes Haus ziehen, und es soll groß genug sein, damit auch die Mutter dort einziehen kann …

Auf dem Festival war auch Koszałkas Istnienie (dt.: Existenz) von 2007 zu sehen. Wie www.culture.pl zu berichten weiß, ist der Film vom Wunsch des sterbenskranken Schauspielers Jerzy Nowak inspiriert, das eigene Sterben zu inszenieren. Den formalen Kern des Dokumentarfilms bildet die testamentarische Verfügung Nowaks, sein Körper solle nach seinem Tod zu medizinischen Forschungszwecken verwendet werden. Der Schauspieler glaubte, dass mit der Fertigstellung des Films sein Tod bereits eintreten werde, doch dem ist nicht so. Er lebt noch. Der Film ist – nicht nur deshalb – ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie Kunst (wie jede Ausdrucksform) beim Thema Tod und Sterben gegen eine Wand stößt. Der Zuschauer sieht Rituale (vor allem Rituale!) des Umgangs mit dem Tod, ein offensives Sich-Nähern, ein Abschiednehmen von den Verwandten, von geliebten Personen, von Freunden, von Orten und vor allem vom eigenen Körper. Der Film ist sehr sparsam und wahrt behutsam die Privatsphäre des Schauspielers. So wird Vieles nur angedeutet.

Der 80jährige lässt sich den Vorgang der Präparation von einem ebenfalls betagten Professor der Medizinischen Akademie erklären, der wegen der Deformation seines eigenen Körpers zu einer wichtigen Figur in der Diegese wird. Er zeigt dem Schauspieler den Sektionssaal, in dem die Leichen in riesigen Wannen aufbewahrt werden. Sie sehen sich die Leichen an. Jerzy Nowak zeigt sich unbeeindruckt, oder er spielt nur einen alten Mann, der unbeeindruckt ist. „Menschliche Attrappen“, sagt er, „dieses Ding, das vom Menschen kommt“. Es sind verbale Akte, die vom eigenen Körper lösen sollen. Seinen Körper schon zu Lebzeiten zum Ding zu erklären, ist die Strategie Nowaks, sich von ihm zu trennen. Und hier macht der Film, ich weiß nicht, inwieweit intendiert, etwas sichtbar, was wirklich erstaunt. Alle diese Rituale, Abschiede, Verfügungen schienen mir irgendwo zu scheitern. Was nicht bedeutet, dass sie vollkommen sinnlos sind. Aber in dem Moment, in dem die Kamera die behauptete Gleichgültigkeit des Schauspielers gegenüber seinem (in der Zukunft toten) Körper festhält („ich hab keine Beziehung zu meinem toten Körper“) und gleichzeitig einen immer noch lebendigen Körper zeigt, vermittelt sie etwas von einer menschlich-männlichen Hybris. Vielleicht ist das die großartige (wenn auch nicht neue) Entdeckung in Istnienie. Der Film zeigt den Mann (Künstler?), der seinen Körper verleugnet, abspaltet, damit er leben und sterben kann.

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Bloggerwelten bei Re:publica

April 15, 2010

Vom 14.-16. April findet in Berlin das große Blogger-Treffen Re:publica statt. Zu den fast 200 Veranstaltungen treffen sich – selbstverständlich kabellos vernetzt, die schreibverkrümmten Finger und glasigen Augen immer startbereit am allerneuesten Apple-Modell fixiert – über 2000 Teilnehmer aus der internationalen Blogger-Szene und diskutieren über aktuelle Fragen der digitalen Gesellschaft. Von der Problematik der Netzzensur über Möglichkeiten des Sponsorings, der Netzstrategien für Nichtregierungsorganisationen oder der Internetrechte bis hin zu Modefotografie auf der Straße, dem Phänomen von Katzenbildern im Netz oder der Frage, wie man einen „shitstorm“ überlebt, kommt da eine bunte und irgendwie auch schräge Mischung an Programmthemen zusammen.

Dass sich die Blogger-Comunity aber nicht nur mit sich selbst beschäftigt, wie eingefleischte Printmedien oft mutmaßen, beweist nicht nur der Ansturm an interessierten Zuhörern bei der Tagung, sondern auch die  Tatsache, dass viele Blogs schon lange eine ernstzunehmende Alternative zum traditionellen Journalismus darstellen, man denke etwa an den deutschen politischen Blog netzpolitik.org, an die unabhängige Enthüllungsplattform Wikileaks oder auch an die, in  Russland schon seit Jahren von einer breiten, an unabhängiger Meinungsbildung interessierten Öffentlichkeit genutzte Plattform livejournal.ru, wo inzwischen auch fast jeder Autor oder Kulturschaffende, der etwas auf sich hält, seinen eigenen Blog hat. (Heißt es nun eigentlich der oder das Blog?)

Bei Re:publica sind auch Viktor Mališevskij aus Weissrussland und Aleksander Pljuščev aus Moskau dabei, zwei der aktivsten Blogger zu gesellschaftspolitischen Themen im russischsprachigen Internet, die in dem von n-ost ausgeführten Spezial-Panel „BLOGOSPHERES IN RUSSIA AND BELARUS II: PLURALISTIC PLAYGROUND OR LAUNCH PAD FOR DEMOCRATIC CHANGE?“  (siehe auch hier) über die Möglichkeiten und Chancen zensurfreier kritischer Berichterstattung und Informationsvermittlung im russischsprachigen Netzt diskutieren.

Die Gesprächsrunde mit ihnen fand schon gestern (14.04. 2010) statt – für Bloggerverhältnisse bin ich also denkbar spät dran, aber es lohnt sich ja auch und vor allem, direkt auf die Seiten von Viktor Mališevskij und Aleksander Pljuščev zu gehen und selbst regelmäßig nachzulesen, was sie täglich zu berichten haben.

P.S. Was unseren Novinki-Blog betrifft: Schreibt Leute (wer etwas Passendes auf Novinki-Blog schreiben will kann sich bei der Redaktion melden), kommentiert und kritisiert und vor allem: Vernetzt uns weiter! Dann werden wir im nächsten Jahr vielleicht auch mit schreibverkrümmten Fingern und glasigen Augen, den neuesten fluffig-leichten Mac unterm Arm, bei re:publica mitmischen.

P.P.S.  Und um mich doch noch als halbwegs aktuell und zeitnah zu erweisen: Vorhin wurde bei Re:publika der von der Deutschen-Welle ausgerichtete BOBs verliehen, der Preis für den besten Blog. Gewinner ist der Kenianische Blog Ushahidi.com, der über SMS, Mail oder Telefon Zeugenaussagen über aktuell stattfindende Unruhen oder Kämpfe sammelt und auf Grundlage dieser Informationen eine interaktive Karte der aktuellen Lage in Krisen- oder Kriegsregionen erstellt.

Gewinner des besten Videoblogs ist das russischsrpachige Blog „Mister Freeman“, welches sich aus den Monologen eines kleinen bösen Männleins speist, das die Welt und die Menschen hasst, insbesondere diejenigen, die seine Videos abrufen …

Die Auszeichnung für das ungewöhnlichste Blog bekam u.a. das russische Weblog  „Prosnis‘, mister Grin“ – tebe-interesno.livejournal.com, auf dem ein Moskauer Designer seine originellen Zeichnungen, Collagen und Animationen veröffentlicht.

Bestes russischsprachiges Blog wurde  das tagebuchartige Blog von Ilja Kabanow, metkere.com – „Mir udivitel’nych veščej“ ein Blog „über Menschen und die irrationalen Handlungen, die sie begehen.“ Außerdem gab es auch nach Ländern sortierte User-Gewinner, hier finden sich besten ausgewählten russischsprachigen Blogs.

filmPolska in Berlin

April 10, 2010

Am 15. April startet die 5. Edition des polnischen Filmfestivals in Berlin – filmPOLSKA.

Bis zum 21. April kann das berliner Publikum in acht verschiedenen Kinos neue Filme und Filmklassiker aus Polen sehen und dabei die spürbare Abwesenheit polnischer Streifen auf der letzten Berlinale vergessen. Das Festival bietet dabei fünf thematische Schwerpunkte an – Neues Polnisches Kino, Dokumentarfilme, Kurz- und Studentenfilme, Retrospektive Opus Filme, Filmreihe Solidarność im Film, Kamerakunst – und verspricht diesmal einen Hauch von Freiheit und Aufbruchstimmung, den nicht nur die Erinnerungen an Solidarność, sondern auch die neuen Low-Budget Produktionen – meist Kurzfilme – nach Berlin bringen sollen.

Begleitet wird das Festival von einem Workshop, der von dem krakauer Filmemacher Marcin Koszałka (*1970) künstlerisch betreut wird. Der Dokumentarfilmer und Kameramann stellt den Workshop unter ein Thema, das an seinen preisgekrönten Kurzfilm Do bólu (dt. Bis an die Schmerzgrenze) anknüpft. Schmerz im Film? Schmerz als Voraussetzung dokumentarischer Arbeit? Die Ankündigung verrät nur andeutungsweise, was damit gemeint sein könnte. Wer als Laie nicht am Workshop teilnehmen kann, wird zumindest den preisgekrönten Film Koszałkas Do bólu, oder seine anderen mutigen Filme sehen können, unter anderem Istnienie (dt. Existenz), ein dokumentarisches Projekt, das sich um die Person des 80-jährigen Schauspielers Jerzy Nowak (bekannt als Nebendarsteller in Schindlers Liste) dreht, der nach der Entdeckung seiner tödlichen Krankheit die “Hauptrolle seines Lebens spielen wollte” – zugegeben, eine Hauptrolle, die jeder von uns zu spielen hat. Den Auftakt des Festivals gibt Polenweiß und Russenrot – die Adaption von Masłowskas gleichnamigen Kultbuch – von Xawery Żuławski. Und endlich wird Tatarak von Andrzej Wajda gezeigt, der schon das letzte Jahr auf filmPOLSKA laufen sollte, aber kurz vor dem Festivalbeginn wieder aus dem Programm verschwand. Tatarak (dt. Der Kalmus) ist auch eine Literaturadaption – eine Erzählung Jarosław Iwaszkiewiczs war hier die Vorlage.

Film ab!

http://filmpolska.de/

Objekt der Woche

April 6, 2010

Ivana Sajkos Rose is a rose is a rose am ZKM in Zagreb

April 4, 2010

Ivana Sajko hat im März in einem Vorstellungsmarathon am ZKM (Zagreber Jugend Theater)  ihre dramatische Partitur „Rose is a rose is a rose“ gut ein Dutzend Mal auf die Bühne gebracht, plus 4 zusätzliche Vorstellungen am Theater in Pula . Ende April folgen vier weitere Vorstellungen am ZKM , die nicht verpassen sollte, wer nach Zagreb kommt.

Gemeinsam mit den genialen Avant-Rock Musikern Nenad und Alen Sinkauz, Krešimir Pauk und Vedran Peternel hat Sajko eine ursprüngliche Auftragsarbeit für den Steirischen Herbst, das Stück Rose is a rose is a rose, das dort 2008 vom Belgischen Ensemble Wunderbaum umgesetzt wurde, nun in eigener Regiearbeit und ihre langjährigen, multimedialen Bühnenexperimente (www.autoreferentialreadings.com) verarbeitend in eine umwerfende Performance gegossen. In der Integration von Text (Stimme), Musik, Ton und Bild/Animation nimmt Sajko, die den kompletten Text selbst spricht, das Dramatische in der postdramatischen Genrebezeichnung in Anspruch. Herausgekommen bei der „dramatischen Partitur“ ist ein sensationelles, packendes und physisches Bühnenerlebnis, das wenig mit der Ruhe und Beschaulichkeit eines Rosengartens gemein hat. Auch, wenn Sajko das Bild des Rosenplanzens aufruft.

Rose ist eine Liebesgeschichte, die sich in einer Nacht ereignet, in der gleichzeitig auf den Straßen Unruhen ausbrechen. „Sie liebten sich, als würden sie sich prügeln. Danach prahlten sie noch lange mit ihren blauen Flecken und betasteten ihre Narben.“ erzählt Sajko in der Performance, in der es weder Schauspieler, noch Kostüme – bestenfalls etwas wie im entferntesten Sinne Requisiten gibt. Die Autorin performt, ja sie exerziert den wunderbar poetischen Text regelrecht und nimmt dabei die Position der Verfasserin im Augenblick des Schreibens, die der Schauspielerin, die Bühnentext spricht, und die Position einer Figur im eigenen Text zugleich ein.  Rose erzählt von der Liebesbegegnung zweier Menschen bei Discomusik (untermalt mit einer fantastischen Interpretation von Donna Sommers vielfach gecovertem und remixtem Hit I feel love), vom mehr als 200-tägigen Marathontanz Mike Ritofs und Edith Boudreauxs in Chicago 1930 (Swing unter Wechsel von E- auf Kontrabass), von Rembrandts Gemälde „Nachtwache“ (dessen Repro in der Bühnenmitte im Hintergrund steht) und von einem Aufruhr und öffentlichem Aufstand, der sich überall ereignen könnte und in dem die Stimmen des Textes sich plötzlich wiederfinden (Avantgardejazz, Noise und  Avantrock-Klänge a la Mike Patton formen die musikalische Version der Aufstand-Geschichte; am Ende der Performance folgt ein schlichter, etwas deplatziert wirkender Animationsfilm zur frka, dem Aufruhr).

Die Erläuterungen Sajkos zum Rembrandt-Gemälde und insbesondere zum Schatten der Hand von Kapitän Cocq, der nach dem Schwert des Befehlshabers van Ruytenburch auf dem Bild greift, deutet auf das hin, was im Text folgen wird: Autos brennen, Schaufensterscheiben springen, Polizei und Militär stürmen die Straßen, Molotov-Cocktails fliegen (akribisch wird beschrieben, wie ein solcher herzustellen sei), Nachrichtenmeldungen werden verlesen und mitten darin orientierungslose Menschen. Menschen in Seattle, Genua, Brüssel, Clichy-sans-Bois und Budapest (hier spielen live electronics und noises eine tragende Rolle). Die Musik, die eigens für Rose geschrieben wurde, ist dabei nicht schlicht illustrierende Begleitung, sondern sie erzählt die Emotionen der Geschichte selbst – auf ihre Weise. Musik, Geräusch und Text nehmen Leitmotive immer wieder variierend auf und treiben das Stück, sich wechselseitig verstärkend, voran.

Rose, so Ivana Sajko, ist eine autopoetische Schlussfolgerung: ein Text über Text, Sajkos Text über den Text – als solchen. Die Rose ist nicht nur ein Liebesmotiv, das von Sajko gewaltsam entsymbolisiert und entmetaphorisiert wird. Sajko, die über die Liebe schreiben will, weil diese „politisch wie künstlerisch  ein subversives Thema“ sei, entledigt sich mit Waffengewalt der romantischen Lexik und „tötet die Symbolik in sich“, um den Missverständnissen zwischen den Worten und Emotionen auf die Spur zu kommen. Sondern Sajkos Rose zehrt auch aus dem Potential der Wiederholung: “Rose is a rose is a rose”. Gertrude Steins hier zitierte und durch literaturwissenschaftliche Curricula berüchtigt gewordene Zeile aus Sacred Emily ist die Inkarnation der poetischen Wiederholung. Doch Sajko inspirierte an Stein mehr deren Konter auf die Frage: „Why don’t you write the way you speak?“ als deren literarisches Programm. Gertrude Stein soll mit der Gegenfrage: „Why don’t you read the way I write?“ geantwortet haben. Stein steht bei Sajko dafür ein, dass es unverschämte (und unverschämt gute) Gründe für die Dichtung gibt. Gute Gründe für Sajkos (post-)dramatische Dichtung gibt es allenfalls.

Wenn Ivana Sajko sich mit Rose is a rose is a rose in vielen Hinsichten exponiert und entblößt hat, so wurde damit endlich einmal ein Text-und-Bühnen-Porno geschaffen, den zu sehen sich lohnt. In den Vorbemerkungen zur beim Verlag der Autoren veröffentlichten deutschen Version der Textfassung schreibt sie: “Und das, was ich zum Ausdruck bringen möchte – das bin ich. Ich. Und meine Angst. Meine Panik. Aus der das Theater, das mich interessiert, entsteht. Und aus dessen Erfahrung heraus ich denke; viele Maschinen, viel Lärm und Pyrotechnik, ein Theater, das sich selbst bloßstellt, weil es die eigene Zerbrechlichkeit, das eigene Gefühl der Peinlichkeit und des Ausgeliefertseins zur Schau stellt. Die ganze Pornografie des Textes wie auch der Aufführung kann man auf ein grundsätzliches Bedürfnis reduzieren: sich selbst mit Hilfe der eigenen Sprache auszudrücken.“

Sajkos intensive Sprache jedenfalls ist wie ihr Aufführungsformen-Hybrid  aus Konzert, Performance, Vortrag, Publikumsgespräch (und endlos weiteren) in aller exponierten Nacktheit solchen Theaters und solchen Textes innerhalb der kroatischen Theaterlandschaft schwer zu übertreffen. Also hingehen! Und weiter hoffen, dass wir Rose bald in dieser Form auch in Berlin erleben können.

Osterspaziergang: Ukra(i)nenland in Meck-Pomm

April 1, 2010

Frei nach Pierre Bourdieu: Das Bedürfnis, sich zu der nächst höheren sozialen Schicht zu orientieren, wächst proportional zur Nähe an dasjenige Milieu, das als weniger zukunftsträchtig erscheint. Mecklenburg-Vorpommern möchte kein Mecklenburg-Vorpolen sein. Und erst gar nicht Ukraine-Vorland. Auch wenn einige Touristeninformationen auf Deutsch und Polnisch gedruckt werden, einige Toponyme in beiden Sprachen auf Tafeln stehen und polnische Urlauber am Wochenende am Stettiner Haff für Umsatz sorgen, ist die geographische Nähe zu Polen ein Anlass, „den Osten“ mental auszublenden und sich aktiv oder apathisch für die NPD zu engagieren. Die NPD wirbt übrigens in Meck-Pomm mit dem Slogan „Nationalismus ist wie ein politischer Frühling“ und lässt sich unter anderem bei „Volksfesten“ wie den alljährlichen Hafftagen Ende Juli in Ueckermünde feiern, verteilt Zeitungen mit rechter Propaganda, wirft von Booten Bonbons mit ihrem Parteilogo (zugegeben, eine Alternative zum Drogenproblem der Region) – unter den Augen von Zuschauern, die ihr Bewusstsein für die Grenznähe offensichtlich zur Abgrenzung verwenden.

Nimmt man den Verlauf der Uecker (auf pommerschem Gebiet) bzw. Ucker (in Brandenburg), auf der freundliche Männer von der NPD bei Stadtfesten entlang rudern, so mündet sie in der östlichsten deutschen Hafenstadt Ueckermünde ins Stettiner Haff, das in die Ostsee hinausläuft. Der Fluss verbindet (Ost)Deutschland mit Polen deutlich materieller als die ausgetrocknete und daher umso stärker imaginär wirksame Poltva in Andruchovyčs Stadt-Schiff-Essay. Die Poltva könnte Lemberg mit Mittel- und Südeuropa verknüpfen, doch die „Wasserscheidigkeit“ unter Lemberg habe genauso viel Trennendes wie Verbindendes…

Nicht nur der Verlauf, sondern auch der Name des Flusses Uecker/Ucker arbeitet sich an der Grenze zwischen Germanischem mit Slawischem ab. Der Fluss soll namensgebend für die Ukranen bzw. Ukrer gewesen sein, einen westslawischen Stamm, der sich im frühen Mittelalter zwischen Saale und Elbe im Westen und Prypjat’ im Osten aufgehalten habe: letztere fließt durch die Zentralukraine und Belarus’. „Ukraine“ hat möglicherweise mehr mit Nordostdeutschland zu tun als einigen lieb wäre. In experimenteller Etymologie könnte man annehmen, dass nicht der Fluss für den Stamm, sondern eine slawische Selbstbezeichnung der „Am-Flussrand“ Lebenden namensgebend für den Fluss und das Gebiet der Uckermark gewesen sein kann („u“ – am, „kra/j/u“ – Rand). In dieser Logik wären „Ueckerrandow“ und „Vor-Pommern“ zweifache Peripherisierungen und Kompositionen aus slawischen und germanischen Bezeichnungen.

Peripherie zu sein, führt nicht zwangsläufig zur künstlerischen Produktivität, auch wenn dies zahlreiche Beispiele von Galizien bis Alaska nahe legen. Theodor Fontanes fünfbändige „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ bieten sich in Mußestunden der Osterfeiertage als Hinführung an – wer die Müdigkeit des Laufens durch die Lektüre ersetzt haben möchte, greife zu. Oder fahre in das Ukranenland und erlebe die unwillkürliche Poetik der Heimatgeschichte. In „experimenteller Archäologie“ (www.ukranenland.de) baut das Freilichtmuseum Block-, Bohlen- und Flechtwandhäuser des 9. und 10. Jahrhunderts in Originalgröße nach, jeder Mitarbeiter beherrscht ein mittelalterliches Handwerk, im Hafen liegt „das erste in Deutschland rekonstruierte Slawenschiff“, die Svarog. Das wikingerartige Gefährt fuhr sicherlich sowohl über Rügen nach Skandinavien als auch über Prypjat’ und den Dnepr zu ukrainischen Kosacken.

Schilderte Fontane die historische Bedeutung des Klosters Lehnin von 1180, so lässt der Besuch der Burg Torgelow die Unterzeichnung einer Urkunde für das Kloster Buckow durch die brandenburgisch-askanischen Markgrafen Otto IV. und Konrad am 14. April 1281 nachvollziehen. Vermittelt werden soll „die Welt eines Torgelowers im Jahre 1281“ – einer gar slawischen und größeren als heute? Immerhin stehen auf dem Veranstaltungsplan keine politischen Frühlingsaktivitäten. Hier liegt also das Zentrum des Slawentums in Vorpommern, hier darf es sein.


P.S.: Eine künftige Partnerschaft zu Emir Kusturicas Küstendorf ist angedacht.

Objekt der Woche

April 1, 2010