Endstation Russland

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Auf der Leipziger Buchmesse findet jedes Jahr in Zusammenarbeit mit dem „Literarischen Colloquium Berlin“ und dem Auswärtigen Amt das Autorenspecial „Café Europa“ statt, bei dem sich Autoren aus unterschiedlichen europäischen Ländern lesend und diskutierend präsentieren. Diese Jahr war auch die junge russische Autorin Natalja Ključareva mit von der Partie. Neben Georgi Gospodinov (Bulgarien), Andri Snær Magnason (Island), Friedrich Christian Delius (Deutschland), Eugenijus Ališanka (Litauen) und László Földényi (Ungarn) stellte sie einen Essay zum gemeinsamen Thema „Krise! Welche Krise?” und ihren gerade erst in deutscher Übersetzung erschienenen Roman Rossija: Obščij vagon / Endstation Russland zur Diskussion.

Der Debütroman der 1981 geborenen Autorin hatte in Russland bereits vor Erscheinen der Printversion mit der Online- bzw. Zeitschriftenveröffentlichung von Novyj mir für Furore gesorgt. Denn in dem Büchlein entwirft Ključareva ein ganz und gar nicht positives Bild des gegenwärtigen Russland und sie tut dies in einem realistischen und zugleich demonstrativ pathetischen Gestus, der die Dauerfragen der russischen Literatur über das ewig gebeutelte russische Volk ohne Scheu wieder aufgreift: Was tun? Wer ist schuld?. Sehen die einen in dem Buch eine intellektuelle und politische Provokation, so freuen sich die anderen über eine gelungene und scharfsinnige Farce auf die Alltagsrealität des gegenwärtigen Russland.

Um was geht es? Um das Schicksal Russlands, um eine gescheiterte Liebe, um das individuelle Glück, um Revolution. Nikita, ein zu Ohnmachtsanfällen neigender Petersburger Student, entflieht seinem Liebeskummer und reist, ganz in Nekrasovscher Manier, kreuz und quer mit dem Zug durch Russland und sucht nach glücklichen Menschen. Unterwegs im Großraumwagen (wörtlich müsste man „obščij vagon“ mit Großraumwagen, offener Abteilwagen oder Waggon 2. Klasse übersetzen) hört er sich unzählige Lebensgeschichten an, doch keine davon ist glücklich zu nennen, fast alle sind Verlierer und gescheiterte Existenzen mit tragischen Schicksalen: die Händlerin im Zug, die tschetschenische Putzfrau oder der umweltbewusste Erdkundelehrer, genau so wie die Punkerin, der Transvestit, der neomarxistische Žižekübersetzer oder die (pseudo)anarchistische Limonov-Epigonin… . „Erzähl mit doch endlich mal wenigstens eine gute Geschichte über Russland. Oder gibt es keine?“, heißt es da. Nein, gibt es nicht. Doch dann liegt Revolution in der Luft. Nikita, der Einfaltspinsels á la Ivan-Duračok (Iwan der Dumme) wird vom Sammler und idealen Zuhörer von Lebens-Geschichten selbst zum Hauptakteur der (historischen) Geschichte, als er sich einer Demonstration gegen die Rentenreform anschließt und zum Märtyrerhelden eines phantastischen Revolutionszenariums vor dem Weißen Haus in Moskau wird….

Ausführlicher kann man über das Buch nachlesen in einer Rezension, die Niovi Zampouka letztes Jahr für Novinki geschrieben hat. Für diejenigen, die das Buch in Russisch lesen wollen, ist zu empfehlen, sich an die russische Erstfassung zu halten, die 2007 in der Zf. Novyj mir erschienen ist (online einsehbar hier: Žurnal‘ nyj zal/Ključareva/Vagon). Denn diese unterscheidet sich in einigen Stellen erheblich von der Printfassung, die ein Jahr darauf bei Limbus Press herauskam. Pikanterweise wurden all jene Stellen gekürzt oder verändert, die gerade eine parodistische und stark gesellschaftskritische Lesart des Buches begünstigen: Beispielsweise wurden Textstellen herausgenommen, in denen die ukrainische „orangene Revolution“ als Vorbild für einen möglichen Umbruch in Russland genannt wird, ebenso fehlt die kritische Thematisierung des Tschetschenienproblems und an zentraler Szene des Revolutionsspektakels wurde der in äußerst schlechtem Licht dargestellte Präsident Putin durch eine anonyme Offiziersfigur ausgetauscht.

Der deutschen Ausgabe bei Suhrkamp (übersetzt von Ganna-Maria Braungardt) liegt laut Klappentext eine von der Autorin überarbeitete und erweiterte Fassung zu Grunde und es ist anzunehmen, dass diese zumindest in großen Teilen der ersten, „unzensierten“ Textversion entspricht.

Dies und vieles mehr wird man die Autorin selbst fragen können. Sie ist im Mai Stipendiatin des LCB und wird auf ihrer Lesereise auch einige Lesungen in Berlin geben. Zum Beispiel am 07. Mai um 20.00 im Roten Salon der Volksbühne und im Laufe des Mais auch im LCB.

Einen kurzen Eindruck kann man auch in diesem Interview mit Ključareva von der Leipziger Buchmesse 2010 bekommen, das leider unter den selten dämlichen Fragen des Moderators etwas leidet: ZDF: Ključareva-auf-dem-blauen-Sofa

Und hier noch ein Interview von der Buchmesse im MDR

Natalja Ključareva: Rossija: obščij vagon.  St. Peterburg: Limbus Press 2008

Natalja Kljutscharjowa: Endstation Russland. Berlin: Suhrkamp 2010

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