Filmtip: Pink Taxi

by

von Uli Gaulke und Lena Rem

Als Erstes: Ich habe mich in diesem Film nicht gelangweilt. Das ist insofern eine relevante Nachricht, als es sich um einen Dokumentarfilm handelt. Wohlgemerkt, ein Dokumentarfilm, keine Reportage, ein richtiger Film, mit Handlung, Dramatik und viel, viel Emotion. Worum geht es? Im Vorspann erfahren wir: Es gibt etwa 3,5 Mio Autos in Moskau, davon etwa 100.000 Taxis, und von diesen Taxis sind 22 pink oder fuchsiafarben, wie es einmal so schön in diesem Film heißt. Diese 22 Pink Taxis werden ausschließlich von Frauen gelenkt und transportieren ausschließlich Frauen. Und um die geht es in diesem Film: die russischen Frauen, oder wie es eine der Taxifahrerinnen, die wir mit den Augen der auf den Beifahrersitz montierten Kamera begleiten, so schön sagt: „Ich bin halt keine Pamela Anderson, da musste ich mir etwas einfallen lassen.“

Ja, in diesem Film geht es auch um Sex, es geht um Träume, um Lippenstifte, orangene BH´s  – um das Glück der russischen Frau. Und das alles im Taxi, wohlgemerkt. Ja in diesen Taxis reden Frauen mit Frauen über Alles, ihre Träume, die Liebe, ihren Status (der Verheiratung natürlich), Gefühle. Meist sind die Nutzerinnen dieses speziellen Services für Frauen selbst erfolgreich, sie können es sich leisten. Sie leben besser als die Taxifahrerinnen, die allesamt nicht ohne Not Taxi fahren, und gerne ein Gespräch führen, mit den Frauen, die es ihrer Meinung nach geschafft haben. Dabei kommen sie stets schnell zur Sache und stellen Fragen, die für unsere westeuropäische Wahrnehmung oft sehr intim sind. Dabei dreht sich der Spieß schnell auch mal herum und wir werden Zeugen eines hauchfeinen, weiblichen Duells. Aber das scheint in Ordnung zu sein, Frauen haben, wie es scheint, da ihren ganz eigenen Raum der Kommunikation.

Aber es geht in diesem Film auch um die Schwere der Existenz, um Einsamkeit, die Not, sich weit jenseits der Dreißig mit Kind und Kindern auch ohne Mann zu behaupten. Ja, natürlich, die russische Frau ist ein Klischee, die Taxis sind nicht umsonst Rosa. Aber Klischees leben vom Leben. Und das Leben ist verzwickt und gnadenlos. Nehmen wir dieses Pink: Wofür steht es? Für den heldenhaften Versuch dieser Frauen – Frauen, die im Herzen immer noch geheiratet werden wollen – das nicht Zusammenzubringende in ihrem Leben zu vereinen: Ihr Glück und ihre Unabhängigkeit. Sie scheitern natürlich, natürlich nicht als Taxifahrerinnen, da macht ihnen keiner was vor, aber ihre Vorstellung von Glück ist rosa, rosa, rosa. Da kann man nichts machen.

Dieser Film ist wundervoll durchkomponiert, auch wenn er mit der technischen Apparatur der aus dem Fernsehen bekannten Quiz-Taxi-Sendungen arbeitet. Nur die Fahrerinnen und ihre Klientinnen sind an Bord, nebst zwei kleiner fest montierter Kameras. (Hier hab ich mich geirrt. Siehe den Kommentar von Uli Gaulke unten.) Aber die Kamera von Axel Schneppat schweift daneben auch ausgiebig über die Straßen, die Stadt und ihre herbe Schönheit im feuchten ausgehenden Winter. Viele Bilder der Nacht, gleißendes buntes Glück auf nassem Asphalt. Ganz nebenbei und unaufdringlich geraten immer wieder Werbeplakate ins Bild, Bilder von Frauen, Idealvorstellungen, Lande- und Abflugplätze des Phantasmas. Wir sehen die Protagonistinnen aber auch ihren 8. März feiern, wie sie Schaschlyk bratend, Wodka trinkend und derbe fluchend einen Tag auf der Datscha verbringen, wie sie von Freundschaft reden, mit ihren Kindern in ihren Küchen sitzen… Wir erfahren viel, sehr viel über diese Damen in diesem doch (gefühlt) viel zu kurzen Film, in dem ich mich, wie schon gesagt, nicht ein einziges Mal gelangweilt habe.

Pink Taxi läuft zur Zeit in Berlin im Krokodil und im Central.

Film-Website:

http://www.flyingmoon.com/de/film_details.php?film_id=21

Advertisements

Eine Antwort to “Filmtip: Pink Taxi”

  1. Uli Gaulke Says:

    Also ich muß ja sagen, ein wunderbarer Text. Nun gut, ich habe den Film gemacht, und bin natürlich per se empfänglich für Lob, aber der Text ist mehr, er trifft genau auf das, was ich wirklich wollte mit dem Film und das erlebe ich eigentlich selten, das jemand, der nix mit der Sache zu tun hat, so treffsicher die Sachen anspricht, die mir so wichtig waren. Besten Dank und weiter so! Uli Gaulke, Regisseur (P.S. eine kleine Anmerkung: alles ist mit einer Kamera gedreht von Axel Schneppat und aus der Hand. Kaum zu glauben, aber wahr.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: