Glückssuche in Warschau

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Nicht nur Michael Zgodzay ist die Abwesenheit des polnischen Kinos auf der Berlinale negativ aufgefallen. Es gibt aber keinen Grund zur Sorge: Am 15. April startet die neue Edition des Festivals filmPolska, die exklusiv polnische Berlinale also, mit 80 Filmen an 8 Tagen in 7 Berliner Kinos. Und einen Trailer gibt es auch schon unter: http://filmpolska.de.

Gezeigt wird im April u.a. die – von Michael erwähnte – Verfilmung von Dorota Masłowskas Roman Wojna polsko-ruska, ein Film von Xawery Żuławski (also Żuławski Junior). Sein Film beweist ex negativo, dass Dorota Masłowska eine geniale Sprachkünstlerin ist. Deshalb sollte man ihre Texte nicht verfilmen. Da helfen die besten Schauspieler nicht (Borys Szyc, Roma Gąsiorowska), nicht mal der Auftritt der Autorin selbst. Żuławskis Versuch, Masłowskas groteskes Erzählen zu visualisieren, wirkt prätentiös, kitschig, hysterisch – einfach idiotisch. Endlich habe ich begriffen, wie diejenigen, die Masłowskas Prosa nicht mögen, ihre Texte lesen (müssen): Sobald die Sprache und das Erzählen in den Hintergrund treten, bleiben eine mickrige Story und ein paar Gags à la Żuławski übrig. Warum der Film gefällt (er hatte in Polen gute Presse), kann ich mir leider nicht mehr erklären …

Noch mehr Kunst aus Polen, und zwar unterschiedlichster Art, wird es in den nächsten Monaten in Berlin geben. Mit der Ausstellungseröffnung Early Years in KW (www.kw-berlin.de) hat gestern das Projekt The Promised City begonnen, das metropolitanes Glück in drei Städten – Berlin, Warschau und Mumbai – erkundet: mithilfe von Kunst, Literatur und Performance, des Films und Theaters und sogar einer Vortragsreihe. In der Ausstellung in KW geht es um das neue Museum für Moderne Kunst, das gerade in Warschau gebaut wird. Fünf Jahre nach der Gründung blickt das Museum, das auf sein Gebäude immer noch wartet, auf eine ganz schön turbulente Geschichte (early years) zurück. Grund genug, die Museumsgründung künstlerisch zu reflektieren und – endlich – einen Gründungsmythos zu schaffen: Dies tut die gerade geöffnete Ausstellung mit Werken von Yael Bartana, Sharon Hayes, Zbigniew Libera, Joanna Rajkowska, Artur żmijewski und anderen polnischen und nicht-polnischen Künstlern, die mit Warschau zu tun haben.

Diese Ausstellung ist eine ordentliche Rezension wert, für die es hier keinen Platz gibt, deshalb nur noch einige wenige Zeilen zu ihrem absoluten Hit: dem Film Mur i wieża (Mauer und Turm) von Yael Bartana. Es ist der zweite Film (2009, 15 Min.) in der ‚polnischen Trilogie‘ Bartanas und die Fortsetzung von Mary koszmary (Träume Albträume, 2007, 11 Min.), in dem Sławomir Sierakowski, der Chef des linken Think-Tanks Krytyka Polityczna in Warschau, die Hauptrolle spielte. Diejenigen, die den ersten Film gesehen haben (z.B. auf der Tagung Verfahren der Anamnesis in Berlin 2008) werden wohl den als Partei-Funktionär stilisierten Sierakowski mit der roten Krawatte nicht vergessen haben – wie er in seiner Rede auf dem damals zum Abriss vorgesehenen „Stadion des 10. Jahrestags“ in Warschau drei Millionen Juden zur Rückkehr nach Polen aufruft. Nun – im zweiten Film der Trilogie – kommen die ersten jüdischen Siedler nach Warschau und gründen ihren Kibbuz Muranów direkt gegenüber dem Denkmal für die Ghetto-Kämpfer von Nathan Rappaport. Auch diesen Film inszeniert Bartana in Anlehnung an die Propaganda-Filmästhetik; diesmal bildet ein zionistischer Propaganda-Film über den Bau eines Kibbuz in Palästina von 1939 die Folie. Die Kunstaktion – der Bau des Kibbuz auf dem ehemaligen Ghetto-Gelände in Warschau – hat im letzten Sommer stattgefunden. Ein Teil der Kunstaktion war die Gründung der neuen zionistischen Organisation „Bewegung der jüdischen Wiedergeburt in Polen“ – ihr großartiges Manifest bekommt man auf der Ausstellung als Plakat (solange der Vorrat reicht). Bartanas Kunst ist so vieldeutig, wie die Mittel und Ideen es sind, die in ihren Inszenierungen zum Einsatz kommen: nostalgische Diskurse, kompromittierte Utopien, totalitäre Ästhetiken, die polnisch-jüdische Geschichte, der israelisch-palästinensische Konflikt. Absurd – lustig und gespenstisch zugleich – wirkt der Kibbuz in Muranów, wenn die Siedler zu den Nationalhymnen Hatikva und Mazurka Dąbrowskis die Mauer und den Wachturm aufstellen. Die überfrachteten hybridisierten Symboliken (wie der polnische weiße Adler auf dem jüdischen Stern als Logo der neuen Bewegung – dazu noch als Armbinde getragen!) sind Markenzeichen Bartanas post-utopischer, halluzinatorischer ‚paralleller Geschichten‘, die von der wirklichen Geschichte aber nicht wirklich loskommen. Auf YouTube ist ein kurzer Kommentar von Yael Bartana zu ihren beiden Filmen zu finden:

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Eine Antwort to “Glückssuche in Warschau”

  1. Brave New World « novinki-Blog Says:

    […] Kołakowski, Michnik, Janion). Sławomir Sierakowski (den Gründer von Krytyka Polityczna stellte Marie Tarnopolska bereits vor) hat das Buch 2008 neu herausgegeben – mit stilisierten Flammen auf dem Buchumschlag. […]

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