Das Greenhorn und der Seebär

by

Vergessen wir mal für einen Moment alle politischen und ästhetischen Entwicklungen der vergangenen Jahre in Russland, alle Experimente der Literatur, alle neuen Freiheiten! Und machen wir da weiter, wo wir vor etwa 25 Jahren aufgehört haben: Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche, auf das rein Menschliche! So in etwa, ließe sich mutmaßen, sieht das künstlerische Konzept aus, das hinter dem Film Kak ja provel ėtim letom (Wie ich diesen Somme beendete) von Alexej Popogrebskij steht.

Die Handlung dieses durchaus packenden Dramas ist so fernab von allem, wie der Ort, an dem sich das alles abspielt. Zwei Männer hocken in einer einsamen Hütte, irgendwo am nördlichen Rand von Čukotka, ein alter Seebär und ein Greenhorn. Was das Greenhorn da zu suchen hat, erfahren wir bis zum Ende des Filmes nicht. Der Alte jedenfalls lebt seit Jahren in der Hütte und liest mit sowjetischem Pflichtgefühl alle paar Stunden Thermometer und andere Messinstrumente ab. Die Hütte ist eine Messstation. Kontakt haben die beiden mit dem Rest der Welt nur über Funk. Ansonsten herrscht Zweisamkeit. Und die ist nicht gerade erbaulich. Die erste (gefühlte) halbe Stunde passiert nichts, der Alte traut dem Greenhorn nicht und das Greenhorn benimmt sich wie ein Greenhorn. Soweit der Realismus. Dann kommt der Kunstgriff und es wird spannend: Der Junge gelangt an ein Mehrwissen, an dem wir Zuschauer teilhaben. Der Alte, dem dieses Wissen zugedacht ist, eine Nachricht, die der Junge weitergeben soll, aber nicht weitergibt, weiß erstmal von nichts. Daraus ergibt sich ganz im Sinne der Feldtheorie eine Spannung. Und die reicht aus, den Zuschauer bis zum Ende zu fesseln. Dazu trägt auch die verdientermaßen auf der Berlinale gewürdigte darstellerische Leistung der beiden Hauptdarsteller Grigorij Dobrygin (Greenhorn) und Sergej Puskepalis (Seebär) bei.
Auch die schönen Bilder von Pavel Kostomarov, der dafür ebenfalls einen silbernen Bären erhielt, sind schön. In handwerklicher Hinsicht kann man einzig nur am nervig rockigen Soundtrack mäkeln.

Trotzdem, man weiß am Ende nicht, was das Ganze eigentlich soll. Ja, ein menschlicher Konflikt. Ja, und er hätte sich auch 1937, 1979 oder auch 1986 ganz genauso und auch ganz genau dort, auf dieser Insel abspielen können.
Aber die handelnden Figuren bleiben ohne jede Kontur, wir wissen nichts über sie, vor allem nichts über den Jungen, wo kommt er her, wo geht er hin. Und auch bei dem Alten haben wir nur das Gefühl, etwas über ihn zu wissen, weil wir uns an seinem Ort, in seiner Welt aufhalten. Auch die schönen Bilder haben nicht viel zu sagen, außer dass die Zeit vergeht. Und da möchte man auch nicht widersprechen, aber wo bitte ist die Geschichte? Ein Konflikt ist noch keine Geschichte. Bei all der künstlich erzeugten (Feld-)Spannung gleicht das Ganze eher einem strukturalistischen Experiment: eine überschaubare Versuchsanordnung und handelnde Figuren mit der individuellen Charakteristik von Laborratten.

Advertisements

Schlagwörter: ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: