Am Rande der Berlinale

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Auf der diesjährigen Berlinale ist Polen auffällig abwesend. Dass Polański in seinem Schweizer Chalet auf eine mögliche Auslieferung wartet, ist eher ein böser Treppenwitz. Aber da sein neuer Film „The Ghost Writer“ in den Medien gefeiert wird, die laufend Parallelen zur Situation des Regisseurs herstellen, verschmilzt Polański als Abwesender bei der Berliner Premiere um so mehr mit seinem Werk und ist anwesender den je. Doch mit ihm ist Polen nicht vertreten. Es gibt diesjahr überhaupt keinen polnischen Beitrag auf dem Festival.

Und ich denke am Rande der Berlinale an zwei polnische Filmemacher: an Andrzej Żuławski und seinen Sohn Xawery Żuławski, der sich mit der Adaption von Dorota Masłowskas Roman Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną (dt. Polenweiß und Russenrot, übertr. von Olaf Kühl) in Polen einen Namen gemacht hat. Xawery Żuławski sollte eigentlich in der Jury der Sektion Kurzfilm sitzen, hat aber kurzfristig abgesagt, wie es in der Pressemitteilung heißt. (http://www.berlinale.de/de/presse/pressemitteilungen/kurzfilm/kurzfilm-presse-detail_5857.html).

Andrzej Żuławski ist als Regisseur (nicht nur auf der Berlinale) schon länger abwesend. Er hat seit 1990 nur zwei Filme gemacht, gilt aber neben Wajda und Zanussi als Meister des polnischen Kinos. Seine beeindruckendsten Filme (Trzecia część nocy, Diabeł, Na srebrnym globie) lassen sich in ihrer apokalyptischen Expressivität schwer klassifizieren und sind teilweise der polnischen Zensur zum Opfer gefallen. Daher hat Żuławski in den 1980ern meist im Ausland gedreht (auch in Berlin).

Ein Fragment aus Trzecia część nocy (Der dritte Teil der Nacht):

Żuławski hat sich seit der Wende dem Schreiben zugewandt – mit mäßigem Erfolg. Im Augenblick hat der Verlag von Krytyka Polityczna den Regisseur für sich entdeckt. In einem Wälzer sind Endlos-Interviews mit ihm erschienen und vor Kurzem publizierte er im selben Verlag sein bitterböses Anti-Tagebuch, das er ganz in diesem Sinne Nocnik genannt hat. Der Titel ist ein Wortspiel, ein quasi-Antonym zu ‚dziennik‘ (Tagebuch), also ein Nacht-buch, das nicht nur die nächtliche (dunkle, unbarmherzige, ungeschönte) Färbung der Aufzeichnungen betont, sondern auch auf den Modus des Aufzeichnens als eine Art ‚Entleeren‘ deutet – denn ’nocnik‘ steht als Lexem schlicht für den ‚Nachttopf‘.

http://sklep.krytykapolityczna.pl/sklep/catalog/product_info.php?products_id=176


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