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über die Russische Literatur wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten

Dieses Buch sollte bei der breiten Leserschaft große Begeisterung oder aber auch große Entrüstung auslösen. So jedenfalls die Ankündigung auf dem Klappentext der 2004 im Petersburger Universitätsverlages erschienenen Textsammlung Moja istorija russkoj literatury von Marusja Klimova. Die breite Leserschaft blieb aus. Begeisterung oder Entrüstung seitens russischer Kritiker folgte prompt. Denn Marusja Klimova nimmt hier nicht nur in recht freier essayistischer Manier eine dezidiert anti-akademische Neubewertung der russischen Literaturgeschichte vor, sondern räumt in einem großen Rundumschlag gründlich, und ohne jegliche political correctness mit den viel gehegten Heiligtümern der russischen Klassik auf.

In den einzelnen Kapiteln, denen jeweils die Karikatur eines ausgewählten Autors (von Zoja Čerkasskaja) vorangestellt ist — ohne dass diese mit ihren Namen bezeichnet oder tatsächlich immer Thema des folgenden Textes sind —, entfaltet Klimova ein Panoptikum der russischen Literatur, in dem kaum einer gut weg kommt: Ob nun Puškin, Turgenjev, Čechov, Fet, Gorkij, Majakovskij… — alle sind sie ihr „Missgeburten“, „Psychopathen“ oder einfach nur „Idioten“ und selbst Dostoevskij wird „Masochismus“ bescheinigt. Vordergründig scheint es der Autorin darum zu gehen, mit ihren provozierenden und zynischen Seitenblicken auf das Menschlich-Allzumenschliche der Literatur-Genies dem verehrten Lesepublikum endlich alles über die verehrten Herren und wenigen Damen des hohen Kanons mitzuteilen, was jenes bisher nicht zu fragen und nicht mal zu denken gewagt hätte.

Doch das allein vermag heute zu Recht niemanden mehr so richtig zu provozieren. Das eigentlich Interessante, durchaus Provozierende und auch Enervierende an diesen Texten ist die Tatsache, dass Marusja Klimova, hinter der sich übrigens die Petersburger Schriftstellerin, Journalistin und Céline-Übersetzerin Tat’jana Kondratovič verbirgt, im Grunde die ganze Zeit über sich selbst schreibt. Sie benutzt den äußeren formalen Rahmen einer „Literaturgeschichte“ dazu, sich ohne jede Hemmung und absolut subjektiv an der Autobiographie ihres Lesens und auch Schreibens abzuarbeiten. Dabei kreist sie jedoch mitnichten nur um sich selbst. Wir haben es hier mit einer intimen und durchaus auch selbstironischen Suche nach einem individuellen und zeitgemäßen Umgang mit Literatur überhaupt zu tun, wenn auch mit einer sehr eigentümlichen. Wer sich der wild mäandernden Assoziations- und Themenflut in diesen Texten hingibt, wird begeistert oder auch genervt sein, auf jeden Fall werden einige Irritationen zurückbleiben. Denn Widersprüchlichkeiten, ständige Positionswechsel und Selbstwiderlegungen gehören zum Programm einer Autorin, die die Literatur erklärtermaßen hasst, aber auch nicht von ihr loskommt.

Im Herbst 2009 erschien nun mit Moja teorija russkoj literatury ein zweiter Band, der in Form und Inhalt seinem Vorgänger zu ähneln scheint. Darin holt Marusja Klimova nun zu einem weiteren Schlag gegen die in der russischen Literaturwissenschaft vorherrschenden Auffassungen von Kunst, Literatur und auch Leben insgesamt aus. In der Ankündigung des Verlages heißt es dazu etwa: „Das Buch richtet sich an jene, welche zur radikalen Dekonstruktion gängiger Mythen bereit sind, die Fähigkeit besitzen, das Lächerliche im Erhabenen zu sehen und welche wissen, dass das Alltägliche und das Große nur einen Schritt weit auseinander sind.“ Auch hier lässt Klimovas großes Vorbild Louis-Ferdinand Céline grüßen!

Моя история русской литературы
Издательство:
Гуманитарная Академия, 2004 г.
Твердый переплет, 352 стр.
ISBN 5-93762-037-2Тираж: 1200 экз.

Моя теория литературы
Издательство:
Гуманитарная Академия, 2009 г.
Твердый переплет, 256 стр.
ISBN  978-5-93762-062-0
Тираж: 1000 экз.

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