Textiles Übersetzen

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Zum Dokumentarfilm über Svetlana Geier Die Frau mit den 5 Elefanten

Eine alte Frau in einem alten Haus. Die zierliche, grauhaarige und etwas buckelige Dame holt aus der Abstellkammer ein Bügelbrett heraus. Sie schleppt es in das nächste Zimmer, stellt es auf und breitet eine weiße Schürze darauf aus. Sie feuchtet die Finger mit Spucke an, prüft, ob das Eisen heiß genug ist. Langsam lässt Svetlana Geier das Bügeleisen über den Stoff gleiten und erzählt, dass die Fäden der Textilie durch das Waschen aus der Reihe gebracht wurden und nun an ihre Ursprungsposition zu rücken sind. Und genau so verhalte es sich mit der Sprache. Wie die Fäden eines Gewebes werden Wörter aneinander gereiht und bilden im besten Falle Meisterwerke wie sie Frau Geier ihr Leben lang aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt hat, unter anderem von Tolstoj, Bulgakov und Solženicyn. In den letzten Jahren die fünf Elefanten – so nennt man die großen Romane Dostoevskijs in Russland. Letztes Jahr wurde sie mit dem Spieler fertig. Der Film von Vadim Jendreyko Die Frau mit den 5 Elefanten nimmt uns mit auf die Reise durch das von Schicksalsschlägen geprägte Leben der deutschen Stimme Dostoevskijs. Es ist eine Reise in die Kultur der Sprache und in eine Epoche des Übersetzens. Auf die sich selbst gestellte Frage – warum Menschen übersetzen – ist die Antwort der bedeutendsten Übersetzerin russischer Literatur kurz: „Das ist die Sehnsucht nach etwas, was sich immer wieder entzieht, nach dem unerreichbaren Original.“ Der Klang der Wörter sei zu unterschiedlich: „Milost’ – was für ein wunderschönes Wort, das weiche m geht leise in das lang klingende i über, einfach wunderbar, so etwas kann man nicht übersetzen. Das deutsche Wort Gnade hört sich eher an wie eine steife Matratze“. Und doch tastet sich Frau Geier seit Jahren so nah wie möglich an das jeweilige Original heran. „Nase hoch beim Übersetzen“ hat ihre Lehrerin sie einst gelehrt. Was soviel heißt wie das Ganze immer im Blick zu behalten und nicht bloß Wort für Wort zu übersetzen. Wie etwas Gewebtes eben, wofür, wie der Film verrät, Frau Geier eine besondere Vorliebe hat.

Der Film läuft im Berliner Kino Krokodil bis zum 17. Februar 2010 – http://www.kino-krokodil.de/

Weitere Information unter http://www.5elefanten.ch/

Der Trailer zum Film ist hier zu sehen:

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