Schlafwandel durch Europa

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Als im Juli 2009 Ljubko Deresch am Institut für Slawistik an der HU gelesen und über halluzinogene Weltsichten philosophiert hat, hätte Tymofiy Havryliv, der ihn eingeladen und die Lesung moderiert hat, eigentlich selbst aus seinem zu jenem Moment druckfrischen Roman lesen können. Der bescheidene Gastdozent für ukrainische Sprache und Literatur, Übersetzer aus dem Deutschen und Expressionismusexperte ist leider weg und eine Buchvorstellung in Berlin steht aus. Wo es längst ins Auge von neugierigen LeserInnen gefallen sein wird, ist wohl Wien. Denn obwohl das Setting aus einer Kette von Imaginationen eines selbstironischen Ich-Erzählers besteht, der etwas zwischen Tagträumer und Fotograf ist, deutet einiges auf Wien als ein Zentrum des Narrativs hin: Radetzkystraße, eine Lexik wie Stiege und Semmel und Kapitel wie „Traum“ und „Traumdeutung“. Die Leserin wird außerdem in ein Zoo entführt (dieser Besuch hat es in sich), auf Bahnhöfe, in die Wartesäle und natürlich auch in die Ukraine.

In dieser Welt schreiben sich Intellektuelle und Liebende Briefe, die z. B. folgende Fragen aufwerfen: „Erinnerst Du Dich an Abd Ar Rahmanov, der in der Wohnung gegenüber wohnte, und an Kara Hassan unter uns?“ Im gleichen Brief heißt es: „Aber du wirst ihn nicht verstehen, ihn nicht verstehen können. Den wirklichen Kara Hassan wirst du nicht kennen, wenn Du nicht Kusturica kennst, den Franzosen Emir Kusturica.“

Dass Freud und seine Nachfolger mitunter an diesem Werke mitarbeiten, äußert sich in der Neigung, diverse Mythen durch Namen, Konstellationen, Handlungen und Konflikte einzuflechten – zu poetisch für platte Psychologisierungen, aber in der unübersehbaren Fülle doch um die Ur-Frage nach der Reise zu sich selbst kreisend. Im Prinzip bringt es der Titel auf den Punkt: eine archaische Entfremdung eines eher modernen als postmodernen Odysseus, denn warum sollte jemand in der Postmoderne nach einem Zuhause suchen. In den Schlenkern eines selbst erdichteten Jugendstilmusters scheint der Protagonist und Ich-Erzähler sich zu verlieren und zu verlieben. Letzteres übrigens in Szenen, die wohl nur außerliterarisch funktionieren, ohne kitschig zu sein (Fotomodell mit Knospen etc.).

Die fragmentarische und fantasmagorische Meditation eines äußerlich angepassten Intellektuellen im Ausland („Man kann die Heimat nicht dort imitieren, wo sie nicht ist“) schreibt letztlich eine Geschichte über die Unmöglichkeit, darüber treffend, anders als dem Unbewussten entnommen, zu schreiben. Zum Schluss heißt es: „Ich begriff, daß es eine Falle war. In diesem Augenblick wurde mir bewußt, daß es eine Illusion war, eine größere als das Buch. Eine größere, als ich dachte. Ich stürzte zum Ausgang. Als ob mich jemand hätte aufhalten können. Aber da war niemand, und hinter der Schwelle gähnte die Leere. Ich tat einen Schritt vorwärts.“

Tymofiy Havryliv: Wo ist dein Haus, Odysseus? Aus dem Ukr. von Harald Fleischmann. Ammann Verlag Zürich 2009.

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