„Wolałbym nie” – „I would prefer not to …“

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Hermann Melvilles Titelheld der Erzählung „Bartleby the Scrivener“ ist ein Star in Polens Kulturleben geworden und hat, wie in der Erzählung, alle mit seinem „I would prefer not to“ angesteckt. Universitätsprofessoren diskutieren längst nicht nur in Seminaren über seine berühmte Formel der Verweigerung und des passiven Widerstands, sondern in öffentlichen Foren für Leser; vor den letzten parlamentarischen Wahlen in Polen (2007) hat Marek Bieńczyk das „ich möchte lieber nicht“ als Schlagwort der Verweigerung  anstelle einer Opposition aus den Zeiten vor der Wende zu lancieren versucht; Andere widmen ihre Bücher geliebten Frauen, ohne die sie „lieber nicht möchten“. Bartleby hat sich fest installiert.

Und nun kommt eine Anthologie auf den polnischen Buchmarkt, die mit dem Titel „Wolałbym nie” junge Autorinnen und Autoren (Jahrgänge 1970er/80er) wie mit einem Button auf der Jacke in die Öffentlichkeit schickt. Der Herausgeber, Grzegorz Jankowicz, hat ihnen aufgegeben, über Formen der politischen, ideologischen, sozialen, institutionellen, sprachlichen etc. Unfreiheit zu schreiben und dagegen (zusammen mit Bartleby) zu protestieren. Seltsam genug, dass die Form des Protests schon aufgegeben und vorgegeben ist. Ob das gut gehen kann? Das Buch wird gegenwärtig in Polen vorgestellt. Es scheint wieder ein Versuch zu sein, die Stimme einer ganzen schreibenden Generation zu präsentieren. Eine ähnliche Initiative hat der Krakauer Verlag Ha!art (http://www.novinki.de/html/nachgegangen/Reportage_Korporacija.html) schon mal unternommen. Damals sind Texte von Autoren, die in den 1970ern geboren sind, in einer Anthologie erschienen (Tekstylia, Hrsg.: Marecki, Stokwiszewski, Witkowski, Kraków 2002). Und auch sie  rief skeptische Fragen hervor. Wobei der Titel der ersten (und einer Nachfolgeanthologie Tekstylia bis) noch einen neutral-designhaften Titel trug. Jetzt versuchen Herausgeber und Verlag die Stimme der ‚jungen Schriftstellergeneration‘ als ‚leise protestierend‘ zu definieren.

Man wird sich sicher schnell ein Bild machen können, ob solche kleinen Proteste anstecken, oder ob man sich doch lieber nur einen Button mit „I would prefer not to“ ansteckt.

Wolałbym nie, hrsg. von Grzegorz Jankowicz, Kraków 2009

ISBN 978-83-61407-97-3

Mit Beiträgen von: Chutnik, Czerniawski, Czerski,
Dehnel, Dzido, Franczak, Orbitowski, Pawluśkiewicz, Shuty,
Zygmunt, Żulczyk, Żurawiecki

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