Archive for Februar 2010

Glückssuche in Warschau

Februar 28, 2010

Nicht nur Michael Zgodzay ist die Abwesenheit des polnischen Kinos auf der Berlinale negativ aufgefallen. Es gibt aber keinen Grund zur Sorge: Am 15. April startet die neue Edition des Festivals filmPolska, die exklusiv polnische Berlinale also, mit 80 Filmen an 8 Tagen in 7 Berliner Kinos. Und einen Trailer gibt es auch schon unter: http://filmpolska.de.

Gezeigt wird im April u.a. die – von Michael erwähnte – Verfilmung von Dorota Masłowskas Roman Wojna polsko-ruska, ein Film von Xawery Żuławski (also Żuławski Junior). Sein Film beweist ex negativo, dass Dorota Masłowska eine geniale Sprachkünstlerin ist. Deshalb sollte man ihre Texte nicht verfilmen. Da helfen die besten Schauspieler nicht (Borys Szyc, Roma Gąsiorowska), nicht mal der Auftritt der Autorin selbst. Żuławskis Versuch, Masłowskas groteskes Erzählen zu visualisieren, wirkt prätentiös, kitschig, hysterisch – einfach idiotisch. Endlich habe ich begriffen, wie diejenigen, die Masłowskas Prosa nicht mögen, ihre Texte lesen (müssen): Sobald die Sprache und das Erzählen in den Hintergrund treten, bleiben eine mickrige Story und ein paar Gags à la Żuławski übrig. Warum der Film gefällt (er hatte in Polen gute Presse), kann ich mir leider nicht mehr erklären …

Noch mehr Kunst aus Polen, und zwar unterschiedlichster Art, wird es in den nächsten Monaten in Berlin geben. Mit der Ausstellungseröffnung Early Years in KW (www.kw-berlin.de) hat gestern das Projekt The Promised City begonnen, das metropolitanes Glück in drei Städten – Berlin, Warschau und Mumbai – erkundet: mithilfe von Kunst, Literatur und Performance, des Films und Theaters und sogar einer Vortragsreihe. In der Ausstellung in KW geht es um das neue Museum für Moderne Kunst, das gerade in Warschau gebaut wird. Fünf Jahre nach der Gründung blickt das Museum, das auf sein Gebäude immer noch wartet, auf eine ganz schön turbulente Geschichte (early years) zurück. Grund genug, die Museumsgründung künstlerisch zu reflektieren und – endlich – einen Gründungsmythos zu schaffen: Dies tut die gerade geöffnete Ausstellung mit Werken von Yael Bartana, Sharon Hayes, Zbigniew Libera, Joanna Rajkowska, Artur żmijewski und anderen polnischen und nicht-polnischen Künstlern, die mit Warschau zu tun haben.

Diese Ausstellung ist eine ordentliche Rezension wert, für die es hier keinen Platz gibt, deshalb nur noch einige wenige Zeilen zu ihrem absoluten Hit: dem Film Mur i wieża (Mauer und Turm) von Yael Bartana. Es ist der zweite Film (2009, 15 Min.) in der ‚polnischen Trilogie‘ Bartanas und die Fortsetzung von Mary koszmary (Träume Albträume, 2007, 11 Min.), in dem Sławomir Sierakowski, der Chef des linken Think-Tanks Krytyka Polityczna in Warschau, die Hauptrolle spielte. Diejenigen, die den ersten Film gesehen haben (z.B. auf der Tagung Verfahren der Anamnesis in Berlin 2008) werden wohl den als Partei-Funktionär stilisierten Sierakowski mit der roten Krawatte nicht vergessen haben – wie er in seiner Rede auf dem damals zum Abriss vorgesehenen „Stadion des 10. Jahrestags“ in Warschau drei Millionen Juden zur Rückkehr nach Polen aufruft. Nun – im zweiten Film der Trilogie – kommen die ersten jüdischen Siedler nach Warschau und gründen ihren Kibbuz Muranów direkt gegenüber dem Denkmal für die Ghetto-Kämpfer von Nathan Rappaport. Auch diesen Film inszeniert Bartana in Anlehnung an die Propaganda-Filmästhetik; diesmal bildet ein zionistischer Propaganda-Film über den Bau eines Kibbuz in Palästina von 1939 die Folie. Die Kunstaktion – der Bau des Kibbuz auf dem ehemaligen Ghetto-Gelände in Warschau – hat im letzten Sommer stattgefunden. Ein Teil der Kunstaktion war die Gründung der neuen zionistischen Organisation „Bewegung der jüdischen Wiedergeburt in Polen“ – ihr großartiges Manifest bekommt man auf der Ausstellung als Plakat (solange der Vorrat reicht). Bartanas Kunst ist so vieldeutig, wie die Mittel und Ideen es sind, die in ihren Inszenierungen zum Einsatz kommen: nostalgische Diskurse, kompromittierte Utopien, totalitäre Ästhetiken, die polnisch-jüdische Geschichte, der israelisch-palästinensische Konflikt. Absurd – lustig und gespenstisch zugleich – wirkt der Kibbuz in Muranów, wenn die Siedler zu den Nationalhymnen Hatikva und Mazurka Dąbrowskis die Mauer und den Wachturm aufstellen. Die überfrachteten hybridisierten Symboliken (wie der polnische weiße Adler auf dem jüdischen Stern als Logo der neuen Bewegung – dazu noch als Armbinde getragen!) sind Markenzeichen Bartanas post-utopischer, halluzinatorischer ‚paralleller Geschichten‘, die von der wirklichen Geschichte aber nicht wirklich loskommen. Auf YouTube ist ein kurzer Kommentar von Yael Bartana zu ihren beiden Filmen zu finden:

Fear the Future

Februar 25, 2010

Dmitrij Gluchovskijs Roman Metro 2033 demnächst zum Daddeln

Bald ist es soweit. Ab 16. März können die deutschsprachigen Computerspiel-Fans zusehen, wie die bisher gekannte Welt zu Ende geht und die Menschheit in den Moskauer U-Bahnschächten ums Überleben kämpft, denn dann erscheint der Action-Shooter Metro 2033 in Deutschland, Österreich und der Schweiz, ganze drei Tage früher als im übrigen Europa. Die des Deutschen mächtig sind, können zeitgleich mit den Amerikanern auf PC und Xbox 360 loslegen und die Welt, jedenfalls die unterirdische, vor Mutanten und Ungeheuern retten. Dem vom Videospielhersteller THQ entwickelten Spiel liegt der 2005 erschienene gleichnamige Roman von Dmitrij Gluchovskij zugrunde, den der Heyne-Verlag 2008 auf den deutschen Science-Fiction-Markt gebracht hat. Gluchovskij beschreibt darin Moskau nach einem Atomkrieg. Im Jahr 2033 gleicht die russische Hauptstadt einer Geisterstadt; der Krieg 2013 hat sie zwar nicht zerstört, die radioaktiven Niederschläge bewirken indes ihren Zerfall. Während die Hochhäuser am Arbat vor sich hin bröckeln, scheinen die Sterne des Kreml dagegen stark wie nie zuvor und hypnotisieren den Betrachter. In der Stadt lauern Monster, durch Radioaktivität mutierte Menschen und Tiere – die wenigen verbliebenen Menschen – zunächst sind es 70.000, nach zwanzig Jahren bleiben 50.000 – haben sich in das verzweigte U-Bahn-Netz Moskaus zurückgezogen.

Hier in der Metro entwickeln sich absonderliche und bizarre, der vorher gekannten Welt jedoch nicht ganze fremde gesellschaftliche Gruppierungen: Polis – die geistige Zentrale der U-Bahn-Stadt, wird von den Büchersammlern und Archivaren verwaltet und befindet sich unter anderem in der Station „Leninbibliothek“. Ganza (dt. Hanse) – erstreckt sich auf der Ringlinie und schlägt ihr Kapital aus den Steuereinnahmen und Transitgebühren; da alle Linien über den s.g. Ring führen, ist Ganza die reichste und einflussreichste Gruppierung. Während die Krasnaja Linija (dt. die rote Linie) – auf der sich, entsprechend der Farbe, Stationen mit sozialistisch geprägtem Namen versammeln – von den Kommunisten kontrolliert wird, besetzen die Faschisten die Stationen Puškinskaja, Čechovskaja und Tverskaja – Das vierte Reich. Der Hauptfigur des Romans und der Held des Shooters Artёm, in dessen Haut der Computerspieler schlüpft, lebt auf der Station VDNCh. Nach einer mysteriösen Begegnung mit einem Krieger Namens Hanter macht sich Artёm auf eine abenteuerliche Reise durch das unterirdische Netz und auf die Suche nach einem geheimnisvollen Objekt, das die Menschheit vor der endgültigen Vernichtung bewahren soll. Dabei kämpft er nicht nur in der Metro gegen böse Mächte innerhalb der Metro-Welt, sondern auch gegen monströse Wesen aus der Oberfläche der Stadt, wie die s.g. Schwarzen, Bibliothekare, mutierte Vögel, die alle versuchen in die Metro einzudringen und die er überwinden muss, um am Ende vom Ostankino-Turm einen Angriff gegen die verseuchten Ungeheuer zu starten.

Damit ist auch der Verlauf des Spiels beschrieben: Durch die Metroschächte laufen, Koalitionen schaffen, neue Räumlichkeiten erkunden und ballern, ballern, ballern. Der Hersteller des Spiels verspricht zudem, dass sich die mit DirectX 11-Grafikkarten ausgerüsteten Spieler auf eine verbesserte Tiefenwirkung und komplette „Tesselation“-Darstellung der Charaktere freuen können. Die Kultur- und Medienforschung, die in den letzten Jahren, ohne groß zwischen Schöngeisterei und Schund (wobei hier nicht die Ästhetik des Hässlichen gemeint ist) zu unterscheiden, die Perspektiven des Computerspiels untersucht hat, wird das Spiel sicherlich in ihren Analysebestand aufnehmen. Der multisensorische Aufwand des Spiels wird den Autor Gluchovskij, der im vergangenen Jahr die bereits in deutscher Übersetzung vorliegende Fortsetzung Metro 2034 geschrieben hat, freuen. Denn bereits vor der Veröffentlichung des ersten Romans in Buchform waren die 13 Kapitel im Netz unter  m-e-t-r-o.boom.ru mit den zugehörigen Verweisen auf die Musik zu finden, die jeder beim Lesen einschalten sollte. Auf der neuen Internetpräsenz unter www.metro2033.ru dürfen die kreativen Fans des Romans ihre Musiktracks wie auch Bilder veröffentlichen. Hier wird auch darauf verwiesen, dass der Metro-Epos nun auch von anderen Autoren weiter geschrieben wird – die Romane, in denen die von Gluchovskij ausgelassene Stationen behandelt werden, erscheinen seit Januar im Monatstakt. An den zahlreichen Levels, der Musik- und Geräuschbegleitung wird es sicherlich auch beim Spiel nicht mangeln. Das verspricht der Trailer zum Spiel, aus dem auch deutlich wird, in welche ästhetische Kategorie das Spiel gehört.

Das Greenhorn und der Seebär

Februar 24, 2010

Vergessen wir mal für einen Moment alle politischen und ästhetischen Entwicklungen der vergangenen Jahre in Russland, alle Experimente der Literatur, alle neuen Freiheiten! Und machen wir da weiter, wo wir vor etwa 25 Jahren aufgehört haben: Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche, auf das rein Menschliche! So in etwa, ließe sich mutmaßen, sieht das künstlerische Konzept aus, das hinter dem Film Kak ja provel ėtim letom (Wie ich diesen Somme beendete) von Alexej Popogrebskij steht.

Die Handlung dieses durchaus packenden Dramas ist so fernab von allem, wie der Ort, an dem sich das alles abspielt. Zwei Männer hocken in einer einsamen Hütte, irgendwo am nördlichen Rand von Čukotka, ein alter Seebär und ein Greenhorn. Was das Greenhorn da zu suchen hat, erfahren wir bis zum Ende des Filmes nicht. Der Alte jedenfalls lebt seit Jahren in der Hütte und liest mit sowjetischem Pflichtgefühl alle paar Stunden Thermometer und andere Messinstrumente ab. Die Hütte ist eine Messstation. Kontakt haben die beiden mit dem Rest der Welt nur über Funk. Ansonsten herrscht Zweisamkeit. Und die ist nicht gerade erbaulich. Die erste (gefühlte) halbe Stunde passiert nichts, der Alte traut dem Greenhorn nicht und das Greenhorn benimmt sich wie ein Greenhorn. Soweit der Realismus. Dann kommt der Kunstgriff und es wird spannend: Der Junge gelangt an ein Mehrwissen, an dem wir Zuschauer teilhaben. Der Alte, dem dieses Wissen zugedacht ist, eine Nachricht, die der Junge weitergeben soll, aber nicht weitergibt, weiß erstmal von nichts. Daraus ergibt sich ganz im Sinne der Feldtheorie eine Spannung. Und die reicht aus, den Zuschauer bis zum Ende zu fesseln. Dazu trägt auch die verdientermaßen auf der Berlinale gewürdigte darstellerische Leistung der beiden Hauptdarsteller Grigorij Dobrygin (Greenhorn) und Sergej Puskepalis (Seebär) bei.
Auch die schönen Bilder von Pavel Kostomarov, der dafür ebenfalls einen silbernen Bären erhielt, sind schön. In handwerklicher Hinsicht kann man einzig nur am nervig rockigen Soundtrack mäkeln.

Trotzdem, man weiß am Ende nicht, was das Ganze eigentlich soll. Ja, ein menschlicher Konflikt. Ja, und er hätte sich auch 1937, 1979 oder auch 1986 ganz genauso und auch ganz genau dort, auf dieser Insel abspielen können.
Aber die handelnden Figuren bleiben ohne jede Kontur, wir wissen nichts über sie, vor allem nichts über den Jungen, wo kommt er her, wo geht er hin. Und auch bei dem Alten haben wir nur das Gefühl, etwas über ihn zu wissen, weil wir uns an seinem Ort, in seiner Welt aufhalten. Auch die schönen Bilder haben nicht viel zu sagen, außer dass die Zeit vergeht. Und da möchte man auch nicht widersprechen, aber wo bitte ist die Geschichte? Ein Konflikt ist noch keine Geschichte. Bei all der künstlich erzeugten (Feld-)Spannung gleicht das Ganze eher einem strukturalistischen Experiment: eine überschaubare Versuchsanordnung und handelnde Figuren mit der individuellen Charakteristik von Laborratten.

Vopli Vidopljasova im Astra-Kulturhaus 13.2.2010

Februar 23, 2010

Von Evgenia Grabovska und Tanja Hofmann

Was bringt Pärchen über 30 dazu, gemeinsam um das benutzte Schweißhandtuch eines Sängers zu kämpfen, über die Absperrung in der ersten Reihe zu klettern, und von Sicherheitsleuten abgeführt zu werden? Warum setzen die Frauen ihre Handtaschen ein, um weiter vorne zu stehen und reißen einem die ins Publikum geworfenen Bandfotos wie selbstverständlich aus der Hand? „Vopli Vidopljasova“ (VV) spielen in Berlin! Die erfolgreichste, auch in Russland populäre ukrainische Rock-, Folk-, Ethno- und Coverband hat das „Astra“-Kulturhaus auf ihrer Deutschlandtournee nicht völlig mit Fans gefüllt, jedoch mit ekstatischem Flair.

Selbst wenn man das Quartett um Oleg Skripka zum ersten Mal erlebt hat, liegen die Sympathien auf seiner Seite: Sie nehmen nichts ernst und machen dafür ernsthaft gute Musik. Schon der Name ist Programm. Ausgelassenes Geschrei („vopli“) gehört wie die Grimassen und choreographisch durchdachten Bühnenbewegungen von Skripka zur Show. Wenn der Frontmann mit den Armen umherfuchtelt, mit den Augen rollt und mysteriöses Gestöhne von sich gibt, könnte er eine Illustration zu Gogol’s „Vij“ abgeben.

Fragt man sich, wer eigentlich Vidopljasov ist, und was seine Äußerungen mit der Band zu tun haben, so hat man schon den Schlüssel zu ihrer verblüffend witzigen, an der ukrainischen Kultur interessierten und sie mehr als ironisch brechenden Einstellung. Vidopljasov ist ein dichtender Diener aus Dostoevskijs Komödie „Selo Stepančikovo i ego obitateli“, der seine Verse unter dem Titel „Vopli“ publizieren möchte. Die literarisch sensible Gruppe positioniert sich als ukrainische Rockband, durchmixt alle musikalischen Genres, integriert europäisches und sowjetisches Kulturerbe und etabliert sich dadurch nicht nur in der gesamten Ukraine, sondern auch europaweit.

Solange ukrainische PolitikerInnen und politisierte SchriftstellerInnen über die Konsolidierung der Ukraine und Integration in der mitteleuropäischen oder russischen Nachbarschaft diskutieren, lebt VV mit Humor und Intelligenz ihre eigene Sicht auf die ukrainische Gesellschaft und deren postsowjetisches Erbe aus. Dabei werden Klischees, die selbst ein unaufmerksamer Beobachter registriert, gezielt bedient.

Oleg Skripka trifft den Geschmack einer sehr breiten Zuhörerschicht. Auf den ersten Blick ist seine Performance kitschig, doch wenn man bedenkt, dass karnavalesker Kitsch einer der Grundsteine der ukrainischen Nationaldichtung ist (man denke an Kotljarevs’kyj’s „Eneїda“), erscheint Skripka wie eine Reinkarnation von Äneas mit starkem ukrainischen Akzent. Skripkas  Stilisierung geht bis zum Äußersten. In den Videoclips zu den Singles von „VV“ nehmen die Musiker die skurrilsten Rollen ein, spielen mal Gogol’sche Figuren, mal Hindi-Gurus und mal sieht man sie als nostalgische Präsentanten der braven sowjetischen Miliz.

Die Band bedient alles, was einer poetischen Musikkomödie dienlich sein kann: Texte aus ukrainischen und russischen Volksliedern, zum Beispiel das ukrainische Hochzeitslied „Horila sosna“ und „Romaški sprjatalis’“, eine sowjetische Standardromanze. Skripka scheut sich nicht davor, lyrics von Kultbands der Perestrojka-Zeit ins Ukrainische zu übersetzen, so zum Beispiel die Lieder von Viktor Zoj und „Nautilus Pompilius“. Er macht es mit Respekt und man könnte sogar sagen: Pietät. Denn all diese Melodien und Texte waren symbolträchtig für die jüngste Generation, die noch in der Sowjetunion aufgewachsen ist. Für VV Grund genug, ein musikalisches Denkmal für den Zeitgeist dieser Epoche zu setzen.

Die Texte aus eigener Produktion können zum Teil stutzig machen. Das Lied „Jura“ ist ein Hit, der schon seit Jahren die Menschenmassen antreibt, im Takt der Melodie zu springen und laut „Jura! Jura!“ zu jubeln. Man fragt sich, wer dieser Jura sein soll, der die westukrainische Jugend genauso wie die Arbeiter im Donbass und Elite-Kids in Moskau begeistert. Jurij Gagarin! Ein durch und durch sowjetisches Symbol für den Kosmos-Fortschritt, der anscheinend immer noch die Jugend zu vereinen vermag. So singt Oleg Skripka zunächst auf Russisch und geht langsam ins Ukrainische über:

Он был простой, но гордый парень.

Юра – фамілія Гагарін.

Він промайнув, видатна фігура

Юра, Юра, Юра.

Той стрибок до зірок з Байконуру.

Diese freundschaftliche Umarmung von VV-Fans auf dem ganzen postsowjetischen Gebiet kann nur noch „Vesna“ übertreffen, der Superhit der Band. Das Lied ist zur Hymne geworden, vielleicht als Symbol des Um- und Aufbruchs. In den russischen Charts der 1990er Jahre hielt sich dieser Frühling mehr als eine Saison auf. Das Publikum fordert den Hit wie selbstverständlich nach den ersten zehn Minuten ein. Als er zum Abschluss des Konzerts ertönt, löst es einen energetischen Knall im elektrisierten Saal aus.

Übrigens, im unten befindlichen Videoclip zu „Vesna“ zeichnet Oleg Skipka mit der weißen Kreide Ringe um sich, wie Homa Brut in „Vij“. Manchmal scheint es, als ob VV Gogol’s Werke nicht illustrieren, sondern deren unmittelbare Protagonisten seien…

Objekt der Woche

Februar 22, 2010

Die Bären sind vergeben…

Februar 21, 2010

und Kak ja provel ėtim letom wurde zweimal ausgezeichnet

Goldener Bär für den Besten Film
Bal (Honey)
von Semih Kaplanoglu

Silberner Bär – Großer Preis der Jury
Eu cand vreau sa fluier, fluier (If I Want To Whistle, I Whistle)
von Florin Serban

Silberner Bär – Beste Regie
Roman Polanski
für The Ghost Writer (The Ghost Writer)

Silberner Bär – Beste Darstellerin
Shinobu Terajima
in Caterpillar (Caterpillar) von Koji Wakamatsu

Silberner Bär – Bester Darsteller
Grigorij Dobrygin und Sergej Puskepalis
in Kak ja provel ėtim letom (How I Ended This Summer)
von Aleksej Popogrebskij

Silberner Bär – Herausragende Künstlerische Leistung in der Kategorie Kamera
Pavel Kostomarov für die Kamera in
Kak ja provel ėtim letom (How I Ended This Summer)
von Aleksej Popogrebskij

Silberner Bär – Bestes Drehbuch
Wang Quan’an und Na Jin
für Tuan Yuan (Apart Together)
von Wang Quan’an

Alfred-Bauer-Preis
In Erinnerung an den Gründer des Festivals, für einen Spielfilm, der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet.
Eu cand vreau sa fluier, fluier (If I Want To Whistle, I Whistle)

Preis Bester Erstlingsfilm
dotiert mit €50.000 Euro, gestiftet von GWFF
Sebbe
von Babak Najafi

Am Rande der Berlinale

Februar 19, 2010

Auf der diesjährigen Berlinale ist Polen auffällig abwesend. Dass Polański in seinem Schweizer Chalet auf eine mögliche Auslieferung wartet, ist eher ein böser Treppenwitz. Aber da sein neuer Film „The Ghost Writer“ in den Medien gefeiert wird, die laufend Parallelen zur Situation des Regisseurs herstellen, verschmilzt Polański als Abwesender bei der Berliner Premiere um so mehr mit seinem Werk und ist anwesender den je. Doch mit ihm ist Polen nicht vertreten. Es gibt diesjahr überhaupt keinen polnischen Beitrag auf dem Festival.

Und ich denke am Rande der Berlinale an zwei polnische Filmemacher: an Andrzej Żuławski und seinen Sohn Xawery Żuławski, der sich mit der Adaption von Dorota Masłowskas Roman Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną (dt. Polenweiß und Russenrot, übertr. von Olaf Kühl) in Polen einen Namen gemacht hat. Xawery Żuławski sollte eigentlich in der Jury der Sektion Kurzfilm sitzen, hat aber kurzfristig abgesagt, wie es in der Pressemitteilung heißt. (http://www.berlinale.de/de/presse/pressemitteilungen/kurzfilm/kurzfilm-presse-detail_5857.html).

Andrzej Żuławski ist als Regisseur (nicht nur auf der Berlinale) schon länger abwesend. Er hat seit 1990 nur zwei Filme gemacht, gilt aber neben Wajda und Zanussi als Meister des polnischen Kinos. Seine beeindruckendsten Filme (Trzecia część nocy, Diabeł, Na srebrnym globie) lassen sich in ihrer apokalyptischen Expressivität schwer klassifizieren und sind teilweise der polnischen Zensur zum Opfer gefallen. Daher hat Żuławski in den 1980ern meist im Ausland gedreht (auch in Berlin).

Ein Fragment aus Trzecia część nocy (Der dritte Teil der Nacht):

Żuławski hat sich seit der Wende dem Schreiben zugewandt – mit mäßigem Erfolg. Im Augenblick hat der Verlag von Krytyka Polityczna den Regisseur für sich entdeckt. In einem Wälzer sind Endlos-Interviews mit ihm erschienen und vor Kurzem publizierte er im selben Verlag sein bitterböses Anti-Tagebuch, das er ganz in diesem Sinne Nocnik genannt hat. Der Titel ist ein Wortspiel, ein quasi-Antonym zu ‚dziennik‘ (Tagebuch), also ein Nacht-buch, das nicht nur die nächtliche (dunkle, unbarmherzige, ungeschönte) Färbung der Aufzeichnungen betont, sondern auch auf den Modus des Aufzeichnens als eine Art ‚Entleeren‘ deutet – denn ’nocnik‘ steht als Lexem schlicht für den ‚Nachttopf‘.

http://sklep.krytykapolityczna.pl/sklep/catalog/product_info.php?products_id=176


Isolation Berlinale

Februar 18, 2010

Seit gut einer Woche laufen zahlreiche Filme auf der Berlinale. Im Unterschied zum letzten Jahr sind auch russische Filme vertreten: in der Retrospektive Voschoždenie (1976) von Larisa Šepit’ko und Solnce (2005) von Aleksandr Sokurov; im Forum Ja von Igor’ Vološin und im Wettbewerb Kak ja provel ėtim letom von Aleksej Popogrebskij. Beide letztgenannten Filme kommen in Russland erst im Frühling in die Kinos.
In Ja ist es der avantgardistische Schriftsteller und Dramaturg der sich Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in eine psychiatrische Anstalt einweisen lässt, um aus den Erlebnissen zu schöpfen und endlich wieder ein gutes Stück zu schreiben – nur dass er die freiwillig gewählte Isolation dann nicht mehr verlassen darf.

In Kak ja provel ėtim letom befinden sich zwei Männer auf einer einsamen Insel. Ein erfahrener Meteorologe und ein Praktikant im Sommerurlaub warten auf einer Polarstation nahe der Halbinsel Tschukotka im Arktischen Meer auf ein Schiff, das sie beide zurück auf das Festland bringen soll. Das Schiff kommt nicht, und das Warten auf der Station, auf der es kaum Nacht wird, gerät zum Psychothriller. Angeblich hat sich Regisseur Popogrebskij – dem ein oder anderen bekannt durch seine Co-Regie des Films Koktebel’ (2003) – von den Tagebüchern Nikolaj Vasil’evič Pinegins inspirieren lassen, die er als 14-Jähriger gelesen hat: „Seitdem hat mich die Fähigkeit, sich mit Auffassungen von Zeit und Raum abzufinden, die sich von unseren üblichen Einteilungen nach Stunden, Häuserblocks oder U-Bahn-Stationen drastisch unterscheiden, enorm fasziniert. Von zwei solchen persönlichen (und unvereinbaren) Raum-Zeit-Maßstäben erzählt mein Film.“
Hier ein Ausschnitt aus dem Film und von den Dreharbeiten:

Die nächsten Vorführ-Termine:
Kak ja provel ėtim letom
Do 18.02. 15:00 Friedrichstadtpalast (E)
Do 18.02. 22:30 Urania (D)
So 21.02. 18:15 Friedrichstadtpalast (D)

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Februar 15, 2010

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XipXopera!

Februar 15, 2010

Der naheliegende, aber vielleicht nicht immer glücklich zu nennende Versuch einer Fusion von Elementen aus Oper und Hip Hop ist in den letzten Jahren zweifelsohne international salonfähig geworden. Nachdem MTV bereits im Jahre 2001 eine Carmen-Adaption mit unter anderem Wyclef Jean und Mos Def verfilmt hatte, folgten in den letzten Jahren ähnliche, nun ja, Cross-Culture-Projekte in verschiedenen europäischen Ländern, darunter in Deutschland wie etwa die Hip H’Opera – Così fan tutti an der Komischen Oper in Berlin im Jahre 2006 oder gerade aktuell die als „Kulturschocker“ apostrophierte Version von Mozarts Zauberflöte in Mannheim, auf der kräftig vom unvermeidlichen Sido mitgeblasen wurde.

Da ist es nur recht und billig, wenn es auch die Moskauer Hip-Hop-Szene zur großen Form der Oper drängt. Unter dem Titel Копы в огне (zu deutsch etwa Cops unter Feuer) feierte Ende Januar im Teatr na Strastnom eine Aufführung eine reichlich umjubelte Premiere, die auf der experimentellen Zusammenarbeit von jungen Theaterakteuren und Rappern beruht. Unter der Regie des MChT-Absolventen Jurij Kvjatkovskij spielt, singt, tanzt und rappt ein gut 30-köpfiges Ensemble eine absurde Komödie herunter, bei der die vier Polizisten Kozul’skij, Jablonski, Pipi und Černyj Kop versuchen, einen bösartigen Verbrecher und dessen kriminellen „Klub 8 ubijc“ dingfest zu machen, bevor dieser die Stadt N. mit einer Horrordroge vom schlagenden Namen „Der’morin“ überziehen kann.

Was als Plot zunächst an Einfachheit kaum zu überbieten ist, gewinnt seinen Reiz jedoch aus einer überdrehten Charmschen Komik, einer kaum zu leugnenden Trashigkeit insbesondere der Protagonisten und dem parodistischen Spiel mit dem Mythos vom toughen Police Officer.

Die Musik, die vom Rapper und Gründer des Hip-Hop-Labels How2make Aleksandr Holenko, auch bekannt als DZA, geschrieben wurde, liefert hierzu einfache Old School Beats und schmutzig-böse bis lakonische Texte.

Das Stück debütierte bereits im Dezember 2009 in St. Petersburg und ist jetzt an die Moskauer Bühnen gekommen, wo es im Strastnoj zum Renner im Repertoire aufgestiegen ist und das stürmische Interesse eines jungen und trendigen Publikums erregt.

Die nächsten Aufführungen finden wieder im März statt. Karten über die Kasse des Teatr na Strastnom

Eine Art offizieller Video-Clip des Hits „V čem kopa dela?“, der aus dem Auftritt der Cops beim Piknik Afiša entstanden ist, lässt sich hier begutachten:

Und hier noch ein Eindruck von den Proben mit Interviews zum Thema: