Eindrücke von der 3. Biennale für junge Kunst in Moskau

Juli 17, 2012 von

http://www.youngart.ru/index.php

Wenn das Label „junge Kunst“ auf einem Werk oder einer Veranstaltung klebt, ist klar, dass dieses Format eine Menge Selbstreferentialität mitliefert und hohe Diskussionsbereitschaft von allen Beteiligten voraussetzt. Wir betrachten nicht nur ein Werk, sondern befinden uns gleichzeitig in einer Art Prüfungs- oder Castingsituation (wobei wir nicht nur als Prüfende fungieren, sondern unsere Reaktionen auf die ausgestellten Werke ebenfalls kritisch beobachtet werden – ein gegenseitiges Belauern). Funktioniert das Ding? Kommt das rüber, was ich intendiert hatte?

Wir hingegen versuchen zu raten, an welcher Stelle im Prozess des künstlerischen Werdegangs dieses Ding steht? Welchen allgemeinen Tendenzen entspricht es (denn es ist schwer, aus dem historisierenden Denken rauszukommen und außerdem bietet dieses Veranstaltungsformat immer auch die narzisstische Befriedigung „Ich war dabei!“…)? Hat ein Werk Schwachstellen, Mängel, bei denen wir es ertappen können, und ist Unreife ein Makel? Naivität? Würde sich unsere Wahrnehmung auf diese Art von Fragen konzentrieren, wenn wir nicht wüssten, dass es sich offenbar um Werke von Künstlern am Anfang ihrer Laufbahn handelt? (Wobei angenehm ist, dass hier in Moskau schon etablierte Namen neben wirklichen Neuentdeckungen stehen und – ja, auch wenn oder gerade weil die Altersbegrenzung bei 35 Jahren liegt, gibt es eine Menge Namen im Portfolio, die tatsächlich nur über die Kategorie „Geburtsjahr“ als „Junge Künstler“ einzustufen sind.)

Anlass also auch zur Selbstbeobachtung. Ich übe. Über Ausstellungen und ästhetische Empfindungen zu sprechen und zu schreiben, ohne viel zu recherchieren und zu theoretisieren. Ich versuche, ohne viel Feldforschungskontext und angelesenes Netzwissen meine eigenen, unmittelbaren Eindrücke zu verbalisieren. Junge Kunstkritik eben. Und – Subjektivismus liegt im Trend: die Kuratorinnen der Hauptprojekte „Unter der Lamettasonne“ (Kathrin Becker) und des „Strategischen Projektes“ (Elina Selina) gaben als ihre Auswahlkriterien die möglichst repräsentative Breite der Themen und künstlerischen Verfahren, sowie ihre persönlichen Vorstellungen von „guter Kunst“ und perspektivreichen Ansätzen an.

Andererseits misstraue ich der wachsenden Institutionalisierung und Zentralisierung gerade auch im Bereich der „jungen Kunst“, wie sie wieder einmal anhand der diesjährigen „3. Moskauer Biennale für junge Kunst“ anschaulich geworden ist – in den vorangegangenen Jahren war das Format doch weit weniger formalisiert und festgezurrt. Wieviel Punk muss sein, wieviel Glamour darf? Wo bleiben die freien Formate? Haben junge Künstler keine andere Chance, von sich reden zu machen, als auf einer solchen Leistungsschau aufzufallen? Ich vertrage keinen Dilettantismus, freue mich über professionell kuratierte Ausstellungen und handwerklich und intellektuell anspruchsvolle Kunst. Wenn mir dort aber der Versuch einer Quadratur des Kreises anstelle eines kuratorischen Statements begegnet, befriedigt mich das ebenso wenig. Ich ärgere mich über Pfusch und Kitsch, einfache Lösungen, naive Ansätze oder Werke, bei denen mir als erstes ein pädagogischer Impetus ins Auge springt. Ich erwarte aber auch Risiko, Innovation, neue Wege und vor allem – Kritik!

Bei der 3. Moskauer Biennale gibt es das Eine wie das Andere. Gemeinsam ist ihnen aber der affirmative Gestus.

Zu den einzelnen Projekten, die ich bis jetzt gesehen habe:

Das Hauptprojekt der diesjährigen Biennale junger Kunst läuft unter dem Titel „Pod solncem iz mišury“ („Unter der Lamettasonne“, Kuratorin: Kathrin Becker). Das spritzigste und kreativste an der Show ist der Titel. Ist das Ironie? Oder gar Selbstironie? Abgeklärtheit oder Kampagnenkritik? Was ich gesehen habe, ist professionelle Uninspiriertheit und der Versuch, regional und stilistisch-thematisch möglichst breit zu streuen. Einige Namen sind trotzdem hängen geblieben. Vielleicht muss das genau so.

Eva Kotátková. Educational Model. 2009. Installation.

Eva Kotátková. Educational Model. 2009. Installation.

Judith Fegerl. Galatean Heritage. 2007. Installation.

Judith Fegerl. Galatean Heritage. 2007. Installation.

„Mnogo Bukov“ („Viele Buchstaben“) – so der Titel einer Installation des Projekts „Laboratorija poetičeskogo akcionizma“ („Laboratorium für poetischen Aktionismus“) von Pavel Arsen’ev, Dina Gatina und Roman Osminkin. Über einer Allee im Gorkijpark hängt in großen, weißen Styroporlettern ein Gedicht von Vsevolod Nekrasov. Prädikat: Genial in Szene gesetzt. Eine absolut gelungene Synthese aus Visueller Poesie, Public Art und politischem Statement. Dazu noch interaktiv. Like!

Laboratorija poeticeskogo akcionizma. Mnogo bukov. 2010. Installation

Laboratorija poeticeskogo akcionizma. Mnogo bukov. 2010. Installation

Rahmen- und Parallelprogramm:

„ARTikuljacija“ (“ARTikulation”. Kuratorinnen: Anna Beljaeva, Anna Bujvid): Durchkomponiert und interaktiv im besten Sinne. Interaktiv nicht nur die Werke, interaktiv auch das Format der Ausstellung, in das der Zuschauer via Umfrage eingreifen kann. Einige sehr überzeugende Einzelprojekte – ich mag diesen Effekt: „Sowas habe ich ja noch nie gesehen!“ oder „Cool, da muss man erstmal drauf kommen!“. Mein persönlicher Favorit in diesem kleinen Reigen sehr unterschiedlicher Ausstellungsprojekte. Künstler und Kuratorinnen scheinen eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Hier ist die Suche nach dem persönlichen Ausdruck keine Koketterie und Jugendlichkeit keine Ausrede. Anspruchsvoll und unterhaltsam.

Stain (Aleksandra Gavrilova, Sergej Titov) und ::vtol:: (Dmitrij Morozov). Intersections. 2011. Audiovisuelle Installation

Stain (Aleksandra Gavrilova, Sergej Titov) und ::vtol:: (Dmitrij Morozov). Intersections. 2011. Audiovisuelle Installation

Aleksej Micheev. Classic. 2012. Objekte

Aleksej Micheev. Classic. 2012. Objekte

„Bestiarium“ (Kuratorin: Anastasija Dorožkina): In dem Gemeinschaftsprojekt von nur einer Handvoll Künstlern geht es wohl um Mythen, Zeitphilosophie und historisches Bewusstsein. Es geht auch um die Frage – wozu brauchen wir Theorie, wir haben doch die Empirie. Zweiköpfige Biber, goldene Käfige und andere Sagengestalten bevölkern die kleine Halle in der Projekt.Fabrika. Leider bleibt das Niveau der Ausstellung hinter dem des philosophischen Kontexts zurück und hinterlässt den Betrachter etwas ratlos. Auch ist das Setting in der ehemaligen Papierfabrik noch sehr provisorisch und lässt die Ausstellung in der markanten Industrieästhetik des Raums förmlich verschwinden. Überbewertet.

Bestiarium

Bestiarium

„Muzej proletarskoj kul’tury. Industrializacija bogemy“ (“Museum für proletarische Kunst. Industrialisierung einer Boheme”. Kuratoren: Kirill Svetljakov und Elena Voronovič): Arsenij Žiljaev ist einer der „etablierten“ dieser jungen Biennale und mit einer eigenen Ausstellung vertreten. Er zeigt genau das, was man von ihm erwartet: die Museifizierung des intellektuellen linken Diskurses. Seine Schau ist in drei thematische Bereiche gegliedert: zunächst in kurzen Stichworten eine Zusammenfassung dessen, was er unter „proletarischer Kultur“ versteht, dann eine Hommage an die russische Occupy-Bewegung und die von ihr erst in den letzten Monaten erarbeiteten Manifeste und ihre basisdemokratische Struktur, und dann im dritten Teil sozrealistische Ölschinken mit Szenen aus dem Klubleben der Arbeiter als Beispiele der proletarischen Kultur der 1930er Jahre. Kann man machen…

Arsenij Ziljaev. Muzej proletarskoj kul'tury.

Arsenij Žiljaev. Muzej proletarskoj kul’tury.

Arsenij Žiljaev. Muzej proletarskoj kul'tury.

Arsenij Žiljaev. Muzej proletarskoj kul’tury.

“Go West” (Kurator: Andrej Paršikov): Nun ja…. Ich habe die Ausstellung etwas suchen müssen. Zu sehr passt sie sich in die Landschaft des sich gerade umdefinierenden Parks der Künste „Muzeon“ ein. Eigentlich sollten hier junge Künstlerbiographien zwischen Ost und West das Thema sein. Migrantinnenschicksale. Aber auch diese Ausstellung wurde vom Raum, in den sie eingebettet ist, förmlich aufgefressen. Ein paar Audioinstallationen mit Stadt- und Vogelgeräuschen, die komplett in der kleinen, innenstädtischen Parklandschaft verschwinden. Ein großer Kompass mit den Buchstaben W-E-S-T an den Richtungspfeilen, der genauso gut Objekt der Gartenkunst sein könnte. Der Müllhaufen aus Styropor, Glas und Holzteilen, eigentlich konzipiert als Rest einer Bühne der Selbstinszenierung, die mit Sprachmischmasch bemalte Wand, die mit zerbrochenem Glas gefüllte Hängematte daneben. All diese Gesten der Ästhetisierung von zerbrochenen Schicksalen sind nicht weit genug vom Alltagsvandalismus entfernt, um als Kunst wirklich wahrgenommen werden zu können. Schade!

Go West!

Go West!

Dar'ja Irinceeva. Ėto slučitsja sejčas... vot sejčas...sejčas...sejčas. 2012. Installation. Hängematte, Glas Stein.

Dar’ja Irinceeva. Ėto slučitsja sejčas… vot sejčas…sejčas…sejčas. 2012. Installation. Hängematte, Glas Stein.

Gibt es eine osteuropäische Literatur? Podiumsdiskussion am 28. Juni

Juni 20, 2012 von

Das Etikett „Osteuropäische Literatur“ wird all jenen Autorinnen und Autoren verpasst, die östlich von Berlin schreiben. Aber ist der gigantische geografische Raum mit seiner Vielzahl an Ländern und Sprachen nicht viel zu heterogen, um noch sinnvoll als Einheit gefasst zu werden? Woran denken diejenigen, die von einer „osteuropäischen“ Literatur sprechen und warum tun sie das überhaupt?

Die in Berlin lebende russische Autorin und Künstlerin Julia Kissina, der bulgarische Autor Georgi Gospodinov und der tschechische
Literaturwissenschaftler Tomáš Glanc sprechen über die Literaturen aus dem östlichen Europa. Das Gespräch wird von Katharina Raabe moderiert.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen

am Donnerstag, 28. Juni 2012
um 18.30 Uhr
in die Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97 (in der Kulturbrauerei)

20:30 Uhr: Public Screening des EM-Halbfinales

novinki.de lädt alle Interessierten zum Public Screening des Halbfinales der Fußballeuropameisterschaft in Polen und der Ukraine im Anschluss an die Podiumsdiskussion ein.

Jurij Murašov forscht und spricht über Vegeta

Mai 17, 2012 von

Jurij Murašov forscht und spricht über Vegeta

Jurij Murašov bei dem Workshop des Netzwerks Media and Memoria zum Thema “Europe and the Balkans”, Mai 2012, Brač (Kroatien)

Auf meinem persönlichen Blog werden in den kommenden Tagen noch mehr Zeichnungen zu sehen sein, die ich als Dokumentation der Veranstaltung, als sogenannte “Proceedings of the Media and Memoria Workshop” veröffentlichen werde.

Leipziger Buchmesse: “tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus”

März 9, 2012 von

Leipziger Buchmesse vom 15.-18. März 2012

Schwerpunkt: Mittel-, Ost- und Südosteuropa.

Programmschwerpunkt “tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus

Hier gibt es einen Flyer zum Programmschwerpunkt mit detaillierten Informationen zu den Autoren, weiteren Beteiligten, Veranstaltungsorten und -zeiten

 

Pioniere, Stumme und Elvis Presley – eine Filmrezension zu »Šapito-Show«

März 1, 2012 von

Fast wäre »Šapito-Show« für den Oscar nominiert worden. Nachdem der Film von Sergej Loban und Marina Potapova letzten Sommer auf mehreren Festivals Furore gemacht hatte und bereits Kultstatus erlangte, bevor er überhaupt im Kino zu sehen war, sollte er als russischer Beitrag zu den Oscarverleihungen geschickt werden. Aber, so erklärt Potapova, Nikita Michalkov, sozusagen die graue Eminenz des russischen Kinos, habe das nicht zugelassen, habe die Abstimmung gekauft und so seinen eigenen Film »Zitadelle« nach Hollywood bugsiert. Danach habe Nikita, so Potapova, den Regisseur Sergej Loban angerufen, sich bei ihm entschuldigt, sie hätten sich getroffen und nach gegenseitigen rührseligen Respektbezeugungen wären sie als enge Freunde auseinander gegangen.
Ob das nun stimmt oder nicht, auf jeden Fall ist »Šapito-Show« einer der besten Filme, der in den letzten Jahre auf der russischen Leinwand zu sehen war. Er kommt aus dem Umfeld der Künstlergruppe »SVOI 2000«, einer Vereinigung von selbsternannten „Kunst-Hooligans“, die nicht nur Kino machen, das trotz seines Art-House Charakters sehr nah an die russische Wirklichkeit heranreicht (der eine oder andere kann sich vielleicht an den Low-Budget-Film »Pyl’« erinnern), sondern auch politisch aktiv sind und z.B. gegen den berüchtigten russischen Armeedienst mobil machen. Außerdem wollen die SVOI über die Internetplattform »Naparapet.ru« die Finanzierung von künstlerischen Projekten durch öffentliche, d.h. nicht staatliche Spenden realisieren.

 

Der großartige Film »Šapito-Show« ist ein neueres Projekt von »SVOI 2000«. In vier eng miteinander verwobenen Episoden werden Geschichten von Liebe und Respekt, verlorener Freundschaft, einer schwierigen Vater-Sohn Beziehung und dem so genannten Showbusiness erzählt, die alle auf der mysteriösen Zirkusbühne des »Šapito« ein furioses Finale erleben.
Die Handlung entfaltet sich auf der Krim, die schon seit etwa zwei Jahrhunderten als Bühne für Theater, Ausschweifung und Exotik herhalten muss, und deren Rolle als russisches Touristenparadies (Karaoke, Schaschlik und Krimwein) im Film auch gehörig ironisiert wird.
Getragen wird die »Šapito-Show« vor allem von den ungewöhnlichen Charakteren: da hangelt sich der misanthropische Außenseiter und Internetfreak Aleksej (online als »Kiberstrannik« bekannt) mit Einhornleiberl und dicker Brille mehr schlecht als recht durchs »reale« Leben, der Schauspielerschüler Senja marschiert mit seiner Pioniertruppe unter dem Motto »Nikogda ne spiš, ničego ne eš’« (Schlaf nie, iss niemals) auf Ecstasy durch die Krim, und ein stummer homophober Bäcker, der gar nicht so schlecht singen kann, gibt für gerührte Mütter Schlager zum Besten. Fantastisch auch Petr Mamonov, der versucht, die Beziehung zu seinem Sohn zu kitten und, wie viele meinen, hauptsächlich sich selbst spielt. Als Schauspieler aus Filmen wie »Igla«, »Taxi-Blues« oder »Ostrov« bekannt, ist Mamonov, der sich schon vor Jahren aus der Stadt in eine abgelegene Waldhütte zurückgezogen hat vor allem auch Kultfigur des russischen, absurden Postpunk und Underground.

Und dann ist da noch Roma Legenda, der aussieht wie Viktor Zoj und im Film wie im Leben beschlossen hat, zum größten und besten Zoj-Imitator aller Zeiten zu werden. Denn, so Roma, wozu sich bemühen, etwas Neues zu schaffen, wenn das, was bereits da war, ohnehin nicht mehr zu übertreffen sei.
All diese Charaktere verbindet die »Šapito-Show«, eine große Revue, in der neben dem Ersatz-Zoj auch eine Ersatz-Marilyn, ein Ersatz-Elvis und jede Menge anderer skurriler Gestalten auftreten, und die so geheimnisvoll, absurd und surreal scheint, dass sie genauso gut einem David Lynch Film entsprungen sein könnte.

 

Apropos Lynch. Der Film ist in eine Reihe kultureller Zitate eingebettet, von denen manche relativ offensichtlich sind, andere weniger. Neben dem schon erwähnten David Lynch kommen auch Verweise auf Marshall McLuhan, Stanley Kubrick oder Kurt Cobain vor, Borges, Shakespeare und Goethe sind ebenso vertreten wie die Freimaurer und Samantha Smith, die als zehnjähriges Mädchen einen Brief an Generalsekretär Andropov schrieb, in dem sie ihre Besorgnis um einen möglichen Atomangriff der UdSSR ausdrückte und so zu weltweiter Berühmtheit gelangte.
In diesem Filmlabyrinth, in dem sich die verschiedenen Handlungsstränge geschickt kreuzen und einander gegenseitig zitieren, kommt auch die Musik nicht zu kurz: in dem von den Karamazow-Twins komponierten Soundtrack tragen die Hauptcharaktere jeweils ihre eigenen musikalischen Nummern vor, die mittlerweile auf den alternativen Radiostationen des Landes auf und ab gespielt werden.
Das Besondere an dem Film sind aber nicht nur die geschickt eingefädelte Handlung, seine Komik, Ästhetik und das gelungene Oszillieren zwischen Realität und Illusion. Dieses vierstündige Epos (das im Kino übrigens in zwei Teilen gezeigt wird) ist kein bemühter Versuch, amerikanische oder europäische Filmkunst zu imitieren, sondern einfach großes, russisches Kino mit allem was dazugehört: Momente des Surrealen und Absurden, des Leicht- und Tiefsinnigen, Liebe, Verrat, Musik und Magie. »Wir sind wie eine Bande«, erzählen Loban und Potapova in einem Interview dem Journal »Snob«, »und mit unseren Filmen senden wir Signale. Damit die da draußen von uns erfahren und Mut fassen.«

Trailer

Fotos: Press Release

Serbiens Jagd auf Schriftsteller: der Fall Sreten Ugričić

Januar 29, 2012 von

Der serbische Schriftsteller und Leiter der Nationalbibliothek Sreten Ugričić sprach sich für die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Interpretation aus. Das hat ihm in der serbischen regierungsnahen Presse den Vorwurf, ein Terrorist zu sein und die sofortige Entlassung eingebracht. Doch schon jetzt wird deutlich, dass seine Schriftstellerkollegen und die intellektuellen nach-jugoslawischen Eliten es dabei nicht bewenden lassen werden.

Sreten Ugričić

Wohl dem, der gegenwärtig nicht in serbischen Staatsdiensten steht. Hier ist man einem Souverän ausgeliefert, der – ganz superanus – über allen und eben auch über allem steht. Darüber täuschen Boris Tadićs europäische Anzüge und sein pro-westlicher, liberaler Ruf nicht hinweg. Wenn sich die Meinungsäußerung nicht verbieten lässt, so lässt sie sich doch wenigstens bestrafen. Diese Erfahrung musste vergangenes Wochenende Sreten Ugričić, Romanautor und Leiter der serbischen Nationalbibliothek in Belgrad, machen. Er hatte gemeinsam mit einer überschaubaren Anzahl Intellektueller eine Petition des serbischen forum pisaca unterzeichnet, die Hetzjagd auf den montenegrinischen Autor und politischen Kolumnisten Andrej Nikolaidis endlich einzustellen.  Das 1998 gegründete, damals bereits Milošević-kritische Schriftstellerforum bezog sich mit der Petition nicht nur auf den jüngsten, in der Tagespresse aufgebauschten Text Nikolaidis‘. Nikolaidis ist lange schon der öffentlichen Diffamierung ausgesetzt. Emir Kusturica, einst geschätzter Regisseur und heute Serbo-Kulturaktivist der besonderen Art, hatte Nikolaidis jahrelang von serbischen Gerichten wegen erlittener ‚seelischer Schäden‘ verfolgen lassen.

Nun hat Nikolaidis Anfang Januar unter den Titeln „Was von Groß-Serbien übrig ist“ und „Make-up eines politischen Monstrums“ die serbische Verstrickung mit der Republika Srpska (kurz RS), der serbischen Entität des Staatsprovisoriums Bosnien und Herzegowina, angeprangert und in drastischen Bildern und der seinen Texten eigenen Schärfe zwar heftige, aber nicht ganz von der Hand zu weisende Sprüche geklopft. Vor allem ein Satz, der auf einen Sprengstofffund in Banja Luka anspielte, erregte die Gemüter. Nikolaidis versteigt sich hier zur Aussage, es hätte einen zivilisatorischen Akt dargestellt, diese Ladung zur 20-Jahr-Feier der Teilrepublik hochgehen zu lassen. Nicht diese polemisch vorgetragene Meinung Nikolaidis‘, sondern die Freiheit des Lesens stand für die Unterzeichner der Petition des Schriftstellerforums im Vordergrund. Nikolaidis‘ komplexer Text wurde in der Anklage führenden serbischen Presse stets nur in Auszügen gedruckt, sogar Zitate aus seinem 2003 erschienen Roman Mimesis mussten zur moralischen Verurteilung des Autors herhalten. Als Terrorist bezeichnet wurde Nikolaidis von der serbischen Regierung für untragbar erklärt und einer beispiellosen hajka (Hetzjagd) ausgesetzt, die die antinationalistische online Zeitschrift e-novine gegenwärtig akribisch mitdokumentiert.

Dačić in Aktion

Sreten Ugričić, der als einziger Unterzeichner seine Haltung zum Fall Nikolaidis öffentlich kommentierte, lieferte sich damit selbst ans Messer. Der Innenminister Ivica Dačić reagierte umgehend in Press und Blic, den auflagenstärksten serbischen Boulevardzeitungen, Ugričić müsse als Sympathisant und Unterstützer terroristischen Gedankenguts sofort seines Postens enthoben werden. Dačić  äußerte wörtlich und ganz im Tenor der serbischen Haltung zur Meinungsfreiheit: „Er kann das gerne unterstützen, aber nicht von der Position des Bibliotheksleiters aus, sondern aus dem Gefängnis.“ Svetlana Slapšak hat als scharfsinnige Kommentatorin und aufmerksame Beobachterin der postjugoslawischen Kulturen postwendend auf die vernichtende Evidenz der Tatsache, dass „der erste Polizist im Land den Direktor der Nationalbibliothek entlässt“ hingewiesen. Und Enver Kazaz, bosnischer Literaturprofessor und berüchtigt widerständiger Geist, kommentierte frei nach Kundera, nur paranoide und totalitäre politische Systeme ließen ihren Schriftstellern die Aufmerksamkeit zu Teil werden, die sie tatsächlich auch verdienten. Olja Savičević-Ivančević, von der kroatischen Presse um ein Statement zur Affäre gebeten, verfasste stattdessen unter dem plakativen Titel „Tod der Kultur – Faschismus dem Volk!“ (eine Anspielung auf die jugoslawische Generalparole: „Tod dem Faschismus – Freiheit dem Volk!“) einen bissigen Essay über eben diese selektive Aufmerksamkeit, die Dichtern in Serbien, aber auch in Kroatien zu Teil wird. Man müsse ein ausgesprochener Trottel sein, so die kroatische Autorin weiter, um Nikolaidis Text zu verstehen, wie er ausgelegt wurde.

Zahlreiche Schriftstellerkollegen haben sich in den letzten Tagen ähnlich und mutig zu Wort gemeldet: Saša Ilić, Biljana Srbljanović, Filip David, Svetislav Basara… Sie alle scheinen nicht willens, den Fall des Kollegen Ugričić schweigend abzunicken. Nenad Prokić vom serbischen Schriftstellerforum klagt, ein Rauswurf wegen Unterstützung schriftstellerischer Freiheit, werfe Serbien um 20 Jahre (das heißt auf das Jahr 1992!) zurück. Der kroatische und bosnische PEN zeigen sich besorgt.

Die eigentliche Krux am Fall Ugričić wie auch am Fall Nikolaidis liegt in ihren ‚Doppelämtern‘, die Politik und Literatur für serbische Leser ununterscheidbar zu machen scheinen. Nikolaidis‘ Zeitungskommentare liest man in Serbien gern vor dem Hintergrund der Tatsache, dass er Berater Ranko Krivokapićs, des Präsidenten des montenegrinischen Parlaments ist. Für die montenegrinische Absetzungspolitik hat man in Serbien nicht viel übrig. Nikolaidis‘ satirisch-politische Essayistik disqualifiziert ihn in den Augen der serbischen Regierung für das Amt des montenegrinischen Regierungsberaters. Ugričić wiederum, der diese Vermischung von Meinung, Literatur und Funktionsposition gemeinsam mit den anderen Unterzeichnern nicht hinnehmen wollte, wird ausgerechnet an der Position – an seinem Amt als Bibliotheksleiter – gepackt und von der Lohnliste des serbischen Staates gestrichen. Dass er seine Aufgabe über Jahre mit Bravour erfüllt und erfolgreich internationale Standards in der Nationalbibliothek eingeführt hat, bleibt unbestritten und macht umso deutlicher, dass die serbische Regierung lediglich die Gunst der Stunde nutzt, um einen unliebsamen (literarischen!) Kritiker loszuwerden.

„Der Diktator diktiert. Das verblendete Volk Serbiens liegt im reversiblen Koma.“ schreibt Sreten Ugričić in seinem im letzten Jahr auch in deutscher Sprache erschienen Roman An den unbekannten Helden. „Am meisten haben die Kinder zu leiden. Babys weigern sich, geboren zu werden. Wer möchte denn auch in einem Land geboren sein und leben, wo es keinen einzigen Stern am Himmel gibt!“ Ugričićs Roman, in dem Der Diktator herrscht und Der Narr Chef der Geheimpolizei ist, hat sich als prophetisch für sein eigenes Schicksal erwiesen. Ein lächerlicher Polizeichef hat Ugričić mit Rückendeckung eines als Anwalt verkleideten Herrschers auf die Straße gesetzt: Wegen staatsfeindlicher Äußerungen, für die man in den USA angeblich ebenfalls den Hut nehmen müsse. „Serbien ist Desinformation.“ schreibt Ugričić in seinem Roman. Wir werden sehen, wer hier Recht behält!

serbische Fassung: http://pescanik.net/2012/01/lov-srbije-na-pisca/

Kunst und Gedächtnistheater

Januar 11, 2012 von

Zum Ende der Ausstellung „Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte“ im Martin-Gropius-Bau.

Nachdem mit dem Jahreswechsel die polnische EU-Ratspräsidentschaft zu Ende gegangen ist, schloss in diesen Tagen im Berliner Martin-Gropius-Bau auch die große, zusammen mit dem Warschauer Königsschloss veranstaltete polnisch-deutsche Ausstellung Tür an Tür ihre Pforten. Mehr als 800 Exponate, meist künstlerische Zeugnisse, hatten darin seit dem 23. September die Vielfalt deutsch-polnischer Beziehungsgeschichte veranschaulicht, vom mittelalterlichen Adalbertskult bis zur Solidarność, von Veit Stoß/Wit Stwosz bis zur Internationalen Avantgarde und natürlich noch viel mehr. Kuratiert von Anda Rottenberg, ehemals Direktorin der Warschauer Zachęta-Galerie für zeitgenössische Kunst, zeigte die Ausstellung nicht nur außergewöhnliche historische Kunstwerke und Dokumente im chronologischen Durchgang durch 1000 Jahre nachbarschaftlicher Kunst- und Kulturgeschichte, vielmehr wurden in den einzelnen Kapiteln die jeweiligen historischen Figuren und Topoi zumeist auch in ihrer bis in die Gegenwart reichenden Rezeptions- und Wirkungsgeschichte reflektiert. So begegneten einem quasi bereits im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zeitgenössische polnische Künstler wie Wilhelm Sasnal und Mirosław Bałka, und an zentraler Stelle der Ausstellung – im von Jarosław Kozakiewicz durch einen Stahlkäfig zum „Magazin der Geschichte“ umgestalteten verdunkelten Lichthof – wurde die Geschichte des Deutschen Ordens als vielschichtig aufgerufener und instrumentalisierter deutsch-polnischer Erinnerungsort inszeniert, dessen mittelalterlicher Kern gleichsam von der nationalen Mythenbildung des 19. Jahrhunderts umschlossen wurde (u.a. mit Jan Matejkos Monumentalgemälde „Preußische Huldigung“ aus den Krakauer Tuchhallen, Grund genug für einen Besuch der Ausstellung). Der zentrale Mythos der Schlacht bei Grunwald/Tannenberg erschien wiederum auf einer dritten Ebene als in der polnischen Populärkultur lebendig und gleichzeitig durch die polnische zeitgenössische Kunst dekonstruiert.

Dies alles wäre nun vielleicht am Schluss einer Ausstellung, die bereits bei Eröffnung vielfach rezensiert, gezeigt und besprochen wurde (überwiegend positiv und mit ansprechenden bunten Bildern), nicht unbedingt erwähnenswert, wäre da nicht die – zuerst stillschweigende und fast klammheimlich wirkende – Entfernung von Artur Żmijewskis Video „Berek“ gewesen, die ab 27. Oktober in polnischen Medien öffentlich wurde und im Anschluss in der taz und auch vielen anderen deutschen Medien Beachtung fand. In der knapp vierminütigen Arbeit Żmijewskis aus dem Jahr 1999, die im Ausstellungskatalog als „zu den bedeutendsten Werken der zeitgenössischen polnischen Kunst zählend“ bezeichnet wird, sind nackte erwachsene Männer und Frauen zu sehen, wie sie fröstelnd einen kahlen Raum betreten und dann, teils ausgelassen-fröhlich, teils konzentriert, teils erschöpft, teils aber auch beschämt ein Abklatschspiel spielen. Der Abspann informiert darüber, dass der Film an zwei Orten gedreht wurde, dem Keller eines Privathauses und der Gaskammer eines ehemaligen Konzentrationslagers.

Żmijewskis Werk war bei meinen beiden Ausstellungsbesuchen im November – schon nach der Entfernung – nicht zu sehen, stattdessen nur eine sich kaum vom Raumhintergrund abhebende 160x120cm große dunkelgraue Fläche, die mir dennoch sicher am nachhaltigsten in Erinnerung bleiben wird: Mirosław Bałka gestaltete die beiden der Zeit des Zweiten Weltkriegs gewidmeten Räume, ganz in grau gehalten, dunkel, mit einem Fußboden aus Metallgitterrost, der an die benachbarte Topographie des Terrors erinnern soll, warum bleibt unklar. Die Abgrenzung zur übrigen Ausstellung wird deutlich, beim Eintritt in den ersten der Räume stellt sich schnell das Gefühl einer ans Unerträgliche grenzenden Beklemmung ein: Der Blick fällt auf unförmige, ekelhaft wirkende Körperplastinate von Alina Szapocznikow, nackte Brüste eines kopflosen Frauentorsos ragen aus schwarzem Schleim hervor. Im Eck lärmt „News to News, Ashes to Ashes“ von Jochen Gerz, das konstante Geräusch eines prasselnden Feuers, das nur als Widerschein von zur Wand gedrehten Bildschirmen hervorleuchtet. Die unmittelbar nach dem Krieg angefertigten Erschießungsszenen mit Kind von Andrzej Wróblewski wirken erschütternd, und bieten in diesem Raum vielleicht gerade dadurch noch am ehesten Halt.

Andrzej Wróblewski, Erschießung mit einem Jungen, 1949, Öl auf Leinwand, Foto: Adam Cieślawski ©Muzeum Narodowe w Poznaniu

Und dann diese leere dunkelgraue Fläche… Wäre ich beim ersten Besuch nicht bei einer öffentlichen Führung dabei gewesen, in der die Referentinnen die Entfernung von Żmijewskis Video an dieser Stelle selbst ansprachen, ich hätte wohl kaum glauben können, dass die Entfernung so dermaßen spurlos vor sich gehen konnte. „Berek“ hatte ich im Mai 2008 in Berlin auf der von Magdalena Marszałek und Alina Molisak organisierten Konferenz „Verfahren der Anamnesis. Erinnerung an den Holocaust in Ostmitteleuropa nach 1990“ gesehen. Damals schien mir das Video als ein die Frage des ‚authentischen Orts‘ aufgreifendes transgressiv-provokantes Experiment, das darüber hinaus aber doch irgendwie bedeutungsschwach blieb. Im Kontext des Ausstellungsraums nun, diagonal gegenüber einem Tabuisierung in medialer Gleichgültigkeit verkörpernden „News to News, Ashes to Ashes“ mit seinen an Krematoriumsöfen erinnernden Verbrennungsgeräuschen, war die Leerstelle geradezu schmerzhaft. Allzu deutlich fehlte hier die von Kuratorin Anda Rottenberg wohlüberlegte Verortung von „Berek“, als einem kraftvollen Versuch der Überwindung des ‚Traumas‘, der zugleich in seiner Ambivalenz nicht wirklich gelingen kann und die Betrachtenden an der Tabu-Verletzung beteiligt. An Stelle dessen nur die eintönige dunkelgraue Fläche…

Nicht zuletzt Artur Żmijewski selbst und Anda Rottenberg – die beide nicht vorab informiert worden waren – hatten nach der Entfernung Zensur-Vorwürfe an die Adresse von Gropius-Bau Direktor Gereon Sievernich erhoben. Interessanterweise wurde in den zwar breit gestreuten, aber doch zahlenmäßig überschaubaren Medienberichten und Kommentaren in der Diskussion der Frage von ‚Kunstfreiheit vs. Zensur‘ fast ausschließlich die künstlerische, und kaum die erinnerungspolitische Seite thematisiert, obwohl Sievernich am 31. Oktober in einer knappen, lediglich aus einem Satz bestehenden Stellungnahme bekannt gegeben hatte, das Video sei in gemeinsamer Entscheidung mit dem Königsschloss Warschau „aus Respekt vor den Opfern der Konzentrationslager und deren Nachfahren“ entfernt worden. Was gab den Anstoß dazu? Ein „prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde“ sei empört über das Video gewesen, war vage aus einem Brief Sievernichs an die polnischen Partner bekannt geworden. Wie sich bald herausstellte, war es Hermann Simon, Direktor des Centrum Judaicum Berlin, der einen entsprechenden Brief an Sievernich verfasst hatte, in dem er mitteilte: „Als Zuschauer empfinde ich den Film in Deutschland, dem ,Land der Vergasungseinrichtungen’, als abstoßend“. Allerdings betonte er wenig später auch gegenüber der Welt, er sei gegen jegliche Zensur und leider vor der Entfernung nicht gefragt worden.

Bei meinem ersten Ausstellungsbesuch machte ich mich im Gästebuch auf die Suche: Es fanden sich zwar einige interessante nationale Gepflogenheiten der Ausstellungsbesucher (Dank an die Kuratorin gibt es nur auf Polnisch, Beschwerden über mangelnde Sitzgelegenheiten nur auf Deutsch), doch Żmijewski, ja der gesamte Teil zur Zeit des Zweiten Weltkriegs fanden in den ersten Wochen mit keinem Wort Erwähnung. Von Empörung keine Spur. Der erste Eintrag zu „Berek“ datierte schon von Anfang November und verlangte angesichts der „Zensur“ eine Aufklärung der kommentarlosen Entfernung. Tatsächlich scheint also die provokative Kunst Żmijewskis mit Ausnahme von Hermann Simon kaum jemanden zu irgendwelchen Reaktionen oder gar Äußerungen provoziert zu haben. Eigentlich erschreckend. Und die Entfernung allein durch einen einzigen Brief veranlasst, dessen Verfasser dies keineswegs erreichen wollte. Wie ist das zu erklären?

Der Soziologe Y. Michal Bodemann vertrat in seinem Buch „Gedächtnistheater. Die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung“ von 1996 die These – nach einer Analyse von Gedenkzeremonien zum 9. November, Grußadressen zum jüdischen Neuen Jahr und anderem mehr –, dass Juden in der Bundesrepublik als Teil einer „ideologischen Arbeit“ der Mehrheitsgesellschaft öffentlich präsent wurden, diese Repräsentationen letztlich aber vor allem einer deutschen Identitätspolitik dienten und konkrete jüdische Menschen mit ihren vielfältigen Lebenswelten dabei ungefragt und ohne Stimme blieben. Wenn als Begründung für die Entfernung von Żmijewskis Video recht formelhaft vom „Respekt vor den Opfern der Konzentrationslager und deren Nachfahren“ die Rede ist und Gereon Sievernich in einem Deutschlandfunk-Interview betonte, es sei um eine Abwägung zwischen „Interessen der jüdischen Bürger und der Ausstellung“ gegangen, dann lässt sich dies vielleicht als Bodemann’sches Gedächtnistheater verstehen, in dem vor allem eine der Repräsentations-Rollen fest vergeben ist: die eines sorgfältig um die Belange ‚Betroffener‘ bemühten deutschen Museumsdirektors. Der erweiterte deutsch-polnische Kontext ist hierbei nicht zu vernachlässigen: „Wir haben die polnische Seite informiert. Die polnische Seite hat daraufhin den Wunsch geäußert, dass die jüdischen Mitbürger unseres Landes durch diese Ausstellung nicht in ihren Gefühlen verletzt werden sollen“, betonte Sievernich im Interview mit dem Deutschlandfunk. Bei Andrzej Rottermund, Direktor des Warschauer Königsschloss klang das nun etwas anders, als er sich in der Gazeta Wyborcza mit den Worten zitieren ließ: „Dass wir es zur Kenntnis nehmen, bedeutet nicht, dass wir einverstanden sind“. Warum die polnische Seite aber – sei es nun mehr oder weniger freiwillig – der Entfernung zustimmte, lässt sich vielleicht anhand einer Andeutung von Gereon Sievernichs Frau vermuten, die der taz in Abwesenheit ihres Mannes sagte: „Keiner will in Polen riskieren, dass die eigene Kunst als antisemitisch kritisiert wird.“ Wie so etwas durchaus zum Selbstläufer werden kann, wird im zweiten taz-Artikel deutlich, in dem im Header plötzlich von „Antisemitismusvorwürfen“ die Rede ist: Dass diese eigentlich von niemandem tatsächlich erhoben wurden (was angesichts von Żmijewskis Arbeiten zum Thema auch ziemlich absurd wäre) sondern nur eine womöglich befürchtete Projektion waren, bleibt dabei unerwähnt. Żmijewskis Kunst wird von Sievernich – der dem Künstler im Deutschlandfunk-Interview mit Zitaten englischsprachiger Zeitungen fehlende Selbstkritik und mangelnde Empathie vorwirft – letztlich als nicht kompatibel mit dem Ziel der Ausstellung, die deutsch-polnische Verständigung zu fördern, dargestellt. Die beruht demnach wohl maßgeblich darauf, dass vor allem die erbaulichen Seiten der Nachbarschaft betont werden, die dunklen Seiten der Geschichte schön abgegrenzt und die Konflikte im „Magazin der Geschichte“ bleiben, und – vor allem – dass die wichtigste Akteursposition der aus der Geschichte klug gewordenen Deutschen nicht in Frage gestellt wird, die nunmehr als bedachte, uneigennützige ‚Schützer‘ und ‚Fürsprecher‘ erscheinen.

In einem Beitrag der „Kulturzeit“ auf 3sat am 23.11., in dem er gewissermaßen als Sekundant Sievernichs in Szene gesetzt wurde, wiederholte Simon seine Kritik in der Sache und betonte, es sei ihm um eine „Meinungsäußerung“ gegangen. Seine Rolle im Gedächtnistheater war damit erfüllt, weiter kam er öffentlich nicht zu Wort. Grob zusammengefasst ließe sich die Rollenverteilung im vorgestellten Gedächtnistheater also wie folgt skizzieren: Die Juden sind verletzbar, empfindlich und müssen geschützt werden, die Deutschen setzen sich respektvoll für den Schutz der Juden ein und die Polen dürfen sich aussuchen, ob sie wie die Deutschen die Juden schützen oder aber womöglich Vorwürfe wie mangelnde Empathie und Antisemitismus riskieren (was die fürsorglichen Deutschen natürlich vermeiden wollen). Angesichts dessen war die Entscheidung der polnischen Seite vielleicht sogar klug, die Entfernung Żmijewskis mitzutragen und es nicht auf einen Konflikt ankommen zu lassen.

Im Ausstellungszusammenhang wurde durch die Entfernung von Żmijewskis Video deutlich, dass die dunkelgrauen Räume der Zeit des Zweiten Weltkriegs eben nicht nur eine vorübergehende ‚dunkle Seite‘ der polnisch-deutschen Geschichte verkörperten, sondern vielmehr auch die potentiell verletzende, negative Kraft der Erinnerung beinhalteten. Das Trauma, Tabu, Sacrum, um das es in diesen Räumen ging, war im Unterschied zu der Mythologie vergangener Konflikte – eingehegt im „Magazin der Geschichte“ und vielschichtig und von allen Seiten erfahrbar – nur von innen zugänglich. Ästhetische Fragen sind hier politische und moralische Fragen. Letztlich war es allerdings die „Zensur“, welche die grauen Wände erst wirklich als Grenze deutlich machte. Es bleibt zu hoffen, dass die Diskussion um Żmijewski weitergeht. Ein neues Gedächtnistheater ist schon angekündigt, im Rahmen der von Żmijewski kuratierten Biennale wird der erste Kongress des „Jewish Renaissance Movement in Poland“ stattfinden:

Yael Bartana, Assassination, 2011, Filmstill ©Yael Bartana

“Ausgehen” von Barbi Marković – Einladung zur Lesung

Januar 3, 2012 von

Barbi Marković liest am Dienstag, 7. Februar 2012 auf Deutsch und Serbisch aus ihrem ‚Plagiat‘-Roman Izlaženje / Ausgehen (dt. 2009, Suhrkamp). Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Die deutschsprachige Popliteratur der Gegenwart kommt aus Belgrad. Dort machte Barbara Markovic, Germanistin, Clubberin und Thomas-Bernhard-Fan, an dessen klassischer Erzählung Gehen unlängst eine überraschende Entdeckung: Überführte sie einzelne Sätze nicht nur aus dem Deutschen ins Serbische, sondern zugleich aus der Entsetzlichkeit von Bernhards Wien in die Entsetzlichkeit des Belgrader Nachkriegs-Nachtlebens, fügten sie sich unversehens – so spielerisch wie gnadenlos – zu einem völlig neuen und doch völlig Bernhardschen Remix: Aus Gehen wird Ausgehen, aus der Katastrophe im rustenschacherschen Hosenladen ein Social Suicide auf einem Plastikman-Konzert und aus der Irrenanstalt Steinhof der finale Rückzug vor die Glotze – Satz für Satz mit der kaskadenhaften Donnerwucht des Originals. Obwohl formal strengste Konzept- und Appropriationskunst, liest sich Ausgehen gleichzeitig so realistisch, dass man Wien, Berlin oder New York genauso darin wiederfinden kann wie die Belgrader Szene.

Barbi Marković, geboren 1980 in Belgrad, studierte Germanistik in
Belgrad und Wien. Sie war als Lektorin für den Verlag Rende tätig.
Gegenwärtig ist sie Stadtschreiberin in Graz und schreibt einen
literarischen Stadtplan.

Am Dienstag, 7. Februar 2012 um 18 Uhr c.t.
an der Humboldt-Universität zu Berlin
Dorotheenstraße 65, 10117 Berlin
im Hörsaal 5.57

„die Imitation von Wahlfreiheit“

Dezember 16, 2011 von

Jurij Al’bert erhält den Kandinskypreis 2011

 Am 14. Dezember 2011 wurde in Moskau bekanntgegeben, dass der zum 5. Mal vergebene Kandinskypreis, ein international renommierter russischer Kunstpreis, in der Hauptkategorie „Projekt des Jahres“ an den Künstler Jurij Al’bert vergeben wurde.

Das ausgezeichnete Werk „Moskovskij vybor / Moscow Poll“ (2009) thematisiert die Auswahl des Betrachters, die dieser in puncto Funktion und Wirkung zeitgenössischer Kunstwerke zu treffen hätte und konkretisiert diese Metapher, indem jeder Tafel zwei Plastikboxen zur Stimmabgabe beifügt wurden. Die Eindringlichkeit dieser Arbeit wird durch die aktuelle politische Situation noch dramatisiert, in die die Juryentscheidung über das „Projekt des Jahres“ unmittelbar fiel (und mit der sie sicher auch ursächlich verbunden ist): Vor dem Eindruck der breiten gesellschaftlichen Proteste gegen die Fälschungen der Dumawahlen vom 4. Dezember 2011 ist diese Entscheidung als politisches Statement zu lesen. Al’bert selbst bezieht sich in seiner Dankesrede nach der Preiverleihung auf die Dumawahlen, dankt allen Demonstrierenden und bezeichnet eine demokratische Kultur als unabdingbar auch für eine freie Entwicklung der zeitgenössischen Kunst. Mit seiner Kritik an den Wahlen und der offenen Unterstützung der Protestierenden begibt er sich in die Gesellschaft einer Reihe von Künstlern, die auch auf der politischen Bühne öffentlich Stellung beziehen und die aktuellen Proteste aktiv mitgestalten.

Die Serie „Moskovskij vybor / Moscow Poll“ ist, und das verleiht ihr und dem Künstler unter den gegebenen politischen Rahmenbedingungen große Glaubwürdigkeit und Intensität, ein „typischer Al’bert“. Seit den frühen 1980ern tritt der Konzeptualist Al’bert in seinem grafischen und fotografischen Werk in direkten Dialog mit dem Betrachter über Sinn und Unsinn, Bedingtheit und Unbedingtheit eines Kunstwerkes, er radikalisiert diesen Ansatz, stellt die philosophische Betrachtung über das Werk in den Mittelpunkt seines Schaffens (ganz im Sinne Kosuths, den er auch ins Russische übersetzt hat) und macht die ästhetische Erfahrung ostentativ zu einer Begleiterscheinung der sprachlichen Reflexion über sich selbst.

Links:

Dankesrede Al’berts mit Abbildungen von der Preisverleihung und der Serie „Moskovskij vybor / Moscow Poll“

Premija Kandinskogo (Kandinskypreis):

Frühere Werke Jurij Al’berts, darunter die Serie „Tekstovye raboty“ (textuelle Arbeiten), in deren Tradition die Serie „Moskovskij vybor / Moscow Poll“ steht

Uneiniges Russland: Moskau, 10. Dezember 2011

Dezember 12, 2011 von

Angefangen hat alles im Herbst. „Wundert euch, wenn man euch demütigt, hört auf, euch zu fürchten, steht für eure Werte ein, fordert faire Wahlen, schickt sie beide in den Ruhestand“. So stand es in dicken Lettern am Cover des Journals „Bolshoj Gorod“ und die Schlagwörter des dazugehörigen Leitartikels sind Zivilgesellschaft, gewaltloser Widerstand und die Möglichkeit eines neuen Russlands. Irgendwie dachte man ja, dass das die letzte Ausgabe des Magazins sein müsste, das wöchentlich erscheint und in vielen Lokalen, Kinos und Theatern kostenlos ausliegt.

Aber es ging weiter, und weiter, und weiter. Nach Putins Erklärung, im März 2012 ein weiteres Mal bei den Präsidentschaftswahlen zu kandidieren, ging eine Welle der Empörung durch das Land. Bei einem Boxkampf wird er ausgebuht (der „Pervyj Kanal“ sendete Putins Auftritt daraufhin ohne Tonspur), in den sozialen Netzwerken machen hunderte Karikaturen, Photoshopmontagen und bissige Kommentare zum Medvedev-Putin-Tandem die Runde. Bereits Wochen vor den Duma-Wahlen kursieren Aufrufe, seine Stimme erst abends, kurz vor Schließung der Wahllokale, abzugeben: bereits die letzten Wahlen hatten gezeigt, dass so mancher Bürger dann vor die überraschende Tatsache gestellt wurde, laut Aufzeichnungen bereits gewählt zu haben.
Und nach den Wahlen, da ging es erst richtig los. Hunderte neutrale Beobachter stellen Videos, Fotos und detaillierte Berichte ins Netz, die das Ausmaß des Wahlbetrugs deutlich machen. Mehr als 10.000 Menschen gehen auf die Straße, bei einer zweiten, nicht angemeldeten Demonstration übersteigt die Zahl der Polizei und der kremlnahen „Naši“ fast die Zahl der Demonstranten. Insgesamt werden über 500 Aktivisten festgenommen, manche für wenige Stunden, einige für bis zu zwei Wochen.

 

Danach weiß irgendwie niemand so genau, wie das ging, aber auf einmal interessieren sich alle nur mehr für Politik. Während die Proteste im Staatsfernsehen ignoriert werden, melden sich online Zehntausende für die dritte geplante Demonstration an. Gerüchte machen die Runde: man fürchtet speziell für die Demo angeheuerte Provokateure (Stundenlohn 200 Rubel), angeblich sei auch eine tschetschenische Spezialeinheit bereits auf dem Weg nach Moskau. Ein Astrologe rät, am Wochenende „große Menschenaufläufe“ zu vermeiden, der Fernsehdoktor ebenso (die Grippegefahr sei nicht zu unterschätzen), auf manchen Unis wird Studenten geraten, am Samstag besser zu Hause zu bleiben, um den Studienplatz zu behalten und Schüler werden am Tag des Meetings zur Sicherheit kurzfristig zu einer Kontrollarbeit in die Bildungseinrichtungen beordert. Die Kultur-Plattform OpenSpace richtet Hotlines ein, wo man im Notfall Ärzte, Juristen und NGOs erreichen kann. „Bolšoj Gorod“ erklärt, was man zu einer Demo mitnehmen soll, wie man sich im Falle einer Verhaftung zu verhalten hat, was vermutlich auf der Polizeistation mit einem passiert, und was zu tun ist, wenn man geschlagen wird (laut schreien und Kopf schützen). Viele Journale, darunter Snob, richten einen eigenen Blog ein, auf dem das Meeting in Echtzeit kommentiert wird, zu Hause Gebliebene können das Ereignis auf mehreren Livestreams verfolgen.

Und dann die Demo selbst. Aus allen Richtungen strömen Leute herbei. Viele sind den Aufrufen der Organisatoren gefolgt, tragen weiße Bänder oder haben Blumen mitgebracht, als Zeichen dafür, dass das Treffen friedlicher Natur ist. Wie viele Demonstranten es insgesamt sind, ist schwer zu sagen, vielleicht sechzig, siebzig, achtzigtausend. Die Masse ist ständig in Bewegung, Leute kommen und gehen, auf den Brücken die zum Platz führen, kommt man kaum mehr voran. Nicht zu übersehen auch das riesige Polizeiaufgebot, die so genannten OMONs (über 50.000 sind es angeblich), die sich, und das ist wohl die größte Überraschung dieser Veranstaltung, auffällig korrekt verhalten und lediglich die Menschenströme in die richtige Richtung lenken.

Auch die russischen Kulturschaffenden sind vertreten, Boris Akunin hat, glaubt man den Berichten, extra für die Demonstration seinen neuen Fandorin links liegen gelassen und spricht zum Publikum, auch Dmitry Bykov ist hier und fordert als Bürger und Poet sein Recht auf freie Wahlen und ein demokratisches, europäisches Russland. Eigentlich hätte die Schriftstellerin Ljudmila Ulickaja die Veranstaltung eröffnen sollen, aus (mir) unbekannten Gründen hält sie dann aber doch keine Rede.
Ihre Zuhörer sind Menschen aller Altersklassen und Gesellschaftsschichten, die auf Plakaten Neuwahlen, Pressefreiheit oder die Auslieferung des faulen Zauberers Čurovs (Vorsitzender der Wahlkommission) nach Azkaban fordern. Neben mir steht eine Gruppe Kommunisten, vor mir filmen ein paar Hipster das Geschehen mit ihren I-Pads und Smartphones, eine Frau im Pelzmantel lehnt an einem Baum, Studenten, Senioren und vereinzelt ein paar maskierte Nationalisten stehen da, hören zu oder machen Fotos.

Nach etwas mehr als 5 Stunden friedlichen Demonstrierens endet das Meeting mit, natürlich, Viktor Cojs „Peremen“.

Und jetzt? Revolution war es keine, aber Revolution war auch keine geplant. Auf jeden Fall war es ein gewaltiges Lebenszeichen eines anderen, neuen Russlands, das endlich aus seiner Politikverdrossenheit erwacht und eine intelligente, aktive Opposition zu bilden beginnt. Der Dichter Lev Rubinštejn hat es nach der Demonstration so ausgedrückt: „Eigentlich fängt gerade erst alles an. Ich verstehe die Skeptiker, ich bin ja selbst einer. Aber das, was heute passiert ist, wäre vor einem Jahr, sogar vor einer Woche noch unvorstellbar gewesen. Wir, oder sehr viele von uns haben uns plötzlich daran erinnert, dass unsere persönliche Würde es Wert ist, dass man für sie kämpft und für sie eintritt. Jetzt müssen wir sehr viel nachdenken. Das ist übrigens generell nicht schlecht. Aber jetzt ganz besonders. Machen wir weiter?“

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Fotos von Natasha Kabaeva


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