Autor-Archiv
Was geht Iggy Pop durch den Kopf?
Januar 10, 2011Objekt der Woche
Juli 14, 2010Kakerlakenhölle im Gericht
Juli 12, 2010
Nicht das Theater, sondern das Gericht an der Taganka war heute am 12. Juli die große Bühne in Moskau. Hunderte von Menschen versuchten zum Prozess gegen die Kuratoren der Ausstellung „Verbotene Kunst – 2006“ zu gelangen, einige Zuschauer haben wohl nur auf der Anklagebank hinter Gittern Platz gefunden. Special guests der Aufführung waren 3000 fingergroße Kakerlaken, die die Künstlergruppe „Vojna“ (dt. Krieg) bereits am frühen Morgen im Gebäude ausgesetzt hatte, um die Sinnlosigkeit des Prozesses zu unterstreichen. Während die Richterin ihre Urteilsverkündung über Andrej Erofeev und Jurij Samodurov verlas, wurde sie von religiösen Eiferern und Gegnern der „Verbotenen Kunst“ bekreuzigt. Ihren Worten zufolge tätigten Samodurov und Erofeev „Sachen, die auf Erregung von nationaler Feindschaft und Zwist gerichtet waren“ und somit die „Gefühle der Bevölkerung verletzten, egal ob die Werke gesehen wurden oder nicht.“ Samodurov wurde zu einer Strafe von 200.000 und Erofeev von 150.000 Rubel (ca. 5.000 und 3.600 EUR) verurteilt. Zwar ist die Anklagevertretung mit ihrer Forderung nach einem Freiheitsentzug von drei Jahren gescheitert und hat dennoch das Kuratieren der Ausstellung sanktioniert. Auf der Solidaritätsaktion für die Angeklagten am 9. Juli hat der Moskauer Galerist Marat Gelman angekündigt, die Ausstellung „Verbotene Kunst“ im Falle einer Verurteilung Eroveevs und Samodurovs in seiner Galerie zu wiederholen. Ob er damit zum Sperling wird, der die Kakerlaken aufpickt?
Welches Verbrechen? Welche Strafe?
Juli 8, 2010Letzte Aktion bevor der Hammer fällt. Drei Tage vor der Urteilsverkündung über die Organisatoren der Ausstellung „Verbotene Kunst“ – Andrej Erofeev und Jurij Samodurov –, findet im Moskauer GZSI (Staatliches Zentrum für zeitgenössische Kunst) eine Aktion zur Unterstützung der Angeklagten statt (9. Juli 2010 um 19:00). Bekanntlich wurden die Beschuldigten nach ihrer Ausstellung im Jahr 2007 nach dem §282 des russischen Strafgesetzes wegen „Hasses- und Feindschaftserregung“ angeklagt. Die Ausstellung „Verbotene Kunst – 2006″ versammelte zeitgenössische Kunstwerke, die im Jahr 2006 wegen der „Verletzung des Nationalstolzes und religiöser Gefühle“ aus Museen und Galerien ausgesondert worden waren. Ort des Geschehens war das bereits wegen der Ausstellung „Vorsicht Religion“ ins Visier genommene Sacharov-Zentrum.
Hinter weißen Wänden wurden die Arbeiten wie in einer Vollzugsanstalt platziert, nur Gucklöcher ermöglichten dem voyeuristischen Betrachter einen Blick auf das Verbotene zu richten. Die Erregung war also Konzept der Ausstellung. Aber Hass und Feindschaft?
Den Worten des Vorsitzenden der Patriarchaten Union, des Statthalters des Sretenskogo Klosters von Moskau, Archimandrit Tichon zufolge „wurden die Exponate, die man Kunst nicht nennen kann, nur mit einem offensichtlichen Ziel hergestellt und zwar zur höchst schmerzhaften Beleidigung. […] Wie sonst lässt sich das Bildnis Christi mit einem Micky-Maus-Kopf erklären oder eine McDonalds Werbung mit dem Antlitz Christi und der Aufschrift ‚This is my body’?“ Die Leitung der staatlichen Tret’akov-Galerie, in der Erofeev die Sammlung moderner Kunst leitete, sah das wohl ähnlich und beendete das Arbeitsverhältnis. Die Ankläger fordern nun drei Jahre Haft. Also nach Möglichkeit an der morgigen Aktion teilnehmen.
Objekt der Woche
Mai 3, 2010Objekt der Woche
April 6, 2010„Da ist das Ding!“
März 27, 2010Zur Herausgabe Über die Dinge. Texte der russischen Avantgarde von Anke Hennig
Diesen Spruch kennen wohl nicht nur Fußballfans. Nicht jeder wird aber wissen, dass ihn Oliver Kahn wie kein anderer geprägt hat. Und nur diejenigen, die sich für Fußball begeistern, werden wissen, was hinter dem Spruch steckt und sich an die dramatischsten 4 Minuten der Bundesligageschichte erinnern. Die verflixten 4 Minuten des 19. Mai 2001, nach denen es zwei Meister gab: Meister der Bundesliga und Meister der Herzen. Zum zweiten wurde Schalke 04, die im eigenen Stadion auf der Leinwand verfolgten wie die Bayern gegen Hamburg in der Nachspielzeit doch noch ein Tor erzielten und danach Oliver Kahn das Erbgut des deutschen Fußballs, die hässliche Salatschüssel in die Luft hob und rief: „Da ist das Ding! Da ist das Ding!“ Daran musste ich denken, als ich das Buch Über die Dinge in die Hände bekam.
Was es heißt, ein Ding in den Händen zu halten, es zu propagieren, zu begehren, zu erschaffen oder sich eben dagegen auszusprechen, es zu ignorieren, zu verweigern, zu zerstören – diese Frage schwebte in der Luft über der Sowjetunion der 1920er Jahre. Das Nachdenken „über die einfachen Dinge“ (Vvedenskij) beschäftigte fast alle Kulturschaffenden der postrevolutionären Zeit, wenn es darum ging, eine Alternative zum herkömmlichen Kunstwerk zu definieren. Anke Hennig hat nun eine beeindruckende Anthologie herausgegeben, in der auf über 900 Seiten mehr als 60 Texte von russischen Denkern versammelt sind. Von Malevič, Stepanova und Lisickij, über Arvatov, Brik und Rodčenko, bis Tatlin, Chlebnikov und Šklovskij, wie auch Punin, Vertov und Pudovkin – um nur die bekanntesten Vertreter zu nennen – versammelt der Band alte und für diese Herausgabe neu angefertigte Übersetzungen. Es sind Briefe, Gedichte, Essays, Filmskripte, Rezensionen und viele andere Wortdinge, die mehr als nur ein Einblick in das Thema geben. Die Gliederung in zehn Kapitel ist zugleich eine Art Genealogie des Denkens über die Dinge und deren Stellenwert in der materiellen Kultur und der immer mehr technisierten Gesellschaft.
„Da ist das Ding!“ wird sich vielleicht auch die Herausgeberin des Bandes, die nebenbei auch ein ausgezeichneter Torwart ist, gedacht haben, als sie das im Januar dieses Jahres bei Philo Fine Arts erschienene Buch endlich in den Händen halten durfte.
Anke Hennig (Hg.): Über die Dinge. Texte der russischen Avantgarde, Philo Fine Arts 2010.
Hunde im All
März 23, 2010Zur Animation von Belka i Strelka. Zvëzdnye sobaki
50 Jahre nach dem Raumflug des Sputniks 5 mit Mäusen, Ratten und den beiden Hunden Belka und Strelka an Bord ist das Abenteuer der Crew als Trickfilm in die russischen Kinos gekommen.
Bekanntlich waren die Tier-Kosmonauten am 20.
August 1960 nach 18 Erdumrundungen heil zurückgekehrt. Strelka warf angeblich danach sechs Welpen, einen davon ließ Nikita Sergeevič Chruščëv Jacqueline Kennedy (der Tochter John Kennedys) als Geschenk überbringen. Nun sind die beiden Hunde nicht mehr nur als ausgestopfte Raumfahrer im Moskauer Kosmonautenmuseum zu bestaunen, sondern auch in der Vier-Millionen-Euro teuren 3d-Animation.







