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Poesiealbum. Mit Abziehbildchen aus Sarajevo.

Juni 2, 2011

Die Sarajevski Dani Poezije (11.-18.5.2011) in Bruchstücken. Völlig sinnfreie Aufzählung einzelner Eindrücke, freches Einflechten von ungenauen Zitaten ohne Fußnoten, und das nur zwei Wochen zu spät.

Mittwoch. Zemaljski Muzej. Rein, durch, raus, rein in den botanischen Garten, Sonne mit gelegentlichen Schauern, Klappstühle.

Feierlich wird eröffnet, was es zu eröffnen gilt, Worte werden geschwungen, beschwingt höre ich zu. Ein Mikro mit Echo, das ist wie bei einer serbischen Hochzeit, zischt S rüber. Hört, hört: Die Barbarei ist heutzutage die grundlegende Farbe unserer Realität. Gut, dass wir als Mittel dagegen die Poesie haben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in den nächsten Tagen zumindest die Illusionen genießen… Jemand liest sein Gedicht so vor, dass ich wegrennen möchte, eine andere liest mit großartiger Stimme, die raucht bestimmt täglich mindestens eine Schachtel, sagt M. Das alles in verschiedene Sprachen, nicht verkehrt. Mit erfüllter Seele gehen wir anschließend Kaffee trinken, auch das soll gut sein gegen die Barbarei, obwohl die grundlegende Farbe gemahlenen Kaffees braun ist.

Montag. Filozofski Fakultet. Treppe hoch, dann rechts, durch die Tür, rechts, durch die Tür, zu spät, in die Ecke, dezentes Aufklappen des Klappstuhls.

Poezija – tradicija, tranzicija. Uh. Es gibt viele Theorien, drum wollen wir festhalten: Der Kern der Poesie befindet sich in der Poesie selbst. Oha. Ein Kind spielt mit einer bunten Plastikknarre, die Düddelü macht. Einzig totalitäre Systeme geben der Poesie so viel Bedeutung, wie sie verdient. Auf jeden Fall eine inspirierendere These als jene über den Kern. Ihr Verfechter braucht dringend eine Zigarette, und da er nebenbei auch Moderator ist, wird die Veranstaltung beendet. Eine gute Gelegenheit für einen großen Dichter, sich der aufgeschlossenen Jugend, die u.a. ich zu repräsentieren das Vergnügen habe, im privaten Rahmen zu nähern, um sie vor falschen Freund_innen zu warnen: Die zeitgenössische Poesie ist nichts wert, aber auch gar nichts! Was iiich hingegen schon an großen Werken vollbracht habe… Das nenne ich kernig.

Dienstag. Elektrotehnička škola. Klopfen, warten, klopfen, rein, Treppe hoch, rein, die Schüler_innen müssen für die anderen Besucher_innen die Sitzplätze räumen, hinsetzen, ätsch, liebe Schüler_innen, ich bin fünf Jahre älter als ihr und gehöre schon zum ernst zu nehmenden Publikum.

Hier zu sein lohnt sich hauptsächlich wegen jemandem, der umwerfend vorliest, das macht Gänsehaut, sagt M. Skandal des Tages: Der von der Moderatorin vergessenen Dichterin gelingt es, sich über das Vergessenwerden in so unsympathischer Weise aufzuregen, dass ich keinerlei Mitleid mit ihr haben kann. Daher innerlicher Applaus für den Umwerfer ob eines schönen Beispiels direkter Intervention: Willste jetzt lesen oder nicht?, faucht er sie an. Pikiert klappt Madame also doch noch ihr Buch auf, ein Gedicht für uns Frauen, das hatte mir gerade noch gefehlt. Dann durch den Regen nach Hause, im Kopf ein Gedicht, nicht das für uns Frauen, nein. Samo Sana teče prema vama.

Mittwoch. Dom Mladih. Rein, ein Raum, den ich bei einer Technoparty kennen gelernt habe, es fällt mir immer noch schwer, mich von dieser Assoziation zu lösen, früh da, freie Platzwahl, Leinwand.

War an den anderen Tagen auch so eine gerontologische Atmosphäre, fragt B. Eine Poetin schläft auf der Bühne ein; als sie dran ist, sagt sie, hier zu sein, sei eine Ehre. Ein Poet gibt sich für einen anderen aus, weil sie die zweisprachige Ansage mit Kurzbiographie scheinbar beide nicht mitbekommen haben. Dann eine Schlussrede, in der über die kommunistische Eiszeit schwadroniert wird, eieiei; es sei Zeit, sich dem modernen Europa anzunähern - fuj. Falls ich mal so werden sollte wie einer von denen, sagt B, der selber schreibt und daher erst recht Gefahr läuft, so zu werden wie einer von denen, sei so frei und greif’ zur Knarre… Dann ist aus die Maus und wir gehen raus. Das waren sie also, die Sarajevski Dani Poezije, in ihrem 50. Jubiläumsjahr. Zu diesem Festival wurde wohl auch schon mal Radovan Karadžić eingeladen, was angenehmerweise auch jetzt nicht vertuscht wird… Später beim Bierchen reden wir über ein unangenehmes Thema, lasst uns über was anderes reden, schlage ich daher konstruktiv vor – ja, zum Beispiel über einen Dichter, das wäre doch schön, meint I, und das ohne Ironie, vielmehr leuchtenden Auges!

Die Tage danach. Überall und nirgends. Weiterlesen in der Virtualität.

Website des Festivals: www.sadapoezije.ba (Lust auf Ratespiel? Ordne die in diesem Beitrag erwähnten Personen den Namen im Programm zu!).  Schleichwerbung mit dem Zaunpfahl: http://gregorfehmi.blog.hr/ (Texte von B, der nicht so werden will wie einer von denen…).

Jetze. Hier. Poesie. Denn das letzte Wort gehört den Worten. Ungefragt beigetragen von Erich Fried.

Darf ein Gedicht / in einer Welt / die an ihrer Zerrissenheit / vielleicht untergeht / immer noch einfach sein? // Darf ein Gedicht / in einer Welt / die vielleicht untergeht / an ihrer Zerrissenheit / anders als einfach sein? // Darf eine Welt / die vielleicht an ihrer / Zerrissenheit untergeht / einem Gedicht / Vorschriften machen?

“Es war nicht in böser Absicht”

Mai 13, 2010

Oder von der Notwendigkeit, Fragen in Frage zu stellen

Stimmen zum Podiumsgespräch mit Ivana Sajko und Dorota Masłowska am 6. Mai im LCB


Stimme 1 (erleuchtet):

Nun, was hier kürzlich über die Eröffnungsveranstaltung des Symposiums “Dramaqueen” am LCB gebloggt wurde, ist wirklich bösartig und übertrieben. Geradezu ein Verriss um des Verrisses willen! Ich jedenfalls fand das von Sabine Adler moderierte Gespräch mit den Dramatikerinnen Ivana Sajko und Dorota Masłowska äußerst inspirierend! Zielstrebig und konsequent führte die Moderatorin das Interview. Gekonnt wusste sie mit dem emanzipatorischen Getue der Gäste umzugehen und forderte sie heraus, ihr wahres Gesicht hinter der aufgesetzten Maske zu zeigen. Denn was verbirgt sich hinter der schieren Obszönität, der geballten Gewalt, der plakativen Sexualität ihrer Werke? Folgen die Frauen damit nicht einfach einem äußerst lukrativen Trend, der ihnen schnellen Ruhm und Publicity verspricht? Wut und Vulgarität haben in der schönen Literatur nichts zu suchen! Gerade jetzt, da in Kroatien der Krieg vorbei ist, wäre es doch auch wirklich an der Zeit – wie Frau Adler richtigerweise und in der für sie so charakteristischen präzisen Wortwahl empfiehlt – mal “Schwamm drüber” zu sagen. Dank ihrer langjährigen journalistischen Erfahrung zeigte die Moderatorin – in einer beeindruckend unerschrockenen, investigativen Herangehensweise – dennoch edelmütig Bereitschaft, sich mit den schwerwiegenden Problemen der osteuropäischen Gesellschaften auseinanderzusetzen, insbesondere mit Drogen und Gewalt. Großzügig lobend hob sie in diesem Kontext auch hervor, dass Sajko endlich einmal auf die tragische Rolle der Frau als handlungsunfähiges Opfer im Krieg aufmerksam gemacht habe, forderte aber gleichzeitig zurecht eine verstärkte Reflexion des in den Texten beider Autorinnen so intensiv postulierten Männerhasses.

Die in ihren Werken doch so großmaulige Masłowska wusste bald nicht mehr, was sie auf Frau Adlers pointierte Fragen antworten sollte und vertuschte es mit punkig-adoleszentem Schweigen, während sich Sajko in ihrer üblichen sprachlichen Laxheit über “the shit of the world” ausließ. Frau Adler verfolgte jedoch trotz Ablenkungsmanövern und versuchter Gesprächsverweigerung weiterhin eine klare Linie bei der Interviewführung. Dadurch gelang es ihr, zentrale Aspekte des literarischen Schaffens Masłowskas und Sajkos kritisch zu hinterfragen und wichtige Impulse für eine gesellschaftliche wie auch künstlerische Weiterentwicklung zu geben – jenseits von Gewalt, sprachlicher Grobheit, aufgesetzten Draufgängerinnentums und unnötiger sexueller Anspielungen.

Stimme 2 (vergebend):

Rückständiges Osteuropa, böse Sexualität, zu viel Aggression?

Dass sich die platten Fragen der Moderatorin als “provokante Fragen” verkleiden, kann ihre Plattheit zwar nicht verbergen, aber “Provokation” ist trotzdem ein sympathischer Begriff. Dass die zentrale Provokation Sajkos und Masłowskas im Gebrauch von Geschlechtsorgane bezeichnenden Wörtern besteht, ist mir zwar neu, aber dass die Moderatorin selbiges offenbar tatsächlich als beschämend und Aufsehen erregend empfindet, ist ja im Grunde irgendwie niedlich. Dass sie Männerhass sieht, wo keiner ist – nun ja, das haben vor ihr ja auch schon andere getan, ganz im Sinne des Antifeminismus. Und dass sie, trotz Widerspruchs von Sajko und Masłowska, versucht, gesellschaftliche Probleme auf Polen und Kroatien abzuschieben – das sind doch diese Länder im fernen, fernen Osten mit ganz viel Gewalt und so, oder? – Schwamm drüber!

Außerdem ist es den beiden Befragten ja glücklicherweise trotz allem irgendwie gelungen, nicht nur brav Antworten auf jede noch so “provokante” Frage zu geben, sondern sogar – den schlechten Vorlagen zum Trotz – einige tatsächlich bereichernde Dinge zu sagen, für die es sich also doch gelohnt hat, zum LCB zu fahren…

Stimme 3 (zynisch):

Der Unmut auf dem Podium, der angesichts der zahlreichen unangenehm-suggestiven Fragen insbesondere Masłowska zunehmend anzumerken ist, scheint irgendwann sogar von Frau Adler feinfühlig wahrgenommen zu werden. Nur leider, leider kann sie an dieser unerträglichen Situation ja nichts ändern: “Ich muss Sie weiterquälen. Sie sind ja selber schuld, weil Sie so erfolgreich sind!” Interessantes Selbstverständnis als Moderatorin. Und wo wir’s schon vom Quälen haben: Vielleicht hätte eine bessere Vorbereitung auf den Abend auch zu der Erkenntnis beigetragen, dass Sajko keinesfalls von armen passiven Opfern schreibt? Egal, eigentlich interessiert Literatur und ihr subversives Potential hier ja scheinbar sowieso niemanden, nein, wir sind schließlich hier, um endlich einmal zu erfahren, wie denn nun die Situation in diesen weit entfernten Ländern im anrüchigen Osten ist!

Stimme 4 (zusammenfassend):

Ein passendes Schlusswort? Das hat zum Glück Frau Adler selbst geboten: “Es war nicht in böser Absicht.” Welch’ erfreuliche Nachricht, und was könnte dieses Nicht-Gespräch besser zusammenfassen? Das in diesem Blogbeitrag gefällte vernichtende Urteil über die Moderation des Nicht-Gespräches ist hingegen sehr wohl ein Resultat böser Absicht: Der geneigten Leserin wird sicher nicht entgangen sein, dass sich Stimme 1 und 2 lediglich, ganz nach dem Vorbild der platten Fragen, verkleidet haben und in Wirklichkeit auch zynisch sind… Wir wollen der Person, die da mit scheinbar unterschiedlichen und in Wahrheit bloß zynischen Stimmen spricht, ihre bösen Absichten jedoch verzeihen: Sie ist schließlich noch jung und darf also noch wütend sein (das erlaubt sogar Frau Adler), sie darf also auch nach Lust und Laune über unangemessene Fragen herziehen, und sie darf abschließend, in Anlehnung an Sajkos Schlusswort (als einen der wenigen tatsächlich erleuchtenden Momente des Abends) auf eine wichtige Aufgabe von Literatur verweisen: das Aufwerfen komplexer, spannender, offener Fragen. Dass es solche überhaupt gibt, wäre an diesem Abend im LCB leider fast in Vergessenheit geraten.

Text: Anne Grunwald & Nastasia Louveau

Illustration: Nastasia Louveau


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