Europäische Ethnologen, und zwar nicht nur jene am Hallenser Institut, beschäftigen sich doch mit Osteuropa, zumindest mit den russischen Großstädten. Cordula Gdaniec hat ein bemerkenswertes Buch herausgegeben: “Cultural Diversity in Russian Cities. The Urban Landscape in the Post-Soviet Era”, erschienen dieses Jahr bei Berghahn books.
Aus der Perspektive der qualitativen ethnographischen Forschung diskutieren die Beiträge verschiedene Facetten ‘urbaner Kulturen’. Ethnizität, Lebensstil, Gender und ökonomische Praktiken sind die leitenden Kategorien. “These essays give some insight into the spatial practices of groups of people beyond the Russian cultural mainstream – where and how they become visible” (3). Das betrifft zum Beispiel die nicht angestammten Moskauer, die stigmatisierten Parallelexistenzen der ‘zweiten Wahl’ ohne offizielle Aufenthaltserlaubnis, oftmals aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Vorderasiens und jene, die unter dem virulent gewordenen russischen Wort “gastarbajtery” zusammengefasst werden. Auch lesbische und afrikanische Gemeinschaften in Moskau sowie chinesische und weibliche Migrantinnen in Petersburg sind Gegenstände des Bandes. In zentralen Städten zu leben, kann auch heißen, noch weiter an die Peripherie der Macht zu rücken.
Die Themen und Fragen, der engagierte Tonfall vieler Artikel und die Kritik an den Machtmechanismen der Großstädte sind nicht nur politisch sehr korrekt, sondern lassen ein wenig aufhorchen: Was ist mit Groys’ These, in Russland fände die Aneignung alternativer Ideen des Westens, ihre Radikalisierung und Entgegenstellung statt? Haben wir es gerade mit einem Aneignungsprozess zu tun oder bereits mit der Phase der Radikalisierung oder sind es nicht eher Globalisierungsprozesse, die ohne russischen Sonderweg reproduziert werden? Oder doch die Angst davor, dass Russland sich abschafft?





