Ab heute in Wiesbaden: GoEast, das Festival des mittel- und osteuropäischen Films

April 10, 2013 von

[Klicken Sie auf das Bild, um auf die Festival-Homepage zu gelangen]

Image

Internationale Tagung “Kunsturteile & Urteilskünste. Literatur und Kunst vor Gericht” in Zürich

März 6, 2013 von

Kunsturteile und Urteilskünste

Vom 14. bis 16. März 2013 findet an der Gessnerallee in Zürich die in Zusammenarbeit mit dem Slavischen Seminar Zürich organisierte internationale Tagung “Kunsturteile & Urteilskünste. Literatur und Kunst vor Gericht” statt. Im Mittelpunkt der Konferenz stehen die ästhetischen und juridischen Debatten um Literatur und Kunst vor Gericht. Die Vorträge und Diskussionen befassen sich sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus künstlerischer Perspektive mit der Konkurrenz sowie der Vereinbarkeit von juridischen und ästhetischen Diskursen und Urteilen: Wie wird vor Gericht über Literatur und Kunst debattiert? Anhand welcher Dokumente und Gutachten werden Urteile über Kunst gefällt? Welche Rolle spielt die Meinung von Experten bei der Urteilsfindung? Welche (Selbst)Verteidigungsstrategien werden von Künstlern und Anwälten vor Gericht gewählt? Inwiefern korrelieren diese mit gängigen literatur- und kunstwissenschaftlichen Theorien? Wie werden durch Gerichtsurteile Kunst- bzw. Literaturbegriffe geprägt? Fragen, die anhand so vielfältiger Fälle wie dem „One-ThousandYen-Note Trial” gegen den japanischen Künstler Akasegawa Genpei von der Gruppe Hi Red Center, dem bekannten deutschen Prozess gegen Maxim Billers Roman Esra oder den jüngsten russischen Kunstgerichtsprozessen – darunter auch jener gegen Pussy Riot –verhandelt werden. Parallel zur Tagung ist eine Videoinstallation mit der Komplettaufzeichnung der von Milo Rau im Moskauer Sacharow-Zentrum Anfang März inszenierten „Moskauer Prozesse“ in der Halle aufgebaut.

Die Tagung ist öffentlich und Interessierte sind herzlich eingeladen. Es wird jedoch um eine Voranmeldung in der Gessnerallee gebeten.

Detaillierte Angaben: Programm

Aufruf zum Dableiben. Serhij Zhadan las in Zürich aus seinem neusten ins Deutsche übersetzten Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“.

März 4, 2013 von

Die Lesung mit dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan bildete den Schluss- und gleichzeitigen Höhepunkt des diesjährigen Kritikerworkshops im Literaturhaus Zürich. Sie begann mit einer empathischen Hommage an Zhadan durch den Moderator Jurko Prochasko. Der Übersetzer, Autor und Literaturwissenschaftler Prochasko nannte sich neben Zhadan ‚durch Ehrfurcht behindert’ und bezeichnete sich von da an – nicht ohne ein Augenzwinkern – nur noch als ‚Suggerator’. Die Diskrepanz jedoch, die zwischen der einleitenden Lobeshymne und dem daneben sitzenden fast unscheinbaren Zhadan entstand, erzeugte eine seltsame Komik. Im Verlauf des Gesprächs wurde klar: Zhadan scheint keine Ambitionen zu haben, sich zum Mythos zu stilisieren oder ein romantisches Bild des Künstler-Genies heraufzubeschwören.
LiteraturhausZH-Lesung ZhadanAls hätte er seine Texte soeben aus dem Internet runtergeladen, las Zhadan aus einem Kindle E-Book-Reader. So wurde seine Stimme beim Lesen nie durch das Rascheln vom Seitenumblättern unterbrochen, was seine Sprache noch dichter zu machen schien.
In seinem neusten Roman habe er eine Terra Incognita der Ukraine in die Literatur holen wollen, sagte Zhadan im Gespräch mit Prochasko. Doch im Gegensatz zu den deutschen Kritiken seines Buches finde er diese Welt durchaus nicht so brutal, aussichtslos und unzivilisiert. Vielmehr sei sein Roman ein Aufruf zum Dableiben, da alle jungen Leute aus der Donbass-Region weggehen möchten.
Als Zhadan auf die Bitte aus dem Publikum hin aufstand und eines seiner früheren Gedichte wie Beschwörungsformeln vortrug, hörte das Publikum den Jazz aus dem Donbass und war bereit, in der Terra Incognita der Ukraine zu bleiben und sie neu zu beleben.

Die Lesung kann über den folgenden Link des Litradios nachgehört werden: http://www.litradio.net/artikel/artikel/serhij-zhadan.html
oder hier direkt heruntergeladen werden: Serhij Zhadan bei Litradio

Schreiben in ruhigen oder stürmischen Gewässern?

Februar 27, 2013 von

Bereits zum neunten Mal fand im Literaturhaus Zürich Anfang Februar der Kritikerworkshop statt. Zwei Tage lang sprachen Literaturkritikerinnen und –kritiker aus der Schweiz, Kroatien, Ungarn, der Ukraine und Russland über Bücher aus Südosteuropa und der Schweiz. Ein Bericht über zwei kalte Februartage voller angeregter Diskussionen.

LiteraturhausZH-KWS Runde

Schon bei der Begrüssung im Vorraum des Literaturhauses Zürich wird klar – es wird ein intimer Anlass, man kennt sich. Fast alle begrüssen sich mit „Du“ und drücken sich vertraulich die Hände. Draussen bläst eine kalte Bise über die Limmat hinweg, und nachdem sich alle aus ihren Mänteln geschält haben, Mützen und Handschuhe verstaut sind, füllt sich langsam der Vorraum. Hier drinnen ist es angenehm warm.

Etwa 17 Köpfe haben sich versammelt, um zwei Tage lang in einem dicht gedrängten  Programm acht Bücher aus Südosteuropa und der Schweiz zu besprechen. Kritikerworkshop heisst das Gefäss, das schon zum neunten Mal im ‚Salon’ des Literaturhauses Zürich stattfindet. Die Idee, dass „renommierte Fachleute aus Mittel- und Osteuropa“ gemeinsam mit „hiesigen Kolleginnen und Kollegen“ über Neuerscheinungen aus ihren Ländern diskutieren, kommt von der Pro Helvetia. Von ihr kommt auch das Geld. Es geht um einen Austausch, ein gegenseitiges Kennenlernen der Literatur und Literaturbetriebe. Und auch darum, gegenseitig die Literatur der anderen Länder bekannt zu machen, allenfalls Übersetzungen zu bewirken.

Wer aus dem ‚Osten’ angereist und wer ‚hiesig’ ist, ist nicht sofort zu merken, alle sprechen einwandfrei Deutsch. Auf Deutsch werden auch alle Bücher gelesen. Die Bücher von ‚dort’ sind „Der Symmetrielehrer“ von Andrej Bitow, Zoran Ferićs Roman „Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr“, Zsófia Báns „Abendschule“ (eine Fibel für Erwachsene) und die beiden Lyrikbände „Unsichtbare Hand“ von Adam Zagajewski und Eugeniusz Tkaczyszyn-Dyckis „Geschichte polnischer Familien“. Die Bücher von ‚hier’ sind Ursula Frickers „Ausser sich“, Ralph Dutlis Kulturgeschichte der Biene „Lied vom Honig“ und das Jugendbuch „Pampa Blues“ von Rolf Lappert.

Obwohl eine Tür direkt in den Saal führt, benutzen die nun im Vorraum Versammelten eine Seitentür, durch die man über Umwege auf Zehenspitzen und flüsternd durch die Bibliothek des Literaturhauses in den ‚Salon’ gelangt. Als sich alle an die zu einem Quadrat geformten Tischreihen gesetzt haben, Gläser und Namensschilder verteilt sind, ein paar Köpfe sich zugenickt oder zugezwinkert haben, scheint die Aufmerksamkeit im Raum bereits so konzentriert, als sei man mitten in der Diskussion. Obwohl noch niemand spricht. Wie schon die letzten Jahre moderiert Ilma Rakusa den Kritikerworkshop – eine ideale Besetzung. Die Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin, Kritikerin und Übersetzerin aus dem Russischen, Serbokroatischen und Ungarischen, kennt den südosteuropäischen Literaturbetrieb wie niemand sonst. Sie pendelt ständig zwischen ‚Ost’ und ‚West’,  beim Übersetzen, Reisen, Lesen und Schreiben. Wenig Erbauliches lese man über das stürmische Osteuropa in den Zeitungen, eröffnet sie den Workshop, dafür umso mehr aufregende Literatur aus dem Osten. So viel Gutes, dass die Wahl der zu besprechenden Bücher sehr schwer gefallen sei. Es versprechen zwei aufregende Tage zu werden.

Bitows Echoroman

Der Workshop beginnt mit dem schwierigsten Buch: „Der Symmetrielehrer“ vom russischen Schriftsteller Andrej Bitow. Vorgestellt und eingeleitet wird das Buch von Svjatoslav Gorodeckij, einem jungen Literaturwissenschaftler und Übersetzer aus Moskau. Es scheint, dass Gorodeckij im Verlaufe seines Vortrags gleichsam selber zum Symmetrielehrer wird. Schritt für Schritt seziert er die Kapitel und spürt mit detektivischem Blick und akribischer Genauigkeit in Bitows „Echoroman“ (so der Untertitel) Spuren auf. Er zitiert einen Intertext nach dem anderen, rollt vor den Ohren der ZuhörerInnen die russische Literaturgeschichte auf, von Puškin und Lermontov bis

Nabokov, dem eigentlichen Symmetrielehrer. Gorodeckij unterlegt den Roman mit einem ganzen Gerüst an Texten, sodass der Roman bald nur noch eine entfernte Spiegelung seines Fundaments zu sein scheint. Es fragt sich, ob nach dieser in sich geschlossenen Analyse eine Diskussion aufkommen kann. Wird der Roman wieder zu einem synthetischen Ganzen oder zerfällt er weiter in seine Bruchstücke, aus denen er zusammengesetzt zu sein scheint? Erste Voten sind etwas ratlos, bedanken sich für die Entschlüsselung, jetzt verstünden sie mehr, aber irgendwie auch nicht. Ein paar verhaltene Fragen werden an den Experten gestellt. Ein Gefühl der Kapitulation habe man beim Lesen verspürt, sagt jemand, weil man alle Anspielungen, Zitate, Bezüge nicht verstehe und ihnen nicht allen nachgehen könne und möchte.

Aber dreht sich die Runde in der Fixierung auf einen hinter dem Text liegenden ‚Originaltext’ im Kreis? Ist Bitows Spiel mit Intertextualität und Autorschaft in seinem Roman nicht vielschichtiger und raffinierter? Die KritikerInnen beginnen über die Anlage des Romans als ‚Übersetzung’ zu sprechen. Bitow gibt an, der eigentliche Autor des Romans sei ein gewisser A. Tired-Boffin und der Originaltext „The Teacher of Symmetry“ sei vor vielen Jahren auf Englisch erschienenen, jedoch spurlos verschwunden. So kann „Der Symmetrielehrer“ nur aus dem Gedächtnis des ‚Übersetzers’ rekonstruiert werden. Durch diesen Kniff ersetzt die Übersetzung den Ursprungstext und tritt an seine Stelle. Das Spiegelbild existiert zeitlich und räumlich gänzlich losgelöst von dem Bild, welches es spiegelt.

Es scheint, dass sich die Kritikerinnen und Kritiker erst von ihrer Rolle als „Symmetrieschüler“ emanzipieren, als sie sich von der Suche nach den ‚Ursprungstexten’ lösen. Die Konsternation weicht bald Fragen, die nicht unbedingt eine Antwort des Lehrer-Experten erwarten: Ist das Buch ein ganzes Buch oder ist es nur das mathematische Gerüst, das es zusammen hält? Kann man das Buch lesen und darüber sprechen ohne Kenntnis der Intertexte, die sich darin spiegeln? Kann ein Leser mit nicht-russischer Leseerfahrung einen solchen durch und durch von intertextuellen Bezügen durchwirkten Text ‚verstehen’? Lässt sich dieses Buch in eine andere Sprache und in einen anderen Sprachraum übersetzen, also gleichsam als Übersetzung der Übersetzung? Gerade solche Grundfragen der Übersetzbarkeit von Texten drängen sich in dieser Konstellation besonders auf.

Nach bald zwei Stunden Diskussion ist kein Nachlassen der Spannung im Raum spürbar. Vielleicht ist es der eiförmige Saal, der das Gefühl der Konzentration nach Innen verstärkt. Obwohl zwei Ausgänge nach draussen führen, verlässt kaum jemand den Raum. Und wenn, dann nur auf Zehenspitzen und komischerweise durch die Hintertür, die wieder auf Umwegen durch die Bibliothek in den Vorraum führt. Dieses Ein- und Austreten durch die Hintertür, gleichsam über den Geheimgang durch die Bibliothek, unterstützt den Eindruck einer verschworenen Gemeinschaft. Vielleicht passt der Gang durch die Bibliothek aber auch zum Austritt aus der Buchwelt. Vor den Fenstern hat es angefangen zu schneien.

Der grosse Roman aus Kroatien?

Das nächste zu besprechende Buch, Zoran Ferićs Roman „Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr“, ist ganz anders als Bitow. Wenig Echo im Buch, ein klar nachvollziehbarer Plot, ein solide gebautes Spannungsgerüst. Alida Bremer, geboren in Kroatien, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin spricht nicht gleich über Ferićs Roman, sie beginnt die aufregende Geschichte des Literaturbetriebs in Kroatien, Serbien, Bosnien seit dem Zerfall Jugoslawiens zu erzählen. Sie spricht von den Subkulturen und Literaturfestivals, über die Bloggerbewegung und die Kolumnen, mit denen sich die Schriftsteller über Wasser halten. Und darüber, dass seit der Zäsur fast keine grossen Romane mehr geschrieben werden, Genres wie Kurzgeschichten, Essays, Kommentare und Kolumnen im Literaturbetrieb vorherrschen. Und wie sehr das Thema des Krieges über viele Jahre omnipräsent war und nun auch langsam verbraucht sei. Gerade Ferićs neustes Buch sei in den kroatischen Rezensionen gelobt worden, weil sich das Thema des Krieges nur am Rande, subtil eingebaut, findet.

Interessant wird die Diskussion in der Runde gerade an diesem Punkt. Es wird diskutiert, welche Erwartungen ein ‚hiesiger’ Leser an die Literatur aus Osteuropa und hier speziell aus Kroatien hat. Muss ein Roman, dessen Erzählung sich über das letzte halbe Jahrhundert erstreckt, die Kriegsjahre des Jugoslawienkriegs miteinbeziehen? Soll der Krieg thematisiert sein? Darf er nicht vorkommen? In der Diskussionsrunde artikuliert sich eine Meinung, die Alida Bremer den deutschsprachigen Verlagen attestiert: Das Interesse an Büchern aus Südosteuropa sei vor allem dann da, wenn sich die Wirklichkeit des Krieges oder einer zerrütteten Gegenwart Jugoslawiens beschrieben finde. ‚Hier’ wolle man etwas ganz bestimmtes über das ‚dort’ lesen. Damit ist man mitten in der spannenden Diskussion von ‚hier’ und ‚dort’, welche der Workshop anregen möchte, die aber oft eher nebensächlich ist. Die gegenseitigen konstruierten Vorstellungen über den Raum, aus welchem ein Buch kommt oder welchen es beschreibt, werden reflektiert und auch in Frage gestellt. Dem ‚hiesigen’ Leser wird bewusst, wie sehr solche konstruierten Vorstellungen und die Auswahl der übersetzten Bücher sich gegenseitig beeinflussen. Und wie dadurch eben doch unterschiedliche Leserperspektiven entstehen.

Über den Roman „Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr“ sind die Meinungen gespalten. Vom blanken Verriss bis zur Lobesrede gehen die Voten, und die Besprechung gestaltet sich dementsprechend lebendig. Wieder sind es nicht das Gerüst, die Konstruktion und der ganze Bogen, die überzeugen, sondern Bilder, Momente und Szenen, die niemanden kalt lassen konnten. Also doch die Kurzgeschichte und nicht der grosse Roman aus Kroatien.

Fragen lernen in der Abendschule

Der zweite Tag beginnt mit Regen und der Besprechung der Schweizer Bücher, jeweils mit Referaten von Bettina Spoerri, Isabelle Vonlanthen und Christine Lötscher. Fazit der Diskussion: Die ausgewählten Schweizer Bücher verblassen neben denjenigen aus Osteuropa. Am Nachmittag dann Föhnsturm und Lyrik aus Polen, vorgestellt von Arkadiusz Żychliński, Literaturwissenschaftler, Essayist und Übersetzer aus Poznań und Zsófia Báns „Abendschule“ aus Ungarn, vorgestellt von Eva Karadi, Philosophin, Literaturwissenschaftlerin, Dozentin und Herausgeberin der „Lettre Internationale“ in Ungarn. Mit Zsófia Báns „Abendschule“ schliesst sich auch der Kreis der im Kritikerworkshop besprochenen Bücher. War es eine bewusste Wahl, dass der Workshop mit dem Symmetrielehrer beginnt und mit der Abendschule aufhört?

Wie bereits im ersten Referat Gorodeckij schlüpft Eva Karadi in die ihr vertraute Rolle der Lehrerin. Sie gestaltet ihr Referat als einen gelenkten Dialog mit den ‚Kritiker-Schülern’. So spinnt sich der Lehrer-Schüler-Dialog, der sich als roter Faden durch Szofia Bans Buch zieht, auf der Ebene der Diskussion fort. Gerade die Diskussion zeigt, was die „Abendschule“ so wunderbar subversiv entlarvt: Wie starr die Rollenzuteilungen in der Schule zwischen wissensvermittelndem Sprecher und Zuhörer sind, wie wichtig und nahezu rebellisch ihr Aufbrechen durch Fragen und das In-Frage-stellen sein kann. Am Ende des intensiven zweitägigen Workshops hat die Konzentration etwas nachgelassen. Eva Karadi lässt die ungarische Ausgabe der „Abendschule“ durch die Reihe wandern, damit die Teilnehmenden das Cover auseinanderschneiden und die einzelnen Bilder ins Buch kleben. Plötzlich ist es nicht mehr die transzendente Buchwelt, sondern die ganz immanente Materialität des Buches, der sich die Kritikerinnen und Kritiker in der Bastelrunde genüsslich zuwenden.

In der Schlussrunde wird noch einmal die Frage aufgenommen, warum die Schweizer Bücher neben den südosteuropäischen etwas blass erschienen. Einerseits liegt es wohl an der Anforderung der Pro Helvetia, dass Bücher gewählt werden, die im Ausland ein Publikum finden könnten und die eine Chance haben, übersetzt zu werden. Eine pragmatische Wahl also. Deswegen kamen auch ein Sachbuch und ein Jugendbuch in die Auswahl. Oder sind vielleicht die hiesigen ruhigen Gewässer nicht die beste Voraussetzung für literarisches Schaffen? fragt Ilma Rakusa.

Als jemand nach Ende des Workshops das Fenster öffnet, reisst es mit voller Wucht auf und lässt sich kaum wieder schliessen. Als würde sich das ‚hiesige’ Wetter gegen die Zuschreibung eines ‚ruhigen Gewässers’ wehren. Und als sei im Raum drinnen durch die Konzentration während der zwei Tage ein Vakuum entstanden.

Foto: Literaturhaus Zürich

Osteuropäische Kulturstudien an der Universität Potsdam

Februar 14, 2013 von

Zum Sommersemester 2013 startet ein neuer forschungsorientierter und interdisziplinärer Masterstudiengang Osteuropäische Kulturstudien, der in Kooperation zwischen dem Institut für Slavistik und dem Institut für Jüdische Studien der Universität Potsdam sowie dem Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin angeboten wird. Bewerbung ist zum Sommer- und Wintersemester möglich.

Weitere Informationen zu den Voraussetzungen und Studieninhalten finden Sie im Internet unter:

uni-potsdam.de/studium/studienangebot/masterstudium/master-a-z/osteuropaeische-kulturstudien-master.html

studieren.de/studienprofil.0.osteuropaeische-kulturstudien-ma-universitaet-potsdam.37037.452.html

Kritikerworkshop im Literaturhaus Zürich

Januar 28, 2013 von

louveau-literaturhaus-zh

Ein Veranstaltungshinweis: Am 3. und 4. Februar 2013 findet im Salon des Literaturhauses Zürich ein Kritikerworkshop statt. Es moderiert Ilma Rakusa. Die Buchvorstellungen und Diskussionen richten sich an Literaturkritiker und -vermittler osteuropäischer Literatur. Vier Fachleute aus Mittel- und Osteuropa werden gemeinsam mit KollegInnen aus der Schweiz Neuerscheinungen aus ihren Ländern besprechen.

Es handelt sich um zwei Romane, eine Fibel für Erwachsene und zwei Lyrikbände aus Russland, Kroatien, Ungarn und Polen: Andrei Bitows Der Symmetrielehrer, Zoran Ferićs Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr, Zsófia Báns Abendschule, Adam Zagajewskis Unsichtbare Hand und Eugeniusz Tkaczyszyn-Dyckis Geschichte polnischer Familien. Ausserdem werden auch Deutschschweizer Titel besprochen.

Am 4.2. findet um 17 Uhr eine Diskussion von Zsófia Báns Buch statt (Eintritt frei). Am selben Tag um 20 Uhr liest Serhij Zhadan aus seinem neuen Roman Die Erfindung des Jazz im Donbass (Suhrkamp 2012) und unterhält sich danach mit Jurko Prochasko (Eintritt CHF 18, ermässigt CHF 12).

novinki-Party zum 7-jährigen Jubiläum!

Januar 25, 2013 von

Das Online-Magazin novinki.de wird 7 und das möchten wir mit Ihnen feiern!

+ + + novinki-Party + + +

Lesung: Jaroslav Rudiš (Prag/Berlin)
Musik: Henrik Zeabird (Hamburg/Amsterdam)
Kunst: Nastasia Louveau (Berlin)

Am 6. Februar 2013 ab 20 Uhr,
Bar Babette, Karl-Marx-Allee 36, 10178 Berlin
U5 Schillingstraße, Glaskubus gegenüber dem Kino International

Alle Interessent_innen sind herzlich eingeladen!

NOVINKIPARTY150dpi

Jaroslav Rudiš (*1972), Autor der Romane Der Himmel unter Berlin (2002), Grand Hotel (2006) und Die Stille in Prag (2007). Zusammen mit dem Zeichner Jaromír 99 hat er die erfolgreiche Comictrilogie Alois Nebel verfasst, die 2011 verfilmt wurde. Momentan lebt und arbeitet er in Berlin, wo er die Siegfried-Unseld-Gastprofessur am Institut für Slawistik der HU Berlin inne hat. Lesung um 20 Uhr.

Geboren in Amsterdam an der nordischen See, wandert die Band Henrik Zeabird auf leisen Klängen durch die Straßen. Akkordeon, Gitarre, Mandoline, Pauke, Stimme, Stimme, Stimme. Konzert ab 21 Uhr.

Die Bilder von Nastasia Louveau sind novinki-Leser_innen bereits vertraut, da sie seit 2010 regelmäßig Illustrationen für die Zeitschrift und ihren Blog gestaltet. Es werden sowohl novinki-Zeichnungen als auch weitere Portraits ausgestellt.

Oppositionelle Winterimpressionen

Dezember 10, 2012 von

Der Film Zima uchodi! dokumentiert die Proteste gegen Vladimir Putin anlässlich der Präsidentschaftswahlen in Russland im Februar 2012. Das kollaborative Werk von zehn RegieabsolventInnen zeigt vor allem eins: Eindrücke, Bilder, Sequenzen.

Die RegisseurInnen Elena Choreva, Denis Klebleev, Askol‘d Kurov, Dmitrij Kubasov, Nadežda Leont‘eva, Anna Moiseenko, Madina Mustafina, Sosja Rodkevič, Anton Seregin und Aleksej Žirjakov sind allesamt AbgängerInnen der Marina Razbežkina-Filmschule (Škola dokumental‘nogo kino i dokumental‘nogo teatra Mariny Razbežkinoj i Michaila Ugarova). Die Leiterin der Schule, Marina Razbežkina, erhielt eine Anfrage der Zeitung Novaja oppozicija, die Proteste mit ihren Studenten zu begleiten. Razbežkina entschied sich jedoch aufgrund der Spontaneität des Projekts, dieses nicht mit Studierenden durchzuführen, sondern Ehemalige zu mobilisieren. Über 1000 Stunden Filmmaterial entstanden auf diese Weise, und der daraus zusammengeschnittene Film ermöglicht einen einzigartigen Einblick in die Proteste auf den Straßen Moskaus und St. Peterburgs und öffnet die Türen von Büros, Wohnungen und Versammlungen.

Wer mit der Hoffnung an diesen Film gelangt, eine Übersicht über die Geschehnisse im letzten Winter in Russland zu erhalten, wird jedoch enttäuscht. Einzig mit eingeblendeten Namen, Daten und Orten greifen die Filmemacher erklärend in das Filmmaterial ein, und wer sich nicht bereits im Vorfeld mit diesen Fakten auseinandergesetzt hat, wird daraus wenig Hilfreiches ableiten können. Der Film liefert vielmehr ein sequenzenhaftes Eintauchen in emotionsgeladene Situationen, in die Unruhe und Anspannung vor einer geplanten Protestaktion, in unendliche Diskussionen, die zu keinem Ziel führen. Genau dies wird an etlichen Beispielen illustriert: Indem sich etwa zwei Menschen im Gespräch in jedem Punkt widersprechen, obwohl sie beide denselben Präsidentschaftskandidaten unterstützen. In einer anderen Szene wird die Ansicht, dass alle Oppositionsführer von den „Feinden“ gekauft sind, stur wiederholt und ebenso stur mit der Frage nach Beweisen konfrontiert. Die Möglichkeit eines konstruktiven Dialogs scheint ausgeschlossen. Gezeigt wird aber auch die Machtlosigkeit der Wahlbeobachter angesichts eines mitsamt der Wahldokumentation verschwundenen Beamten oder die fast schon zwanghafte Eskalation von Gewalt zwischen Protestierenden und der Staatsmacht beziehungsweise deren Anhängern. Man kann und will sich nicht verstehen, und jegliche verbale Auseinandersetzungen führen ins Nichts.

Den Filmemachern ist es gelungen, einige Szenen aufzunehmen, die an Zynismus kaum mehr zu überbieten sind. So wird in einer Sequenz ein Mann gezeigt, der auf der Straße einem Fernsehteam  seine Meinung darlegt. Er kritisiert die oppositionellen Proteste in ihrer Vorgehensweise und plädiert für den friedlichen Dialog mit regierungstreuen Kreisen. Kaum hat er seine Aussage beendet, verschwindet er aus dem Bild – die Polizei hat ihn von der Kamera weggerissen und verhaftet. Treffender könnte das herrschende Ungleichgewicht kaum mehr illustriert werden.

Auch der Film selbst tritt nur spärlich in den Dialog mit der ‚anderen‘ Seite. Geschuldet sei dies, so Regisseur Anton Seregin, vor allem der mangelnden Bereitschaft von Putins AnhängerInnen, sich den Filmemachern gegenüber zu äußern. Der Versuch eines ausgewogen Bericht erstattenden Dokumentarfilms scheint somit am Misstrauen gegenüber einem solchen Projekt zu scheitern – und doch merkt man dem Material auch an, wo die Sympathien der FilmemacherInnen liegen.

Eine interessante Einsicht liefert nichtsdestotrotz eine der wenigen PutinanhängerInnen, die im Film zu Wort kommen. Die junge Frau verdeutlicht, wovor sich viele Russen fürchten: Auch wenn Putin nicht unbedingt als der Heilsbringer angesehen wird, lässt sich mit ihm doch die Zukunft mehr oder weniger kalkulieren. Seine Politik ist bekannt, und wer sich bisher über Wasser halten konnte, hofft mit seiner Wiederwahl den status quo erhalten zu können. Ein Machtwechsel schreckt durch die drohende Unberechenbarkeit ab, denn wer garantiert, dass sich die Situation nicht noch verschlimmern würde? Das Wenige, das den Leuten bleibt, wollen sie nicht auch noch verlieren.

zima uchodi

Trotz seiner ernsten Thematik und den bedrückenden Bildern wohnt dem Film eine gewisse Leichtigkeit inne. Gerade die typisch liebenswerte Komik von Alltagssituationen zeigt auch den Menschen hinter dem Politaktivisten und führt russische Spezifika vor Augen. Andere Szenen zeugen von einem Gespür für die ästhetische Komposition und überraschen durch bestechende Schönheit.

Schließlich legt der Film auch Zeugnis über die mitunter grotesken Wahlkampfstrategien ab. Da ist zum Beispiel eine durch leichtbekleidete Popmusikerinnen optisch und akustisch bereicherte Wahlkampfveranstaltung. Oder der Wahlslogan „Wer schon genug Geld hat, wird die Leute nicht berauben“. Andere Szenen wiederum erscheinen allzu bekannt, wenn sich etwa ein Präsidentschaftskandidat im Kuhstall fotografieren lässt, um seine Bodenständigkeit zu demonstrieren. Und genau in diese Richtung ist der Film auch ausgelegt: Inszeniert werden Personen und Aktionen, doch von Inhalt spricht kaum einer. Es sei schließlich einerlei, wer Putin ersetzt, Hauptsache es geschieht – danach kann man immer noch den neu gewählten Präsidenten bekämpfen. Eine Inszenierung ist auch der Urnengang selbst: keiner der Opposition zweifelt an Wahlfälschungen, und doch sind sie dem offiziellen Skript ausgeliefert, das keine Variationen zulässt.

von Nina Seiler


Zima uchodi!,  Elena Choreva, Denis Klebleev, Askol‘d Kurov, Dmitrij Kubasov, Nadežda Leont‘eva, Anna Moiseenko, Madina Mustafina, Sosja Rodkevič, Anton Seregin und Aleksej Žirjakov, RF 2012.

Goldbach im Goldrausch?! Eine Ausstellung

November 2, 2012 von

Im Rahmen ihres Studiums am Osteuropa-Institut der FU Berlin hat eine Gruppe von engagierten Studentinnen eine Kunstausstellung über die Frage des Umweltbewusstseins in Rumänien am Beispiel des Falls Rosia Montana organisiert.

Die Ausstellung wird am 16. November 2012 in der Galerie Prima Center in Berlin, Wedding eröffnet. Mehr über das Projekt erfahren Sie im Flyer unten und auf folgendem Blog:  http://goldbachimgoldrausch.wordpress.com/

novinki-Lesung am 30. Oktober 2012

Oktober 23, 2012 von

Der Dichter Dmitrij Strocev (Minsk) liest aus seinem neuen Gedichtband vor und diskutiert über die Lage der russischsprachigen Literatur im postsowjetischen Raum im Allgemeinen und in Weißrussland im Besonderen. Nach der Lesung auf Russisch findet eine von Yaraslava Ananka und Heinrich Kirschbaum moderierte Diskussion auf Russisch und Deutsch statt.

Die Lesung findet

am Dienstag, 30. Oktober 2012
um 20.00 Uhr
am Institut für Slawistik der HU Berlin
Dorotheenstr. 65, 10117 Berlin-Mitte
in Raum 5.57

statt.

Dmitrij Strocev, der in den späten 1980er Jahren als Verfechter neofuturistisch-transmentaler Dichtung erfolgreich debütierte, sucht in seinem neuesten Buch mit dem sprechenden Titel Gazeta (Zeitung) seinen ungebrochenen Willen zum poetischen Experiment mit der sozialen Aussage zu verbinden: Im Zentrum seiner dichterischen Reflexion stehen nun diverse Formen der mental-ideologischen und physischen Gewalt seitens des Staates, der orthodoxen Kirche und der immer xenophober werdenden Gesellschaften in Belarus und Russland.

Dmitrij Strocev (geb. 1963), einer der führenden Dichter der russischsprachigen Gegenwartslyrik, Vertreter der so genannten „Minsker Schule“, Meister der Deklamationskunst und Kurator des Moskauer Festivals der Stimmenverse (Festival’ golosovogo sticha) ist Autor von fünf in mehrere Sprachen übersetzten Gedichtbänden und Laureat der renommierten Russkaja Premija (2008) für die beste russischsprachige Lyrik außerhalb Russlands, Mitglied des weißrussischen P.E.N.


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 31 Followern an